Freitag, 21. Dezember 2012

Wir sagen euch an den lieben Weltuntergang

Die Adventszeit ist die Zeit des Wartens und der Vorfreude. Und wie alle Kinderlein dieser Welt bekommen auch meine Schüler dieses besondere Glitzern in den Augen und werden ganz aufgeregt, wenn sie an den lang ersehnten Tag denken, der bald kommen wird. Und damit meine ich dieses Jahr nicht Heiligabend. Und auch nicht den Ferienanfang und noch nicht einmal die Silvesterballerei, auf die sie sich sonst immer am meisten freuen. Nein, die Rede ist von dem Top-Event des Jahres, dem WELTUNTERGANG!
Da meine Schüler ihr Weltwissen in erster Linie aus Sendungen des Unterschichtenfernsehens, wie z.B. den RTL-II-News beziehen, sind sie schon seit Monaten auf dem Laufenden, was die neuesten Erkenntnisse zur Maya-Prophezeihung angeht. Ich selber hingegen konnte schon als Kind wenig mit Maja anfangen sondern hielt es eher mit ihrem gemütlichen Freund Willi ("Maja, warte auf mich!") und ich würde diesem ganzen Weltuntergangstrara wohl so gut wie gar keine Aufmerksamkeit schenken, wenn ich meine Schüler nicht hätte. Die lassen nämlich seit Wochen nicht locker.
Und das, obwohl Pascal eigentlich schon kurz nach den Herbstferien für Klarheit gesorgt hatte. Er wolle es jetzt genau wissen, sagte er damals und schritt zum Apothekenkalender, der unseren Klassenraum ziert. Nachdem er kurz durch die Frage aufgehalten wurde, was es denn mit diesem "Bus- und Bahntag" am 21.11. auf sich habe, schlug er zielstrebig den Dezember auf, guckte und stellte fest: "Also, Leute, das ganze kann gar nicht sein, denn hier steht der 22.Dezember ja auch noch drin!" Alle atmeten erleichtert auf, vor allem ich, denn ich dachte: "Das Thema ist jetzt erledigt!" Da hatte ich mich geirrt.
Angefacht durch weitere Beiträge im Schlichfernsehen sowie durch diverse Comedybeiträge im Radio (die von den Schülern jedoch nicht wirklich dem Comedy-Genre zugeordnet werden konnten) bekam das Thema in den letzten Wochen wieder neuen Zunder. Als Nico dann noch berichtete, dass die Weihnachtsfeier bei seiner freiwilligen Feuerwehr kurzerhand in eine Weltuntergangsparty umgemünzt wurde, waren sich alle wieder sicher, dass da "was auf uns zukommt".
Und so rückte die Frage nach den Weihnachtsgeschenken oder den Silvesterböllern dieses Jahr total in den Hintergrund und es ging nur noch darum, WIE das Ende der Welt denn nun genau über uns kommen würde.Kommen Aliens und schießen alles klein? Regnet es Kometen? Wird unsere Schule von einer Tsunami-Flutwelle erfasst? - Meine Schüler hatten da erstaunlich viele Theorien parat und keine Frühstückspause verging, ohne dass die verschiedenen Möglichkeiten fachmännisch diskutiert wurden. Zwischenzeitlich war ich so genervt, dass einige Schüler die Pause über drinnen sitzen mussten und alles aufschreiben mussten, was sie uns zum Thema Weltuntergang mitteilen möchten.
Zugegeben, zwischenzeitlich schwappte die Diskussion auch ins Lehrerzimmer über, man lässt sich ja doch irgendwie anstecken. Hier ging es jedoch weniger um das WIE als vielmehr um das WANN GENAU. Denn man möchte ja gerne die Uhrzeit des Weltenendes wissen. Wird es morgens um 6 Uhr sein? Das wäre ganz prima, dann müsste man sich gar nicht mehr aus dem Bett bemühen. Oder etwa um acht, wenn man sich gerade (völlig umsonst) mit dem Auto durch die überfüllten Straßen zur Schule gequält hat? Oder gar direkt nach Schulschluss? Das wäre vor allem für Frau Seltsam der blanke Horror, denn sie hat an diesem Tag Aufsicht an der Taxischleife und da geht es sowieso schon jeden Tag ein bisschen armageddonmäßig zu - nicht auszudenken, sie würde dort stehen, die Welt geht unter und die Taxis kommen nicht. Überhaupt ist dieser Tag ja total unglücklich gewählt. Warum muss die Welt unbedingt am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien untergehen, wenn man die turbulentesten Zeit des Schuljahres hinter sich hat und zwei Wochen süßes Nichtstun auf einen warten? Dann doch schon lieber am Ende der Sommerferien, dass man ausgeruht und sonnengebräunt seinem Schöpfer gegenübertreten kann. Da haben sich die Mayas wirklich nicht ausreichend Gedanken gemacht. Willi hätte das besser hingekriegt.
Und dann war es heute endlich so weit - das Ende der Menschheit stand bevor. Vorsorglich hatte ich schon gestern den Schülern ihre Weihnachtsbasteleien mit nach Hause gegeben, war nachmittags extra nochmal beim Friseur gewesen und am Abend hatte Frau EasySamstag noch einmal eine ihrer legendären WG-Partys steigen lassen. Wir waren also vorbereitet.
Und dann, tja, was soll ich sagen, aber das wissen sie ja selbst. Schon enttäuschend oder? Aber was soll's, 2060 nehmen wir erneut Anlauf und berufen uns dabei auf keinen geringeren als auf Isaac Newton. Das ist doch ne andere Hausnummer als so olle Indianer, oder? In diesem Sinne: Glück auf - und schöne Weihnachten!!!

Mittwoch, 21. November 2012

Interdisziplinäres Mauern



Einmal pro Halbjahr heißt es  für die Abschlussschüler aus dem Hauptschul- und Lernhilfebereich: Schnupperunterricht an der Berufsschule.
Soll heißen: An diesem Vormittag erleben die Schüler mal Unterricht an ihrer künftigen Schule und erhalten einen Einblick in verschiedene „Gewerke“ wie zum Beispiel Tischler, Maurer, Maler, Dachdecker, Metallbauer, etc.
Das ganze dient dazu, die Angst vor dem Unbekannten abzubauen, den Schülern den Einstieg in die nachfolgende Schule zu erleichtern, nach handwerklichen Talenten Ausschau zu halten und Berufswünsche zu festigen oder eben über den Haufen zu werfen….
Diesmal erwarten uns der freundliche Herr Diabolke vom Bau-Bereich und Herr Trabant vom Holzbereich.
Wie bei jedem Besuch werden wir von Herrn Diabolke mit den Worten begrüßt: „Ach ja, Frau Samstag und Frau Seltsam – da sind Sie ja wieder – wollen wir mal schauen, was heute passiert-----!“
Das heißt übersetzt so viel wie: „Ich erinner mich gut an Ihren ersten Besuch, da haben sich zwei Ihrer Schüler die schlimmste Prügelei geliefert, die hier jemals zu sehen war…..!“ Unser guter Ruf eilt uns also auch diesmal voraus.

Die mitgebrachten Schüler – die auf der Fahrt hierher eben noch freche Töne gespuckt haben, verhalten sich erstmal ganz angepasst und kleinlaut, angesichts der neuen Umgebung und der Menge unbekannter Schüler, die hier herumlaufen. Fast schon andächtig hängen sie Herrn Diabolke an den Lippen, der ihnen die Schule zeigt, die einzelnen Ausbildungsbereiche vorstellt und sie in die eine oder andere Werkhalle blicken lässt.
Schnell stellt sich heraus: Auch hier gibt es Regeln wie „Rauchen ist verboten“, „Das Schulgelände darf nicht verlassen werden!“, etc. ---wer hätte das gedacht!

Bei unserem Erkundungsgang durchs riesige Schulgebäude lernen wir den einen oder anderen Lehrer kennen und Frau Großstädter, Frau Seltsam und ich kommen zu dem Schluss, dass hier „echte Männer“ arbeiten. Das soll jetzt wirklich nicht gegen unsere männlichen Kollegen gerichtet sein, die alle ganz famos und patent sind – aber gegen kernige, rassige, braungebrannte, wettergegerbte, muskelbepackte Gestalten in Zimmermannshosen können wir „Weicheipädagogen“ von der Förderschule halt einfach nicht anstinken. Das muss man mal ganz ehrlich sagen!
Die hiesigen Lehrer berichten den Schülern von ihrem Werdegang und wie unterschiedlich dieser zum Werdegang „eurer Lehrer“ (also uns) ist. Nach der Dachdecker- oder Maurerausbildung wurde erstmal auf´m Bau gearbeitet, dann später Meisterschule und jetzt eben Berufsschullehrer. „Irgendwie ist es doch schön, jungen Menschen was beizubringen und die vielen Ferien sind auch nicht verkehrt!“ – ja, da sind wir uns doch ganz einig! Ein bißchen bin ich neidisch auf die mitgebrachte Lebenserfahrung und die Tatsache, dass die Kollegen hier „auch noch was Handfestes, Richtiges gelernt haben“ und „nicht nur Lehrer“ sind. Dafür kriegen sie nur A9, statt A13, erwähnt Herr Diabolke – da ist der Neid dann auch schon wieder wie weggeblasen.
Jedenfalls entwickelt sich schnell unter uns und den Kollegen von der BBS eine Art „interdisziplinärer Respekt“: Sie bewundern uns für unser „fundiertes, theoretisches Wissen“ und unsere „gute pädagogische Ausbildung“, während wir wiederum den Hut ziehen, angesichts der zwei „rechten Hände“, des Lebensweltbezugs und der handwerklichen Kenntnisse, die die Kollegen hier haben. Mit offenem Mund schauen wir Herrn Alive hinterher, der im Handumdrehen die Metallfräse einstellt, Paletten aufeinander schichtet, sich dann auf den Gabelstapler schwingt und davonrast. Neid! Ich will auch mit dem Gabelstapler durch mein Klassenzimmer fahren dürfen!!!

Die Schüler haben wir angesichts unseres regen kollegialen Austausches schon fast vergessen und Herr Diabolke hat für das Gespräch mit uns seine Pause sausen lassen, aber schließlich geht’s dann auch ans handfeste Arbeiten.
Ein paar Schüler folgen Herrn Trabant und sägen, hobeln, schleifen mit dem in der Holzwerkstatt, bis ganz famose, robuste Frühstücksbrettchen entstanden sind. Ein Schüler ist am Ende auf Grund eines vorangegangen Konflikts zwar abgängig, aber was solls – ein bißchen Schwund ist immer.
Wir anderen folgen Herrn Diabolke in die Bau-Halle und der führt uns erstmal das gesammelte Werkzeug des Maurers vor und bringt den Schülern neue Begriffe wie „Dreieckskelle“, „Schlagschnur“, „Kalksandstein“ und „Maurerkübel“ bei. Die Schüler haben von all dem noch nie etwas gehört und auch bei der einen oder anderen mathematischen Frage („Wie lange wird die Mauer, wenn wir 10 Steine á 12,5cm aneinander legen und zwischen den 10 Steinen Fugen von 1cm Breite sind?“) bleiben die Zungen stumm. Oder es kommt grober Unfug heraus.
Maikel und Tammo (mein neuer Schüler in der Klasse) können das eine oder andere Problem jedoch lösen und berechnen im Handumdrehen, wie viel bei einem 12-Liter-Eimer „Dreiviertel“ sind oder wie viel „30%“ Sand von 200cm³sind. Ich bin total stolz und begeistert und werfe Maikel und Tammo kleine Kusshändchen zu! Mein Teamkollege will mir zwar einreden, dass die das nur können, weil sie letzte Jahr bei ihm Mathe hatten, aber das überhöre ich geflissentlich im Lärm der Hammerschläge, die ununterbrochen durch die Werkhalle tönen.

Die Aufgabe der Schüler ist es schließlich, Zement anzumischen, mit der Schlagschnur eine gerade Linie auf den Boden zu ziehen, auf dieser Linie 74cm abzumessen und dann entlang der 74cm eine 6-Steine-lange Mauer zu mauern. Manche erweisen sich im Umgang mit Kelle und Zement recht geschickt und fördern tolle Liegefugen und Zwischenfugen zu Tage. Bei anderen muss kräftig mitgeholfen werden und auch dann sieht das gemauerte Stück anschließend aus wie das unvollständige Gebiss einer uralten Frau.
Am schönsten für uns ist der Moment, wenn wir entdecken, dass ein Schüler, der in seiner kognitiven Entwicklung eher etwas zu früh abgebogen ist, hier im handwerklichen Bereich jedoch ganz grandiose Fähigkeiten besitzt und sich plötzlich (trotz niemals zu bestehendem Hauptschulabschluss) Perspektiven für ihn auftun. Juhu!
Am Ende der Arbeitszeit sind dann fast alle glücklich und stolz – naja, bis auf unser Riesenbaby Owen. Der ist nämlich total gefrustet und sauer, weil wir es in Anbetracht der kurzen Zeit nicht geschafft haben „nach oben“ zu mauern, sondern nur die unterste Reihe fertig geworden ist. Seinen Unmut zeigt er erst dadurch, dass Maurerkelle, Wasserwaage und Winkeleisen unsanft an ihren Aufbewahrungsort zurückbefördert werden und beim Rausgehen platzt ihm dann vollends der Kragen und er schlägt mit der bloßen Hand eine Scheibe ein.
Tja, schade auch – wir wollten uns gerade von Herrn Diabolke verabschieden und ihm sagen: „Sehen Sie – diesmal ist nichts passiert!“ Naja, aber das hat dann eben letzten Endes nicht ganz geklappt.

Herr Diabolke und Herr Trabant nehmen´s Gottseidank halbwegs gelassen. So schnell werden die uns eh nicht los – wir finden´s hier nämlich ganz großartig und kommen bestimmt bald wieder!

Freitag, 9. November 2012

In der Abdeckerei



Bereits nach 3 Tagen Schule fühle ich mich reif für die nächsten Ferien, möglicherweise auch für die Klapse.
Mein Teamkollege spricht mir aus der Seele. Er schalmeit mittags mit hochrotem Kopf durchs Lehrerzimmer: „Ich habe die Schnauze total voll!“ Solche Worte habe ich von ihm noch nie gehört. Der ist sonst so routiniert und gelassen und hat immer ne Idee, was man tun kann. Und jetzt dieses emotionale Bekenntnis. Aber mir geht es nicht anders als ihm.
So – und nun kommt die peinliche Beichte: Unser Frust bezieht sich auf ganze 4 Schüler.
Huups. Ja, wirklich! Zweidrittel der Klasse- der sogenannte A-Kurs--- befindet sich derzeit im Praktikum und wir haben nur den B-Kurs hier in der Schule. Ach so ja, den B-Kurs plus Maikel aus dem A-Kurs.
Dazu muss man wissen: Der B-Kurs besteht aus lauter Schülern, die genauso alt sind, wie die A-Kurs-Genossen. Also 8. Schulbesuchsjahr, nur leider eben mental nicht annähernd so weit. Vom Leistungsstand sind sie irgendwo zwischen schriftlichem Addieren und großgeschriebenen Nomen hängengeblieben und von der Reife befinden sie sich zwischen Embryonen und grünen Tomaten. Jetzt könnte man meinen, wenigstens Maikel, der uns aus dem A-Kurs geblieben ist, hat dem etwas entgegenzusetzen. Er ist schließlich sogar schon 9.Klasse und ein echt pfiffiges Kerlchen. Aber ein unangenehmer Schlenker des Schicksals führt gerade dazu, dass Maikel derzeit noch weniger leistungsfähig ist, als der komplette B-Kurs zusammenaddiert. Soll heißen Maikel, der stolze 16 Lenze zählt, möchte vom Unterricht nichts mehr wissen, außer dass ich ihm bitte „die Hand halten soll“. Ja, ohne Witz – wenn man an ihm vorbeigeht, krallt er sich meine Finger und lässt sie nichtmehr los, so als wären wir im Kreissaal und er wäre das niederkommende Weib. Und das wars dann auch – mehr geht nicht. Heute ist er angesichts anhaltender Dickbräsigkeit aus dem Hauswirtschaftsunterricht bei Frau Maggi geflogen. Er konnte sich gerade noch bis zum Lehrerzimmer schleppen, wo ich mich befand, mir berichten, dass Frau Maggi „dumm in der Birne sei“ und ließ sich dann auf einen Stuhl fallen. Das wars dann auch. Weder ich noch meine Kollegen Frau Seltsam, Herrn Bromseklöten und Herr Black konnten ihn dazu bewegen, einer Alternativtätigkeit, wie „Praktikumsplatzsuchen“ oder „nach Hause fahren“ nachzukommen. Schade auch. Als fleischgewordenes Phlegma hockte er da und hörte seinem Atem beim Strömen zu.
Und das traurige ist: Maikel ist mein bestes Pferd im Stall. Frau Seltsam brachte mich auf den Boden der Tatsachen zurück und rückte das Bild vom Stall erstmal gerade: „Also Frau Samstag, deine Klasse ist kein Pferdestall, das ist höchstens ne Abdeckerei“. Hm. Dann ist Maikel also mein bester Gaul in der Abdeckerei. Traurig, aber wahr.
Ja – Abdeckerei trifft es ganz gut. Ein trostloser Ort ohne nennenswerte Perspektive für die anwesenden Ackergäule. Die besten Zeiten müssen ohne Zweifel hinter ihnen liegen. Brauchbare Leistungen? Hm – keine?!!
Bis man überhaupt mit den Unterricht annähernd beginnen kann, vergehen zu Beginn jeder Stunde mindestens 30 bis 60 Minuten, in denen es erstmal gilt, die Schüler zu folgendem zu bewegen: Nach vorne drehen, Richtung Lehrer schauen, Handschuhe und Mützen ausziehen, Kaugummis ausspucken, Klappe halten, alle unterrichtsfremden Gegenstände weg, Mitteilungsheft raus. Wie gesagt: 30 bis 60 Minuten dauert das.
In unserer Klasse hat selten jemand einen Stift dabei. Arbeitsmaterialien fehlen völlig. Nach Stundenplan ist der Ranzen nie gepackt. Hausaufgaben? Fehl am Platz. Stattdessen alle möglichen Gegenstände, die den Unterricht stören, wie etwa die „100 knackende Blechdöschen mit Pfefferminzbonbonbs“, die Warren gestern aus einem seiner 2 (!) Schulränzen gezaubert hat. Glauben Sie mal nicht, im anderen Ranzen sei Arbeitsmaterial gewesen – nein – da war ein ferngesteuertes Auto, Zigaretten und Schnupftabak drin. Die 100 Blechdöschen habe er geschenkt bekommen – ja ist klar. Mit „geschenkt“ meint Warren solche Momente, wo urplötzlich eine Palette von einem vorbeifahrenden Laster fällt –und ihm direkt in die Hände. Kaum hat man Warren die Blechdöschen, die sich nur mit lautem Deckelknacken öffnen lassen, weggenommen, tauchen urplötzlich irgendwo neue auf. Inzwischen schieben mein Teamkollege und ich einen regelrechten Hass auf die Metallindustrie und sind drauf und dran eine Bürgerinitiative gegen Blechdosen zu gründen.
Gelogen wird in unserer Klasse, was das Zeug hält und täglich sind wir bemüht mit den Eltern und Erziehern in mühsamen Telefongesprächen, der Wahrheit in diesen verworrenen Geschichten ein Stück näher zu kommen. CIA, FBI, MI6 und Secret Service könnten jedenfalls bei uns Nachhilfestunden nehmen und manchmal könnte ich am Abend Krimis schreiben, die Stieg Larsson und Hakan Nesser vor Neid erblassen ließen.
Und im Unterrichts werden permanent Nebenschauplätze eröffnet, die den Bayreuther Festspielen Konkurrenz machen würden. 3 Minuten fokussierte Wissensvermittlung grenzt schon an ein Wunder derzeit.
Von den 4 Jungs kommt keiner in die Schule, weil er irgendein Ziel für sich hätte, etwas für seinen künftigen Schulabschluss tun will oder es wenigstens den Eltern recht machen will. Warum die dann kommen? Tja, keine Ahnung – das wüssten wir auch gerne. Goran will höchstens massiert werden, ansonsten kommt nur geistige Jauche aus seinem Mund, Warren erscheint nur, um seine Sammlung geklauter Gegenstände zu vergrößern (vom Süßstoff bis zur Pinnnadel greift der alles ab, als wäre der Klassenraum ein einziger großer Wühltisch beim Sommerschlussverkauf), Maikel hält es mit sich alleine schlecht aus und sucht nur aus diesem Grund unsere Gesellschaft und René ist einfach so verpeilt und planlos, dass er eher aus Versehen hier landet.
Jeder Tag ist damit aufs Neue ein frustrierendes Unterfangen, jungen Menschen, die sich selbst längst aufgegeben haben, irgendetwas in die müden Hirne zu meißeln und so zu tun, als gäbe es eine Perspektive, ohne dass wir selbst erkennen könnten, wo diese ominöse Perspektive vergraben sein soll.

Und so gehen die Tage dahin und die Arbeit mit den jungen Wilden macht einen so mürbe, dass man –um beim Bild der Abdeckerei zu bleiben- abends tatsächlich des Öfteren über Notschlachtung nachdenkt. Ob sich selbst oder die Jungs ist in dem Fall völlig egal.
Mein Teamkollege verkündet mir gestern, dass er ab morgen als einzige Unterrichtsvorbereitung eine Zeitung mitbringen wird, sich vor die Klasse setzten will und den Jungs sagen möchte: „Euch kann man eh nicht unterrichten – da nutze ich die Zeit lieber fürs Zeitunglesen.“ und wir fangen an, es uns in unserer wohlig-warmen Desillusions-Blase richtig gut gehen zu lassen und beschreiben uns gegenseitig alle Facetten des tief im Bauch sitzenden Frustrationsgefühls, als wäre es ein neu erstandenes Picassogemälde.
Und so hätte es ewig weitergehen können, wäre nicht heute Vormittag ein betagter Herr erschienen, der den Unterricht meiner netten Lehramtsanwärterin begutachten wollte und der in der anschließenden Besprechung ein klares Statement zu dieser Klasse abgibt: „Ja, Unterricht mit denen ist sicher schwierig – aber das wussten Sie ja vorher – sind eben Förderschüler. Und Sie sind schließlich hier alle ausgebildet, den Unterricht dementsprechend kreativ umzugestalten und den Förderschwerpunkt in die Unterrichtsplanung mit einzubeziehen. Weg vom langweiligen, wenig motivierenden, negativbesetzten lehrerzentrierten Unterricht hin zu neuen, kreativen Methoden! Deswegen kriegen sie ja auch A13 und nicht A12!“
Bums, das hat gesessen.
Tja, Herr Kollege. Da müssen wir uns doch von unserem bequemen Jammer-Kissen nochmal erheben und tätig werden. Irgendwie bin ich jetzt wieder angespornt. Nicht dass ich mir bislang bei der Unterrichtsplanung keine Mühe gegeben hätte, aber offensichtlich reichtedas noch nicht. Auf 2 weitere Schuljahre Abdeckerei habe ich jedenfalls keine Lust. Dann bauen wir lieber alles um, errichten ne nette Pferdekoppel und ansprechende Ställe, hängen kurz über den Horizont eine versöhnlich-rotschimmernde Sonne, streuen ein bißchen vitalisierendes Kraftfutter in die Mitte und schenken unseren verkümmerten Ackergäulen ein tolles Restleben auf einem idyllischen Gnadenhof. Irgendwas muss doch noch machbar sein, oder? Tod den Abdeckereien!!! Es lebe der Pferdeflüsterer!

Mittwoch, 7. November 2012

Basar-Wahnsinn: Zwischen Windlichtern und Kochbüchern


Es ist wieder einmal so weit: Wie alle zwei Jahre im Herbst steht unser Schulbasar bevor. Und obwohl der Termin natürlich schon vor Ewigkeiten festgelegt wurde, trifft es die meisten von uns wieder völlig unvorbereitet. Die Tatsache, dass wir gerade erst aus den Herbstferien zurückgekehrt sind, macht es nicht besser. Jedenfalls weiß heute keiner mehr, in welchem Anflug geistiger Umachtung wir uns auf dieses Datum geeinigt haben.
Da ich nicht der Typ Lehrer bin, der sich gerne abends zu Hause hinsetzt und in Serie Papierlaternen faltet, stehen diese noch verbleibenden Schulvormittage ganz im Zeichen der Basarvorbereitungen. So haben wir seit Ferienende noch keine „normale“ Unterrichtsstunde gehabt, aber wer glaubt, dass wir es ruhig haben angehen lassen, der liegt total falsch. Es geht bei uns drunter und drüber, was sich nicht gerade positiv auf mein Nervenkostüm ausübt. Wenn das alles überstanden ist, bin ich um Grunde schon wieder ferienreif.
Jede Klasse, die ich bisher in meiner Lehrerlaufbahn hatte, hatte ja für sich genommen ganz unterschiedliche Stärken und Schwächen und wahrscheinlich ist es auch total ungerecht sie zu vergleichen. Aber eines steht fest: So einen talentfreien Haufen wie in diesem Jahr hatte ich noch nie. Das sieht man natürlich auch unserer Ware an, die wir am Samstag zum Verkauf anbieten werden. Aber einen Teufel werde ich tun und meine kostbare Zeit damit verbringen, selbst noch mal bei den Machwerken meiner Schülerlein Hand anzulegen. An meinem Stand wird es nur Dinge geben, die 100% von freilaufenden Förderschülern stammen. Unsere finanziellen Ausgaben werden wir so zwar kaum wieder reinbekommen, aber darum geht es ja wohl auch kaum.
So bekleistern wir Trinkgläser mit Transparentpapierschnipseln, verzieren Notizblöcke mit Kartoffeldruck und filzen Weihnachtsbaumanhänger. Die runtergefallenen Gläser, verschnitzten Kartoffeln, zerknickten Blöcke und – last but not least – abgebrochenen Filznadeln darf man später in der Kostenkalkulation natürlich nicht mit aufführen, wenn man nicht in tiefe Depressionen verfallen möchte.
Doch der eigentliche Knüller in unserem Sortiment sind die Kochbücher, die wir in Kooperation mit Frau Seltsam erstellt haben. Alle Rezepte, die die liebe Frau Kollegin in den letzten hundert Jahren mit den Schülern nachgekocht hat, sind hier zu einem literarischen Meisterwerk epochalen Ausmaßes zusammengefasst. Die von Frau Seltsam kopierten Einzelseiten (ein Buch hat 90 Seiten) lagen, als ich am Montag aus den Ferien kam, auf meinem Pult – sozusagen als stummer Impuls. Daraus Bücher zu machen, war nun meine Aufgabe bzw. die meiner Schüler. Und da glaubt man gar nicht, was trotz intensiver Einweisung und lückenloser Kontrolle alles schief gehen kann. Denn immerhin müssen mit der Schneidemaschine, dem Spiralbindungsgerät und dem Laminator (für die Deckseiten) drei technisch hochanspruchsvolle Apparaturen bedient werden.
Die Schwierigkeit Nr.1 bestand darin, dass das fertige Buch im A5-Format vorliegen sollte, der Kopierer aber immer zwei A5-Seiten auf einem A4-Blatt ausgegeben hatte. Diese Blätter mussten nun – GENAU auf der Hälfte! – durchgeschnitten werden, wodurch zwei Papierstapel entstanden: Einer mit den geraden, einer mit den ungeraden Seitenzahlen.  Aus diesen zwei Stapeln mussten nun einer gemacht werden, was ich mir in der Religionsstunde mit der Abschlussklasse von Frau Großstädter vornahm. Nachdem wir den Zweck und die Funktionsweise von Seitenzahlen besprochen hatten, machten sich die angehenden Förderschulabsolventen daran, die Blätter zu sortieren. Dabei kam es, sagen wir mal, zu recht kreativen Auslegungen unseres Zahlensystems, so dass ich später meine Viertklässler alle Stapel noch einmal durchsehen lassen musste. Entsprechend sahen die Seiten schon bevor sie überhaupt zu einem Buch zusammengefügt wurden aus, als sei eine Elefantenherde darüber getrampelt.
Als nächstes mussten nun die Deckseiten laminiert werden, dies war der Job von Marvin. Mit Feuereifer ging er an die Arbeit, denn alles was Schalter und leuchtende Lämpchen hat, übt auf ihn eine magische Anziehungskraft aus. Nun weiß ich nicht mehr genau, wie viele unterschiedliche Möglichkeiten Marvin fand, die Folien in das Gerät einzuführen, ich kann aber mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass etwa die Hälfte aller Versuche einen Stau zur Folge hatte, bei der die Folie gänzlich im Gerät verschwand.
Die dritte Station der Produktionskette war dann das Gerät für die Spiralbindungen, das heute von Pascal und Elisa bedient wurde. Im Grunde funktioniert dieses Monstrum wie ein großer Locher. Man legt einen Stapel Papiere – links und hinten bündig! – ein und legt mit viel Schmackes einen Hebel um, wodurch auf der eingelegten Seite eine Reihe kleiner Löcher gestanzt wird. Hier wird dann später eine Plastikspirale eingefädelt. Vor allem die Sache mit dem bündigen Anlegen war den beiden Locherkönigen schwer zu vermitteln, auch die Tatsache, dass immer die linke Seite eingelegt werden muss, geriet immer wieder aus dem Gedächtnis. Immerhin haben wir jetzt etwa 15 Exemplare fertig und jedes einzelne ist ein echtes Einzelstück. Alle sehen aber ungefähr aus wie die Häuser von Numerobis, dem ägyptischen Architekten aus dem Asterix-Comic.
Ich selbst war währenddessen ständig um eine direkte Kontrolle aller Produktionsschritte bemüht und betreute zeitgleich noch die filzenden, druckenden und klebenden Schüler. So sprang ich daher dauernd im Klassenraum hin und her, was ich mir eigentlich nach meiner zweiten Staatsprüfung geschworen hatte, nie wieder zu tun.  Nebenbei klärte ich noch einen Fall von Handydiebstahl, ging dem Grund für Daniels schlechte Laune auf den Grund, kämpfte gegen das ständig um sich greifende Chaos im Klassenzimmer an, versorgte meine blutende Schienbeinverletzung, die ich mir bei einer Schulhofklopperei zugezogen hatte und vertrieb die Nervensägen auf der Idiotenrennbahn vor meinem Klassenfenster.
Um 13 Uhr erreichte ich mit letzter Not die rettende Lehrerlounge – der Reiter lebt, das Pferd ist tot. Am Samstag werde ich dann lächelnd hinter dem Verkaufsstand stehen und auch ganz freundlich zu denjenigen Basarbesuchern sein, die alles „wunderschön“ finden aber dann doch nichts kaufen. Glück auf!
P.S. Den Orden des Tages hat die neue Putzfrau verdient! Als ich am Nachmittag noch einmal in meine Klasse ging, um das Chaos des Vormittags zu beseitigen, hatte sie nicht nur – wie ihre Vorgängerinnen – drumherum gewischt, sondern alles ordentlich aufgeräumt. Ich war den Tränen nahe! Vielleicht schenke ich ihr ein Windlicht.

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Wohlstandsprobleme erfordern Wohlstandsmaßnahmen


Heute Morgen am Telefon im Lehrerzimmer: 
„Guten Morgen, Frau Ogg! Hier spricht Wischniewsky! Frau Ogg – Bei uns Zuhause herrscht große Aufregung. Die Ballettschuhe meiner Tochter sind unauffindbar. Wir vermuten, dass sie sie in der Schule vergessen hat.“ Frau Ogg: „Oh, die Ballettschuhe sind weg? Hm……“ 
Die Kollegen, die in Frau Oggs Nähe im Lehrerzimmer sitzen und eben noch in die allmorgendlichen Vorbereitungen vertieft waren, heben erstaunt die Köpfe und lassen ihre Scheren, Stifte, Klassenbücher, Kaffeetassen sinken. Wie bitte? Hat da wirklich gerade eine Mutter angerufen, deren Tochter BALLETTSCHUHE besitzt? Keiner kann sich erinnern, dass bislang jemals das Wort „Ballettschuhe“ unter unserer Schülerschaft gefallen wäre. Ein Utensil, das bei uns keiner kennt. Pah – „Ballettschuhe verschwunden“ ---was sind das denn für Wohlstandssorgen? Soweit kommt´s noch, dass morgen die nächste Mutter anruft und sich beschwert: „Mein Sohn hat die Violine bei Ihnen in der Schule stehen lassen und nun kann er Zuhause nur Harfe üben“. Oder: „Unser Junior ist gerade heimgekommen und wir mussten feststellen: Das Neuner-Eisen hat einen Kratzer!“ Nein, man kann unseren Schülern ja beileibe viele Probleme andichten, aber DAS sind Nöte, die unsere Schüler wahrlich nicht kennen. Gott sei Dank!
Und weil wir keine Schüler mit dererlei Wohlstandssorgen haben, wäre es auch nicht angemessen, ihnen mit den gängigen Wohlstandsmaßnahmen zu begegnen, wie sie an den benachbarten Kaderschmieden der künftigen Bildungselite  gerne praktiziert werden: Tadel, Klassenbucheinträge, nach 3 Klassenbucheinträgen Brief an die Eltern und wer nicht perfekt funktioniert, purzelt aus dem goldenen Bilderrahmen des dreigliedrigen Schulsystems heraus und versinkt in den Förderschuluntiefen! Das Wort „Tadel“ versteht bei uns eh keiner, „Klassenbucheinträge“ wären etwa so wirksam wie dem Papst ein Verhütungsmittel zu verschreiben und „Gespräche zu denen die Eltern eingeladen sind“ haben unsere Schüler sowieso schon alle hinter sich. Deswegen sind sie ja hier ----weil genau dieser bunte Strauß an pädagogischen Nettigkeiten das in den Brunnen fallende Kind vom Ertrinken nicht retten konnte.
Is ja auch logisch: Wie soll ein Blumenstrauß das Wasserschlucken eindämmen? Bei uns ist völlig klar: Wenn ein Kind ertrinkt – wirf ihm einen Rettungsring zu!
Oder anders ausgedrückt: Finde den pädagogischen Schraubenschlüssel, der zur Kragenweite des ABC-Schützen passt.

Und so werden wir nicht müde, uns passgenaue Maßnahmen aus den Fingern zu saugen, mit denen wir das Verhalten der kleinen Quälgeister irgendwie positiv beeinflussen können:

Sehr beliebt sind paradoxe Interventionen:
Ich erinnere mich da an das lebende Phlegma Chris, der vor ein paar Jahren in die Klasse von Herrn Black und mir ging. Dem war wirklich alles zu anstrengend. Gearbeitet hat er grundsätzlich nie, einen Stift rauszuholen, hielt er für eine Zumutung und als ihm schwante, beim Mülleimer leeren könnten Muskeln entstehen, widersetzte er sich auch da. Alleine – es bliebt uns ein Rätsel, was ihn bewog weiterzuatmen!
Während seine Mutter und zahlreiche Lehrer an vorherigen Schulen mit Verbissenheit und Superman-Power versuchten ihn anzuspornen, ihn schüttelten, ihm im übertragenen und reellen Sinne in den Hintern traten und sich völlig aufzehrten, während Dickhaut Chris sich noch entspannter zurücklehnte und seinen Hintern genüsslich auf dem warmen Holzmöbel plattsaß, verfuhren wir ganz anders: Eines Morgens stand ein großer, rotgepolsterter Ohrensessel, der aus den Restbeständen König Alfons des Viertel vor Zwölften hätte stammen können, in der Klasse. Und auf diesem Thron durfte sich Chris ausruhen. Keinen Finger durfte er mehr krumm machen. Die Klasse und alle Lehrer huldigten seiner Hochwohlgeboren. Arbeitsblätter wurden ihm erst garnichtmehr ausgehändigt, wollte er essen, dann nur indem er gefüttert wurde –und auf den Pausenhof durfte er natürlich auch nicht – man bedenke alleine das Treppensteigen und dann der ganze Pöbel, der sich dort rumtreibt. In den Pausen wurde der Thron mit Chris drauf einfach in den Vorraum geschoben und da konnte er dann der Sanduhr beim Rieseln zuschauen, bis sich seine Gefolgschaft nach der Pause wieder blicken ließ.
Es dauerte keine 2 Tage, da hatte der kleine Prinz von dieser Sonderrolle die Schnauze gehörig voll. Er wollte behandelt werden wie die Anderen und nicht wie ein rohes Ei in Watte. Am dritten Tag fing Chris an zu arbeiten….. Na, wer sagt´s denn.

Ein Ableger der paradoxen Intervention sind Symptomverschreibungen:
Da hätten wir zum Beispiel Ryan. Ryan motzt und schimpft den ganzen Tag, was das Zeug hält. Er regt sich über jede Kleinigkeit auf, legt die Stirn in Falten und lässt seinem bildgewaltigen Wortschatz freien Lauf.
Ryan ist auch ein rechter Schwarzmaler --die Reinkarnation von Nostradamus in Bluejeans und Sweatshirt. Er sieht stets einen nicht zu bewältigen Berg Hausaufgaben auf sich zukommen, während der Lehrer noch nicht mal sicher ist, ob es heute überhaupt Hausaufgaben gibt. Ryan vermutet schriftliche Zusatzarbeiten, die der Lehrer nie im Sinn hatte. Und Ryan ist schon im Vorfeld überzeugt davon, er werde bestimmt gleich ungerecht beurteilt werden, wo der Lehrer von Benotung noch nicht mal geträumt hat. Das ist Ryan. Und jede Prophezeiung ist von einer ausufernden Motzattacke belgeitet.
Nun werden wir einen Teufel tun und das hoffnungslose Unterfangen einleiten, Ryan von diesen Schimpftiraden abzubringen. Wie heißt es schon so schön im Lorenz´schen Handbuch der Zoologie: „Mach den Rohrspatz nicht zur Singdrossel!“ –klau ihm nicht seine Bestimmung. Und so darf Ryan weitermotzen! Er DARF nicht nur - er MUSS sogar. Und zwar genau einmal pro Unterrichtsstunde! Das ist ein Befehl! Nicht mehr, aber auch nicht weniger!
Der Effekt: Ryan fängt an, seine Motzattacken bewusster wahrzunehmen. Er reflektiert sich selbst und er teilt sich seine „Symptome“ besser ein. Wohl dosiert in kleinen Häppchen lässt es sich dann auch für die Umliegenden besser ertragen. Bald werden wir sicher den nächsten Schritt einleiten können: „Ich motze 1 Mal pro Doppelstunde!“.

Ein sehr wirksames Mittelchen, quasi die Chemiekeule in unserem bunten Putzmittelarsenal der pädagogischen Möglichkeiten ist die Methode „die Sprache des Schülers sprechen“:
Dies eignet sich besonders gut bei Schülern, die den Sankt-Gotthard-Tunnel in ihrem Hirnstüberl nur in eine Fahrtrichtung geöffnet haben und die pädagogischen Vorträge, Anraunzer, Schimpftiraden oder nachdrücklichen Aufforderungen von unserer Seite einfach nur so durchrauschen lassen. Manchmal ist nicht nur im auditiven Kanal Sackgasse, sondern selbst Blickkontakt lässt sich nicht herstellen. Begegnungen mit solchen Schülern empfinde ich persönlich als besonders nervenaufreiben und anstrengend. Und meinen Kollegen wird es nicht viel anders gehen. Denn wenn unsereins –also Knigge-Allmächtig- eins nicht abkann, dann das Gefühl mit samt seiner wertvollen Marionettenstrippen, die er so gerne in der Hand hält, ausgeknockt zu werden und die volle Ohnmacht seines lächerlichen Tun und Treibens zu spüren bekommen.
Will man üben, in solchen Momenten den Sankt-Gotthard-Verwalter doch noch zu erreichen, dann eignet sich die Klasse des Kollegen Mei ganz hervorragend, denn dort ist quasi das Sammellager für die „Unantastbaren“. Ein besonders hartnäckiger Fall ist Steffen. Der ist mit seinen zarten 13 schon ein derartiger Koloss, das Kollege Mei angeregt hat, überprüfen zu lassen, ob die Geburtsurkunde nicht doch eine Fälschung ist und der Gute vielleicht eher 17 Lenze zählt. Steffen ist so groß wie Kollege Winzig und Kollegin Klein aufeinandergestapelt und wiegt so viel wie ein Sumoringer. Es ist also völlig klar: Wenn der nicht hört, dann wird er auch nicht fühlen ----den trägt man nicht mal eben so aus dem Klassenraum.
Situationen in denen man Steffen verbal nicht mehr erreicht und er etwa so gut steuerbar ist, wie ein entfesselter Fesselballon, sind leider an der Tagesordnung. Gestern zum Beispiel verweigerte er die Teilnahme am Unterricht und verbarrikadierte sich im angrenzenden Förderraum. Dort stapelte er in einem ohrenbetäubenden Lärm viele kleine Tische aufeinander, jonglierte sie mit seinen Riesenpranken durch die Gegend, drehte sie mit den Tischplatten nach vorne und entwarf eine Art modernes Kunstwerk, hinter das er sich verschanzte. Dahinter liegend gab er laute Schießgeräusche von sich, die sich dank seines stattlichen Resonanzkastens zu einem grollenden Donnern empor schraubten. Bei uns im Klassenraum kam der Unterricht zum Erliegen. Die Lärmbelästigung war einfach zu groß. Ich suchte das Gespräch mit Steffen, aber der hörte mich gar nicht. Da half kein Wettern, kein Schreien, kein Flüstern, kein Schimpfen. Steffen war ganz in sein Kriegsspiel vertieft. Offensichtlich lag er in einer Art Schützengraben hinter einem Schießstand und schoss durch kleine Schlitze zwischen den Tischplatten auf einen imaginären Feind. Ich wägte kurz ab, wie lächerlich ich mich nun gleich machen würde, falls ein anderer Schüler mich beobachtete, nahm dann Anlauf, tat einen Satz, der meinen alten Sportlehrer –Gott hab ihn selig- stolz gemacht hätte, landete unsanft hinter der Tischburg, ließ mich auf die Seite fallen und rollte über meine Längsachse bis an Steffen heran. „Wer ist unser Feind, Steffen?“ Antwort: „Fräulein Leandros ist unser Feind!“  Juhu – ich hatte eine Antwort bekommen. Also gleich noch einen  nachlegen:  „Welche Waffen stehen uns zur Verfügung?“ „Diese hier!“ Und Steffen zückt eine Kellogg´s Packung mit Choco-Balls und gemeinsam schossen wir auf einen Feind der nicht da war. Ich versuchte das Gespräch im Schützengraben aufrecht zu erhalten und irgendwann konnte ich den Kadetten überzeugen, dass die Front nun weitergerückt war und wir hinterher mussten. Und wir verließen gemeinsam den Klassenraum Richtung Schulhof. Der Rest der Klasse hatte seine Ruhe.

So – jetzt erzählen Sie mal einem handelsüblichen Gymnasiallehrer, er soll so ne Maßnahme durchführen. Glauben Sie, der macht sich so zum Horst? Ne ne, aufs Lächerlichmachen haben WIR das Monopol. Aber was soll´s – wenn´s wirkt??!
Und ganz ehrlich und mit einer angemessenen Portion Zerknirschtheit muss ich zugeben: Wir hingegen hätten vermutlich keine Ahnung, wie man Situationen löst, in denen es um verschwundene Violinen, Katzer im Neunereisen und zerknautsche Tütüs geht. Da ist es doch gut, dass die Singdrosseln das machen, was sie am besten können: Singen und die Rohrspatzen eben röhren. Und so hat jeder seine Bestimmung in der artenreichen Vogelvolière der Pädagogik. 

Freitag, 12. Oktober 2012

Hier stehe ich. Ich kann nicht anders: Neuigkeiten aus dem Bundesbrechreizministerium, der Kaderschmiede für den Schulnachwuchs





Liebe Gemeinde, liebe Gemeindinnen,

gleich zu Beginn der Lektüre werfe ich Euch einen pädagogischen Knochen hin, denn in dieser kleinen Feldpost ist ein gutes und richtiges und wichtiges Lernziel- und kompetenzorientiertes Aufgaben- Bonbon eingebaut:

Bitte alle Produkte aus dem Handwerkskoffer der Phrasendrescherei finden, rot unterstreichen, abschreiben und, sofern nicht längst geschehen, in den aktiven Wortschatz einbauen. In Partnerarbeit vertiefen, in Gruppenarbeit erproben, diskutieren und reflektieren. Und bitte ein Plakat zur Präsentation erstellen. Oder einzelne Phrasen pantomimisch darstellen. Oder tanzen. Oder sich direkt ins Bad begeben und übergeben. Wer alle Phrasen findet, darf sich 5,- € aus dem imaginären Phrasenschweinderl nehmen und sich ein Pilsli davon gönnen. Die laminierte Urkunde wird nachgereicht. Spätestens am 35. Mai. Wer den Arbeitsauftrag selbstständig bearbeitet und die Ergebnissicherung nachhaltig betrieben hat, wird auch weiterhin keine Probleme haben, den Anforderungen des Schulalltags konstruktiv und gelassen und kompetent die Stirn zu bieten. Wer glaubt, sich damit auch in den Veranstaltungen des Bundesbrechreizministeriums, kurz BBM, ganz wacker durchschlagen zu können, irrt sich gewaltig.

Denn eben dort ist es wie bei Akte X: die Wahrheit ist irgendwo da draußen und selbst die Verschleierungstaktiken und weitreichenden Verschwörungen des FBI, des Pentagon und des CIA sind transparenter und in der Konsequenz schlüssiger als die Leistungsanforderungen und erwünschten persönlichen Voraussetzungen und Fähigkeiten, die das BBM verlangt. Seit Beginn der Anwärterzeit werden den LiVs gebetsmühlenartig die immer selben Handlungsanweisungen eingeprügelt: Lernausgangsvoraussetzungen beachten. Lernziele genau definieren. Transparenz im Ablauf und bei den Lernzielen. Alles gut und richtig und wichtig, allein: mir fehlen die BBM- Vorbilder. Die Monologe, pardon, Arbeitsaufträge, der PM- Leitung ähneln einer ausgedehnten Kneipentour durch Linden. In irgendeiner Bumsbude, völlig schnuppe, wo, ist der Anfang. Da wird dann geschwurbelt und sich warmgemacht, bis man dann im Laberfahrwasser ordentlich Schmackes hat, etwa 100 Knoten, und eine Sülzschleife nach der anderen zieht und irgendwann irgendwo in einem dunklen, schmuddeligen, schummrigen und miesen Pestloch von Hafenkneipe landet, wo man leider, berauscht von der eigenen Eloquenz, natternbreit vom Barhocker fällt, sobald man dann die Steinkeule über den Kopf bekommt: „Ähm,…..es ist mir auch angemessen peinlich, aber,…ich hab die Frage nicht verstanden…“ Eine solche Nachfrage muss denen, die täglich ein Kerzlein auf dem Altar der Merkmale guten Unterrichts entzünden, wie die Mutter der Provokationen vorkommen. Ich bin doch PM- Leitung, warum verstehen studierte, angehende Lehrer und Lehrerinnen meine Arbeitsaufträge nicht? Und wieso ist nicht klargeworden, worauf die wunderbare Gruppenarbeit hinauslaufen soll? Rätselhafte Rüttelung am Thron der pädagogischen Unfehlbarkeit. Entsprechung schmallippig fallen dann auch „weiterführende“ Hinweise aus, der Ruf der Fragenden ist ruiniert, was soll’s, das ist mir schon öfter passiert. Und klar ist indes auch: Das PS ist ein Wasserkopf, der offenbar nur installiert worden ist, um den Kontrast zwischen Schule und Seminar noch zu verstärken. In der Uni hatte ich öfter Erscheinungen von einer riesigen ätherischen Sanduhr, die in Vorlesungen und Seminaren ganz oft über meinem Kopf hing und ich ganz deutlich sehen konnte, wie meine kostbare Lebenszeit blibblibblibb davonrieselte. Seit Februar habe ich diese Erscheinungen wieder ganz regelmäßig, und zwar stets Dienstag und Mittwoch. Ich habe jedoch auch noch eine andere Vision, nämlich die, in der ich herausbekomme, wo die PS- Leitung ihren Lachyoga- Kurs absolviert hat und ich auch einen mache. Dann werde ich einfach ganz gelassen zurücklachen.

In einer ganz anderen Kampfklasse spielt man in einem anderen Seminar. Dort gibt man sich redlich Mühe, nicht nur professionell, sondern auch möglichst kühl und distanziert aufzutreten. An der Professionalität gibt es (immerhin!) nichts zu meckern, aber der Ton macht ja stets die Musik und der Habitus kann auch die Freude über gute Seminarinhalte zerstampfen, so dass man sich über jede Minute freut, die man nicht gemeinsam verbringen muss. Und wenn dann für bestimmte Seminarthemen mal „ganz nette Kollegen“ eingeladen werden, die ganz toll über ein bestimmtes Sozialtraining referieren können, ist man doppelt froh. Dass die gebotene Einführung ins Thema wenig mehr bot als die recht ausführliche Einführung der Handreichung: geschenkt. Dass die sich anschließende Gruppenarbeit eine Gruppe hirnamputierter Nacktmulle in ihrer Intelligenz beleidigt hätte: geschenkt. Aber das Schlimmste sind eigentlich die jungen, gaaanz tollen, referierenden Kollegen selbst:  junge männliche Lehrer, die irgendwo im luftleeren Raum zwischen sub-cooler Lässigkeit und Professionalität hängen geblieben sind und hin und her switchen. Wenn da so ein junger Mann in Outdooruniform, rotgesichtig vom schnellen Radeln, in den Seminarraum donnert, böse guckt und gaaanz lässig, durchwirkt von der gezwungenen Jungmännerlässigkeit, „Moooooin!“ in den Raum röhrt, weil er denkt, dass junge Männer, die in jeder Gegend Deutschlands zu jeder Tages- und Nachtzeit andere Menschen, vorzugsweise andere junge Männer, gern mit Wacken- T- Shirts, mit „Moin!“ begrüßen, arschcool sind, habe  zumindest ich das akute Bedürfnis, mein Täschlein zu nehmen und Wehen vorzutäuschen, damit ich rasch gehen kann. Das angestrengte Bemühen, in einem so unmännlichen Sektor wie der Pädagogik seine Männlichkeit zu beweisen, bringt diese Typen ja leider dazu, mit dickeren Eiern durch die Gegend zu marschieren als die Hellsbengelstürsteher am Steintor. Aber das kann natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie ja eigentlich gaaanz liebe Kerle sind, echt dufte Kumpel mit ner echt coolen Quatsche, die aber voll die krassen Profis sind. Die echte Beziehungsarbeit an den Jungs leisten und das gut und richtig und wichtig finden. Weil, es ist ja echt total wichtig, dass die ein positives männliches Rollenvorbild haben, die Dschunnngs, und es müssen „Verdammp noch ma“ mehr Männa inn den Dschob!“ Ja. Genau. Unbedingt. Das sehe ich wirklich auch so, aber dann bitte nicht nur solche Pfeifen wie ihr. Am Ende der Sitzung bin ich so erleichtert wie jeden Mittwoch um diese Zeit. Und murmele wie jeden Mittwoch um diese Zeit innerlich vor mich hin: „Sei dankbar, Du könntest jetzt auch im Laden XY stehen bis 20.00! Oder bei VW am Band stehen. Oder bei Edeka an der Schlachte. Oder bei Salon Haargenau hinter einer mäkeligen Oma mit fettigen Haaren, die ne saure Welle will. Oder….

Nun, alles hat ein Ende, nur die Wurst hat bekanntlich zwei. Und wenn das Ende des Referendariats erreicht ist, werde ich mir ordentlich einen löten. Mit ganz männlichen Schnaps. Darauf ein Likörchen!