Der Alltag an einer Förderschule irgendwo in Deutschland - manchmal grausam, manchmal deprimierend, manchmal nervenaufreibend, manchmal schmerzhaft. Aber: Immer auch witzig, lustig, aufregend, menschlich und vor allem nie langweilig!!! In diesem Blog lesen Sie die besten Stories aus dem Nähkästchen des besten Kollegiums der Welt. Viel Spaß!
Freitag, 20. April 2012
Aber bitte systemisch!
Eine Sau aber hält sich schon seit Jahren und ist einfach nicht totzukriegen, die Rede ist von dem bezaubernden Wort "systemisch". Sie verfolgt mich schon seit dem Studium. Früher dachte ich ja, man ist ein guter "Systemiker", wenn man zu Hause im Kleiderschrank seine Unterhosen nach Farbe sortiert hat, oder die Rechnungen für die nächste Steuererklärung immer ordentlich abheftet.
Aber nein, heute weiß ich, dass das nicht stimmt. Systemiker zu sein heißt, grob gesagt, den einzelnen Menschen (in unserem Fall: Schüler) nicht isoliert zu betrachten und zu behandeln, sondern auch seine Umwelt mit zu berücksichtigen. Diese besteht aus unterschiedlichen "Systemen", die sich alle gegenseitig beeinflussen: Elternhaus, Großfamilie, Stadtteil, Erde, Milchstraße, Weltall. Dieses Modell ermöglicht einen sensationell neuen Blick auf das Kind mit all seinen Macken und Auffälligkeiten. Denn steht etwa der kleine Pascal wutschnaubend mit erhobenem Stuhl vor Ihnen, bereit zu werfen, müssen Sie als Systemiker sich nicht mehr wegducken und denken: "Der spinnt doch!" sondern Sie haben sofort eine Erklärung parat, mit der Sie sich gleich viel besser fühlen: Für unseren Pascal ist Stühleschmeißen nämlich offenbar ein in bestimmten Kontexten zielführendes und sozial sinnvolles Verhalten. Wer weiß, vielleicht haben ihn ja seine Eltern im Sportverein in der Sparte "Möbelweitwurf" angemeldet. Kann ja sein. Und da muss man ja wohl mit Stühlen schmeißen, oder? Und schon duckt man sich eben nicht mehr weg, sondern feuert den kleinen Nachwuchsathleten an, es nochmal zu versuchen, vielleicht trifft er ja auch die Chantalle, die noch drei Meter weiter weg steht. Der Systemiker nennt diese Sichtweise Reframing - einem bestimmten Verhalten einen anderen Rahmen zu geben.
Auch in unserer großen Einrichtung, eigentlich dem christlichen Menschenbild verpflichtet, von dem man ja meinen könnte, es reiche schon als ideologischer Überbau, macht sich der systemische Ansatz immer breiter. Ganz weit oben in der Chefetage wurde er vor Jahren als "Zauberkasten mit unendlichen Möglichkeiten" erkannt und nun wird sich munter in allen Abteilungen weitergebildet, bis runter zur Putzfrau.
Im Mittelpunkt: Die systemische Familienarbeit. Denn das gute alte Elterngespräch, wie man es früher geführt hat, ist inzwischen ja so was von "old style". Das sollte keiner mehr machen. Im Grunde ist es sogar als grob fahrlässig anzusehen, ohne Familienaufstellung, zirkuläre Fragen und paradoxe Interventionen mit Schülereltern über vergessene Hausaufgaben, Freizeitgestaltung und Schulleistungen zu sprechen. Wer zum Beispiel Herrn Özgül einfach so fragt, wieviel Glotze der kleine Erkan täglich guckt und wie er das findet, kann sich eigentlich gleich in den Vorruhestand begeben. Nein, heutzutage muss es heißen: "Herr Özgül, wenn ich ihre Frau fragen würde, was sie sagen würden, was sie über den Medienkonsum ihres Sohnes denken würde, was würden sie sagen?" Nun, Herr Özgül würde wahrscheinlich groß gucken und antworten: "Erkan gut Junge." Und das wäre dann ja schonmal ein Erfolg. Diese Art der Fragestellung nennt man übrigens "zirkuläres Fragen", was wohl daher rührt, dass daraufhin entweder die grauen Zellen in den Köpfen der Gesprächspartner wild durcheinander schwirren (zirkulieren), oder aber, wie bei Herrn Özgül, damit zu rechnen ist, dass er seine Fäuste zirkulieren lässt ("Ey, willsu mich verarschen?") Als geeignetes Setting bei solchen Gesprächen empfehlen erprobte Systemiker daher das Sitzen an möglichst großen Tischen, die breiter sind als der Arm von Herrn Özgül lang ist.
Wohl überlegt sein will auch der Einsatz des Familienbretts. Das ist nicht etwa das Frühstücksbrettchen, von dem schon Uropa gegessen hat und was von Generation zu Genereation weitergegeben wird. Vielmehr handelt es sich dabei um eine große Holzplatte, auf der man mit verschiedenen Holzklötzen z.B. das Familiensystem von Pascal nachstellen kann. Das geht ganz einfach: Fragen Sie den Vater des stühlewerfenden Pascals nach seiner Beziehung zu seiner Mutter und er schmeißt Ihnen daraufhin einen der Holzklötze an den Kopf, wissen Sie: Aha, das Schmeißen von Gegenständen ist in diesem Familiensystem ein erprobtes Verhaltensmuster. Dann ist ja gut.
Dann schon eher mal eine paradoxe Intervention. Das bedeutet, man reagiert auf das Verhalten eines Schülers oder auf Äußerungen der Eltern in einem Gespräch mit einer völlig unerwarteten, provozierenden und vielleicht schockierenden Antwort. Beispiel: Frau Kaluppke heult sich darüber aus, dass ihr Kind im Supermarkt regelmäßig Schreianfälle am Süßigkeitenregal hat. Paradoxe Antwort: "Na, dann hauen Sie ihm doch einfach mal eins in die Fresse!." Okay, vielleicht ein bisschen sehr drastisch, aber so nach dem Motto funktioniert das ungefähr. In unserer Beratungswirklichkeit müsste man da natürlich mit ganz anderen Dingen kommen. Den Gedanken, ihr Balg ins Jenseits zu befördern, wird die Mutter von Pascal womöglich schon tausendmal selbst gehabt haben. Hier wäre die paradoxe Antwort eher: "Kaufen Sie doch mal Obst." oder: "Kochen Sie doch mal was aus frischen Zutaten." Na, völlig abwegige Dinge halt, da muss man erstmal drauf kommen.
Als wahrer Großmeister der systemischen Beratung darf sich freilich nur fühlen, wer die systemische Universalwaffe schlechthin beherrscht: Die WUNDERFRAGE. Diese kommt ins Spiel, wenn alle anderen Stricke reißen und auch der beste Systemiker nicht weiter weiß. In diesem Fall stellt man einfach die Frage aller Fragen: "Wenn Sie morgen früh aufwachen und sich plötzlich in einem Zustand größtmöglicher Zufriedenheit und Glückseligkeit befinden: Was müsste dafür passiert sein?" Gut, im Falle von Herrn Özgül müsste man damit rechnen, dass er da sehr konkrete Vorstellungen hat, bei denen das gewaltvolle Ableben diverser ihm bekannter Pädagogen eine Rolle spielt. Womöglich versteht er die Frage als Aufforderung, seine Träume gleich mal Realität werden zu lassen. In diesem Fall würden alle am Gespräch beteiligten Fachkräfte noch in dieser Nacht Besuch von einem Killerkommando bekommen. Herr Özgül hat solche Connections, habe ich gehört. Aber sonst: Total super so eine Wunderfrage, wirklich. Meine persönliche Antwort darauf wäre übrigens: Herr Özgül ist über Nacht mitsamt seiner ganzen Familie endlich, endlich in die nächste Großstadt umgesiedlet, wo er sowieso schon jedes Wochenende irgendwelche Sachen am Laufen hat, und damit aus unserem Schulbezirk weggezogen.
Ja, ja, ich weiß natürlich, dass dieses systemisches Arbeiten eigentlich ganz prima ist. Und ich weiß auch, dass ich im Vergleich zu manchen Kollegen eigentlich viel zu wenig Ahnung habe, um hier so auf die K... zu hauen. Wahrscheinlich ist das alles totaler Blödsinn, was ich hier verzapft habe. Aber vielleicht war es ja immerhin etwas unterhaltsamer Blödsinn? Mein Frau würde jedenfalls sagen, dass ich sagen würde, dass es mich freuen würde, am Montag im Lehrerzimmer nicht für diesen Beitrag gesteinigt zu werden. Bestimmt wird aus mir auch nochmal ein toller Systemiker. Versprochen!
In diesem Sinne schönes Wochenende und Glück auf!
Dienstag, 17. April 2012
Die Wogen des Schulalltags
Ich muss ja zugeben, ich war echt raus. Durch die Ferien meine ich. Und das war richtig gut so. Bereits nach 2 Tagen unterrichtsfreie Zeit konnte ich mich schon nicht mehr an die Gesichter meiner Schüler erinnern, hatte die Namen der Kollegen vergessen und meine eigene Berufsbezeichnung sowieso. Schule ade!
Und ich kann auch nicht behaupten, dass ich den Wiederbeginn sonderlich herbeigesehnt hätte. Eher nicht. Dementsprechend bin ich mindestens die ersten beiden Tage nach den Ferien auch wie Falschgeld durch unsere Bildungseinrichtung getapert, war völlig übermüdet, weil ich noch nicht bereit war, den Ferienrhythmus aufzugeben und konnte mich partout nichtmehr erinnern, welches Thema ich in Mathe als nächstes durchnehmen wollte. Alles weg!
Doch wie immer verhält es sich dann so, wie auf einer Kanutour: In den Ferien plätscherst du entspannt durch ruhige Gewässer, über nette Nebenflüsschen, lässt dich treiben und genießt die Ruhe. Aber dann wird das Wasser plötzlich etwas unruhiger, kleine Wellen bilden sich unterm Bug, der eine oder andere Gischttropfen trifft dich, du überlegst ans Ufer zu paddeln und auszusteigen, aber da reißt dich das Wasser schon mit sich, du kannst garnichts tun, steuerst unweigerlich auf ein paar Stromschnellen zu und ehe du noch wirklich bereit bist dazu, bist du schon wieder mitten auf dem großen, bewegten Hauptstrom. Die Schule hat dich wieder.
Spätestens heute. Welche einzelnen „Wassertropfen“, „Wogen“ und „Stromschnellen“ dazu geführt haben? Keine Ahnung, es ging schnell und unbemerkt von Statten und eins kam zum Andern:
-Am ersten Schultag stellt sich heraus, dass sämtliche Termine die in den Ferien bei Arbeitsämtern, Berufsberatungen und Ausbildungsbetrieben hätten wahrgenommen werden müssen, von Schülern und Eltern verpennt wurden.
- In den Ferien sind dafür wilde Geschichten passiert, wie zum Beispiel bei Nic: Da wurde der Ex-Freund von der jetzigen Lebensgefährtin seines Vaters, der derzeit mit der Ex-Lebensgefährtin des Vaters liiert ist, verhaftet, nachdem er diese krankenhausreif geschlagen hat, während sich seine Tochter, deren Mutter wiederum die Ex, also die derzeitige Freundin von Nics Vater ist, sich in der Wohnung der Ex des Vaters aufhielt und alles mit ansehen musste. Noch Fragen?
- Niklas hat in den Ferien hingegen nichts Wildes erlebt, sich zu Tode gelangweilt und offensichtlich auch nichts zu essen gekriegt, denn er ist noch dünner als davor. Da kommt der Hauswirtschaftsunterricht gerade recht. Doch Niklas´Hoffnungen auf ein leckeres Essen zerschlagen sich schnell: Es gibt Spinatlasagne. Igitt.
-Bei der Zubereitung kann er auch nicht wirklich helfen. Wie sich beim Gang in die Speisekammer herausstellt, ist Niklas (fast 17!!) sich nicht sicher, wie eine Zwiebel aussieht. Dafür hat er nun umso mehr Anerkennung für die Hauswirtschaftslehrerin übrig und fragt sie, ob sie bei ihm einziehen würde um ihm das Kochen beizubringen. Nic wirft ein: „Das würde ich mir überlegen. Dann haste die nämlich den ganzen Tag um dich!“ Niklas bleibt gelassen: „Wozu hab ich denn ´n Keller??!!“.
-Merlin erscheint verspätet zum Hauswirtschaftsunterricht. Er stinkt wie Hölle nach Schweiß, jammert aber, dass er entsetzlich frieren würde. Kein Wunder: Bei 5 Grad Außentemperatur hat er nur ein ärmelloses MuscleShirt und eine kurze Hose an. Das Shirt sieht an seinem unathletischen Körper alles andere als vorteilshaft aus und unter der der kurzen Hose trägt er heute –nichts. Diese hängt dafür auf halb acht und gibt den Blick auf ein tiefes (sehr tiefes), haariges Maurerdekoletée frei.
- In der Pause erzählt Ole-Lukas aus der sechsten Klasse, dass seine Mutter dermaßen blöd sei. So blöd, dass sie ihn in den Ferien mehrmals als „Hurensohn“ betitelt hätte.
-Tanja hat sich offensichtlich neue Schuhe gekauft, deren Absatzhöhe einer „Professionellen“ ernsthaft Konkurrenz machen würden und stolpert damit über den Schulhof, umringt von anderen kuriosen Gestalten.
Und so plätschern die Schulalltagswogen dahin und ziehen einen mehr und mehr in ihren Strudel.
Auch im Lehrerzimmer zeigt sich, dass nach und nach alles wieder „beim alten“ ist:
Frau Großstädter ist angesichts der immer schlimmer werdenden Blödigkeit der Abschlussschüler und auf Grund unerfreulichster Telefonate mit doof-dreisten Eltern schon wieder ferienreif. Spricht man sie auf diese „wunden Punkte“ an, fährt sie sofort die Krallen aus. Verständlich! Sie schlägt sich trotzdem ganz wacker und hält das sinkende Schiff auf Kurs. Sie wundert sich zwar kurz, als sie die Bewerbung einer künftigen Praktikantin liest, die da schreibt: „Es entsteht für den Lehrer, der mich in seiner Klasse aufnimmt, keine zusätzliche Arbeitsbelastung!“, nimmt aber dankend an: „Toll, eine Praktikantin, die mich nicht belastet- das heißt: Ich muss nicht mal „Guten Morgen“ sagen!“
Frau Seltsam hängt der Unterricht auch schon wieder zu den Ohren raus. Als ihr schwant, dass es bis zu den nächsten Ferien noch elendig weit ist, beschließt sie kurzerhand als „Auszeit vom Unterricht“ mit der Klasse von Frau Samstag auf Klassenfahrt zu fahren. Ohne den entferntesten Schimmer, wann und wohin es gehen soll, hängt sie sich ans Telefon und hat –schwupps- im Handumdrehen ne Klassenfahrt organisiert. Ein Ferienhäuschen in idyllischer Landschaft mit Selbstversorgung. Da kochen UND auch noch abwaschen natürlich viel zu nervenaufreibend wäre mit den „Pubertieren“, beschließen wir, einfach Pappgeschirr mitzunehmen. Großartige Idee – warum ist da noch keiner drauf gekommen? Ein Tag soll mit shoppen, Döner-Essen und Kinobesuch, der andere mit fröhlichen Stunden im nahegelegenen Vergnügungspark verbracht werden. Wir fahrn Rentner-Karussell, die Jungs Achterbahn. Klingt doch nach rosigen Aussichten, reden wir uns ein.
Nachmittags steckt Herr Wackernagel, der Hausmeister, den Kopf ins Lehrerzimmer und verkündet: „Von der Veranstaltung, die gerade im Tagungssaal stattgefunden hat, sind noch ein paar Häppchen übriggeblieben, die ihr aufessen könnt!“. Da springt die noch anwesende Pädagogenmeute auf und jagt im Stechschritt in den Tagungssaal, um sich im Stehen (Sitzen bei der Nahrungsaufnahme wird überbewertet!!) und teller- und suppentassenjonglierend die kleinen Köstlichkeiten einzuverleiben.
Da fällt´s mir dann auch wieder ein: Richtig – ich habe ja das verfressenste Kollegium der Welt. Und auch mein Sättigungsgefühl liegt schon wieder selig-schlummernd in der Schreibtischschublade von Frau Fee.
Wahrscheinlich glücklich vereint mit den Sättigungsgefühlen von Herrn Stempel, Herrn PingPong, Frau Mavinski und Herrn Schwarz, wenn ich mich so umschaue.
Immerhin sind wir so anständig und lassen der Schulleiterin auch noch ein Tellerchen übrig. Uns fällt dann prompt noch ein, dass im anderen Tagungsraum auch noch belegte Brötchen stehen müssten, an die wir leider nicht rankommen, weil dort die Sitzung noch in vollem Gange ist. Die Schulleiterin schlägt daraufhin vor, den Feueralarm auszulösen, um das Gebäude zu räumen….. Prima Idee! Wir stehen ganz hinter ihr!
Als ich vollgefressen heimfahre, da merke ich es plötzlich: Der Strudel hat mich erfasst – mein Kanu schwimmt schon wieder im großen, reißenden Strom. Feriengeplätscher dahin!!!