Mittwoch, 27. Juni 2012

Uff! Fuck! Ah! Scheiße!

Ich habe einen neuen Schüler in der Klasse. Daniel. Daniel ist neun Jahre alt und hat ungefähr die Figur von Dirk Bach. Er ist einer dieser kleinen Ödipusse, die von Mama vorne und hinten bedient werden. Wenn Daniel zu Hause etwas nicht will, dann wird er bockig und dann muss er nicht - und wenn er etwas will, dann schreit er rum und kriegt es sofort. In der Schule versucht er es natürlich genauso. Aber so etwas sind wir ja gewohnt. Viel schlimmer sind die Zeiten zwischen seinen Ausrastern. Die unterlegt er nämlich durchgängig mit einem unglaublichen Geräuschpegel. Wenn er sein Matheheft rausholen und aufschlagen soll, dann stönt er wie Monica Seles, wenn sie in Wimbledon zum Tie-Break aufgeschlagen hat. "Uff! Oh! Ahh! Schnauf! Uff! Puuh!" So geht das die ganze Zeit. Auch wenn er seinen Bleistift anspitzen muss oder das Lesebuch umblättert. Als würde er Hinkelsteine um die Schule schleppen. Man müsste das mal aufnehmen, das Band könnte man an Teresa Orlowski verkaufen, die könnte damit ihre Filme unterlegen. Aber nicht nur, dass die einfachsten Tätigkeiten für ihn körperliche Schwerstarbeit sind, nein: Dabei geht auch ständig irgendetwas schief. Der Trinkbecher kippt um, der Bleistift bricht ab, der Kleber ist überall nur nicht auf dem Bastelbogen. Es gibt so Anzüge, die bei der Ausbildung von Altenpflegern eingesetzt werden, mit deren Hilfe man nachempfinden kann, wie sich ein 90jähriger fühlt - man ist in seinem Seh- und Hörvermögen und vor allem in seiner Motorik eingeschränkt. Genau so einen Anzug bräuchte man auch, um sich in Daniel einfühlen zu können. Ständig passiert ihm also irgendein Malheur, was dazu führt, dass er sein Stönen und Ächzen andauernd mit Flüchen und Schimpfwörtern garniert - als hätte er das Tourette-Syndrom. Alles zusammen genommen hört es sich dann so an: "Uff! Oh! Fuck! Stöhn! Alter! Schnauf! Ahh! Oh! Kacke! Uff! Oh Mann! Scheiße! Puuuh!" Und so weiter und so fort. Den ganzen Vormittag. Ohne Unterbrechung. Jetzt seit zwei Wochen.
Natürlich haben die anderen Schüler Daniel schon längst auf den Kieker. Sie sind total abgenervt von diesem Soundteppich. Aber seit heute weiß ich die Lösung des Problems! Heute war nämlich Bastelstunde und weil ich gute Laune hatte, haben wir das Radio angemacht. Außerdem dachte ich, dass ich damit von den gegenseitigen Provokationen und Beleidigungen meiner Schüler nicht so viel mitbekomme. Jedenfalls hörten wir nun also RTL-Radio und siehe da - Daniel war ruhig! Gut, vielleicht auch deshalb, weil er nach Herzenslust mit Pappmaschee rummatschen durfte - aber bestimmt lag es auch daran, dass er akustiksche Berieselung hatte und sich folglich nicht selbst berieseln muss. Für morgen habe ich nun einen Plan geschmiedet: Ich nehme meinen alten Disc-Man mit in die Schule und beschalle Daniel den ganzen Tag über Kopfhörer mit leichter Unterhaltungsmusik. Wenn das gut klappt, habe ich schon eine Idee, als was er später mal Prkatikum machen kann: Als Fahrstuhlführer. Vereinzelt soll es das ja noch geben. Da kann er sich dann den ganzen Tag berieseln lassen. Aber wehe, es ist mal Stromausfall, der Fahrstuhl bleibt stecken und die Musik setzt aus. Dann geht es wieder los: "Oh, Fuck! Puuh! Ah! Scheiße! Uff..." Glück auf!

Freitag, 22. Juni 2012

Typologie im Freizeitpark


Um Herrn Bromseklötens Beispiel von der „Typologie am Badesee“ zu folgen, hier nun nach unserer Klassenfahrt die „Typologie im Freizeitpark“:
Da gibt es zum einen den Adrenalinjunkie, der sich bei uns in Gestalt von Jason zeigte. Der Adrenalinjunkie traut sich in jedes Fahrgeschäft, will immer in der ersten Reihe sitzen, ist der Pionier, der die neue Attraktion nach der Reparatur testen will, gibt sich dem Nervenkitzel ganz hin, macht keine Pausen, verschlingt seine mitgebrachte Stulle beim Warten in der Schlange, fährt die schlimmste Achterbahn am Schluss 10mal hintereinander und ist nach jeder Fahrt emotional am Überschäumen. „Geil, krass, hammer!“ sind die typischen Lautäußerungen.
Nicht verwechselt werden darf der Adrenalinjunkie mit dem Blutleeren. Dieser verhält sich zwar, was sein Engagement im Freizeitpark angeht, genauso, zeigt jedoch nicht die gleichen Gefühlsregungen wie sein Artverwandter. Den Blutleeren kann garnichts beeindrucken. Er fährt zwar mit jedem Fahrgeschäft, unterscheidet nicht zwischen Karussells und Free-Fall-Towern und ist ebenfalls stets der erste in der ersten Reihe    ---jedoch verzieht er beim Fahren keine Miene. Achterbahnen werden von ihm mit dem Qualitätssiegel „normal“ etikettiert, der Technik wird soweit vertraut, dass die Fahrten im besten Falle „ganz nett“ sind und seine Hingabe und Leidenschaft erinnert an die einer Moorleiche. Der Blutleere fällt durch die immergleiche Mimik auf und entspannt sich in der Hurricane-Drehscheibe, indem er gelassen die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Ein besonders schönes Exemplar dieser Kategorie ist unser Asperger-Autist Roger. Er verzieht nicht die kleinste Falte im Gesicht und wundert sich am Ende des Tages selbst: „Komisch – ich sehe auf allen Fotos gleich aus.“ Stimmt! – immer alles Roger eben!
Eine häufig in Freizeitparks anzutreffenden Spezies ist „das gewöhnliche Großmaul“. Das Großmaul prahlt im Vorfeld mit seinen Kenntnissen über jede Achterbahn, so dass man meinen könnte, er sei nicht nur schon 10 mal dort gewesen, sondern habe sie auch mitkonstruiert. Natürlich ist er sich sicher, dass er jedes Fahrgeschäft als erster besteigen wird. Hochmut kommt jedoch vor dem Fall und so ist zu beobachten, dass das Großmaul –vor Ort angekommen- erstmal um keine Ausrede verlegen ist, um sich vor jedem noch so winzigen Karussell zu drücken: „Ne, Free-Fall-Tower wie dieser hier liegen mir nicht so, ich spar meine Energie lieber für das Riesenrad auf!“ oder „Nachher fahre ich dann auf jeden Fall mit der Katapult-Achterbahn, aber jetzt muss ich erstmal was essen!“ oder „Nein, das runterfallen aus 80m Höhe ist für mich gar kein Problem, nur das Hochfahren mag ich nicht so gerne!“ Und so kommt es, dass das gewöhnliche Großmaul am Ende lange als Zuschauer dabeisteht und kleinlauter und kleinlauter wird. Erst auf den letzten Metern gelingt es dem Adrenalinjunkie Jason dann noch, den großmäulig-kleinlauten Niklas zumindest in die Kinder-Wildwasserbahn hinein zu bugsieren.
Ein weiteres Exemplar auf der bunten Wiese der Freizeitpark-Kreaturen ist der gemeine Fiesling. Der gemeine Fiesling fährt genauso gerne Achterbahn wie der Adrenalinjunkie, jedoch nicht zum Zwecke des Adrenalin-Pegel-Anstiegs. Er fährt Achterbahn nur mit dem Ziel seinen sadistischen Neigungen Ausdruck verleihen zu können. Der gemeine Fiesling tut sich gerne in der Warteschlange oder kurz vor Abfahrt der Achterbahn mit Sätzen wie „Haben Sie gelesen- das Herz von über 20Jährigen macht diese Fahrt in der Regel nicht mit!“ oder „Scheiße – mein Haltegurt ist kaputt!“ oder „Wir werden alle sterben!“ hervor und macht damit den mühsam aufgebauten Wagemut mit einem Schlag zunichte. Frohlockende Laute gibt der gemeine Fiesling besonders dann von sich, wenn sein Opfer die Warteschlange durch die Notausgangstür fluchtartig verlassen hat. So ist auch in unserm Fall Mirko seinen Mitfahrern ein Dorn im Auge und jeder meidet es, in der Achterbahn in seiner Nähe zu sitzen.
Und zu guter Letzt gibt es da noch den Beseelten. Dieser erlebt im Freizeitpark seine ganz persönliche Gefühlsachterbahn und ist immer aufs Neue damit beschäftigt sich zu überwinden und die Herausforderungen anzugehen. Dem Leitsatz folgend „Mut meint nicht das Gegenteil von Angst, sondern das Überwinden der Angst“ sieht er dem Schrecken immer wieder ins Gesicht. Er verstellt sich nicht und gibt authentisch und in Echtzeit Auskunft über sein Befinden. „Scheiße, ich zitter voll! Boah – ich hab echt Angst. Ich glaube ich kotze gleich! Kacke, ist das hoch!“ Aber hinterher ist er stolz wie Oskar – und selbst dann noch gefühlsecht: „Ich wollte nicht schreien, aber ich habe geschrien und –oh Mann – ich habs geschafft! Geil!“ Prinzipien hat er trotzdem und steigt nicht in jedes Gefährt. Er kennt seine Grenzen und freut sich, wenn er einige davon überschreiten konnte. Nebenbei hat unser Exemplar Nic noch Zeit, Mitfahrer zu beruhigen, Feiglinge zu ermuntern und Magengeschädigte zu bemuttern. „Frau Samstag, Sie schaffen das – ich habe auch Angst – das ist normal!“ Und so geht ein schöner Tag voll bemerkenswerter Paradiesvögel im Freizeitpark zu Ende.

Kleine Helden


„Ein Held (griechisch ρως hrōs, althochdeutsch ´helido´) ist eine Person mit besonders herausragenden Fähigkeiten oder Eigenschaften, die sie zu besonders hervorragenden Leistungen, sog. Heldentaten, treiben. Heldentaten beinhalten Mut, Opferbereitschaft und die Fähigkeit zur Selbstüberwindung. Am Anfang der Heldentat steht immer die Möglichkeit des vollständigen Scheiterns.“
…so die lexikalische Umschreibung des Begriffes „Held“.
Dass sich da unweigerlich Bilder von muskelbepackten, todesmutigen, schwitzenden, dabei jedoch blendend aussehenden Männern einstellen, ist selbstverständlich. Und besonders abends auf der Couch bewundern wir die Helden von „Troja“, „Herr der Ringe“ oder „Gotham City“ bei ihren Einsätzen.
Im Alltag  - besonders im Schulalltag- begegnen uns Helden in der Regel nie. Wo auch? Unter unserer Schülerschaft wohl kaum! „Heldentat Schulabschluss“??? Liegt in unerreichbar weiter Ferne!!!!

Rückblick:
„Frau Samstag, sind Sie sicher, dass wir das schon mal hatten mit x-Achse und y-Achse und so?“
„Oh Mann, wie geht nochmal malrechnen?“
„Adjektive sind Tu-Wörter, ne?“
„Bei „geteilt mit Rattenschwanz“ fängt man doch von hinten an, oder?“
„Pythagoras? Das war doch das mit dem Kreis, ne?“
„Ich soll hier erklären, was ein „Glossar“ ist. Das ist doch diese Stadt im Harz?“
„Ich soll eine Erörterung schreiben, welche Gründe gegen die Einnahme von Drogen sprechen – aber mir fällt jetzt echt nichts ein!“
„Inhaltsangabe? Kein Plan! Das haben wir doch noch nie gemacht!!!???!!!!“
„Ich scheiß auf die Hausaufgaben. Die bringen eh nichts.“
Alles Standardsätze in meiner Klasse.
Nur schade, dass wir uns 2 Wochen vor den Hauptschulprüfungen befinden.
Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht zusammenzucke. Empfindlich berührt von den Sätzen die mir den ganzen Abgrund des Unwissens deutlich machen, der da geballt vor mir sitzt. Und das, wo ich doch mit Sicherheit sagen kann, wir haben alles, aber auch wirklich alles durchgenommen, was das liebe Kultusministerium an kleinen Schmankerln für uns vorgesehen hatte! ISCHWÖRE!!!
Aber es bleibt einfach nichts davon hängen. Hirne wie Siebe!
Ein geistiger Tiefflug nach dem nächsten!
Und mir kommt der Verdacht, ich könnte von Flachpfeifen und Versagern umzingelt sein. Alles Nieten?
Doch immer, wenn diese dunkle Ahnung in mir wächst, da überzeugen mich die Jungs vom Gegenteil.
In Wirklichkeit stecken in ihnen wahre Helden mit einem erstaunlichen Talent zur Selbstüberwindung:

Der künftige Realschüler Roger gibt eine Erörterung ab, die aus genau 3 Zeilen besteht und mich erblassen lässt. Oh mein Gott – nicht mal der kann´s! Doch nach einer verzweifelten Schimpfkanonade meinerseits belehrt er mich eines besseren und liefert mir am nächsten Tag eine Erörterung ab, bei der jeder Gymnasiast einpacken könnte. Er muss Stunden daran gesessen haben!
Niklas, der mit Online-DJing und Musik-Mixen bereits sein eigenes Geld verdient, verkündet mir eines Morgens: „Frau Samstag- es hat mich echt Überwindung gekostet, aber ich habe meinen Turntable jetzt in den Keller geräumt und dort bleibt er auch bis nach den Prüfungen. Ich bin sonst einfach zu abgelenkt!“
Obwohl die Standardbekleidung meiner Schüler aus grell-bunten Jogginghosen besteht, überrascht mich Jason ein paar Wochen vor der Schulentlassung mit einer Jeans. „Sie haben ja recht, Frau Samstag – bei der Abschlussfeier kann man echt nicht in Jogginghosen kommen! Und eigentlich sind Jeans gar nicht so schlimm!“ Er sieht blendend aus und ist um Jahre gereift! Daraufhin beschließt auch Nic, am Nachmittag sein Glück bei NewYorker in der Innenstadt zu versuchen. Er kommt zwar am nächsten Tag wieder mit Jogginghosen, kann mich aber mit den Worten besänftigen: „Frau Samstag – Jeans sind echt scheiße – meine Eier haben da garkein Platz. Aber ich werde am Tag der Abschlussfeier ne Jeans mitbringen und mich dann kurz vor der Zeugnisvergabe auf dem Klo umziehen! Zufrieden?????“ Und ob ich zufrieden bin!
Nic ist es auch, der mich vorwarnt: „Frau Samstag, wundern Sie sich nicht, wenn ich am Tag der Prüfung entsetzlich nach Rauch stinke – aber ich brauche an dem Morgen sicher ein paar Kippen mehr zur Beruhigung!“ Ich freue mich, dass wenigstens einer einen Plan hat, wie er sich beruhigen kann und habe vollstes Verständnis!
Überhaupt ist Nic der heimliche Superheld dieses Abschlussjahrgangs. Keiner musste so viele Klippen meistern wie er. Ebenfalls Nic: „Frau Samstag, ich weiß nicht wie ich das alles schaffen soll: Die Hausaufgaben, die Sie mir aufgeben und dann noch Zeit zum Onanieren haben.“ Wir überlegen gemeinsam, wie er dieses Problem lösen kann und er sichert mir zu, bis zur Prüfung nur noch einmal pro Tag zu onanieren! Danke!!!
Überraschend wird das Dilemma für ihn dann jedoch noch schlimmer: Nic verknallt sich in Jacqueline und plötzlich ist Onanieren gar nicht mehr das Wichtigste……… Dafür Sex. Verdammt – warum konnte diese Trulla nicht  erst ein paar Wochen später auf der Bildfläche erscheinen? Nic kann an nichts mehr Anderes denken – sein Engagement für die Prüfungen schleudert dem Tiefpunkt entgegen. Im Unterricht ist er nur noch körperlich anwesend, oder manchmal sogar das nicht mehr, denn Nic verschwindet gerne und oft aufs Klo. Daraufhin Niklas: „Nic, komm raus da – kacken kannste am Wochenende!“ Antwort von drinnen: „Ne, da hab ich keine Zeit zum Kacken – da muss ich ficken!“ In der Erdkundestunde zwischen Treibhauseffekt und Klimaerwärmung meldet er sich dann doch. Leider nicht zum Thema. Er eröffnet mir stotternd, dass er und seine Freundin gestern einen riesigen Fleck auf seiner Matratze hinterlassen hätten und da dieser von den Eltern nicht entdeckt werden sollte, hat er einfach ein Glas O-Saft darüber gekippt. Jetzt stinkt die ganze Chose und er fragt mich, ob ich einen heißen Tipp für ein Reinigungsmittel hätte, mit dem er den Fleck wieder rauskriegt. Der Unterricht kommt kurzzeitig zum Erliegen.
Nach der Sache mit dem peinlichen Fleck und dank eines ausgeklügelten Lernplans, ist dann auch Nic wieder in der Lage, sich auf den Abschluss zu konzentrieren. Doch schon naht das nächste „Seeungeheuer“ in Form von randalierenden Alkis auf dem Marktplatz in Nics Heimatdorf. Einer von ihnen dreht nachmittags völlig durch, und schlitzt sich die Pulsadern mit einer Bierflasche auf. Nic, der zufällig in der Nähe ist, fackelt nicht lange, reißt sich sein T-Shirt vom Leib, bindet die Blutung ab, organisiert noch schnell ein Handy von einer anwesenden Mutter und verständigt Polizei und Notarzt. Mit blutverschmiertem Oberkörper kommt er nach Hause und auch wir können am nächsten Morgen die Blutflecke auf seinen Schuhen noch bewundern. Wenn das nicht wahre Heldentaten sind. An diesem Tag übt er nachmittags natürlich für keine Prüfung – aber am Ende – am Ende ist dann alles gut und er überrascht uns sogar mit weit überdurchschnittlichen Ergebnissen!
Und so überwindet sich jeder auf seine Weise und sie erhalten die Lorbeeren für ihre Mühen: Abschluss in der Tasche, Zukunftspläne stehen ebenfalls!
Frau Seltsam und ich sind happy und als am Abend „Troja“ im Fernsehen läuft, da kommen uns die Leistungen von Brad, Orlando und Co lächerlich klein vor!
Es leben die wahren Helden des Alltags!

Donnerstag, 21. Juni 2012

Eine klasse Fahrt! - Zweiter Teil

In der ersten Nacht auf einer Klassenfahrt schlafe ich eigentlich immer schlecht. Mit einem Ohr bin ich immer wach und lausche auf Geräusche aus den Nebenzimmern und vom Flur. Irgendwie rechne ich damit, dass jeden Moment eine Chantalle oder ein Pascal an meinem Bett steht, an meinem Kissen zieht und ruft: "Herrn Bromseklöten, ich hab ne Beschwerde!" Das ist zwar noch nie vorgekommen, aber man weiß ja nie.
Aber auch in dieser Nacht bleibt alles ruhig und so ist es auch noch, als ich um etwa sechs Uhr aufwache. Abgesehen mal von Luca, der schon unten im Tagesraum sitzt und mit dem Traumtelefon kommuniziert. Ich genieße es, den Duschraum für mich zu haben und in Ruhe den ersten Kaffee des Tages zu trinken. Nach und nach kommen dann die müden Gestalten aus den Betten gekrochen und gesellen sich entweder zu Luca hinzu oder werden von mir in die Frühstücksvorbereitungen einbezogen. Normalerweise lassen wir die Langschläfer noch eine Weile in Ruhe, aber heute ist es etwas anders, denn um acht Uhr klopft es an der Haustür. Zwei Heizungsmonteure wollen die leckende Heizung reparieren. Bei der Hausübergabe gestern war uns davon gar nichts gesagt worden und auch alle bereits aufgestandenen Schüler wissen von keinem kaputten Heizkörper. Aber es hilft nichts, ein Gang durch alle Zimmer ist angesagt, damit sich die Handwerker selbst davon überzeugen können, dass alles in Ordnung ist. Immerhin kommen sie auf diesem Weg in den Genuss eines echten Rendezvous der Sinne, denn in den Zimmern ist um diese Uhrzeit eine Luft wie im Raubtierhaus des Zoos. Die Sache ist schon etwas skurril und natürlich ist mit den Heizungen alles in Ordnung, aber immerhin sind jetzt alle wach.
Bevor wir frühstücken, heißt es zunächst Antreten zur morgendlichen Drogenverabreichung. Mehr als die Hälfte der Schüler bekommt täglich Medis verabreicht, einige sogar mehrere verschiedene Pillen. Das ist eine Wissenschaft für sich, aber wir wollen alles ganz genau nach Anleitung machen. Bei diesen Gelegenheiten ertappe ich mich regelmäßig bei dem Gedanken, mal einen Selbstversuch zu unternehmen und die Pillen meiner Schüler bei mir selbst einzuwerfen. Mal sehen, eines Tages vielleicht...
Nach dem Essen geht es dann los zum heutigen Ausflusgziel, dem Abenteuerpark. Dort haben wir eigentlich den ganzen Tag einen recht lauen Job, denn alle sind friedlich beschäftigt mit klettern, Floß fahren, Ziegen streicheln, Trampolin springen usw.. Okay, ab und zu gibt es mal einen kleinen Schreianfall, weil jemand irgendwo seinen Rucksack abgestellt hat und jetzt nicht mehr weiß, wo oder weil jemanden beim Überqueren einer Hängebrücke genau auf halber Strecke der Mut verlässt. Ansonsten ist aber alles ganz entspannt und wir stehen die meiste Zeit am Ufer des knietiefen Tümpels, auf dem die kleinen Flößer unterwegs sind und geben Wetten ab, wer als nächstes reinplumpst.
Am Abend sind alle total nass und eingesaut - aber glücklich. Wir machen noch Lagerfeuer mit Stockbrot (natürlich mit Knack-und-Back-Brötchen - das ist schleßlich eine Männer-Klassenfahrt!) und singen ein paar Lieder, aber dann ist heute gaaanz früh Feierabend und ohne großes Theater gehen alle früh ins Bett.

Am nächsten Morgen sollen alle ihre Koffer fertig gepackt runter mit zum Frühstück bringen. Das macht auch Luca so - allerdings steht er dann da mit fertig gepackter Reisetasche und hat seinen Schlafanzug noch an. Erst nach längerem Nachdenken wird ihm klar, was daran nicht so optimal ist.
Der obligatorische Hausputz verläuft so, dass alle minderjährigen Reiseteilnehmer vor die Tür gesetzt werden und nur in homöopatischen Dosen für einige pädagogische Alibiarbeiten hereingeholt werden. Die eigentliche Arbeit mache wie immer wir Erwachsenen - anderenfalls würde es dreimal so lange dauern und fünfmal so nervig sein.
Am Ende steigen alle fröhlich und zufrieden aber auch hundemüde in die Autos und treten die Heimreise an. Heute ist nichts mehr mit Disco-Mobil, auf der Rückbank herrscht totale Ruhe. So muss es doch sein, denke ich - und freue mich auf meine Badewanne und mein eigenes Bett zu Hause. Glück auf!

Ode an die Jungs


In der Regel ist es ja so, dass Klassenfahrten zu den eher anstrengenden Stunden des Lehreralltags zählen und man sie geschickterweise meist so legt, dass direkt danach irgendwelche Brückentage oder Ähnliches kommen, die dann rein dem Ausgleich des Schlafmangels und dem Wiederaufbau des Nervenkostüms dienen.
Auch die letzte Klassenfahrt von Frau Seltsam, Frau Joke, Herrn Tulpe und mir war desaströs und wir danach gemolken.
Hohe Erwartungen hatten Frau Seltsam und ich auch diesmal nicht. Da wir uns sowieso zu dieser Abschlussfahrt von den Neuntklässlern eher hatten „breitschlagen“ lassen, und die nach ihren Prüfungen bekanntlich nichts mehr zu verlieren haben, befanden wir uns eher in misstrauischer Lauerstellung vor dem gemeinsamen 3-Tages-Ausflug.

Doch wie oft man auch abgenervt sein mag von unseren Kinderlein, über sie schimpfen kann, ihre ach so seltsamen Verhaltensweisen nur mit Mühe erduldet, sie sadistisch, asozial oder aggressiv findet, ihrer Zukunft mit Sorgenfalten entgegenblickt und sich von den kleinen Energiekillern aussaugen lässt,  manchmal tut man ihnen damit einfach nur unrecht und es ist plötzlich alles ganz anders:

Die Klassenfahrt entpuppte sich für alle als Kurzurlaub:
Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, wann ich je so entspannt und erholt von einer Klassenfahrt zurückgekommen bin:

Schon beim gemeinsamen Großeinkauf vor der Abfahrt klappte alles reibungslos, die Autofahrt zum Zielort wurde mit den Klängen von Niklas´ selbstgemixten Techno-Sampler untermalt, vor Ort einigten sich die Jungs im Handumdrehen, wer mit wem welches Zimmer teilt und die Einkäufe wurden hilfsbereit ins Haus getragen.
Und dann breitete sich irgendwie eine Atmosphäre aus, die an „harmonisches Familienleben“ erinnerte. Oder um es mit Niklas´Worten zu sagen: „Es ist irgendwie so, als wären eine Handvoll Brüder mit ihren 2 lesbischen Müttern in einer netten Wohnung mit Einbauküche!“ Ja, genauso war´s. Vorkommnisse: keine. Keine unerlaubten Gegenstände, keine Prügeleien, kein Alkohol. Nicht mal Zigaretten, um heimlich zu rauchen. Abends ertappte ich mich bei dem Gedanken, ob ich schnell zum Kiosk fahren sollte, um ihnen welche zu besorgen, damit sie zumindest die „Rauch-Verbot-Regel“ brechen können.
Wir aßen Eis, sahen einen äußert schrägen Vampir-Film im Kino, den die Jungs aber Klasse fanden, weil er in ihren Augen ein „krasser Porno“ war (-ich kann mich an keine Sex-Szene erinnern!), saßen abends nett zusammen und ließen uns treiben. Nik schwang lässig den Kochlöffel und würzte die Spaghettisoße mit einer Gelassenheit, die an Jamie Oliver erinnerte, steckte uns –schwupps- nen gefüllten Löffel zum Probieren in den Mund und aß anschließend 5 Portionen von seinem selbst kreierten Essen – so wie es sich für einen Heranwachsenden in dem Alter gehört. Und so wurde die Stimmung entspannter und entspannter und die Herren fanden mehr und mehr ihre innere Mitte. Die Hüllen fielen. Die Jungs plauderten am Lagerfeuer aus ihrem Sexleben, saßen in Boxershorts auf der Couch, ließen die Badtür beim Toilettengang auf und pinkelten –ganz Mann- das Lagerfeuer aus.
Sogar der Tag im nahegelegenen Vergnügungspark verlief ohne Zwischenfälle. Im Gegenteil: Die Jungs übertrafen sich selbst, überwanden alle Ängste, bestiegen die nervenaufreibendsten Fahrgeschäfte und spornten uns an, mitzufahren. Händchenhalten inklusive! „Frau Samstag, machen Sie sich keine Sorgen – Sie schaffen das schon! Wir haben auch Angst! Wenn Sie kotzen – kein Problem, Sie sitzen hinten! Mehr als sterben können sie nicht! Beim Start (Anmerkung: von 0 auf 100 in 2,4sec!!!!) haben Sie zwei Möglichkeiten: Entweder Sie machen die Augen zu oder Sie schauen mich an!“ Okay – mit so viel fürsorglicher Unterstützung schaff´s dann sogar ich in die Achterbahn.
Anfangs war Frau Seltsam und mir noch regelrecht unheimlich zu Mute angesichts dieser Harmonie und Ausgeglichenheit, aber gegen Abend konnten wir uns dem Zustand dann auch vertrauensselig hingegeben. Wie wir später feststellten, ertappten wir uns unabhängig voneinander bei dem Gedanken, nach dem abendlichen Duschen den Oberkörper nichtmehr in das Doppelmanegenzirkuszelt zu quetschen, sondern in den Pyjama zu schlüpfen und es uns zwischen den Jungs auf  der Couch bequem zu machen. Ja – richtig – so heimelig fühlten wir uns inzwischen selbst. Gut, wir erinnerten uns rechtzeitig an den Dresscode, der sich für einen Pädagogen gehört, kuschelten uns dann aber trotzdem auf das Sofa – Nic hatte inzwischen eine Decke besorgt -  und plauderten bis tief in den Abend über Gott, die Welt und die Probleme, die die Jungs mit den vermaledeiten Frauen so haben. Nic telefonierte zwischendurch mit seiner Freundin, die ihm verbot, in Boxershorts auf der Klassenfahrt herum zu laufen, aber er widersetzte sich mit den Worten: „Ich bin zwar dein Freund, aber irgendwie auch der Freund von denen allen hier!“ Und sogar das eine oder andere „Psychogespräch“ über ungelöste Probleme wie Angststörungen, verkümmerte Mimik und zwanghaftes Lügen  konnte stattfinden, ohne dass die Jungs genervt waren. Und dann gingen wir alle schlafen. Ohne Nachtwache vor den Zimmertüren! Nichts dergleichen!
Nur wenige, kleine Momente erinnerten uns dunkel an die Mär vom bösen Sonderschüler: Jason bekam Achterbahn-Verbot wegen mehrmaligem Stinke-Finger-Gezeige, Nic wurde aus einem anderen Fahrgeschäft herauskomplimentiert, weil er ein paar Mal auf den Boden gerotzt hatte, Mirko legte sich mit Fans von Sankt Pauli an und pöbelte in der Fußgängerzone herum, Jason wurde vom Pferd gebissen, nachdem er an dem armen Tier seine sadistischen Neigungen ausgelebt hatte, Nic verpasste Mirko einen Tritt, als dieser seine Schwanzgröße anzweifelte, Kleidungsstücke mit Aufschriften wie „Nüchtern siehst du furchtbar aus“ oder „Du willst mit mir schlafen? Verdien es dir!“ sorgten für Zündstoff und der eine oder andere verdrückte sich, wenn es darum ging die zwei „lesbischen Muttis“ beim Haushalt mal zu entlasten. Aber ansonsten: Friede, Freude, Eierkuchen! Isch schwöre!!!! Frau Seltsam und ich waren ganz selig, auf den letzten Metern noch soviele angenehme Eigenschaften bei unseren Bengeln zu entdecken: Charme und Mitgefühl und Coolness und Originalität. Sogar unser Asperger Roger gab zu erkennen, dass er mehr über seine Mitmenschen weiß, als wir bislang vermutet hatten: „Roger – ich wusste gar nicht, dass dein Vater raucht!“ Roger: „Ich schon!“  
Am Ende stellten die Jungs einstimmig fest: „Das war die beste Klassenfahrt aller Zeiten – wir könnten gerne noch ne Woche hier bleiben“. Und Frau Seltsam und mir ging es ebenso! Tiefenentspannt fuhren wir heim und wurden von den Kollegen treffsicher mit „Na, ihr Urlauber?“ begrüßt! Die beste Klassenfahrt ever! Unsere Jungs können wir feiern! Nach dieser Klassenfahrt erst recht! Wie werden sie uns fehlen, die Abschlussschüler! Wer hätte das gedacht?

Dienstag, 19. Juni 2012

Eine klasse Fahrt! - Erster Teil

Ja, wir haben es getan. Wir waren Klassenfahrt. Der Höhepunkt des Schuljahres liegt jetzt also hinter uns - was kann noch kommen? Ab jetzt geht es munter auf die Sommerferien zu.
Auch dieses Mal hat alles wieder prima geklappt und alles war wie immer. Das ging schon bei der Kofferkontrolle los: Die Chantalle kam gleich mit zwei großen Gepäckstücken an. Die braucht man natürlich auch, wenn man die Winterjacke mit Fellkragen, mehrere dicke Fleecepullis und Moonboots mitnimmt. Kurzerhand wurde umgepackt und ein Koffer in der Schule gelassen. Chantalle war es egal, die Eltern haben und werden es nie erfahren. Dafür fehlten bei Chantalle einige wichtige Dinge im Handgepäck, beispielsweise eine Brotdose. Kurzerhand gab ich ihr eine aus meinen Beständen, ich habe solche Sachen immer in petto für so arme Hascherl wie Chantalle. Dass sie sich dann aber bei Herrn Brandt darüber beklagte, dass Herrn Bromseklöten ihr eine Brotdose gegeben hätte und da gar kein Brot dringewesen sei - das fand ich dann doch etwas übertrieben. Bei allen anderen Schülern war das Gepäck soweit in Ordnung, wenn man mal davon absieht, dass im ersten Anlauf bei mehreren Kindern einzelne Teil der dreiteiligen Bettwäsche fehlten. Aber das ist ja nun auch schon höhere Mathematik und nach dem ein oder anderen Eintrag im Mittelungsheft war dann am Abreisetag alles vorhanden.
Nun konnte es also losgehen. Wie immer fuhren wir mit einem VW-Bulli - mit Herrn Brandt am Steuer - und meiner privaten Familienkutsche. Mein Auto war dieses Mal das Disco-Mobil, denn wir hatten die CD von Pascal-Leon an Bord, die er von seiner fünfzehnjährigen Heimmitbewohnerin gebrannt bekommen hatte. So ging bei uns die Atzen-Party ab, wir veranstalteten Sitztanz zum Fliegerlied und grölten bei DJ Ötzi so laut mit, dass fast alle Sterne vom Himmelszelt fielen. Gut gelaunt und ohne jeden Streit (!!!) ging die Anreise über die Bühne.
Das Haus, das wir schon von vorherigen Klassenfahrten kannten, eroberten wir im Sturm, ebenso den benachbarten Spielplatz. Stressig wurde es erstmals, als Luca fünf Minuten nach Ankunft ankam und darauf beharrte, nun aber endlich schnitzen zu dürfen. Dies war schon im letzten Jahr für ihn der einzige Sinnzweck der ganzen Klassenfahrt gewesen und eigentlich ist das ja auch eine schöne Tätigkeit. Nun waren die Schnitzmesser jedoch irgendwo ganz unten in einer Materialkiste und ich war auch nicht willens, diese hervorzukramen noch bevor überhaupt die Autos ausgeladen, ich seelisch angekommen  und der erste Kaffee aufhesetzt war. Nach einigen Zetern und Jammern erbarmte sich dann Herrn Brandt und inspizierte mit Luca den Spieleschrank - nur so für den Übergang bis zum Schnitzen. Lucas Wahl fiel auf das Spiel "Traumtelefon", ein Flirtspiel für Mädchen im Teeniealter im flotten 80er-Jahre-Design. Wichtigster Bestandteil des Spieles: Ein "sprechender" Telefonhörer, der Hinweise darüber gibt, wer von den auf dem Spielplan abgeildeten Jungs der gesuchte Traumtyp ist. Dieses Spiel und vor allem der Telefonhörer taten es Luca gleich dermaßen an, dass er auf der gesamten restlichen Klassenfahrt auch nicht mehr nur einen Gedanken ans Schnitzen verschwendete. Als ich am nächsten Morgen (scheinbar) als erster aufstand und ins Erdgeschoss schlurfte, hörte ich schon aus dem Tagesraum das Piepen des Traumtelefons - Luca war schon längst wach und saß dort in Schlafanzug und stiller Harmonie allein mit dem Telefon und den ganzen Traumtypen auf den Fotos und ging den Hinweisen aus dem Hörer nach: Ist es Jochen? Oder Dirk? Oder Ralf? ....
Der erste Höhepunkt der Klassenfahrt war der Besuch im örtlichen Spaßbad - wie schon gesagt: Der Geschwindigkeitsrekord auf der Wasserrutsche wollte gebrochen werden. Wie die Jünger des Hackelschorsches feilten wir wieder bis zur Perfektion an unserer Technik und am Ende gelang es tatsächlich mir, Justin und Kevin die magische 13-Sekunden-Marke zu knacken. Dabei kam es zu einigen Beinaheunfällen im Auslaufbecken, wo einige verzogene Gymnasiasten meinten vor der Rutschenöffnung herumturnen zu müssen, während ihre Lehrerinnen mit hochgeklappten Polokragen in der Cafeteria einen Latte Machiato schlüften. Aufsichtspflicht kann man halt unterschiedlich auslegen, dachte ich mir - und schiss nach Herzenslust Fremdkinder zusammen bzw. drohte, sie beim Bademeister zu denunzieren.
Der einzige, der an diesem Tag nicht rutschte, war Herrn Brandt. Er hatte sich nämlich am Wochenende irgendiwe den Fuß verrenkt und war daher bewegungsmäßig etwas außer Gefecht gesetzt. Zwar wurde er von unserer treusorgendenden Referendarin mit Ibuprofen abgefüllt, aber so richtig half das auch nicht. So humpelte der ärmste die ganzen Tage über der Truppe hinterher und tat sein bestes, trotz Handicap den Laden mit am Laufen zu halten. Am Ende der Klassenfahrt war er dann aber doch so in seinen Bewegungen eingeschränkt, dass zur Abreise die Kavallerie in Form von zwei lieben Kollegen anreisen musste um a) den Bulli mit den Schülern zurück zur Schule und b) Herrn Brandt direkt zum Arzt zu fahren.
Bis dahin war es am ersten Abend aber noch lange hin und nachdem wir erfolgreich Fett verbrannt, also gegrillt, hatten, schauten wir gemeinsam im Fernsehen der deutschen Nationalelf zu, wie sie die Holländer platt machte. Der einzige der nicht so recht dabei sein wollte, war Marc. Der spielte abends nämlich wieder seine Lieblingsrolle, den "einsamen Wolf". Irgendetwas musste ihm wohl nicht gepasst haben - irgendeine dumme Bemerkung eines Mitschülers, ein falscher Blick eines Erwachsenen oder die Nackensteaks hatten die falsche Marinade. Man wusste es nicht, und wie immer bekam es aus Marc auch nicht raus. Stattdessen ließen wir ihn seine einsamen Runden ums Haus drehen, bis es auch ihn zu ungemütlich wurde und er von alleine reinkam.
So ging dann der erste Tag recht harmonisch zu Ende, zu Beginn der Schlafenszeit mussten zwar die ein oder anderen Herren aus dem Mädchenzimmer gefischt und zur Abschreckung auf die stille Treppe gesetzt werden. Aber irgendwann war damit dann auch Feierabend, alle blieben in ihren Zimmern und veranstalteten nur noch ganz leise den ein oder anderen Schwanzvergleich. Ansonsten kehrte nun endlich Ruhe ein.
Fortsetzung folgt

Montag, 11. Juni 2012

Wer ist am irrsten im ganzen Land?

Es ging schon morgens los. Pascal sollte seine Hausaufgaben vorzeigen, nämlich den Bericht über seine praktische Arbeit vom Vortag.  Ich las leise: "Gestern war ich bei Herrn Bromseklöten und habe an meiner Figur gearbeitet."  Ich las das Ganze noch mal laut : "Gestern war ich bei Herrn Bromseklöten und habe an meiner Figur gearbeitet."  und ließ es mir dann von Pascal vorlesen.
Was bitte ist das für eine Arbeitsgruppe bei Herrn Bromseklöten? Mein inneres Auge präsentierte mir den korpulenten Jungen, ganz in Cellophan gewickelt, von Herrn Bromseklöten mit Algensaft und Rohkost versorgt, als Pascal mich aus meinen Gedanken riss: "Alter! Frau Seltsam! Wir bauen so Mangafiguren!" Aaach so! Da muss man ja erst mal drauf kommen!
Lange Leitung hin oder her- irgendwie ist so ein Tagesanfang doch vielversprechend. Das wird abgespeichert als Anekdote, mit der man im Lehrerzimmer für gute Stimmung sorgen könnte und außerdem hat doch Morgenstund Gold im Mund...oder so (ich übrigens auch...)
Später kriege ich mit, wie Maurice von einem Mitschüler gefragt wird:
"Ey- Maurice- wie alt ist deine Schwester?"
 Antwort: "15. Aber dick!"
"Ach so......und die andere??"
Maurice: "13. Nicht dick."
Während der Frager nun noch weitere Details über die genaue "Dicke" der Schwester erfährt ("Nee, nich so richtig dünn, aber nicht richtig dick...") rufe ich mir Mauricens verworrene Familienverhältnisse ins Gedächtnis und werfe ein: "Dann seid ihr drei also die drei Jüngsten in der Familie!"  Offenbar habe ich Maurice damit beleidigt, denn er ruft völlig aufgebracht: "Nein!!! Ich bin nicht der Jüngste!! Ich bin der Fünftälteste!!!"
Na gut. Es kommt eben immer auf den Standpunkt an!
Und dann gab es da noch dieses Highlight mit Rene. Nach einem opulenten Pizzamahl muss noch der Ofen gereinigt werden. Als Rene und ich vor dem Backofen stehen, fragt er: "Und jetzt?" Ich antworte: "Jetzt machst du die Ofentür auf!" Der Zwölfjährige öffnet die Tür und zeigt sich entsetzt ob der getrockneten Käsereste und fragt: "Und jetzt?"  Ich: "Jetzt kniest du dich davor und ich gebe dir einen Lappen!" Rene kniet sich hin, guckt mich an und sagt: "Das habe ich befürchtet! Gerne Frau Königin!"
Endlich! Endlich hat es mal einer erkannt! Nach solch einem Seelenbalsam habe ICH dann den Ofen geputzt und mir vom Knappen Schwämme, Wasser und Putzmittel reichen lassen. (Dass er Hausaufgabenfrei hatte, ist ja wohl logisch!)

Dies war nun wahrlich kein Schultag, an dem ich mich wie alle anderen mit letzter Kraft zum Lehrertempel schleppe, vornübergebeugt, die Schultasche hinter mir her ziehend, schwer keuchend...
Fast beschwingt betrete ich die heiligen Hallen und erspüre eine sonderbar beschwipste Stimmung...
Noch bevor ich "AH" sagen kann, geschweige denn eine meiner schönen Vormittagsgeschichten zum Besten geben, ruft mir Frau Samstag entgegen, dass sie heute mit einer Insel verwechselt worden sei.
"Ey, Frau Samstag, sind sie Insel?"  und sie Schlagfertigkeit beweisen konnte: "Nee- bist du Boot?"
Nun zeigt auch Herr Bromseklöten Begeisterung: "Hahaaa!! Eine Insel mit zwei Bergen!!"
Woraufhin die Samstag erfreut ruft: "Spitzbergen!!"

Frau Großstädter hängt erschlafft auf ihrem Stuhl- sie wurde wohl heute weder als Insel noch als Königin wahrgenommen und war vermutlich nur von Irren umgeben. Sie mobilisiert alle Kraftreserven und zitiert Herrn Tulpe zu sich und sagt tatsächlich: "Herr Tulpe- willst Du ein Kind von mir???"
Der lacht und antwortet: "Wenn`s sein muss!"
Aber die Großstädter hat heute die Spendierhosen an und setzt noch einen drauf: "Dann schenke ich Dir später auch noch Zwillinge!"
(Ein Außenstehender könnte hier eventuell an eine sehr unkonventionelle, wenig romantische  Familienplanung denken- in Wirklichkeit ging es natürlich nur darum, die schwierige Klasse zu entzerren!)

Für sehr viel Kurzweil sorgt auch die nette Referendarin, die inzwischen ein weiteres Adjektiv hinzugewonnen hat..."lustig"!  Als im Kollegenkreis darüber gerätselt wird, ob der 15 jährige Marcel wohl jemals eine Freundin haben werde, ist ihr trockener Kommentar: " Bevor Marcel Flecken auf der Matratze hat, die nicht von ihm stammen, steht eher der Russe wieder am Rhein!!"
Und so fragt man sich an manchen Tagen, wer denn nun durchgedrehter ist- die Schüler oder unsereins? Vermutlich haben wir uns wie Hund und Herrchen ganz gut aneinander angepasst....
Alkohol gibt`s übrigens in der Schule nicht (höchstens von Schülern heimlich konsumiert..) Wir haben ein natürliches Beschwipstheitspotential!
Irre, was?!

Wir gehen Klassenfahrt

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Übermorgen ist es wieder so weit: Unsere Klassenfahrt steigt! Eigentlich hatten Herrn Brandt und ich noch vor einigen Monaten vorgehabt, sie dieses Jahr ausfallen zu lassen, aber dann hatte sich die Situation in der Klasse doch so entwickelt, dass wir sagten: Okay, wir wagen es!
Und zwar hatte ich wieder einmal mein in nächtelangen Siedler-von-Catan-Spielerunden erworbenes Tauschgeschick eingesetzt und damit die Lerngruppenkonstellation deutlich verbessert. Statt drei Schafe gegen zwei Stück Holz hatte ich den spuckenden und tretenden Pascal sowie den oberalbernen René gegen die eher harmlose Emily und den zwar etwas nervigen aber doch liebenswerten Quentin getauscht. Desweiteren gelang es mir vor einigen Wochen endlich am 3:1-Hafen den oberhibbeligen Erkan loszuwerden und mir dafür den phlegmatischen Luca einzuhandeln.
Wie dem auch sei, jedenfalls haben wir nun eine Truppe zusammen, mit denen wir gerne auf Reisen gehen und schließlich sind wir ja sowieso ein erprobtes Team, das schon etliche Klassenfahrten easy-going über die Bühne gebracht hat - es ist also nicht unser erstes Rodeo, wie der Texaner sagt. Man könnte es auch wie Janosch formulieren: Herrn Brandt ist stark wie ein Bär und Herrn Bromseklöten ist stark wie ein Tiger, also brauchen wir uns vor nichts zu fürchten. Verstärkt werden wir auch dieses Mal wieder durch eine weibliche Begleitperson, die sozusagen temporär auf unserem Klassendampfer mitfährt, nämlich diesmal durch die Referendarin Frau Shorty. Mit der ist es sowieso immer lustig, denn sie kann unter anderem den Justin so herrlich nachmachen und hat auch sonst so manchen flotten Spruch auf Lager. Es verspricht also wieder eine tolle Zeit zu werden.
Der Ablauf unserer stets dreitägigen Klassenfahrten hat sich in den letzten Jahren ziemlich ritualisiert, so steuern wir mittlerweile schon seit etlichen Jahren das gleiche Ziel an und fahren das gleiche Programm. Zu essen gibt es, wie es sich für eine echte Männer-Klassenfahrt gehört, am ersten Tag Gegrilltes und am zweiten Tag kehren wir irgendwo ein und mampfen Pommes. Außerdem muss im Spaßbad der Geschwindigkeitsrekord auf der Wasserrutsche wieder geknackt werden (wir werden tatsächlich jedes Jahr schneller - woran es wohl liegen mag?) und auf dem Abenteuerspielplatz der Reihe nach von den Holzflößen in den Teich geplumpst werden. Letzteres machen natürlich die Schüler - wir sitzen am Ufer, trinken Kaffee und schließen Wetten ab, wer als nächstes fällt. Dringend müssen natürlich auch wieder am Lagerfeuer Gassenhauer gesungen und Marshmallows geröstet werden. Ein weiteres Highlight ist die morgendliche Drogenverabreichung an unsere Ritalinjunkies, die jedes Mal viel Zeit in Aspruch nimmt. Mehr braucht keiner zum Glücklichsein, oder? Warum sollte man daran also was ändern.
Natürlich fallen einem im Vorfeld so einer Klassenfahrt immer die alten Geschichten aus den vergangenen Jahren ein. Wie zum Beispiel die kleine Chantalle in der Pizzeria die gerade inhalierte Thunfischpizza auf dem Klo wieder ausgekotzt hat. Oder der kleine Murat im Schwimmbad eine Arschbombe ins Babybecken hingelegt hat. Wie der kleine Niklas, weil er seine Bettnachbarn am Pennen hinderte, den ganzen Abend jammernd allein in der dunklen Küche saß, bis alle anderen eingeschlafen waren. Oder der Sitzstreik von Nico in der historischen Fußgängerzone, den er echt lange durchhielt oder Edwin, der noch nie vorher geduscht hatte und nur aus dem Fernsehen wusste, wie das geht. Oder, oder, oder... - Was hatten wir immer für einen Spaß. Wirklich stressige Momente gab es eher selten, eigentlich hatten wir bisher immer nur mit den üblichen Konfliktherden zu tun wie zum Beispiel die Frage, warum es nur eine Kugel Eis für jeden gibt, warum jeder mal Küchendienst machen muss (auch wenn man das zu Hause nie macht) oder warum man während der Fahrt nicht im Bulli von hinten nach vorne klettern darf um dort jemandem eine zu knallen. Gut, ab und zu kommt es mal zu kleineren Heimwehanfällen, wenn wieder einmal so ein zwölfjähriger Ödipus erstmals von seiner Mudda getrennt wird und diese dann mitten in der Nacht bei Herrn Bromseklöten im Zimmer sucht (Klopf-Klopf - "Hmmmja?" - "Herrn Bromseklöten, ich vermisse meine Mama!" - "Tja, hier ist sie auch nicht" - "Ach so..."). Aber sonst: Immer alles ganz entspannt - und so wird es bestimmt auch dieses Jahr.
Bevor es jedoch losgehen kann, steht uns morgen erst noch die Taschenkontrolle bevor. Das ist immer total spannend. Weil ständig irgendwelche Sachen fehlten (z.B. Bettwäsche) oder zuviel eingepackt wurden (z.B. ganze Stereoanlagen und Playstations im Koffer), haben wir schon seit mehreren Jahren die Regel: Die Taschen werden einen Tag vor Abreise mit in die Schule gebracht und von Herrn Brandt und mir auf den Inhalt hin kontrolliert. Okay, das hat so'n bisschen was von DDR-Grenzübergangstelle, aber es ist schon wichtig, denn es tun sich dabei echt regelmäßig Abgründe auf. Und das, obwohl alle Eltern eine detaillierte Packliste bekommen. Aber die Meinungen gehen nun offenbar weit auseinander, was zum Beispiel unter sauberer Bettwäsche zu verstehen ist. So hatte das arme Heimkind Angelo im letzten Jahr zum Beispiel von seinen Erziehern alte Gardinen eingepackt bekommen - versuchen sie damit mal, ein Bett zu beziehen. Legendär auch das übelriechende, mit verschiedenartigen Flecken und Brandlöchern ausgestattete Laken von Heinz. Das wurde von uns entsorgt, nachdem wir es für das Jugendamt fotografiert hatten. Heinz haben wir dann auf unsere Kosten saubere Leihbettwäsche spendiert - das fand er so aufregend und toll, dass er gar nicht mehr aus dem Bett kommen wollte. Sagenumwoben auch bis heute die "Nässeschutzmatte" von Marvin - dabei handelte es sich nämlich um ein zweckentfremdetes unaufgeblasenes Schlauchboot. Also bin ich mal gespannt, was uns morgen so alles erwartet. Ach, es ist ja überhaupt alles so spannend, ich habe schon ganz doll Reisefieber. So eine Klassenfahrt macht halt einfach Spaß. Glück auf!