Die Adventszeit ist die Zeit des Wartens und der Vorfreude. Und wie alle Kinderlein dieser Welt bekommen auch meine Schüler dieses besondere Glitzern in den Augen und werden ganz aufgeregt, wenn sie an den lang ersehnten Tag denken, der bald kommen wird. Und damit meine ich dieses Jahr nicht Heiligabend. Und auch nicht den Ferienanfang und noch nicht einmal die Silvesterballerei, auf die sie sich sonst immer am meisten freuen. Nein, die Rede ist von dem Top-Event des Jahres, dem WELTUNTERGANG!
Da meine Schüler ihr Weltwissen in erster Linie aus Sendungen des Unterschichtenfernsehens, wie z.B. den RTL-II-News beziehen, sind sie schon seit Monaten auf dem Laufenden, was die neuesten Erkenntnisse zur Maya-Prophezeihung angeht. Ich selber hingegen konnte schon als Kind wenig mit Maja anfangen sondern hielt es eher mit ihrem gemütlichen Freund Willi ("Maja, warte auf mich!") und ich würde diesem ganzen Weltuntergangstrara wohl so gut wie gar keine Aufmerksamkeit schenken, wenn ich meine Schüler nicht hätte. Die lassen nämlich seit Wochen nicht locker.
Und das, obwohl Pascal eigentlich schon kurz nach den Herbstferien für Klarheit gesorgt hatte. Er wolle es jetzt genau wissen, sagte er damals und schritt zum Apothekenkalender, der unseren Klassenraum ziert. Nachdem er kurz durch die Frage aufgehalten wurde, was es denn mit diesem "Bus- und Bahntag" am 21.11. auf sich habe, schlug er zielstrebig den Dezember auf, guckte und stellte fest: "Also, Leute, das ganze kann gar nicht sein, denn hier steht der 22.Dezember ja auch noch drin!" Alle atmeten erleichtert auf, vor allem ich, denn ich dachte: "Das Thema ist jetzt erledigt!" Da hatte ich mich geirrt.
Angefacht durch weitere Beiträge im Schlichfernsehen sowie durch diverse Comedybeiträge im Radio (die von den Schülern jedoch nicht wirklich dem Comedy-Genre zugeordnet werden konnten) bekam das Thema in den letzten Wochen wieder neuen Zunder. Als Nico dann noch berichtete, dass die Weihnachtsfeier bei seiner freiwilligen Feuerwehr kurzerhand in eine Weltuntergangsparty umgemünzt wurde, waren sich alle wieder sicher, dass da "was auf uns zukommt".
Und so rückte die Frage nach den Weihnachtsgeschenken oder den Silvesterböllern dieses Jahr total in den Hintergrund und es ging nur noch darum, WIE das Ende der Welt denn nun genau über uns kommen würde.Kommen Aliens und schießen alles klein? Regnet es Kometen? Wird unsere Schule von einer Tsunami-Flutwelle erfasst? - Meine Schüler hatten da erstaunlich viele Theorien parat und keine Frühstückspause verging, ohne dass die verschiedenen Möglichkeiten fachmännisch diskutiert wurden. Zwischenzeitlich war ich so genervt, dass einige Schüler die Pause über drinnen sitzen mussten und alles aufschreiben mussten, was sie uns zum Thema Weltuntergang mitteilen möchten.
Zugegeben, zwischenzeitlich schwappte die Diskussion auch ins Lehrerzimmer über, man lässt sich ja doch irgendwie anstecken. Hier ging es jedoch weniger um das WIE als vielmehr um das WANN GENAU. Denn man möchte ja gerne die Uhrzeit des Weltenendes wissen. Wird es morgens um 6 Uhr sein? Das wäre ganz prima, dann müsste man sich gar nicht mehr aus dem Bett bemühen. Oder etwa um acht, wenn man sich gerade (völlig umsonst) mit dem Auto durch die überfüllten Straßen zur Schule gequält hat? Oder gar direkt nach Schulschluss? Das wäre vor allem für Frau Seltsam der blanke Horror, denn sie hat an diesem Tag Aufsicht an der Taxischleife und da geht es sowieso schon jeden Tag ein bisschen armageddonmäßig zu - nicht auszudenken, sie würde dort stehen, die Welt geht unter und die Taxis kommen nicht. Überhaupt ist dieser Tag ja total unglücklich gewählt. Warum muss die Welt unbedingt am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien untergehen, wenn man die turbulentesten Zeit des Schuljahres hinter sich hat und zwei Wochen süßes Nichtstun auf einen warten? Dann doch schon lieber am Ende der Sommerferien, dass man ausgeruht und sonnengebräunt seinem Schöpfer gegenübertreten kann. Da haben sich die Mayas wirklich nicht ausreichend Gedanken gemacht. Willi hätte das besser hingekriegt.
Und dann war es heute endlich so weit - das Ende der Menschheit stand bevor. Vorsorglich hatte ich schon gestern den Schülern ihre Weihnachtsbasteleien mit nach Hause gegeben, war nachmittags extra nochmal beim Friseur gewesen und am Abend hatte Frau EasySamstag noch einmal eine ihrer legendären WG-Partys steigen lassen. Wir waren also vorbereitet.
Und dann, tja, was soll ich sagen, aber das wissen sie ja selbst. Schon enttäuschend oder? Aber was soll's, 2060 nehmen wir erneut Anlauf und berufen uns dabei auf keinen geringeren als auf Isaac Newton. Das ist doch ne andere Hausnummer als so olle Indianer, oder? In diesem Sinne: Glück auf - und schöne Weihnachten!!!
Der Alltag an einer Förderschule irgendwo in Deutschland - manchmal grausam, manchmal deprimierend, manchmal nervenaufreibend, manchmal schmerzhaft. Aber: Immer auch witzig, lustig, aufregend, menschlich und vor allem nie langweilig!!! In diesem Blog lesen Sie die besten Stories aus dem Nähkästchen des besten Kollegiums der Welt. Viel Spaß!
Freitag, 21. Dezember 2012
Wir sagen euch an den lieben Weltuntergang
Mittwoch, 21. November 2012
Interdisziplinäres Mauern
Einmal pro Halbjahr heißt
es für die Abschlussschüler aus dem
Hauptschul- und Lernhilfebereich: Schnupperunterricht an der Berufsschule.
Soll heißen: An diesem
Vormittag erleben die Schüler mal Unterricht an ihrer künftigen Schule und
erhalten einen Einblick in verschiedene „Gewerke“ wie zum Beispiel Tischler,
Maurer, Maler, Dachdecker, Metallbauer, etc.
Das ganze dient dazu, die
Angst vor dem Unbekannten abzubauen, den Schülern den Einstieg in die
nachfolgende Schule zu erleichtern, nach handwerklichen Talenten Ausschau zu
halten und Berufswünsche zu festigen oder eben über den Haufen zu werfen….
Diesmal erwarten uns der
freundliche Herr Diabolke vom Bau-Bereich und Herr Trabant vom Holzbereich.
Wie bei jedem Besuch
werden wir von Herrn Diabolke mit den Worten begrüßt: „Ach ja, Frau Samstag
und Frau Seltsam – da sind Sie ja wieder – wollen wir mal schauen, was heute
passiert-----!“
Das heißt übersetzt so
viel wie: „Ich erinner mich gut an Ihren ersten Besuch, da haben sich zwei
Ihrer Schüler die schlimmste Prügelei geliefert, die hier jemals zu sehen war…..!“
Unser guter Ruf eilt uns also auch diesmal voraus.
Die mitgebrachten Schüler
– die auf der Fahrt hierher eben noch freche Töne gespuckt haben, verhalten
sich erstmal ganz angepasst und kleinlaut, angesichts der neuen Umgebung und
der Menge unbekannter Schüler, die hier herumlaufen. Fast schon andächtig
hängen sie Herrn Diabolke an den Lippen, der ihnen die Schule zeigt, die
einzelnen Ausbildungsbereiche vorstellt und sie in die eine oder andere
Werkhalle blicken lässt.
Schnell stellt sich
heraus: Auch hier gibt es Regeln wie „Rauchen ist verboten“, „Das Schulgelände
darf nicht verlassen werden!“, etc. ---wer hätte das gedacht!
Bei unserem
Erkundungsgang durchs riesige Schulgebäude lernen wir den einen oder anderen
Lehrer kennen und Frau Großstädter, Frau Seltsam und ich kommen zu dem Schluss,
dass hier „echte Männer“ arbeiten. Das soll jetzt wirklich nicht gegen unsere
männlichen Kollegen gerichtet sein, die alle ganz famos und patent sind – aber gegen
kernige, rassige, braungebrannte, wettergegerbte, muskelbepackte Gestalten in
Zimmermannshosen können wir „Weicheipädagogen“ von der Förderschule halt
einfach nicht anstinken. Das muss man mal ganz ehrlich sagen!
Die hiesigen Lehrer
berichten den Schülern von ihrem Werdegang und wie unterschiedlich dieser zum
Werdegang „eurer Lehrer“ (also uns) ist. Nach der Dachdecker- oder
Maurerausbildung wurde erstmal auf´m Bau gearbeitet, dann später Meisterschule
und jetzt eben Berufsschullehrer. „Irgendwie ist es doch schön, jungen Menschen
was beizubringen und die vielen Ferien sind auch nicht verkehrt!“ – ja, da sind
wir uns doch ganz einig! Ein bißchen bin ich neidisch auf die mitgebrachte
Lebenserfahrung und die Tatsache, dass die Kollegen hier „auch noch was Handfestes,
Richtiges gelernt haben“ und „nicht nur Lehrer“ sind. Dafür kriegen sie nur A9,
statt A13, erwähnt Herr Diabolke – da ist der Neid dann auch schon wieder wie
weggeblasen.
Jedenfalls entwickelt
sich schnell unter uns und den Kollegen von der BBS eine Art „interdisziplinärer
Respekt“: Sie bewundern uns für unser „fundiertes, theoretisches Wissen“ und
unsere „gute pädagogische Ausbildung“, während wir wiederum den Hut ziehen,
angesichts der zwei „rechten Hände“, des Lebensweltbezugs und der
handwerklichen Kenntnisse, die die Kollegen hier haben. Mit offenem Mund
schauen wir Herrn Alive hinterher, der im Handumdrehen die Metallfräse
einstellt, Paletten aufeinander schichtet, sich dann auf den Gabelstapler
schwingt und davonrast. Neid! Ich will auch mit dem Gabelstapler durch mein
Klassenzimmer fahren dürfen!!!
Die Schüler haben wir
angesichts unseres regen kollegialen Austausches schon fast vergessen und Herr Diabolke
hat für das Gespräch mit uns seine Pause sausen lassen, aber schließlich geht’s
dann auch ans handfeste Arbeiten.
Ein paar Schüler folgen
Herrn Trabant und sägen, hobeln, schleifen mit dem in der Holzwerkstatt, bis
ganz famose, robuste Frühstücksbrettchen entstanden sind. Ein Schüler ist am
Ende auf Grund eines vorangegangen Konflikts zwar abgängig, aber was solls – ein
bißchen Schwund ist immer.
Wir anderen folgen Herrn
Diabolke in die Bau-Halle und der führt uns erstmal das gesammelte Werkzeug des
Maurers vor und bringt den Schülern neue Begriffe wie „Dreieckskelle“, „Schlagschnur“,
„Kalksandstein“ und „Maurerkübel“ bei. Die Schüler haben von all dem noch nie
etwas gehört und auch bei der einen oder anderen mathematischen Frage („Wie
lange wird die Mauer, wenn wir 10 Steine á 12,5cm aneinander legen und zwischen
den 10 Steinen Fugen von 1cm Breite sind?“) bleiben die Zungen stumm. Oder es
kommt grober Unfug heraus.
Maikel und Tammo (mein
neuer Schüler in der Klasse) können das eine oder andere Problem jedoch lösen
und berechnen im Handumdrehen, wie viel bei einem 12-Liter-Eimer „Dreiviertel“
sind oder wie viel „30%“ Sand von 200cm³sind. Ich bin total stolz und
begeistert und werfe Maikel und Tammo kleine Kusshändchen zu! Mein Teamkollege will
mir zwar einreden, dass die das nur können, weil sie letzte Jahr bei ihm Mathe hatten,
aber das überhöre ich geflissentlich im Lärm der Hammerschläge, die
ununterbrochen durch die Werkhalle tönen.
Die Aufgabe der Schüler
ist es schließlich, Zement anzumischen, mit der Schlagschnur eine gerade Linie
auf den Boden zu ziehen, auf dieser Linie 74cm abzumessen und dann entlang der
74cm eine 6-Steine-lange Mauer zu mauern. Manche erweisen sich im Umgang mit
Kelle und Zement recht geschickt und fördern tolle Liegefugen und Zwischenfugen
zu Tage. Bei anderen muss kräftig mitgeholfen werden und auch dann sieht das
gemauerte Stück anschließend aus wie das unvollständige Gebiss einer uralten
Frau.
Am schönsten für uns ist
der Moment, wenn wir entdecken, dass ein Schüler, der in seiner kognitiven
Entwicklung eher etwas zu früh abgebogen ist, hier im handwerklichen Bereich
jedoch ganz grandiose Fähigkeiten besitzt und sich plötzlich (trotz niemals zu
bestehendem Hauptschulabschluss) Perspektiven für ihn auftun. Juhu!
Am Ende der Arbeitszeit
sind dann fast alle glücklich und stolz – naja, bis auf unser Riesenbaby Owen.
Der ist nämlich total gefrustet und sauer, weil wir es in Anbetracht der kurzen
Zeit nicht geschafft haben „nach oben“ zu mauern, sondern nur die unterste
Reihe fertig geworden ist. Seinen Unmut zeigt er erst dadurch, dass Maurerkelle,
Wasserwaage und Winkeleisen unsanft an ihren Aufbewahrungsort zurückbefördert
werden und beim Rausgehen platzt ihm dann vollends der Kragen und er schlägt
mit der bloßen Hand eine Scheibe ein.
Tja, schade auch – wir wollten
uns gerade von Herrn Diabolke verabschieden und ihm sagen: „Sehen Sie – diesmal
ist nichts passiert!“ Naja, aber das hat dann eben letzten Endes nicht ganz
geklappt.
Herr Diabolke und Herr
Trabant nehmen´s Gottseidank halbwegs gelassen. So schnell werden die uns eh
nicht los – wir finden´s hier nämlich ganz großartig und kommen bestimmt bald
wieder!
Freitag, 9. November 2012
In der Abdeckerei
Bereits nach 3 Tagen Schule fühle ich mich reif für die nächsten Ferien, möglicherweise auch für die
Klapse.
Mein Teamkollege spricht
mir aus der Seele. Er schalmeit mittags mit hochrotem Kopf durchs Lehrerzimmer:
„Ich habe die Schnauze total voll!“ Solche Worte habe ich von ihm noch nie
gehört. Der ist sonst so routiniert und gelassen und hat immer ne Idee, was man
tun kann. Und jetzt dieses emotionale Bekenntnis. Aber mir geht es nicht anders
als ihm.
So – und nun kommt die
peinliche Beichte: Unser Frust bezieht sich auf ganze 4 Schüler.
Huups. Ja, wirklich! Zweidrittel
der Klasse- der sogenannte A-Kurs--- befindet sich derzeit im Praktikum und wir
haben nur den B-Kurs hier in der Schule. Ach so ja, den B-Kurs plus Maikel aus
dem A-Kurs.
Dazu muss man wissen: Der
B-Kurs besteht aus lauter Schülern, die genauso alt sind, wie die A-Kurs-Genossen.
Also 8. Schulbesuchsjahr, nur leider eben mental nicht annähernd so weit. Vom
Leistungsstand sind sie irgendwo zwischen schriftlichem Addieren und
großgeschriebenen Nomen hängengeblieben und von der Reife befinden sie sich zwischen
Embryonen und grünen Tomaten. Jetzt könnte man meinen, wenigstens Maikel, der
uns aus dem A-Kurs geblieben ist, hat dem etwas entgegenzusetzen. Er ist
schließlich sogar schon 9.Klasse und ein echt pfiffiges Kerlchen. Aber ein
unangenehmer Schlenker des Schicksals führt gerade dazu, dass Maikel derzeit
noch weniger leistungsfähig ist, als der komplette B-Kurs zusammenaddiert. Soll
heißen Maikel, der stolze 16 Lenze zählt, möchte vom Unterricht nichts mehr
wissen, außer dass ich ihm bitte „die Hand halten soll“. Ja, ohne Witz – wenn man
an ihm vorbeigeht, krallt er sich meine Finger und lässt sie nichtmehr los, so
als wären wir im Kreissaal und er wäre das niederkommende Weib. Und das wars
dann auch – mehr geht nicht. Heute ist er angesichts anhaltender Dickbräsigkeit
aus dem Hauswirtschaftsunterricht bei Frau Maggi geflogen. Er konnte sich
gerade noch bis zum Lehrerzimmer schleppen, wo ich mich befand, mir berichten,
dass Frau Maggi „dumm in der Birne sei“ und ließ sich dann auf einen Stuhl
fallen. Das wars dann auch. Weder ich noch meine Kollegen Frau Seltsam, Herrn
Bromseklöten und Herr Black konnten ihn dazu bewegen, einer
Alternativtätigkeit, wie „Praktikumsplatzsuchen“ oder „nach Hause fahren“
nachzukommen. Schade auch. Als fleischgewordenes Phlegma hockte er da und hörte
seinem Atem beim Strömen zu.
Und das traurige ist:
Maikel ist mein bestes Pferd im Stall. Frau Seltsam brachte mich auf den Boden
der Tatsachen zurück und rückte das Bild vom Stall erstmal gerade: „Also Frau
Samstag, deine Klasse ist kein Pferdestall, das ist höchstens ne Abdeckerei“.
Hm. Dann ist Maikel also mein bester Gaul in der Abdeckerei. Traurig, aber wahr.
Ja – Abdeckerei trifft es
ganz gut. Ein trostloser Ort ohne nennenswerte Perspektive für die anwesenden Ackergäule.
Die besten Zeiten müssen ohne Zweifel hinter ihnen liegen. Brauchbare
Leistungen? Hm – keine?!!
Bis man überhaupt mit den
Unterricht annähernd beginnen kann, vergehen zu Beginn jeder Stunde mindestens
30 bis 60 Minuten, in denen es erstmal gilt, die Schüler zu folgendem zu
bewegen: Nach vorne drehen, Richtung Lehrer schauen, Handschuhe und Mützen
ausziehen, Kaugummis ausspucken, Klappe halten, alle unterrichtsfremden
Gegenstände weg, Mitteilungsheft raus. Wie gesagt: 30 bis 60 Minuten dauert
das.
In unserer Klasse hat
selten jemand einen Stift dabei. Arbeitsmaterialien fehlen völlig. Nach
Stundenplan ist der Ranzen nie gepackt. Hausaufgaben? Fehl am Platz.
Stattdessen alle möglichen Gegenstände, die den Unterricht stören, wie etwa die
„100 knackende Blechdöschen mit Pfefferminzbonbonbs“, die Warren gestern aus
einem seiner 2 (!) Schulränzen gezaubert hat. Glauben Sie mal nicht, im anderen
Ranzen sei Arbeitsmaterial gewesen – nein – da war ein ferngesteuertes Auto,
Zigaretten und Schnupftabak drin. Die 100 Blechdöschen habe er geschenkt
bekommen – ja ist klar. Mit „geschenkt“ meint Warren solche Momente, wo
urplötzlich eine Palette von einem vorbeifahrenden Laster fällt –und ihm direkt
in die Hände. Kaum hat man Warren die Blechdöschen, die sich nur mit lautem
Deckelknacken öffnen lassen, weggenommen, tauchen urplötzlich irgendwo neue
auf. Inzwischen schieben mein Teamkollege und ich einen regelrechten Hass auf
die Metallindustrie und sind drauf und dran eine Bürgerinitiative gegen
Blechdosen zu gründen.
Gelogen wird in unserer
Klasse, was das Zeug hält und täglich sind wir bemüht mit den Eltern und
Erziehern in mühsamen Telefongesprächen, der Wahrheit in diesen verworrenen
Geschichten ein Stück näher zu kommen. CIA, FBI, MI6 und Secret Service könnten
jedenfalls bei uns Nachhilfestunden nehmen und manchmal könnte ich am Abend
Krimis schreiben, die Stieg Larsson und Hakan Nesser vor Neid erblassen ließen.
Und im Unterrichts werden
permanent Nebenschauplätze eröffnet, die den Bayreuther Festspielen Konkurrenz
machen würden. 3 Minuten fokussierte Wissensvermittlung grenzt schon an ein Wunder
derzeit.
Von den 4 Jungs kommt keiner
in die Schule, weil er irgendein Ziel für sich hätte, etwas für seinen
künftigen Schulabschluss tun will oder es wenigstens den Eltern recht machen
will. Warum die dann kommen? Tja, keine Ahnung – das wüssten wir auch gerne.
Goran will höchstens massiert werden, ansonsten kommt nur geistige Jauche aus
seinem Mund, Warren erscheint nur, um seine Sammlung geklauter Gegenstände zu
vergrößern (vom Süßstoff bis zur Pinnnadel greift der alles ab, als wäre der
Klassenraum ein einziger großer Wühltisch beim Sommerschlussverkauf), Maikel
hält es mit sich alleine schlecht aus und sucht nur aus diesem Grund unsere
Gesellschaft und René ist einfach so verpeilt und planlos, dass er eher aus
Versehen hier landet.
Jeder Tag ist damit aufs
Neue ein frustrierendes Unterfangen, jungen Menschen, die sich selbst längst
aufgegeben haben, irgendetwas in die müden Hirne zu meißeln und so zu tun, als gäbe
es eine Perspektive, ohne dass wir selbst erkennen könnten, wo diese ominöse Perspektive vergraben sein soll.
Und so gehen die Tage
dahin und die Arbeit mit den jungen Wilden macht einen so mürbe, dass man –um beim
Bild der Abdeckerei zu bleiben- abends tatsächlich des Öfteren über Notschlachtung
nachdenkt. Ob sich selbst oder die Jungs ist in dem Fall völlig egal.
Mein Teamkollege verkündet
mir gestern, dass er ab morgen als einzige Unterrichtsvorbereitung eine Zeitung
mitbringen wird, sich vor die Klasse setzten will und den Jungs sagen möchte: „Euch
kann man eh nicht unterrichten – da nutze ich die Zeit lieber fürs
Zeitunglesen.“ und wir fangen an, es uns in unserer wohlig-warmen
Desillusions-Blase richtig gut gehen zu lassen und beschreiben uns gegenseitig alle
Facetten des tief im Bauch sitzenden Frustrationsgefühls, als wäre es ein neu
erstandenes Picassogemälde.
Und so hätte es ewig
weitergehen können, wäre nicht heute Vormittag ein betagter Herr erschienen,
der den Unterricht meiner netten Lehramtsanwärterin begutachten wollte und der
in der anschließenden Besprechung ein klares Statement zu dieser Klasse abgibt:
„Ja, Unterricht mit denen ist sicher schwierig – aber das wussten Sie ja vorher
– sind eben Förderschüler. Und Sie sind schließlich hier alle ausgebildet, den
Unterricht dementsprechend kreativ umzugestalten und den Förderschwerpunkt in
die Unterrichtsplanung mit einzubeziehen. Weg vom langweiligen, wenig motivierenden,
negativbesetzten lehrerzentrierten Unterricht hin zu neuen, kreativen Methoden!
Deswegen kriegen sie ja auch A13 und nicht A12!“
Bums, das hat gesessen.
Tja, Herr Kollege. Da
müssen wir uns doch von unserem bequemen Jammer-Kissen nochmal erheben und
tätig werden. Irgendwie bin ich jetzt wieder angespornt. Nicht dass ich mir
bislang bei der Unterrichtsplanung keine Mühe gegeben hätte, aber
offensichtlich reichtedas noch nicht. Auf 2 weitere Schuljahre Abdeckerei habe
ich jedenfalls keine Lust. Dann bauen wir lieber alles um, errichten ne nette Pferdekoppel
und ansprechende Ställe, hängen kurz über den Horizont eine versöhnlich-rotschimmernde
Sonne, streuen ein bißchen vitalisierendes Kraftfutter in die Mitte und
schenken unseren verkümmerten Ackergäulen ein tolles Restleben auf einem idyllischen
Gnadenhof. Irgendwas muss doch noch machbar sein, oder? Tod den Abdeckereien!!!
Es lebe der Pferdeflüsterer!
Mittwoch, 7. November 2012
Basar-Wahnsinn: Zwischen Windlichtern und Kochbüchern
Es ist wieder einmal so weit: Wie
alle zwei Jahre im Herbst steht unser Schulbasar bevor. Und obwohl der Termin
natürlich schon vor Ewigkeiten festgelegt wurde, trifft es die meisten von uns
wieder völlig unvorbereitet. Die Tatsache, dass wir gerade erst aus den
Herbstferien zurückgekehrt sind, macht es nicht besser. Jedenfalls weiß heute
keiner mehr, in welchem Anflug geistiger Umachtung wir uns auf dieses Datum
geeinigt haben.
Da ich nicht der Typ Lehrer bin, der sich gerne abends zu
Hause hinsetzt und in Serie Papierlaternen faltet, stehen diese noch
verbleibenden Schulvormittage ganz im Zeichen der Basarvorbereitungen. So haben
wir seit Ferienende noch keine „normale“ Unterrichtsstunde gehabt, aber wer
glaubt, dass wir es ruhig haben angehen lassen, der liegt total falsch. Es geht
bei uns drunter und drüber, was sich nicht gerade positiv auf mein Nervenkostüm
ausübt. Wenn das alles überstanden ist, bin ich um Grunde schon wieder
ferienreif.
Jede Klasse, die ich bisher in meiner Lehrerlaufbahn
hatte, hatte ja für sich genommen ganz unterschiedliche Stärken und Schwächen
und wahrscheinlich ist es auch total ungerecht sie zu vergleichen. Aber eines
steht fest: So einen talentfreien Haufen wie in diesem Jahr hatte ich noch nie.
Das sieht man natürlich auch unserer Ware an, die wir am Samstag zum Verkauf
anbieten werden. Aber einen Teufel werde ich tun und meine kostbare Zeit damit
verbringen, selbst noch mal bei den Machwerken meiner Schülerlein Hand
anzulegen. An meinem Stand wird es nur Dinge geben, die 100% von freilaufenden
Förderschülern stammen. Unsere finanziellen Ausgaben werden wir so zwar kaum
wieder reinbekommen, aber darum geht es ja wohl auch kaum.
So bekleistern wir Trinkgläser mit
Transparentpapierschnipseln, verzieren Notizblöcke mit Kartoffeldruck und
filzen Weihnachtsbaumanhänger. Die runtergefallenen Gläser, verschnitzten
Kartoffeln, zerknickten Blöcke und – last but not least – abgebrochenen
Filznadeln darf man später in der Kostenkalkulation natürlich nicht mit
aufführen, wenn man nicht in tiefe Depressionen verfallen möchte.
Doch der eigentliche Knüller in unserem Sortiment sind die
Kochbücher, die wir in Kooperation mit Frau Seltsam erstellt haben. Alle
Rezepte, die die liebe Frau Kollegin in den letzten hundert Jahren mit den
Schülern nachgekocht hat, sind hier zu einem literarischen Meisterwerk
epochalen Ausmaßes zusammengefasst. Die von Frau Seltsam kopierten Einzelseiten
(ein Buch hat 90 Seiten) lagen, als ich am Montag aus den Ferien kam, auf
meinem Pult – sozusagen als stummer Impuls. Daraus Bücher zu machen, war nun
meine Aufgabe bzw. die meiner Schüler. Und da glaubt man gar nicht, was trotz
intensiver Einweisung und lückenloser Kontrolle alles schief gehen kann.
Denn immerhin müssen mit der Schneidemaschine, dem Spiralbindungsgerät und dem
Laminator (für die Deckseiten) drei technisch hochanspruchsvolle Apparaturen
bedient werden.
Die Schwierigkeit Nr.1 bestand darin, dass das fertige
Buch im A5-Format vorliegen sollte, der Kopierer aber immer zwei A5-Seiten auf
einem A4-Blatt ausgegeben hatte. Diese Blätter mussten nun – GENAU auf der
Hälfte! – durchgeschnitten werden, wodurch zwei Papierstapel entstanden: Einer
mit den geraden, einer mit den ungeraden Seitenzahlen. Aus diesen zwei Stapeln mussten nun einer
gemacht werden, was ich mir in der Religionsstunde mit der Abschlussklasse von
Frau Großstädter vornahm. Nachdem wir den Zweck und die Funktionsweise von
Seitenzahlen besprochen hatten, machten sich die angehenden
Förderschulabsolventen daran, die Blätter zu sortieren. Dabei kam es, sagen wir
mal, zu recht kreativen Auslegungen unseres Zahlensystems, so dass ich später
meine Viertklässler alle Stapel noch einmal durchsehen lassen musste.
Entsprechend sahen die Seiten schon bevor sie überhaupt zu einem Buch
zusammengefügt wurden aus, als sei eine Elefantenherde darüber getrampelt.
Als nächstes mussten nun die Deckseiten laminiert werden,
dies war der Job von Marvin. Mit Feuereifer ging er an die Arbeit, denn alles
was Schalter und leuchtende Lämpchen hat, übt auf ihn eine magische
Anziehungskraft aus. Nun weiß ich nicht mehr genau, wie viele unterschiedliche
Möglichkeiten Marvin fand, die Folien in das Gerät einzuführen, ich kann aber
mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass etwa die Hälfte aller Versuche einen Stau
zur Folge hatte, bei der die Folie gänzlich im Gerät verschwand.
Die dritte Station der Produktionskette war dann das Gerät
für die Spiralbindungen, das heute von Pascal und Elisa bedient wurde. Im
Grunde funktioniert dieses Monstrum wie ein großer Locher. Man legt einen Stapel
Papiere – links und hinten bündig! – ein und legt mit viel Schmackes einen
Hebel um, wodurch auf der eingelegten Seite eine Reihe kleiner Löcher gestanzt
wird. Hier wird dann später eine Plastikspirale eingefädelt. Vor allem die
Sache mit dem bündigen Anlegen war den beiden Locherkönigen schwer zu
vermitteln, auch die Tatsache, dass immer die linke Seite eingelegt werden
muss, geriet immer wieder aus dem Gedächtnis. Immerhin haben wir jetzt etwa 15
Exemplare fertig und jedes einzelne ist ein echtes Einzelstück. Alle sehen aber
ungefähr aus wie die Häuser von Numerobis, dem ägyptischen Architekten aus dem
Asterix-Comic.
Ich selbst war währenddessen ständig um eine direkte
Kontrolle aller Produktionsschritte bemüht und betreute zeitgleich noch die
filzenden, druckenden und klebenden Schüler. So sprang ich daher dauernd im
Klassenraum hin und her, was ich mir eigentlich nach meiner zweiten
Staatsprüfung geschworen hatte, nie wieder zu tun. Nebenbei klärte ich noch einen Fall von Handydiebstahl, ging dem Grund
für Daniels schlechte Laune auf den Grund, kämpfte gegen das ständig um sich
greifende Chaos im Klassenzimmer an, versorgte meine blutende
Schienbeinverletzung, die ich mir bei einer Schulhofklopperei zugezogen hatte
und vertrieb die Nervensägen auf der Idiotenrennbahn vor meinem Klassenfenster.
Um 13 Uhr erreichte ich mit letzter Not die rettende
Lehrerlounge – der Reiter lebt, das Pferd ist tot. Am Samstag werde ich dann
lächelnd hinter dem Verkaufsstand stehen und auch ganz freundlich zu denjenigen
Basarbesuchern sein, die alles „wunderschön“ finden aber dann doch nichts
kaufen. Glück auf!
P.S. Den Orden des Tages hat die neue Putzfrau
verdient! Als ich am Nachmittag noch einmal in meine Klasse ging, um das Chaos
des Vormittags zu beseitigen, hatte sie nicht nur – wie ihre Vorgängerinnen –
drumherum gewischt, sondern alles ordentlich aufgeräumt. Ich war den Tränen
nahe! Vielleicht schenke ich ihr ein Windlicht.
Mittwoch, 17. Oktober 2012
Wohlstandsprobleme erfordern Wohlstandsmaßnahmen
Heute Morgen am Telefon im Lehrerzimmer:
„Guten Morgen, Frau Ogg! Hier spricht Wischniewsky! Frau Ogg – Bei uns Zuhause herrscht große Aufregung. Die Ballettschuhe meiner Tochter sind unauffindbar. Wir vermuten, dass sie sie in der Schule vergessen hat.“ Frau Ogg: „Oh, die Ballettschuhe sind weg? Hm……“
Die Kollegen, die in Frau Oggs Nähe im Lehrerzimmer sitzen und eben noch in
die allmorgendlichen Vorbereitungen vertieft waren, heben erstaunt die Köpfe
und lassen ihre Scheren, Stifte, Klassenbücher, Kaffeetassen sinken. Wie bitte?
Hat da wirklich gerade eine Mutter angerufen, deren Tochter BALLETTSCHUHE
besitzt? Keiner kann sich erinnern, dass bislang jemals das Wort „Ballettschuhe“
unter unserer Schülerschaft gefallen wäre. Ein Utensil, das bei uns keiner
kennt. Pah – „Ballettschuhe verschwunden“ ---was sind das denn für
Wohlstandssorgen? Soweit kommt´s noch, dass morgen die nächste Mutter anruft
und sich beschwert: „Mein Sohn hat die Violine bei Ihnen in der Schule stehen
lassen und nun kann er Zuhause nur Harfe üben“. Oder: „Unser Junior ist gerade
heimgekommen und wir mussten feststellen: Das Neuner-Eisen hat einen Kratzer!“
Nein, man kann unseren Schülern ja beileibe viele Probleme andichten, aber DAS
sind Nöte, die unsere Schüler wahrlich nicht kennen. Gott sei Dank!
Und weil wir keine Schüler mit dererlei Wohlstandssorgen haben, wäre es
auch nicht angemessen, ihnen mit den gängigen Wohlstandsmaßnahmen zu begegnen,
wie sie an den benachbarten Kaderschmieden der künftigen Bildungselite gerne praktiziert werden: Tadel, Klassenbucheinträge,
nach 3 Klassenbucheinträgen Brief an die Eltern und wer nicht perfekt
funktioniert, purzelt aus dem goldenen Bilderrahmen des dreigliedrigen
Schulsystems heraus und versinkt in den Förderschuluntiefen! Das Wort „Tadel“
versteht bei uns eh keiner, „Klassenbucheinträge“ wären etwa so wirksam wie dem
Papst ein Verhütungsmittel zu verschreiben und „Gespräche zu denen die Eltern
eingeladen sind“ haben unsere Schüler sowieso schon alle hinter sich. Deswegen
sind sie ja hier ----weil genau dieser bunte Strauß an pädagogischen Nettigkeiten
das in den Brunnen fallende Kind vom Ertrinken nicht retten konnte.
Is ja auch logisch: Wie soll ein Blumenstrauß das Wasserschlucken eindämmen?
Bei uns ist völlig klar: Wenn ein Kind ertrinkt – wirf ihm einen Rettungsring
zu!
Oder anders ausgedrückt: Finde den pädagogischen Schraubenschlüssel, der
zur Kragenweite des ABC-Schützen passt.
Und so werden wir nicht müde, uns passgenaue Maßnahmen aus den Fingern zu
saugen, mit denen wir das Verhalten der kleinen Quälgeister irgendwie positiv
beeinflussen können:
Sehr beliebt sind paradoxe Interventionen:
Ich erinnere mich da an das lebende Phlegma Chris, der vor ein paar Jahren
in die Klasse von Herrn Black und mir ging. Dem war wirklich alles zu
anstrengend. Gearbeitet hat er grundsätzlich nie, einen Stift rauszuholen,
hielt er für eine Zumutung und als ihm schwante, beim Mülleimer leeren könnten
Muskeln entstehen, widersetzte er sich auch da. Alleine – es bliebt uns ein
Rätsel, was ihn bewog weiterzuatmen!
Während seine Mutter und zahlreiche Lehrer an vorherigen Schulen mit
Verbissenheit und Superman-Power versuchten ihn anzuspornen, ihn schüttelten,
ihm im übertragenen und reellen Sinne in den Hintern traten und sich völlig
aufzehrten, während Dickhaut Chris sich noch entspannter zurücklehnte und
seinen Hintern genüsslich auf dem warmen Holzmöbel plattsaß, verfuhren wir ganz
anders: Eines Morgens stand ein großer, rotgepolsterter Ohrensessel, der aus
den Restbeständen König Alfons des Viertel vor Zwölften hätte stammen können,
in der Klasse. Und auf diesem Thron durfte sich Chris ausruhen. Keinen Finger
durfte er mehr krumm machen. Die Klasse und alle Lehrer huldigten seiner
Hochwohlgeboren. Arbeitsblätter wurden ihm erst garnichtmehr ausgehändigt,
wollte er essen, dann nur indem er gefüttert wurde –und auf den Pausenhof
durfte er natürlich auch nicht – man bedenke alleine das Treppensteigen und dann
der ganze Pöbel, der sich dort rumtreibt. In den Pausen wurde der Thron mit
Chris drauf einfach in den Vorraum geschoben und da konnte er dann der Sanduhr
beim Rieseln zuschauen, bis sich seine Gefolgschaft nach der Pause wieder
blicken ließ.
Es dauerte keine 2 Tage, da hatte der kleine Prinz von dieser Sonderrolle die
Schnauze gehörig voll. Er wollte behandelt werden wie die Anderen und nicht wie
ein rohes Ei in Watte. Am dritten Tag fing Chris an zu arbeiten….. Na, wer sagt´s
denn.
Ein Ableger der paradoxen Intervention sind Symptomverschreibungen:
Da hätten wir zum Beispiel Ryan. Ryan motzt und schimpft den ganzen Tag,
was das Zeug hält. Er regt sich über jede Kleinigkeit auf, legt die Stirn in
Falten und lässt seinem bildgewaltigen Wortschatz freien Lauf.
Ryan ist auch ein rechter Schwarzmaler --die Reinkarnation von Nostradamus
in Bluejeans und Sweatshirt. Er sieht stets einen nicht zu bewältigen Berg
Hausaufgaben auf sich zukommen, während der Lehrer noch nicht mal sicher ist,
ob es heute überhaupt Hausaufgaben gibt. Ryan vermutet schriftliche
Zusatzarbeiten, die der Lehrer nie im Sinn hatte. Und Ryan ist schon im Vorfeld
überzeugt davon, er werde bestimmt gleich ungerecht beurteilt werden, wo der Lehrer
von Benotung noch nicht mal geträumt hat. Das ist Ryan. Und jede Prophezeiung
ist von einer ausufernden Motzattacke belgeitet.
Nun werden wir einen Teufel tun und das hoffnungslose Unterfangen
einleiten, Ryan von diesen Schimpftiraden abzubringen. Wie heißt es schon so
schön im Lorenz´schen Handbuch der Zoologie: „Mach den Rohrspatz nicht zur
Singdrossel!“ –klau ihm nicht seine Bestimmung. Und so darf Ryan weitermotzen! Er
DARF nicht nur - er MUSS sogar. Und zwar genau einmal pro Unterrichtsstunde!
Das ist ein Befehl! Nicht mehr, aber auch nicht weniger!
Der Effekt: Ryan fängt an, seine Motzattacken bewusster wahrzunehmen. Er
reflektiert sich selbst und er teilt sich seine „Symptome“ besser ein.
Wohl dosiert in kleinen Häppchen lässt es sich dann auch für die Umliegenden
besser ertragen. Bald werden wir sicher den nächsten Schritt einleiten können: „Ich
motze 1 Mal pro Doppelstunde!“.
Ein sehr wirksames Mittelchen, quasi die Chemiekeule in unserem bunten Putzmittelarsenal
der pädagogischen Möglichkeiten ist die Methode „die Sprache des Schülers
sprechen“:
Dies eignet sich besonders gut bei Schülern, die den Sankt-Gotthard-Tunnel
in ihrem Hirnstüberl nur in eine Fahrtrichtung geöffnet haben und die pädagogischen
Vorträge, Anraunzer, Schimpftiraden oder nachdrücklichen Aufforderungen von
unserer Seite einfach nur so durchrauschen lassen. Manchmal ist nicht nur im
auditiven Kanal Sackgasse, sondern selbst Blickkontakt lässt sich nicht
herstellen. Begegnungen mit solchen Schülern empfinde ich persönlich als
besonders nervenaufreiben und anstrengend. Und meinen Kollegen wird es nicht
viel anders gehen. Denn wenn unsereins –also Knigge-Allmächtig- eins nicht
abkann, dann das Gefühl mit samt seiner wertvollen Marionettenstrippen, die er
so gerne in der Hand hält, ausgeknockt zu werden und die volle Ohnmacht seines
lächerlichen Tun und Treibens zu spüren bekommen.
Will man üben, in solchen Momenten den Sankt-Gotthard-Verwalter doch noch
zu erreichen, dann eignet sich die Klasse des Kollegen Mei ganz hervorragend,
denn dort ist quasi das Sammellager für die „Unantastbaren“. Ein besonders
hartnäckiger Fall ist Steffen. Der ist mit seinen zarten 13 schon ein
derartiger Koloss, das Kollege Mei angeregt hat, überprüfen zu lassen, ob die
Geburtsurkunde nicht doch eine Fälschung ist und der Gute vielleicht eher 17
Lenze zählt. Steffen ist so groß wie Kollege Winzig und Kollegin Klein
aufeinandergestapelt und wiegt so viel wie ein Sumoringer. Es ist also völlig
klar: Wenn der nicht hört, dann wird er auch nicht fühlen ----den trägt man
nicht mal eben so aus dem Klassenraum.
Situationen in denen man Steffen verbal nicht mehr erreicht und er etwa so
gut steuerbar ist, wie ein entfesselter Fesselballon, sind leider an der
Tagesordnung. Gestern zum Beispiel verweigerte er die Teilnahme am Unterricht
und verbarrikadierte sich im angrenzenden Förderraum. Dort stapelte er in einem
ohrenbetäubenden Lärm viele kleine Tische aufeinander, jonglierte sie mit
seinen Riesenpranken durch die Gegend, drehte sie mit den Tischplatten nach
vorne und entwarf eine Art modernes Kunstwerk, hinter das er sich verschanzte.
Dahinter liegend gab er laute Schießgeräusche von sich, die sich dank seines
stattlichen Resonanzkastens zu einem grollenden Donnern empor schraubten. Bei
uns im Klassenraum kam der Unterricht zum Erliegen. Die Lärmbelästigung war
einfach zu groß. Ich suchte das Gespräch mit Steffen, aber der hörte mich gar nicht.
Da half kein Wettern, kein Schreien, kein Flüstern, kein Schimpfen. Steffen war
ganz in sein Kriegsspiel vertieft. Offensichtlich lag er in einer Art Schützengraben
hinter einem Schießstand und schoss durch kleine Schlitze zwischen den
Tischplatten auf einen imaginären Feind. Ich wägte kurz ab, wie lächerlich ich
mich nun gleich machen würde, falls ein anderer Schüler mich beobachtete, nahm
dann Anlauf, tat einen Satz, der meinen alten Sportlehrer –Gott hab ihn selig-
stolz gemacht hätte, landete unsanft hinter der Tischburg, ließ mich auf die
Seite fallen und rollte über meine Längsachse bis an Steffen heran. „Wer ist
unser Feind, Steffen?“ Antwort: „Fräulein Leandros ist unser Feind!“ Juhu – ich hatte eine Antwort bekommen. Also
gleich noch einen nachlegen: „Welche Waffen stehen uns zur Verfügung?“ „Diese
hier!“ Und Steffen zückt eine Kellogg´s Packung mit Choco-Balls und gemeinsam
schossen wir auf einen Feind der nicht da war. Ich versuchte das Gespräch im
Schützengraben aufrecht zu erhalten und irgendwann konnte ich den Kadetten
überzeugen, dass die Front nun weitergerückt war und wir hinterher mussten. Und
wir verließen gemeinsam den Klassenraum Richtung Schulhof. Der Rest der Klasse
hatte seine Ruhe.
So – jetzt erzählen Sie mal einem handelsüblichen Gymnasiallehrer, er soll
so ne Maßnahme durchführen. Glauben Sie, der macht sich so zum Horst? Ne ne,
aufs Lächerlichmachen haben WIR das Monopol. Aber was soll´s – wenn´s wirkt??!
Und ganz ehrlich und mit einer angemessenen Portion Zerknirschtheit muss
ich zugeben: Wir hingegen hätten vermutlich keine Ahnung, wie man Situationen
löst, in denen es um verschwundene Violinen, Katzer im Neunereisen und
zerknautsche Tütüs geht. Da ist es doch gut, dass die Singdrosseln das machen,
was sie am besten können: Singen und die Rohrspatzen eben röhren. Und so hat
jeder seine Bestimmung in der artenreichen Vogelvolière der Pädagogik.
Freitag, 12. Oktober 2012
Hier stehe ich. Ich kann nicht anders: Neuigkeiten aus dem Bundesbrechreizministerium, der Kaderschmiede für den Schulnachwuchs
Liebe
Gemeinde, liebe Gemeindinnen,
gleich
zu Beginn der Lektüre werfe ich Euch einen pädagogischen Knochen hin, denn in
dieser kleinen Feldpost ist ein gutes und richtiges und wichtiges Lernziel- und
kompetenzorientiertes Aufgaben- Bonbon eingebaut:
Bitte
alle Produkte aus dem Handwerkskoffer der Phrasendrescherei finden, rot
unterstreichen, abschreiben und, sofern nicht längst geschehen, in den aktiven
Wortschatz einbauen. In Partnerarbeit vertiefen, in Gruppenarbeit erproben,
diskutieren und reflektieren. Und bitte ein Plakat zur Präsentation erstellen.
Oder einzelne Phrasen pantomimisch darstellen. Oder tanzen. Oder sich direkt
ins Bad begeben und übergeben. Wer alle Phrasen findet, darf sich 5,- € aus dem
imaginären Phrasenschweinderl nehmen und sich ein Pilsli davon gönnen. Die
laminierte Urkunde wird nachgereicht. Spätestens am 35. Mai. Wer den
Arbeitsauftrag selbstständig bearbeitet und die Ergebnissicherung nachhaltig
betrieben hat, wird auch weiterhin keine Probleme haben, den Anforderungen des
Schulalltags konstruktiv und gelassen und kompetent die Stirn zu bieten. Wer
glaubt, sich damit auch in den Veranstaltungen des Bundesbrechreizministeriums,
kurz BBM, ganz wacker durchschlagen zu können, irrt sich gewaltig.
Denn
eben dort ist es wie bei Akte X: die Wahrheit ist irgendwo da draußen und
selbst die Verschleierungstaktiken und weitreichenden Verschwörungen des FBI,
des Pentagon und des CIA sind transparenter und in der Konsequenz schlüssiger als
die Leistungsanforderungen und erwünschten persönlichen Voraussetzungen und
Fähigkeiten, die das BBM verlangt. Seit Beginn der Anwärterzeit werden den LiVs
gebetsmühlenartig die immer selben Handlungsanweisungen eingeprügelt:
Lernausgangsvoraussetzungen beachten. Lernziele genau definieren. Transparenz
im Ablauf und bei den Lernzielen. Alles gut und richtig und wichtig, allein:
mir fehlen die BBM- Vorbilder. Die Monologe, pardon, Arbeitsaufträge, der PM-
Leitung ähneln einer ausgedehnten Kneipentour durch Linden. In irgendeiner
Bumsbude, völlig schnuppe, wo, ist der Anfang. Da wird dann geschwurbelt und
sich warmgemacht, bis man dann im Laberfahrwasser ordentlich Schmackes hat,
etwa 100 Knoten, und eine Sülzschleife nach der anderen zieht und irgendwann
irgendwo in einem dunklen, schmuddeligen, schummrigen und miesen Pestloch von
Hafenkneipe landet, wo man leider, berauscht von der eigenen Eloquenz, natternbreit
vom Barhocker fällt, sobald man dann die Steinkeule über den Kopf bekommt:
„Ähm,…..es ist mir auch angemessen peinlich, aber,…ich hab die Frage nicht
verstanden…“ Eine solche Nachfrage muss denen, die täglich ein Kerzlein auf dem
Altar der Merkmale guten Unterrichts entzünden, wie die Mutter der
Provokationen vorkommen. Ich bin doch PM- Leitung, warum verstehen studierte,
angehende Lehrer und Lehrerinnen meine Arbeitsaufträge nicht? Und wieso ist
nicht klargeworden, worauf die wunderbare Gruppenarbeit hinauslaufen soll?
Rätselhafte Rüttelung am Thron der pädagogischen Unfehlbarkeit. Entsprechung
schmallippig fallen dann auch „weiterführende“ Hinweise aus, der Ruf der
Fragenden ist ruiniert, was soll’s, das ist mir schon öfter passiert. Und klar
ist indes auch: Das PS ist ein Wasserkopf, der offenbar nur installiert worden
ist, um den Kontrast zwischen Schule und Seminar noch zu verstärken. In der Uni
hatte ich öfter Erscheinungen von einer riesigen ätherischen Sanduhr, die in
Vorlesungen und Seminaren ganz oft über meinem Kopf hing und ich ganz deutlich
sehen konnte, wie meine kostbare Lebenszeit blibblibblibb davonrieselte. Seit
Februar habe ich diese Erscheinungen wieder ganz regelmäßig, und zwar stets
Dienstag und Mittwoch. Ich habe jedoch auch noch eine andere Vision, nämlich
die, in der ich herausbekomme, wo die PS- Leitung ihren Lachyoga- Kurs
absolviert hat und ich auch einen mache. Dann werde ich einfach ganz gelassen zurücklachen.
In
einer ganz anderen Kampfklasse spielt man in einem anderen Seminar. Dort gibt
man sich redlich Mühe, nicht nur professionell, sondern auch möglichst kühl und
distanziert aufzutreten. An der Professionalität gibt es (immerhin!) nichts zu
meckern, aber der Ton macht ja stets die Musik und der Habitus kann auch die
Freude über gute Seminarinhalte zerstampfen, so dass man sich über jede Minute
freut, die man nicht gemeinsam verbringen muss. Und wenn dann für bestimmte
Seminarthemen mal „ganz nette Kollegen“ eingeladen werden, die ganz toll über
ein bestimmtes Sozialtraining referieren können, ist man doppelt froh. Dass die
gebotene Einführung ins Thema wenig mehr bot als die recht ausführliche
Einführung der Handreichung: geschenkt. Dass die sich anschließende
Gruppenarbeit eine Gruppe hirnamputierter Nacktmulle in ihrer Intelligenz
beleidigt hätte: geschenkt. Aber das Schlimmste sind eigentlich die jungen,
gaaanz tollen, referierenden Kollegen selbst: junge männliche Lehrer, die irgendwo im
luftleeren Raum zwischen sub-cooler Lässigkeit und Professionalität hängen
geblieben sind und hin und her switchen. Wenn da so ein junger Mann in
Outdooruniform, rotgesichtig vom schnellen Radeln, in den Seminarraum donnert, böse
guckt und gaaanz lässig, durchwirkt von der gezwungenen Jungmännerlässigkeit, „Moooooin!“
in den Raum röhrt, weil er denkt, dass junge Männer, die in jeder Gegend
Deutschlands zu jeder Tages- und Nachtzeit andere Menschen, vorzugsweise andere
junge Männer, gern mit Wacken- T- Shirts, mit „Moin!“ begrüßen, arschcool sind,
habe zumindest ich das akute Bedürfnis,
mein Täschlein zu nehmen und Wehen vorzutäuschen, damit ich rasch gehen kann. Das
angestrengte Bemühen, in einem so unmännlichen Sektor wie der Pädagogik seine
Männlichkeit zu beweisen, bringt diese Typen ja leider dazu, mit dickeren Eiern
durch die Gegend zu marschieren als die Hellsbengelstürsteher am Steintor. Aber
das kann natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie ja eigentlich gaaanz
liebe Kerle sind, echt dufte Kumpel mit ner echt coolen Quatsche, die aber voll
die krassen Profis sind. Die echte Beziehungsarbeit an den Jungs leisten und
das gut und richtig und wichtig finden. Weil, es ist ja echt total wichtig,
dass die ein positives männliches Rollenvorbild haben, die Dschunnngs, und es
müssen „Verdammp noch ma“ mehr Männa inn den Dschob!“ Ja. Genau. Unbedingt. Das
sehe ich wirklich auch so, aber dann bitte nicht nur solche Pfeifen wie ihr. Am
Ende der Sitzung bin ich so erleichtert wie jeden Mittwoch um diese Zeit. Und
murmele wie jeden Mittwoch um diese Zeit innerlich vor mich hin: „Sei dankbar,
Du könntest jetzt auch im Laden XY stehen bis 20.00! Oder bei VW am Band
stehen. Oder bei Edeka an der Schlachte. Oder bei Salon Haargenau hinter einer
mäkeligen Oma mit fettigen Haaren, die ne saure Welle will. Oder….
Nun,
alles hat ein Ende, nur die Wurst hat bekanntlich zwei. Und wenn das Ende des
Referendariats erreicht ist, werde ich mir ordentlich einen löten. Mit ganz
männlichen Schnaps. Darauf ein Likörchen!
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