Liebes Tagebuch!
Vor einiger Zeit
hing ich mit einer verständnisvollen Bekannten (sie hat die Geduld eines 89-
jährigen Zisterziensermönches und die Empathiefähigkeit eines Blindenhunds) an
irgendeiner x-beliebigen Theke einer heruntergekommenen, miesen Kneipe und
redete ihr die Ohren blutig. Als Förderschullehrerin könnte man ja
Betroffenheitsschicksalsgeschichtenbücher regalmeterweise schreiben, wenn man ein
kleines Händchen für diese Kunst hat. Wenn man seine Geschichten einfach nur
loswerden will, schikaniert man eben Freunde, sofern man nach dem Ref. noch
welche hat. So hingen wir also dort, das Bier hatte
die Zungen bereits gelöst und mein Klagemäuerchen von Freundin schickte sich
gerade an, eine weitere Runde zu bestellen, als neben uns zwei mittelalte
Herren in Streit über Wasweißichistauchwurscht gerieten. Sie schnauzten sich
ein Weilchen lautstark an, Kraftausdrücke wurden wie Tennisbälle hin- und her
geschlagen, als einer den anderen am Kragen packte und ihm zuzischte, er werde
ihm schon zeigen, wo beim Frosch die Locken hängen, Freundchen! Da wurde es
einem alten Herrn am Stammtisch (er musste von der einstigen Stammtischrunde
übriggeblieben sein. Seinem Alter nach zu urteilen, fand die letzte
Zusammenkunft der Runde vermutlich kurz nach der letzten germanischen
Lautspaltung statt) zu blöd und er brüllte „HINSETZEN! HEFTE RAUS,
KLASSENARBEIT!“ im besten Kasernenton durch die ganze Kneipe. Die beiden
Streithähne fuhren auseinander, huschten an ihre Plätze und tranken schnell,
still und betreten ihr Bier. Der Alte lehnte sich triumphierend zurück und
erklärte: „40 Jahre Lateinlehrer! Solche Traumata kriegen die Kollegen
heutzutage gar nicht mehr hin!“
Ja, Traumata, da
hatte er so beiläufig ein ganz heißes Eisen angepackt und schnell waren meine
Begleitung und ich bei allen möglichen Schultraumata, so eben auch irgendwann beim
Thema Elternabend, der ja ganz vielschichtige Traumata bei allen Beteiligten
auszulösen vermag, Eltern wie Lehrkörper. Aus Erzählungen meiner Mutter weiß
ich zum Beispiel, dass sie meinen Vater vor jedem Elternabend um Schmuck,
Kleidung und andere Luxusgüter erpresst hat mit der Drohung, er habe auch mal zum
Elternabend zu gehen, schließlich sei er auch der Vater und es kotze sie an,
dass immer sie das Gelaber der anderen Eltern ertragen müssen und überhaupt
usw. Von befreundeten Lehrern weiß ich, dass Elternabende auch für Lehrer nicht
immer zwingend vergnügungssteuerpflichtig sind, insbesondere, wenn
Grundschullehrer aus dem Nähkästchen plaudern. Man kennt das ja. Die Diskussionen
um die richtigen Bleistifte können sinnloser sein als das Warten auf den Trost
der Israeliten Doch manchmal sind Elternabende nicht nur angenehm, kurz und
schmerzlos, sondern auch im Abgang von erfrischender Würze und taugen für eine
kleine Anekdotenperle. So geschehen am vergangenen Montag.
Nachdem nach
unserem Elternabend alle offiziellen Fragen und Anliegen geklärt waren und auch
die letzten drei Mütter „Einen schönen Abend noch!“ -wünschend aus dem
Klassenraum entschwunden waren, wandte sich noch der einmal der Erzieher von
Leonid mit einigen Fragen, die nicht für die Ohren anderer Eltern gedacht
waren, an meinen Kollegen Cash on Täsh und mich. Zum Glück waren wir uns rasch
einig und verließen bald darauf alle gemeinsam den Klassenraum. Cash hatte noch
seine Tasche im Lehrerzimmer, ich meine Jacke und so gingen wir nicht direkt
zum Auto, sondern holten noch unsere Sachen. Als wir alle Lichter gelöscht und
alle Türen des Tempels abgeschlossen hatten, kam uns an der Tür Leonids
Erzieher entgegen. „Ähm, also, können Sie vielleicht noch mal aufschließen? Das
Tor vorne ist abgeschlossen…“ Meine Frage, ob er nicht wie eine Springspinne
einfach über den Zaun springen könne, verneinte er und deutete bedauernd auf
sein Fahrrad. (Seine Wohlstandskuppel hatte damit nicht das Geringste zu tun,
versteht sich). Schnell ließen wir den armen Mann vom Schulgelände und wandten
uns Richtung Parkplatz. Im selben Moment blieben wir ruckartig stehen und sahen
uns grinsend an. „Tja,….wenn da schon abgeschlossen war,…wie sind dann
eigentlich Frau Kaninchen, Frau Pseudohusten und Frau Eben vom Schulgelände
gekommen?! Frau Kaninchen war ja schon eher weg, aber die beiden anderen…?“ Ich
wusste sofort, worauf Cash hinauswollte, denn die beiden Damen sind gar nicht
so sehr schmal… „Tja“, meinte ich, „also, vielleicht sind sie geraaade eben
noch rausgehuscht, BEVOR ein gewissenhafter Schulgeist die Tür
abgeschlossen hat. Das muss dann aber gewesen sein, bevor der Erzieher von
Leonid gekommen ist. Trotzdem seltsam. Über den Zaun werden die ja wohl nicht
weg sein!“ Als wir um die Ecke zum Parkplatz bogen, standen die beiden besagten
Mütter am Auto der einen Mutter, rauchten und schnackten. „Ach!“ rief ich aus. „Wie
sind Sie denn vom Schulgelände gekommen??? Wir mussten eben mit Entsetzen
feststellen, dass das Tor schon abgeschlossen war. „Och“, erwiderte Frau
Pseudohusten, „wir haben einfach unsere Handtaschen über den Zaun geschmissen
und sind rübergeklettert!“ Kollege Cash und ich sahen uns an. „Na,. GOTTSEIDANK
sind Sie so sportlich, das ist uns jetzt aber echt peinlich!“ „Ach was, das
kann ja passieren, ist ja alles ok!“ wiegelte Frau Eben ab. Erleichtert und
über die Maßen erheitert traten Cash und ich den Heimweg an. Dabei spielten wir
noch mögliche Dialoge zwischen den Damen und ihren jeweiligen Männern durch: „Na,
biste gut nach Hause gekommen?“ „Geht so, ey…!“ Wir waren sehr beeindruckt über
die sportliche Leistung der beiden Mütter. Und ganz nebenbei waren wir auch
wieder einmal sehr zufrieden und dankbar, in unserer Förderschulblase zu
schweben und nicht woanders. Denn an einem Gymnasium wäre es ein Ding
der Unmöglichkeit gewesen, Euer Durchlaucht von Eltern auf dem Schulgelände „einzusperren“.
In einem solchen Fall hätten uns die Großgrundbesitzer auf den Misthaufen ihrer
Großagrarbetriebe verrotten lassen und dafür gesorgt, dass wir gefeuert und
nicht mal an einer Baumschule in der algerischen Geröllwüste ein Bein an die
Erde bekommen hätten.