Meine Freundin S. arbeitet in einer Postbank im
Nachbarort. Vor einigen Monaten hörte
ich über Dritte, dass genau diese Filiale überfallen worden war und
ausgerechnet S. Dienst gehabt hatte. Besorgt meldete ich mich bei ihr und erfuhr,
dass das Ganze für sie eine eher erheiternde Situation gewesen war- zwar sei
eine Waffe auf sie gerichtet gewesen, der junge Mann sei aber derart planlos
aufgetreten, dass S. eine Plastikpistole vermutete und sich das Kichern nur
mühsam unterdrücken konnte. Zudem galt es, eine ältere, resolute Dame im Zaum
zu halten, die die beiden jungen Männer wüst beschimpfte und ihnen um Haar
ihren Regenschirm über deren Birnen sausen ließ…Die unfähigen, erbarmungswürdig
dürren, jungen Räuber entkamen schließlich zu Fuß mit einer Beute von 250 Euro,
die sie in einem kleinen Drogeriemarkttütchen verwahrten. S. berichtete,
dass das Nervenaufreibendste die stundenlange Anhörung durch die Polizei
gewesen sei. Man habe sie schließlich nach Hause geschickt und ihr psychologische
Betreuung angeboten. Wir stellten erheitert fest, dass unsere ach so
unterschiedlichen Arbeitsplätze wohl doch etwas gemeinsam hätten- nämlich das
unberechenbare Verhalten junger Männer mit kriminellen Ambitionen, die nicht
unbedingt wie George Clooney oder Brad Pitt in den Oceans –Filmen daherkommen!
Falsch gedacht!
Wir, meine Kollegen und ich, sind nämlich tagtäglich Gewaltattacken ausgesetzt- die
sind mal mehr, mal weniger schlimm, mal mehr, mal weniger bedrohlich. Frau
Großstädter und ich befanden uns samt
einer ganzen Klasse kürzlich in einer Situation, die man als sehr bedrohlich
und ganz schön schlimm einstufen könnte, denn der große, kräftige, wütende
Norman schleuderte nicht nur einen kilo schweren Stein knapp an unseren Köpfen
vorbei, sondern hinderte uns im Anschluss daran, die Klasse zu verlassen. Wie
er da aufgeplustert mit grimmiger Miene in der Türe stand, erinnerte er doch
stark an einen unberechenbaren Frankenstein. Wir befanden uns mitten in einem
Horrorfilm.
Dass ich hier nun fröhlich auf der Tastatur herumhämmere,
beweist, dass wir letztendlich alles körperlich unversehrt überstanden haben.
Zum Glück gelang es mir, die Türe doch zuzumachen. Ich bekam den Schlüssel ins
Schlüsselloch und wie durch ein Wunder ließ sich die altersschwache Türe
abschließen. Zum ersten Mal hatte Frau Großstädter ein Handy mit im
Klassenraum. Es war jemand im Sekretariat, als wir dort anriefen. Unser 2 Meter
-Hausmeister, der lässig 4 Kisten Wasser
mit zwei Händen tragen kann, war innerhalb von einer Minute vor Ort. Er
befreite uns von Norman und aus dem Klassenraum. Glück gehabt.
Es war nun 9.30 Uhr- also noch 4 Stunden, bis die Schüler
Schulschluss hatten. Unser neues Schulleiterduo tat alles, was getan werden
musste: Norman wurde nach Hause geschickt, Seine Mutter, Frau Bates, zur Schule
zitiert, die Polizei informiert.
Für uns hieß das: weiter im Alltag, also den Kids einen
lehrreichen, unterhaltsamen, behüteten, freundlichen, individuell
erzieherischen Vormittag zu bieten- ach ja! Angstfrei sollte er auch sein!
Hm.
Da könnte man glatt ins Grübeln kommen…und sich zum Beispiel
fragen, warum das an unterschiedlichen Arbeitsplätzen so ganz schön anders
behandelt wird…Vielleicht gelten Postmitarbeiter als besonders wertvoll- oder
wir als sehr robust? Traut man uns so viel mehr zu? Sieht man in uns womöglich
so eine Art GSG9 Truppe?? Wirken wir so
dermaßen unerschrocken und kaltblütig, dass wir, im Gegensatz zu anderen
Berufsgruppen, keinerlei Unterstützung bedürfen???
Vermutlich ist es aber den zuständigen Leuten einfach völlig
Wurscht- schließlich kümmern wir uns in unserem Berufsalltag nicht um wichtige
Briefe, wertvolle Fracht oder gar bares
Geld!
Also, wie gesagt, man KÖNNTE ins Grübeln kommen, wenn noch
genügend Grips zum Grübeln vorhanden wäre…
Der 14 jährige Marcello äußert vorhin die Vermutung, dass
der Begriff „Du Asi!“ einen Asiaten meinen würde. Ich erkläre ihm, dass „Asi“
von asozial kommt und erläutere ihm das kurz („Du wolltest vorhin
keinem aus deiner Arbeitsgruppe einen Bonbon aus deiner vollen Bonbontüte
abgeben und allen einen voressen! In dem Fall warst du ein Asi." Mir fallen aber auch immer schöne Beispiele
aus der aktuellen Lebenssituation ein!!), woraufhin Marcello fragt: „Und warum
heißen die Asiaten dann Asiaten???“ „Marcello…weil
sie aus Asien kommen …“ Aber nach einem
turbulenten Vormittag und einem wenige Tage zurückliegenden Mordanschlag da ist man sich einfach nicht mehr so sicher…hat
Asi doch was mit Asien zu tun??? Ich befrage schnell Frau Großstädter aber
deren Grips hat auch schon mal bessere Zeiten gehabt! Immerhin hat sie eine
großartige Idee: sie meint, wir sollten uns beizeiten eine nette psychiatrische
Klinik aussuchen. Ihr Wunschvorstellung: soll im Grünen liegen. Mein Traum: nur
Erwachsene!
Während wir auf dem Weg zum Lehrerzimmer über unser neues
Ziel frohlocken, fällt uns eine neue Schülerschmiererei ins Auge: Hakenkreuze. Daneben
der Name “Adolf Hitler“ und zwischen diesen beiden Sachen das aus meiner Jugend
altbekannte große A mit Kreis drumrum- das gute, alte Anarcho-A- da hat wohl
jemand gedacht, das A stünde für Adolf!
Ist das lustig!! Wir können nicht mehr vor lachen! So ein guter Witz!!
Und das Beste: Es gibt noch Rest-Grips und in der Psychiatrie wird der gehegt
und gepflegt!!!