Dienstag, 22. Oktober 2013

Elternabend



Liebes Tagebuch!


Vor einiger Zeit hing ich mit einer verständnisvollen Bekannten (sie hat die Geduld eines 89- jährigen Zisterziensermönches und die Empathiefähigkeit eines Blindenhunds) an irgendeiner x-beliebigen Theke einer heruntergekommenen, miesen Kneipe und redete ihr die Ohren blutig. Als Förderschullehrerin könnte man ja Betroffenheitsschicksalsgeschichtenbücher regalmeterweise schreiben, wenn man ein kleines Händchen für diese Kunst hat. Wenn man seine Geschichten einfach nur loswerden will, schikaniert man eben Freunde, sofern man nach dem Ref. noch welche hat. So hingen wir also dort, das Bier hatte die Zungen bereits gelöst und mein Klagemäuerchen von Freundin schickte sich gerade an, eine weitere Runde zu bestellen, als neben uns zwei mittelalte Herren in Streit über Wasweißichistauchwurscht gerieten. Sie schnauzten sich ein Weilchen lautstark an, Kraftausdrücke wurden wie Tennisbälle hin- und her geschlagen, als einer den anderen am Kragen packte und ihm zuzischte, er werde ihm schon zeigen, wo beim Frosch die Locken hängen, Freundchen! Da wurde es einem alten Herrn am Stammtisch (er musste von der einstigen Stammtischrunde übriggeblieben sein. Seinem Alter nach zu urteilen, fand die letzte Zusammenkunft der Runde vermutlich kurz nach der letzten germanischen Lautspaltung statt) zu blöd und er brüllte „HINSETZEN! HEFTE RAUS, KLASSENARBEIT!“ im besten Kasernenton durch die ganze Kneipe. Die beiden Streithähne fuhren auseinander, huschten an ihre Plätze und tranken schnell, still und betreten ihr Bier. Der Alte lehnte sich triumphierend zurück und erklärte: „40 Jahre Lateinlehrer! Solche Traumata kriegen die Kollegen heutzutage gar nicht mehr hin!“

Ja, Traumata, da hatte er so beiläufig ein ganz heißes Eisen angepackt und schnell waren meine Begleitung und ich bei allen möglichen Schultraumata, so eben auch irgendwann beim Thema Elternabend, der ja ganz vielschichtige Traumata bei allen Beteiligten auszulösen vermag, Eltern wie Lehrkörper. Aus Erzählungen meiner Mutter weiß ich zum Beispiel, dass sie meinen Vater vor jedem Elternabend um Schmuck, Kleidung und andere Luxusgüter erpresst hat mit der Drohung, er habe auch mal zum Elternabend zu gehen, schließlich sei er auch der Vater und es kotze sie an, dass immer sie das Gelaber der anderen Eltern ertragen müssen und überhaupt usw. Von befreundeten Lehrern weiß ich, dass Elternabende auch für Lehrer nicht immer zwingend vergnügungssteuerpflichtig sind, insbesondere, wenn Grundschullehrer aus dem Nähkästchen plaudern. Man kennt das ja. Die Diskussionen um die richtigen Bleistifte können sinnloser sein als das Warten auf den Trost der Israeliten Doch manchmal sind Elternabende nicht nur angenehm, kurz und schmerzlos, sondern auch im Abgang von erfrischender Würze und taugen für eine kleine Anekdotenperle. So geschehen am vergangenen Montag.

Nachdem nach unserem Elternabend alle offiziellen Fragen und Anliegen geklärt waren und auch die letzten drei Mütter „Einen schönen Abend noch!“ -wünschend aus dem Klassenraum entschwunden waren, wandte sich noch der einmal der Erzieher von Leonid mit einigen Fragen, die nicht für die Ohren anderer Eltern gedacht waren, an meinen Kollegen Cash on Täsh und mich. Zum Glück waren wir uns rasch einig und verließen bald darauf alle gemeinsam den Klassenraum. Cash hatte noch seine Tasche im Lehrerzimmer, ich meine Jacke und so gingen wir nicht direkt zum Auto, sondern holten noch unsere Sachen. Als wir alle Lichter gelöscht und alle Türen des Tempels abgeschlossen hatten, kam uns an der Tür Leonids Erzieher entgegen. „Ähm, also, können Sie vielleicht noch mal aufschließen? Das Tor vorne ist abgeschlossen…“ Meine Frage, ob er nicht wie eine Springspinne einfach über den Zaun springen könne, verneinte er und deutete bedauernd auf sein Fahrrad. (Seine Wohlstandskuppel hatte damit nicht das Geringste zu tun, versteht sich). Schnell ließen wir den armen Mann vom Schulgelände und wandten uns Richtung Parkplatz. Im selben Moment blieben wir ruckartig stehen und sahen uns grinsend an. „Tja,….wenn da schon abgeschlossen war,…wie sind dann eigentlich Frau Kaninchen, Frau Pseudohusten und Frau Eben vom Schulgelände gekommen?! Frau Kaninchen war ja schon eher weg, aber die beiden anderen…?“ Ich wusste sofort, worauf Cash hinauswollte, denn die beiden Damen sind gar nicht so sehr schmal… „Tja“, meinte ich, „also, vielleicht sind sie geraaade eben noch rausgehuscht, BEVOR ein gewissenhafter Schulgeist die Tür abgeschlossen hat. Das muss dann aber gewesen sein, bevor der Erzieher von Leonid gekommen ist. Trotzdem seltsam. Über den Zaun werden die ja wohl nicht weg sein!“ Als wir um die Ecke zum Parkplatz bogen, standen die beiden besagten Mütter am Auto der einen Mutter, rauchten und schnackten. „Ach!“ rief ich aus. „Wie sind Sie denn vom Schulgelände gekommen??? Wir mussten eben mit Entsetzen feststellen, dass das Tor schon abgeschlossen war. „Och“, erwiderte Frau Pseudohusten, „wir haben einfach unsere Handtaschen über den Zaun geschmissen und sind rübergeklettert!“ Kollege Cash und ich sahen uns an. „Na,. GOTTSEIDANK sind Sie so sportlich, das ist uns jetzt aber echt peinlich!“ „Ach was, das kann ja passieren, ist ja alles ok!“ wiegelte Frau Eben ab. Erleichtert und über die Maßen erheitert traten Cash und ich den Heimweg an. Dabei spielten wir noch mögliche Dialoge zwischen den Damen und ihren jeweiligen Männern durch: „Na, biste gut nach Hause gekommen?“ „Geht so, ey…!“ Wir waren sehr beeindruckt über die sportliche Leistung der beiden Mütter. Und ganz nebenbei waren wir auch wieder einmal sehr zufrieden und dankbar, in unserer Förderschulblase zu schweben und nicht woanders. Denn an einem Gymnasium wäre es ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, Euer Durchlaucht von Eltern auf dem Schulgelände „einzusperren“. In einem solchen Fall hätten uns die Großgrundbesitzer auf den Misthaufen ihrer Großagrarbetriebe verrotten lassen und dafür gesorgt, dass wir gefeuert und nicht mal an einer Baumschule in der algerischen Geröllwüste ein Bein an die Erde bekommen hätten.