Donnerstag, 22. September 2011

Küchengeplapper

Es dürfte keinem Leser dieses Blogs entgangen sein, dass wir allesamt total verfressen sind. Das betrifft nicht nur das Kollegium.

Unsere Schüler- die ja über eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Labilität verfügen- können unserem Einfluss nicht widerstehen. Manch einer schafft es über einen Zeitraum standhaft zu bleiben und wir anderen können uns eines gewissen zöllibatären Eindrucks nicht erwehren- doch schließlich wird auch der stärkste Charakter schwach und schließt sich uns an. Für einige Klassen ist also der Mittwoch der Höhepunkt der Woche, denn da wird gemeinsam feudal gespachtelt!
Zur Zeit bin ich dafür zuständig, mit einigen Pubertieren diese Mahlzeit zuzubereiten. Die können aaaalles! Haben alles schon mal gemacht! Kennen jede erdenkliche Speise zwischen Feuerland und Liechtenstein! Sind bestens vertraut mit der korrekten Handhabung eines jeden Küchenwerkzeugs! Rezepte lesen? Wozu? Ein kurzer Blick auf den Rezeptbogen reicht aus- der Inhalt wurde ihnen irgendwie ins Hirn gebeamt! Aber wenn`s dann losgeht, wenn es darum geht aus echten, rohen Lebensmitteln und womöglich aus so kuriosen Dingen wie Kohl oder Mohrüben oder Zucchini eine warme Mahlzeit hinzubekommen, dann ist doch Hilfe gefragt. Letztendlich sind sie nämlich auf mich angewiesen! Gerne denke ich, dass sie ohne Mutter Seltsams Hife verloren sind- zumindest was die Herstellung einer vernünftigen Mahlzeit angeht. (Ich bilde mir natürlich ein, dass diese 15 Jährigen auch andere lebenswichtige Fragen ohne meine Hilfe nicht lösen können!!)

Was ich jetzt brauche, ist in erster Linie Geduld- sehr viel Geduld! Meine Pubertierchen denken nämlich, dass man aus rohen Nudeln einen Nudelsalat machen kann oder dass es Spinat grundsätzlich nur in Kombination mit Kartoffelbrei gibt. Der Eine weiß nicht, dass man Nudeln nicht in kaltes Wasser legt, der Andere macht mit 15 Jahren zum ersten Mal Milch heiß und ist irritiert darüber, dass sie anbrennen könnte.

Das ist also die eine Sache: Geduld.

Als wesentlich wichtiger hat sich aber erwiesen, dass man über eine gute Durchlässigkeit zwischen den Ohren verfügen muss, damit das berühmte „Zum einen Ohr rein, zum andern raus“ reibungslos funktioniert. Leider ist das bei mir nicht immer gegeben und Sachen, die ich gar nicht wissen will, bleiben hängen- ich glaube für immer. Gemeinsam kochen macht nämlich gesprächig. Da kommen die Jungs so richtig in Fahrt und erzählen….von Zuhause. So erfahre ich nebenbei, dass sich Marcels Mutter Zuhause oft eine dritte Brust umschnallt, dafür aber Anitas Oma nie einen BH trägt („Und das, Frau Seltsam, wollen Sie nicht sehen. Das ist so schlimm!). Renes einjährige Nichte liebt Zigarettenrauch („Wie? Ihr raucht mit ihr in einem Raum? „Nein! Natürlich nicht! Wir rauchen nur draußen! Ich gehe mit ihr raus und puste ihr den Rauch ins Gesicht! Da lacht sie immer!“) und Tobias wird nachts von seiner Tante geweckt, weil sie Angst hat von den Horrorfilmen, die sie zuvor gesehen hat….

Ich lasse sie reden, denn wir arbeiten ja über die Beziehungsebene und offensichtlich vertrauen sie mir. Da ich leider über keine Funktion verfüge, die Erzählungen „draußen“ lässt, habe ich es am letzten Mittwoch mit Singen versucht. Beim letzten Singstarabend mit den Kollegen waren Schlager an der Reihe, was mir erschreckenderweise sehr gut gefiel. Nun konnte ich das aufgefrischte Repertoire in der Küche zum Besten geben und siehe da- immerhin drei meiner Helfer stimmten begeistert mit ein. Das lässt hoffen für den Rest des Schuljahres und peinlich ist uns ja eh nichts mehr.

Am Ende ist musikalisch beschwingt eine passable Mahlzeit rausgekommen. Als ein Schüler fragt, woraus die Soße sei, antwortet Rene:“ Aus Milch und Quark und Eierstock!“ Da muss dann Herr Bromseklöten ganz doll husten und kriegt schlecht Luft- er hat sich wohl an einem Eierstock verschluckt! Oder ist ihm ein Eierstock in den falschen Hals geraten….

Genug Frau Seltsam! Das kommt dabei raus, wenn man zu viel mit den Schülern kocht!!

Mittwoch, 21. September 2011

Der Mensch ist, was er isst


Gestern war wieder einmal Projekttag und wie immer hat Frau Seltsam es geschafft, uns etwas leckeres auf den Tisch zu zaubern. Dieses Mal gab es Nudel-Schinken-Gratin mit Ei-Sahne-Sauce. Als Justin wissen wollte, was die kleinen Flocken in der Sauce sind, antwortete Patrick fachmännisch: „Mensch, das ist Eierstock!“. Da musste ich mir große Mühe geben, das Essen im Magen zu halten. Jedenfalls hat es dann aber allen geschmeckt und für die Kollegen ist gar nicht mehr so viel übrig geblieben.
Anders sieht es aus, wenn die Mahlzeit zu gemüselastig ausfällt. Dann gibt es immer einige Kinderlein, die ein riesiges Theater machen. Dabei sollen sie doch nur einmal probieren. Und am nächsten Tag bekommt man dann Post von der Mutter eines Zwölfjährigen: „Bitte drängen Sie Marvin nicht, Gemüse zu essen. Er wird es schon machen, wenn er älter ist.“ Natürlich bekommt man keine vernünftige Antwort, wenn man mal nachfragt, wann es denn voraussichtlich so weit sein wird, dass er alt genug zum Gemüseessen ist. Nur, damit wir uns darauf einstellen können...
Und dann haben wir natürlich, immer wenn es ums Essen geht, das ewige Thema: „Ist das mit Schwein?“. Selbstverständlich nimmt Frau Seltsam stets Rücksicht auf unsere muslimischen Schüler und kocht ggf. eine Extraportion, aber die Skepsis, verarscht zu werden ist groß. So traut auch Erkan dem „Braten“ nicht, als es einmal zur Feier des Tages Räucherlachs zum Klassenfrühstück gibt. Da will er lieber auf Nummer sicher gehen und fragt vorsichtshalber noch mal nach: „Ist das Schwein?“ Antwort: „Nein, das ist Fisch!“ Erkan: „Ja, aber mit Schwein?“.
Beim letzten Klassenfahrteinkauf hatte ich den Fehler gemacht, Turan mit in den Laden zu nehmen. Er drehte alle Verpackungen um und las stundenlang die Zutatenliste – auch bei Brot, Gemüsekonserven und Corn-Flakes.
Natürlich sind die Geschmäcker verschieden und das ist ja auch gut so. Ich zum Beispiel kriege jedes Mal Würgereiz, wenn jemand in der Klasse ein Leberwurstbrot auspackt. Das darf er dann ausnahmsweise mit in die Pause nehmen (eigentlich sollen die Schüler im Klassenraum frühstücken). Auch Eiersalat MUSS nicht UNBEDINGT sein in meiner Gegenwart. Andererseits ist ein – mit was auch immer – belegtes Brot natürlich immer noch viel besser, als diese ganzen Produkte „aus der Weltraumforschung“ wie Bifi, Milchschnitte und Co., bei denen die Umverpackungen mehr Gewicht und Volumen haben als der Inhalt und die allesamt schmecken wie Montageschaum aus dem Baumarkt.
Und Süßigkeiten sind natürlich ein absolutes No-Go, außer man verteilt sie gerecht an alle Schüler der Klasse. Nie vergessen werde ich den Feldversuch zweier junger Damen auf meiner ersten Klassenfahrt, die offenbar herausfinden wollten, was passiert, wenn man zu zweit eine Travel-Value-Packung Weingummi alle macht. Zunächst ging das ganz gut, bis wir am nächsten Tag mit der ganzen Klasse Pizza essen waren. Da zog es die kleine Chantalle plötzlich auf die Damentoilette, wo es unter entsetzlichen Körpergeräuschen ein Wiedersehen mit der Tonno-Pizza gab. Frau Easy Samstag, damals noch Referendarin, hatte die ehrenvolle Aufgabe, das Maleur zu beseitigen.
Ganz so naturnah wie Justin sich heute vormittag ernähren wollte, muss es zweifellos aber auch nicht sein: Wenn ein Zehnjähriger beim Eichel- und Kastaniensammeln seine orale Phase entdeckt, fragt man sich schon, ob man von dessen Eltern für jeden Eimer von den Dingern vielleicht auch so eine schöne Urkunde bekäme wie von den Leuten vom Wildschweingehege, wenn man sein Gesammeltes dort abgibt.
Am besten schmeckt es ja immer noch bei Mama, das finden alle Kinder, auch wenn diese gerade mal in der Lage ist, ein Schlefi in den Ofen oder ein Pressspanschnitzel in den Toaster zu schieben. Bass erstaunt war ich, als Justin im Morgenkreis berichtete, es habe bei ihm gestern Muschelsuppe gegeben. Hoppla, dachte ich, das ist ja mal eine kulinarische Ausnahme. Da ist wohl plötzlich der Wohlstand ausgebrochen. Umso verblüffter wurde ich, weil immer mehr Schüler bestätigten, dass es das bei ihnen auch häufiger geben würde. Ich war schon kurz davor, unserer Schulleiterin die Kündigung auf den Tisch zu knallen und Hartz-IV zu beantragen. Da stellte sich heraus: Muschelsuppe, das ist diese Dosensuppe mit Hühnerfleisch und MUSCHELNUDELN. Da war mein Weltbild wieder gerade gerückt – obwohl ich den lieben Schülerlein durchaus mal so eine Gaumenfreude gegönnt hätte. Vielleicht machen wir unseren nächsten Klassenausflug ja mal zu Gosch. Glück auf!

Dienstag, 20. September 2011

"Unten" und "Oben" im Erzählkreis

Jeden Montag beginnen wir die Woche mit einer Erzählrunde, in der jedes Kind die Gelegenheit bekommt, von seinem Wochenende zu berichten. Eigentlich gilt die Regel, sich für EIN besonders erzählenswertes Erlebnis zu entscheiden, aber das halten wir eh nie durch und so nimmt diese Runde oft die gesamte erste Schulstunde in Anspruch. Für uns als Erwachsene sind die Berichte der Schüler oftmals sehr aufschlussreich, da sie uns ein recht gutes Bild von ihrem Freizeitverhalten vermitteln.
Und dann kann es losgehen. Ich reiche die kleine kristallene „Erzählkugel“ an den ersten Schüler weiter – und das ist wie immer Luca. Nun könnte man meinen: Luca ist seit zwei Jahren in der Klasse, das sind etwa 80 Montagmorgen mit 80 Erzählrunden. Er müsste also wissen, was von ihm erwartet wird und sich vielleicht innerlich schon mal ein bisschen darauf eingestellt haben. Weit gefehlt! Er guckt erst den Stein, dann mich an – mit einem Blick, als sei ich einer der heiligen Dreikönige, der sich in der Tür geirrt hat und sein Weihrauchpaket nun versehentlich bei ihm, Luca, anstatt beim Jesuskind abgeliefert hat. Nach einer kleinen Erinnerung fällt ihm aber wieder ein, was er sagen soll und er sagt das gleiche wie jede Woche: „Erst war ich oben.“ Nachdenk-Pause. „Dann war ich unten.“ Nachdenk-Pause. „Dann war ich wieder oben.“ Fertig. Mehr ist aus ihm heute nicht herauszubekommen. Da ich und die anderen Kinder, wie gesagt, Luca aber schon eine Weile kennen, wissen wir: „Oben“ steht für: fernsehen, Nintendo spielen, sich mit dem kleinen Bruder ums Playmobil kloppen. „Unten“ bedeutet: Fangen und verstecken spielen im Hinterhof, sich mit dem kleinen Bruder ums Sandspielzeug kloppen. Wir können also den Stein getrost weitergeben.
Als nächstes kommt Quentin an die Reihe. Quentin hängt am Wochenende oft mit dem 16-jährigen Nachbarsjungen ab, während seine Mutter ihre Internetbekanntschaften pflegt. Mit ihm guckt er dann FSK-16-Filme, spielt World-Of-Warcraft oder fährt mit dem Moped durchs Dorf. Dieses Wochenende hatte der Kumpel eine Softairpistole organisiert, was Quentin mit strahlenden Augen verkündet. Zwar will ich ihm nicht die ganze Freude nehmen, aber natürlich muss ich schon insoweit Spaßbremse sein, als dass ich zumindest auf die Gefahren hinweise und der Mutter eine kleine Notiz ins Hausaufgabenheft schreibe. Herrn Bromseklöten, die alte Petze. Dabei ginge dieser Nachbarsjunge wahrscheinlich sogar als eine „Ressource“ durch, wenn ich mich noch richtig an meine Examensprüfung zur Resilienzforschung erinnere.
Nun folgt Pascal. Seine Ressource ist, wenn man so will, seine unbändige Phantasie. Er ist bekannt dafür, seine Wochenenderlebnisse sagen wir etwas aufzumotzen. Heute berichtet er recht glaubhaft, wie er bei dem Bauern aus seinem Dorf bei der Kornernte auf dem Mähdrescher mitfahren durfte. Er schildert dieses Erlebnis so farbenfroh, dass ich trotz aller Grundskepsis anfange, ihm zu glauben. Ich schreibe sogar eine Nachricht an die Mutter: „Kann Pascal für den Sachunterricht Getreideähren mitbringen?“. Am nächsten Morgen kommt die Ernüchterung: Laut Mutter hat es keine Mähdrescherfahrt gegeben. Pascal war das ganze Wochenende „oben“ und „unten“, um es mit Lucas Worten zu sagen. Ich bin einfach zu gutgläubig, aber es war einfach an diesem Morgen die erste interessante Story.
Neben Pascal sitzt Oleg. Oleg ist einer der wenigen Schüler, der regelmäßig etwas mit seiner Mutter unternimmt. Aus dem lokalen Veranstaltungsblatt suchen die beiden sich jedes Wochenende ein Stadtfest, einen Flohmarkt oder einen Kirchenbasar aus. Irgendetwas finden sie immer. Dort geht es dann hin und es wird alles abgegrast und mitgenommen, was es umsonst zu kriegen gibt. Die beiden futtern sich da in der Regel mit Probierhäppchen durch und Oleg gewinnt bei Glücksrad, Dosenwerfen etc. immer irgendetwas tolles. Eigentlich gewinnt er sich so seine gesamten Schulmaterialien zusammen, aber leider auch jede Menge Blödsinn, den er dann auch wochenlang mit sich im Ranzen mitschleppt. Ich frage mich, ob man auf diese Weise wohl seinen gesamten Lebensunterhalt bestreiten könnte. Wäre mal eine Reportage von Günter Wallraff wert („Ich, der Glücksradjunkie“).
So etwas hat Erkan natürlich nicht nötig. Er ist materiell bestens versorgt, vor allem an den Wochenenden. Dann ist er nämlich bei seinem Papa, der seinem Stammhalter jeden Wunsch von den Lippen abliest. Da sind immer gleich mehrere Highlights zu erwarten. Bundesligaspiel, Zirkus und Kino an einem Wochenende – kein Problem, das verdient sich Erkan mit einem Augenaufschlag, der jedem Hundebaby zur Ehre gereichen würde. Woher Papa die Kohle nimmt, möchte ich lieber nicht wissen. Gut ausgestattet mit dem neuen offiziellen WM-Ball, der angesagtesten Picaldi-Jacke oder sogar einem lebendigen Meerschweinchen im Käfig wird er dann jeden Sonntagabend wieder bei Muttern abgesetzt, die sich dann die restliche Woche mit dem kleinen Prinzen rumschlagen darf.
So nimmt der Erzählkreis munter seinen Lauf und natürlich wird auch einiges berichtet, was mein Wohlgefallen findet. Es ist ja nicht alles grausam. Irgendjemand war immer auf Zeltlager mit der Feuerwehr, mit seinem Papa im LKW unterwegs oder bei Oma und Opa im Schrebergarten.
Irgendwann landet der grüne Stein dann auch wieder bei mir und ich sage genau wie alle anderen meine Sätze auf, natürlich schön pädagogisch aufbereitet. Muss ja niemand wissen, dass ich den ganzen Sonntag „oben“ verschlunzt habe, weil es beim Karaokeabend mit den Kolleginnen mal wieder spät und feuchtfröhlich geworden ist. Zum Glück fällt mir gerade noch ein, dass ich mit meinen Kinder am Samstag vorher noch schwimmen gewesen war, was schon ein ziemlich hochwertiges „Unten“ ist und entsprechend von mir ausgewalzt wird. Glück auf!

Sonntag, 18. September 2011

Das Schönste am ganzen Tag


„Das Schönste am ganzen Tag, das sind die Pausen“ sangen einst Roy Black und Anita. Und es wird wohl auch 40 Jahre später kaum jemanden geben, der dem nicht zustimmt. Bei uns in der Klasse ist es Ismael, der jeden Morgen schon beim Betreten des Klassenzimmers die Frage ausspricht, die uns alle innerlich beschäftigt: „Wann ist endlich Pause?“.
Und wenn die Zeit gekommen ist, dann ist es bei uns natürlich auch nicht anders als bei VW am Fließband, auf der Baustelle an der Autobahn oder im Deutschen Bundestag: Alle haben es ganz furchtbar eilig. Na ja, fast alle. Zurück blieben meistens die Anwärterin, die in der Regel noch 7000 Sachen aufzuräumen und einzupacken hat und Luca, der sozusagen unsere „Stewardess“ ist, denn er verlässt IMMER als letztes das „Flugzeug“. Mal kriegt er seinen Reißverschluss nicht zu,  mal fehlt sein Käppi, mal reißt vom Schuh der Schnürsenkel. Auf Luca ist da Verlass.
Viermal in der Woche habe ich das große Glück, mich nicht mit den Kollegen im Lehrerzimmer langweilen zu müssen, sondern ich darf meine Kinderlein auf den Schulhof begleiten. Da stehe ich dann wie der Fels in der Brandung und beobachte das bunte Treiben um mich herum:
Im Sandkasten sind vor allem die ersten Minuten jeder Pause spannend, denn dann werden hier die Claims abgesteckt. Schon vor Pausenbeginn stehen die Buddelwilligen an der Spielzeugausgabe, um sich Eimerchen und Schäufelchen abzuholen. Und dann geht es jedes Mal los wie beim „Oklahoma Land Run“ anno 1889, als im Wilden Westen die letzten Indianerterritorien zur Besiedlung freigegeben wurden. Jeder will der erste sein und jeder will natürlich GENAU IN DER MITTE buddeln. Und da hat dann auch Jeremy, der sonst keine zehn Sekunden stillsitzen kann, plötzlich bemerkenswertes Sitzfleisch. Die bunten Kunststoffspielzeuge werden natürlich gerne als Argumentverstärker eingesetzt, aber irgendwann hat sich die Lage dann doch beruhigt, zumindest so lange, bis ein Polizist, ein Klonkrieger oder ein Pokémon durch die Sandlandschaft trampelt, weil er auf der Flucht vor einem Gangster, einem Jediritter oder einem anderen Pokémon ist.
Damit sind wir auch schon bei der zweitliebsten – und zugleich konfilktträchtigsten – Pausenbeschäftigung angelangt: Den sogenannten „Spaß-Kämpfen“. Irgendwie kämpft hier immer Gut gegen Böse, wobei die Grenzen natürlich fließend sind. Verbieten kann man solche Beschäftigungen ja nun mal nicht ganz, schließlich haben schon unsere Großväter so gespielt. Der Unterschied zu heute war allerdings der: Kam Opa Schulze mit zerrissener Hose nach Hause, weil die Indianer mal wieder gegen die Cowboys verloren hatten, konnte er sich dort auf drakonische Strafen gefasst machen. Kehrt Leon-Pascal im Jahr 2011 auf diese Weise zu seiner Mama zurück, kriegt er erst mal zum Trost ein neues Playstationspiel und dann wird die Mutter von Marvin-René angerufen, also von dem Jungen, der der vermeintliche Verursacher war. Oder, wenn das Ganze in der Schule passiert ist, beschwert man sich gleich beim Lehrer über vernachlässigte Aufsichtspflicht.
Also wiederhole ich gebetsmühlenartig die Warnung, dass doch wenigstens das Treten und Schlagen eingestellt werden solle, höre mir die immer gleichen Beschwerden an und schicke ab und zu mal einen Kämpfer zur Auszeit auf die Bank oder in schlimmen Fällen nach drinnen, wo er dann den Rest der Pause vor dem Büro der Schulleiterin sitzen muss.
Friedlicher leben da die Schüler, die so komplett in Phantasiewelten abtauchen, dass sie noch nicht mal Spielpartner bzw. Gegner brauchen. Sie zu beobachten ist stets sehr unterhaltsam und ein schönes Beispiel für die konstruktivistische Lehre, dass jedes Verhalten eine sinnvolle Funktion in einem bestimmten Kontext (aber halt auch nur da) besitzt.
Hat man die Spaßkampf-Front nun endlich für eine Weile befriedet, kann man sicher sein, dass es schon bald von anderer Seite schallt: „Herrn Bromseklöten, ich hab’ ne Beschwerde!“. Dieses Mal ereilt mich der Ruf aus Richtung Schaukelgerüst. An dieser wichtigen Einrichtung können kleine Kapitalisten schon früh lernen, dass Verknappung den Marktwert erhöht. Ich gehe jede Wette ein, dass, wenn wir 30 Schaukeln auf dem Schulhof hätten, diese niemand auch nur mit dem Hintern angucken würde. Nun haben wir aber nur zwei davon und da ist es natürlich klar, dass jeder schaukeln will. Also üben wir täglich das Schlange stehen, das Abwarten und das Abwechseln. Auch der sachgerechte Umgang mit dem Spielgerät will immer wieder aufs Neue erprobt werden und es vergeht kaum eine Pause, ohne dass mindestens ein Kind das Brett an den Kopf bekommt.
Nun denn, irgendwann ist die schönste Pause zu Ende und jeder strömt zurück zu seiner Sammelstelle. Und diejenigen, denen es in den 15 Minuten auf dem Schulhof nicht eingefallen ist, sich mit irgendwem anzulegen, der holt das noch schnell auf den letzten Metern nach indem er spuckt, tritt, Stöckchen wirft oder auf irgendeine andere Weise einen Streit vom Zaun bricht, den er dann – zurück in der Klasse – natürlich (wichtig, wichtig) geklärt haben will. Glück auf!

Montag, 12. September 2011

Die Wurzel allen Übels

Die Wurzel allen Übels…

…liegt in unsere Schule! Jawoll! Seht selbst:

Habt ihr euch schon mal Gedanken gemacht, warum merkwürdige Fernsehformate wie „Frauentausch“ oder „Vera am Mittag“ erfunden werden mussten, in denen hysterische Weiber die Möglichkeit haben, ihren krampfhaft zurückgehaltenen Gefühlen Ausdruck zu verleihen? Der Grund dafür sind wir! Bereits in der 2.Klasse unserer Förderschule gibt es Mädchen, die jetzt schon reif für solche Sendungen wären! (als Protagonisten wohl gemerkt!) Da muss eine Probe der Theater-AG abgebrochen werden, weil 2 kleine Prinzeschen namens Carina und Emilia in ohrenbetäubendes Gekreische, Gezeter und Gekeife verfallen, weil sie sich nicht einig werden, ob nun Carina oder Emilia den gemeinsamen Exfreund Timm (ebenfalls ein winziger Zweitklässler) zuerst geküsst hat in der Pause. Und das obwohl doch die Regel gilt: Geküsst wird nur nach Schulschluss. Dem Gezeter ist kein Ende zu setzen, denn nach und nach kommt heraus, dass die Freundschaft der beiden Mädchen bereits 7mal durch die 7 Exfreunde von Carina kurzzeitig in die Brüche gegangen war und die Knutscherei mit Timm nun wirklich dem Ganzen die Krone aufsetzt. Eine Lösung des Streits ist nicht in Sicht…Vera am Mittag muss her, finden Frau Seltsam und ich.Der Niedergang der abendländischen Kultur ist damit eingeläutet!

Und habt ihr euch schonmal überlegt, warum überhaupt irgendwann Kurkliniken, die rein dem Zweck der Gewichtsreduktion dienen, gegründet wurden? Der Grund dafür sind auch wir! Das ganze rührt daher, dass das natürliche Sättigungsgefühl von uns Kollegen quasi an dem großen Eingangsportal zur Schule vor Unterrichtsbeginn abgegeben werden muss. Das bewahrt die Sekretärin dann auf und gibt es einem erst nach Schulschluss wieder. Das nicht vorhandene Sättigungsgefühl führt im Vormittagsbereich zu maßlosen Fressorgien, die jegliche Diät die in den Ferien durchgezogen wurde, zu Nichte machen. Da habe ich doch heute glatt mehrere Pausenbrote in mich hineingeschlungen, danach die Süßigkeitenkiste, die eigentlich für meine Schüler zur Belohnung gedacht ist, heimlich leergeputzt, danach konnte ich mich nicht mäßigen als beim ortsansässigen Bringdienst bestellt wurde und habe dann nach Verspeisen des gelieferten 3-Gänge-Menüs ganz brav und artig den Eintopf und die Nachspeise, die meine Schüler heute im Koch-Unterricht gezaubert haben vertilgt. Von Sättigungsgefühl keine Spur. Jetzt wisst ihr, woher der Trend zum Übergewicht in unserem Land kommt.

Und was glaubt ihr –wo wir gerade beim Thema Kliniken sind- warum Entzugskliniken gebaut werden mussten? Der Grund dafür sind … richtig….. auch wir! Da beginnt die Schulwoche schon mal damit, dass ein Schüler völlig betrunken zum Unterricht erscheint (dass das an widrigen häuslichen Bedingungen liegt, glaube ich nicht ---wahrscheinlich musste er sich eher im Vorfeld die ausgemergelten Gesichter von uns Lehrern schön trinken), sich dem Schulleiter lallend in den Weg stellt und anschließend breitbeinig und laut singend im Flur liegt, bis der Krankenwagen erscheint, der ihn abholt. Das sind also die Suchtopfer, wegen denen das Gesundheitswesen ständig rote Zahlen schreibt.....

Und eh ich mich jetzt darin verliere, als erster endlich mal die Verantwortung für eine ganze Latte von mittelschweren Übeln in unserer Welt zu übernehmen, gebe ich es einfach direkt heraus gleich zu: Wir sind auch für die ganz besonders schlimmen Übel auf unserem Planeten verantwortlich.

Wo zum Beispiel glaubt ihr liegt die Ursache für den Staatsbankrott in Griechenland und für die weltweite Wirtschaftskrise? Die Ursache liegt bei uns! Wir sind Schuld! So ist es! Genauergesagt….ein Grüppchen von Schülern, das neulich im Informatikunterricht in den 5 Minuten in denen der Lehrer einem anderen Schüler ein Programm erklärt hat, nichts besseres zu tun hatte, als einen Hackerangriff auf die Computersysteme der Regierungen der gesamten westlichen Welt zu starten und mit einem eigens-programmierten Wurm deren Staatshaushalte lahm zu legen. Da nützt es nun auch nichts mehr, dass der hiesige Telefonanbieter unserer Schule die Lizenz entzogen hat, von den Schul-PCs aus eMails zu verschicken. Die Katastrophe nimmt bereits ihren Lauf…………………………………. Und wer ist wieder Schuld? Wir! Nobel geht die Welt zu Grunde................

Donnerstag, 8. September 2011

Sind Elektriker Mörder?

Die Sterne für den heutigen Tag standen gut: ein Schüler war suspendiert, ein Anderer beim Arzt zur Überprüfung der Medikation- sprich: reduzierte Schülerzahl.
Der Rest fläzte eigentlich ganz friedlich auf den Plätzen rum, der eine oder andere biss auf Grund des fehlenden häuslichen Frühstücks halb verhungert in sein Pausenbrot und nur wenige nutzten die Tische als Kopfkissen.
Der Geräuschpegel hielt sich in Grenzen.
Es gab keine erkennbaren, schwelenden, zu klärenden Konflikte.
Diese Chance musste genutzt werden.
Heute sollte es einer dieser Tage sein.
Heute sollte richtiger Unterricht gemacht werden.
Heute sollten die jungen Menschen, die im nächsten Sommer eine Berufsschule besuchen werden, etwas zum Thema erarbeiten. Bald müssen sie sich entscheiden, welcher Beruf sie interessieren könnte.
Die Hausaufgabe lautete: Nenne 10 Berufe und schreibe zu dreien auf, was du darüber weißt.
Die Nutzung von Internet oder Lexikon oder Eltern war ausdrücklich erwünscht (Ersteres wird gerne in Anspruch genommen, beim Zweiten könnte man sich die Finger verbrennen, wird daher eher gemieden und die dritte Option ist für die meisten unserer Schüler keine wirkliche, da entweder kein Ansprechpartner da ist oder keine Informationen vorhanden sind).
Immerhin die Hälfte der Klasse hatte die Hausaufgaben erledigt UND dabei.

Los gehts:
"Igor, welchen Beruf hast Du aufgeschrieben?"
"Elektriker."
"Und- was macht ein Elektriker??"
"Elektrisieren!......Irgendwas mit Strom! ....er tötet Menschen!!"
"Weiß sonst noch jemand, was ein Elektriker macht?...Daran?"
"Junge- woher soll ich das wissen? Bin ich Elektriker??"
O.K.- war vielleicht ein bisschen schwer.

Aber es gibt weitere Ideen. Bei Rene-Pascal war gestern ein Mann zum Therme warten.
"Wer weiß, wie dessen Beruf heißt?"
"Thermenwärter!"
"Nein- nicht ganz. Früher nannte man den Beruf Klempner. Wie heißt es heute?"
"Ex-Klempner!"
Nach einigen Erläuterungen zu den Aufgaben des Gas- und Wasserinstallateurs wird der nächste Beruf genannt:
"Polizist!"
"Was ist ein Polizist?"
"Ein Arschloch!.....wenn Jugendliche saufen, kommense..."
(Das kann so nicht ganz stimmen, denn dann könnte die Polizei ja keinen anderen Aufgaben mehr nachgehen.)

Thomas erzählt von einem Onkel, der mit dem LKW unterwegs ist.
"Wie nennt man die Leute, die einen LKW fahren?"
"Achmed!!"
Einige lachen, keiner widerspricht. Den Begriff Kraftfahrer hat noch keiner gehört.

"Wer weiß, was ein Pilot macht?"
"Kacken!"
"Abstürzen!"
"Er fliegt...dieses...dieses...dieses Dings!"

"Was macht ein Taucher?"
"Er taucht und versucht zu gewinnen!"
"Gewinnen? Was denn?"
"Woher soll ich das denn wissen?"

Chantalle kennt einen ganz komischen Beruf::
"Hiepamma!"
"Wie bitte?"
"Hiepamma!"
"Zeig mir mal bitte dein Heft... Aaach!! HEBAMME! Wer kennt diesen Beruf?"
Ratlose Gesichter... doch- Thomas meldet sich:
" Ich weiß es!!! AAAHHHHH - Zieh- und dann: uääh!"
"Ja...und was macht nun eine Hebamme??"
"AAAAHHHH- Zieh- und: uääh!- Sie zieht die Kinder raus!"
Zum Glück ist Chantalle dank irgendwelcher Hausaufgabenhelfer gut vorbereitet und kann die Mitschüler über die umfassenden Aufgaben einer Hebamme informieren.

Diesen Tag müssen wir uns rot anstreichen.
Alle anwesenden Schüler haben mitgearbeitet.
Es war relativ ruhig.
Keiner musste rausgeschickt werden.
Bestimmt haben sie heute eine Menge über Berufe gelernt!!

Vorsicht Arbeitsmarkt: Sie kommen!!!

Mittwoch, 7. September 2011

All Morgen ist ganz frisch und neu

Jeder Arbeitstag beginnt für mich um etwa Viertel vor Acht mit dem Betreten des Lehrerzimmers. Da um diese Zeit die meisten Kollegen eintrudeln, ist es für die Situation, die man dort vorfindet, von entscheidender Bedeutung, wann GENAU man ankommt. Um 7:40 Uhr kann man in der Regel noch wahlweise ganz gemütlich Platz nehmen und mit den Sitznachbarn ein bisschen klönen oder in Ruhe ein paar Arbeitsblättern kopieren. Schon zehn Minuten später geht es jedoch schon zu wie in einem Bienenkorb oder Taubenschlag. Der gewohnte eigene Platz ist durch eine neue Praktikantin belegt. Die Telefone klingeln nonstop. Der Sportlehrer will mir die Sünden meiner Klasse in der gestrigen sechsten Stunde auftischen, eine Kollegin will ihre Pausenaufsicht tauschen, die Anwärterin ihre heutige Stunde besprechen und der Kopierer hat mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon wieder Papier gefressen und ist für den restlichen Vormittag nicht mehr zu gebrauchen.
Deshalb kann man sich eigentlich auch schon getrost auf den Weg raus auf dem Schulhof machen und die Schülerlein einsammeln. Ich hole meine Truppe sowieso gerne schon immer etwas eher in die Klasse, was die Anzahl der Schulhofkonflikte vor Stundenbeginn drastisch reduzieren kann.
Schon der Weg über den „Campus“, der inzwischen schon gut gefüllt ist, ist ein wahrer Spießrutenlauf. Der kleinwüchsige Oleg lässt sich schon wieder laut jauchzend von den Neuntklässlern durch die Gegend schleudern, obwohl er sich dabei regelmäßig Blessuren zuzieht, was dann widerum jedes Mal die überbehütende Mutter auf dem Schirm ruft. Unser chronischer Schulverweigerer Christoffer steht am Schultor und versucht möglichst viele Kumpels davon zu überzeugen, dass es schöner ist, mit ihm zur Tanke zu gehen als bei Frau Großstädter Mathe zu machen. Und die frühreife Samantha macht schon wieder die Jungs kirre und hat die schon wieder so weit, dass sie sich aufführen wie Hirschbullen in der Brunft. Man kommt sich jedenfalls vor wie im Super-Mario-Land, schafft es letztendlich aber dennoch, allen Hindernissen auszuweichen und sich durch das erste Level des Tages zu kämpfen.
Am Sammelpunkt der Lerngruppe warten schon die meisten „meiner“ Jungs. Denn sie wissen ja, dass auf ihren Herrn Bromseklöten Verlass ist und er sie so früh wie möglich aus diesem Jammertal heraus und in die paradiesische Ruhe des Klassenraumes hinein führt. Während sie mir folgen wie Entenküken ihrer Mama (natürlich nicht, ohne sich dabei gegenseitig anzurempeln, zu schubsen und zu drängeln) ertappe ich mich dabei, wie ich entweder die Melodie von „Guten Morgen, liebe Sorgen“ oder die der „Internationale“ pfeife.
Doch vor Erreichen unserer Lernhöhle hat der liebe Gott die Klassenzimmertür platziert und diese stellt, nachdem sie jahrzehntelang von ausflippenden Schülern, die entweder rein oder raus wollten, malträtiert wurde, eine ernstzunehmende Barriere dar. Um sie zu öffnen bedarf es jedenfalls sowohl echten Fingerspitzengefühls beim Einführen und Umdrehen des Schlüssels als auch roher Gewalt beim anschließenden Reißen am Türknauf. Nicht selten kam es schon vor, dass der Hausmeister zu Hilfe geholt werden musste, weil der Schlüssel feststeckte, die Tür aber trotzdem nicht auf ging.
Irgendwann sind wir dann doch drin und was folgt ist eigentlich Wetten-Dass-tauglich: Zwölf von offizieller Stelle als verhaltensauffällig klassifizierte Kinder ziehen sich GLEICHZEITIG in unserem Vorraum, also auf einer Fläche von etwa 150x100 cm die Straßenschuhe aus und die Hausschuhe an. Dabei stehen ihre Ranzen auch noch auf dem Boden rum. An dem Tag, an dem dieses Prozedere ohne Geschrei und blaue Flecken über die Bühne geht melde ich uns glaube ich wirklich bei Thomas Gottschalk an.
Ich setze mir derweil schon mal einen Kaffee auf und warte darauf, dass mir die Jungs routinemäßig ihre Mitteilungshefte nach vorne bringen sowie ihre Nintendos und mp3-Player abgeben. Diese sind in der Schule nämlich verboten, während der Taxifahrten jedoch ausdrücklich als Beruhigungsmittel erwünscht.
Überhaupt, die Taxifahrten: Da das Einzugsgebiet unserer Schule den ganzen Landkreis umfasst, haben die meisten Schüler morgens um acht schon lange, strapaziöse Fahrten in vollbesetzten Kleinbussen hinter sich. Und da gibt es schon zu Schulbeginn einiges zu berichten: David hat Marcel von hinten gewürgt. Justin und Marvin haben auf der hintersten Bank einen Schwanzvergleich ausgerichtet. Pascal hat indizierte Musik auf seinem Handy und hat Chantalle genötigt, sich diese anzuhören. Ich höre mir alles an, wohlwissend, dass der lauteste Beschwerdeführer sich bei genauem Nachbohren meist als ursprünglicher Verursacher der Turbulenzen herausstellt.
Es gibt aber auch Kinder, die haben keinen Streit im Taxi oder ihnen sind andere Dinge wichtiger. Sie würdigen mich kaum eines Blickes sondern stürzen sofort in die Spielecke, um sich die Kiste mit den Autos zu bunkern. Manche haben heute auch noch gar nichts gegessen und fallen über ihre Brotdose her.
Wenn alle Gemüter sich beruhigt und jeder eine sinnvolle Betätigung gefunden hat – besonders beliebt macht man sich bei Herrn Bromseklöten mit freiwilligem Tafelwischen oder Stecken des heutigen Stundenplanes – kehrt erstmals Ruhe ein und natürlich würde ich einen Teufel tun, und das bunte Treiben gleich abbrechen. So lasse ich sie erst mal machen, genehmige mir einen Schluck Kaffee und schaue in den Mitteilungsheften nach, ob Erzieher der Nachmittagsbetreuung oder Eltern mir etwas mitzuteilen haben. So schreibt mir vielleicht eine Mutter: „Luca hat erzählt, er musste in Hauswirtschaft von den Tomaten probieren. Bitte zwingen sie ihn nicht!“ oder eine andere:  „Igor hat schon wieder seine Mütze verloren. Können Sie nicht besser darauf aufpassen?“ oder es meldet sich die Mama eines Drittklässlers: „Hallo Herrn Bromseklöten! Ich habe die Mathehausaufgaben nicht verstanden, können Sie mir bitte ein Beispiel ins Heft schreiben?“. Oder es schreibt ein Vater mit einem mehrseitigen Vorstrafenregister: „Wenn Sie meinen Sohn noch mal am Arm fassen, können Sie was erleben!“. Na, solche Sachen halt.
Irgendwann haue ich dann schon mal auf meine Glocke (so ein Teil wie an der Hotelreception), was das Zeichen an meine Schüler ist, dass wir mit unserem Tagewerk beginnen wollen. Bis alle sitzen und die richtigen Materialien draußen haben dauert es sowieso noch zehn weitere Minuten. Glück auf!

Dienstag, 6. September 2011

Der Nebel lichtet sich (für kurze Zeit)

Zwei Wochen ist es nun her, dass ich im Religionsunterricht in der Abschlussklasse meinen pädagogischen Nine-Eleven erlebt habe. Inzwischen sind zwei weitere Doppelstunden überstanden und Frau Seltsam und ich haben zumindest Teilerfolge zu verzeichnen.
Größtenteils liegt dies an einer Entwicklung, die zwar vorhersehbar, jedoch nicht von uns gesteuert war, nämlich dem steten Verfall dieser Trümmertruppe. 
Da haben wir zum Einen Christoffer, der nach Jahren des Nervens im Unterricht nun endlich kapiert zu haben scheint, dass richtiges  Schwänzen bedeutet, GAR NICHT zur Schule zur erscheinen anstatt den ganzen Vormittag da rumzuhängen und allen auf die Ketten zu gehen. Sehr förderlich für diese Erkenntnis war die Berufsmesse, die letzte Woche in der Stadthalle stattfand und wo es täglich kostenlos Getränke, Popcorn und diverse Give-aways abzustauben gab.
Dann gibt es seinen Kompagnon René-Pascal, der es mit heftigem Randalieren in den Schulfluren und gezielten Attacken gegen Lehrer und Mitschüler nun endlich geschafft hat, für einige Tage vom Unterricht suspendiert zu werden, was genau sein Ziel war, um damit seine Eltern zu ärgern.
Hinzu kommt noch, dass das Chantalle jetzt immer ausgerechnet während des Religionsunterrichts (Bingo!) am Deutsch-Förderunterricht teilnehmen soll – so’n Pech aber auch!
Selbstredend ist es natürlich so, dass die entstandenen Lücken problemlos von den verbleibenden Pubertieren gefüllt werden. Etwa von Hannes, der zwar die meiste Zeit döst, aber alle fünf Minuten Geräusche ausstößt, die einen glauben lassen, man befinde sich im Urwaldhaus des städtischen Tierparks; oder von Erkan, der bei jeder noch so dämlichen Bemerkung eines Mitschülers in ein Verhalten verfällt, das er sich bei Hänschen Kichererbse aus der Sesamstraße  (siehe youtube)  abgeguckt zu haben scheint.
Aber Frau Seltsam und ich haben uns natürlich Mühe gegeben, den Unterricht so an die Rahmenbedingungen anzupassen, dass es uns phasenweise gelingt,  den „Nebel des Grauens“ zu lichten.  Mein alter Seminarleiter hätte von „Optimierung des Unterrichts“ gesprochen – das war seine vornehme Formulierung für aus beschissenem Unterricht  etwas weniger beschissenen Unterricht zu zaubern.
Wie haben wir das angestellt? Na gut, ich bin bereit, meinen Lesern einen Einblick in unsere pädagogische Zauberkiste zu erlauben!
Da sind vor allem drei Punkte zu nennen:
1.  Unterrichtsgespräche werden komplett vermieden, ebenso Aufgabenstellungen, die eine länger als 30 Sekunden dauernde Einleitung oder Erklärung nötig machen würden. Stattdessen gibt es stumpfe Schreibaufgaben sowie für die schnellen Arbeiter Anmalbilder, die jedem normalen Kindergartenkind zu billig wären. Da sitzen dann also die schweren Jungs und malen penibel jede Flosse des Regenbogenfisches in einer anderen Farbe an.
Eine Präsentation der Arbeitsergebnisse wird am Ende natürlich ebenso radikal gestrichen wie eine Reflexion der Arbeitsphase. Es wird sowieso viel zu viel geredet auf dieser Welt!
2. Wir greifen auf die bewährte Bonbonpädagogik zurück. Mit Hilfe einer „Ablaufuhr“ wird die Restdauer der Arbeitsphase auch für solche Schüler  visualisiert, die selbst nach acht Schulbesuchsjahren noch nicht die Uhr lesen können. Damit verbunden wird jedem ein Griff ins Bonbonglas versprochen, der es schafft, im Laufe dieser Zeitspanne  die Klappe zu halten. Wenn es schon an der intrinsischen Motivation hapert:  Auf  Süßes sind dann doch alle scharf. Sie wissen ja nicht, dass das Bonbonglas regelmäßig mit den abgelaufenen Süßigkeiten aus den Vorräten meiner eigenen Kinder befüllt wird.
3. Berieselung mit seichter Musik. Ja, ganz richtig gehört: Heute hat Herr Bromseklöten mal seine Bar-Lounge-Classics mitgebracht und in den Player eingeworfen. Dieser geniale Schachzug kam bei den Schülern super an.  Selbst beim besten Willen konnten sie in den dargebotenen Klängen nicht die befürchtete „Oma-Musik“ ausmachen, sondern waren tatsächlich angetan vom chilligen Sound. Ein etwas schnelleres Stück auf der Mitte der CD musste ich jedoch nach wenigen Sekunden wegdrücken, da der Lautstärkepegel sofort wieder anstieg.  Ansonsten war die Atmosphäre für etwa eine halbe Stunde tatsächlich relativ gelassen und entspannt!
Natürlich sind wir noch lange nicht am Ziel mit unseren Bemühungen.  Gerade beim letzten Punkt – der Schaffung einer smoothen Lernatmosphäre haben wir noch Pläne. So wollen wir beim nächsten Projekttag mit einer Gruppe Schülern in Blaumännern das benachbarte Starbucks stürmen, um in einer Überrumpelungsaktion („Tschuldigung, wir sollen hier was abholen...“ )  das Mobiliar aus Loungesesseln und -sofas rüber in die Schule zu schaffen. Dann werde ich Frau Seltsam und mir auch nicht mehr nur einen schnöden Filterkaffee kredenzen, sondern es gibt mindestens eine tall skinny vanilla latte oder so was.  Glück auf!

Samstag, 3. September 2011

Man(n) verdient ja nichts ...

Eine Episode aus meiner zweiten Schulwoche im Schuldienst als echter Lehrer.

Akt 1

In den Hauptrollen: "Ich" (HerrvonBödefeld) und "Mutter" (aus Klassenelternschaft)

"Ich" sitzt noch im Klassenzimmer und muss Klassenbuch ausfüllen. "Mutter" kommt durch Tür, sieht Lehrer, stoppt am Türrahmen, setzt bemühtes Lächeln auf.

M: Ach Herr von Bödefeld, guten Tag.
I: Guten Tag Frau ...

("Ich" nuschelt etwas in nicht vorhandenen Bart, weil er noch immer nicht alle Elterngesichter zuordnen kann. "Ich" setzt nun ebenfalls bemühtes Lächeln auf. Macht man so! Hat "Ich" mittlerweile gelernt.)

M: Das finde ich ja toll, dass sie jetzt die Klasse unterrichten.
I (leichtes kopfnicken, nicht zu euphorisch - "Ich" weiß mittlerweile, dass solche nettes Floskeln nicht immer ohne Hintergedanken angebracht werden)

M: Und als Mann an einer Grundschule... toll!
I (Kopfnicken etwas weniger, bemühtes Lächeln wird mit Mühe aufrecht erhalten): Tja ...

M (setzt nun dezent mitleidige Miene auf, leichtes Kopfschütteln): Man(n) verdient ja als Grundschullehrer kaum was...
M verlässt den Raum und lässt "Ich" mit leicht geöffnetem Mund im Klassenzimmer zurück.

So begrüßt man sich hier also in (...), denkt "Ich".

Dann aber doch etwas verunsichert, schaut "Ich" am Abend mal bei Google vorbei. "Ich" atmet auf - er gehört statistisch gesehen zur deutschen Oberschicht - ganz so schlimm kann es dann also doch nicht um ihn stehen. Sollte man das vielleicht auf dem nächsten Elternabend thematisieren?! Nicht, dass einem die Mütter noch warme Socken für die kalten Winterabende stricken oder mal 'ne Wurst zustecken ... ?! "Ich" muss dringend sein altes Auto loswerden - es kann nur daran liegen ...

Freitag, 2. September 2011

Die Laminier-Werkstatt

Die ersten zwei Wochen des Schuljahres sind um - und nach eingehender Prüfung steht für mich fest: Meine Schüler haben alles, aber auch alles vergessen, was wir im letzten Schuljahr erarbeitet haben. Besonders im Mathematikunterricht fällt das auf. Kaum einer kennt noch den Unterschied zwischen Plus und Minus oder kann mit Gewissheit sagen, welche Zahl vor 63 oder nach 37 kommt. Die Begriffe „Zehner“ und „Einer“ hat offenbar noch nie jemand gehört. Das an die Tafel gezeichnete Hunderterfeld halten sie für eine Tafel Ritter Sport Schokolade.
Das sind so die Momente, in denen man merkt: Das Buch ist nicht genuch. Es braucht vertiefenden Unterricht. Reflexartig ruft der brave Lehrer nun das ab, was ihm im Referendariat bis zum Erbrechen eingebläut wurde: Werkstattunterricht ist das A und O!
Werkstatt? Jeder, der nicht im Schulkosmos arbeitet, denkt da an einen Raum voller Werkzeug, indem Profi- oder Hobby-Handwerker ihrer Arbeit nachgehen. Wir kennen die Tischlerwerkstatt, die Autowerkstatt oder die Fahrradwerkstatt. Und so etwas schwebte den Erfindern von „Lernwerkstätten“ wohl ursprünglich auch mal vor.
Mit der Realität hat das dann doch eher wenig zu tun. Schauen Sie mal, was einem die bekannten Lernmittelverlage als Werkstatt verkaufen: Völlig überteuerte Mappen mit je 20-30 Arbeitsblättern zu einem Thema, praktischerweise einzeln entnehmbar zum Kopieren im Klassensatz.
Diese „Werkstätten“ gibt es für alle Schulstufen, zu allen Fächern und allen möglichen und unmöglichen Themen. Während meines Studiums gab es in der Uni eine Medienstelle für Unterrichtsmaterialien. Dort hatten sie sie alle: Die „Vom-Korn-zum-Brot-Werkstatt“ genau so wie die „Schneckenwerkstatt“, die „Zehn-Gebote-„ , die „Weimarer-Republik-“, die „lang-länger-am längsten-“ und die „Klowerkstatt“. Und täglich rannten dort frischgebackene Referendare oder Studenten im Schulpraktikum die Bude ein und kopierten sich diese Werke in Massen. Der Stapeleinzug des Kopiergerätes lief dauerhaft auf Hochtouren. Glücklich und zufrieden schleppten sie die Papierberge in Wäschekörben nach Hause mit der Illusion, nun gut gewappnet für den rauen Schulalltag zu sein.
Mittlerweile ist die Entwicklung schon etwas weiter: So hörte ich kürzlich davon, dass in Anwärterkreisen eine DVD kursiert, die mindestens 50 dieser „Werkstätten“ im pdf-Format enthält. Jede Seite schön einzeln eingescannt. Da musste jemand wohl ganz viel Zeit gehabt haben. Was natürlich jedem Urheberrechtsschützer ein Dorn im Auge sein muss, vermittelt dem verunsicherten Berufsstarter plötzlich ein Gefühl von Sicherheit und Überlegenheit.
Der abgeklärte Schulroutinier weiß aber natürlich: Alles Humbug! Von diesen Machwerken kann man jeweils höchstens fünf Seiten direkt im Unterricht einsetzen, der Rest ist entweder zu schwer, zu leicht oder sonst wie ungeeignet für die Lerntruppe, die man momentan zu bespaßen hat. Also stellt man sich seinen Kram selber zusammen, sei durch eigene Heimarbeit, durch das Klauen bei Kollegen oder Tauschbörsen von Lehrerforen im Internet. Auch die Google-Bildsuche spart die Anschaffung manch unerschwinglicher Bilderkartei.

Jetzt haben wir also unser Material für die „Werkstatt“ zusammen, aber damit ist es noch nicht getan. Denn das Sammelsurium will noch entsprechend aufbereitet werden. Und hier läuft nichts ohne die geliebteste Waffe des didaktischen Nahkämpfers schlechthin, den LAMINATOR. Mit ihm werden die zusammengewürfelten Fotokopien veredelt und konserviert. Anschließend stellt sich der Werkstattfanatiker dann sein Arbeitszimmer damit voll. Denn in seinem Wahn ist er fest der Überzeugung, dass er dieses Material, an dem im Moment sein Herzblut hängt, irgendwann noch einmal verwenden wird. Was natürlich auch totaler Quatsch ist. Denn entweder wird er dieses Thema nie wieder im Unterricht behandeln, oder das Leistungsniveau der Klasse ist beim nächsten Mal ein ganz anderes oder aber, was die wahrscheinlichste Variante ist, er hat bis dahin vergessen, dass bzw. wo er das Zeug noch hat  So druckt er sich dann alles doch noch einmal aus und beginnt von Neuem zu Laminieren.
Natürlich laminiere ich aber auch gerne. Es gibt einem nämlich irgendwie einen echten Kick, Dinge in Plastik einzuschweißen. Man hat das Gefühl, etwas für die Ewigkeit zu schaffen, das die Zeiten überdauern wird. Hätte da Vinci sein Abendmahl nicht auf eine olle Kirchenwand gepinselt sondern auf ein anständiges Stück Papier und dieses anschließend durch den Laminator geschickt: Es würde heute nicht so bröckeln (jedenfalls nicht ganz so, wie die Kollegen im Lehrerzimmer).
Ist dann alles eingeschweißt, braucht es nur noch eine Menge Kopierkartondeckel als Fächer für die einzelnen Arbeitsaufträge, einen Laufzettel für jedes Kind zum Abstempeln – und schon kann es losgehen.

Und nun sind sie also munter dabei, die lieben Schülerlein und erobern sich schön ganzheitlich mit Perlen, Plättchen, Kärtchen, Puzzeln und Rätseln den Hunderterraum wie einst der weiße Mann den wilden Westen – und werden doch am Ende wieder nicht wissen, wie viel Zehner 99  hat.

Donnerstag, 1. September 2011

Rapide bergab!

Das Schuljahr ist gerade mal ein paar Tage alt. Aber wir sind bereits am Punkt angekommen. Am Wendepunkt. Die anfängliche Frische und Euphorie ist gewichen. Von innerer Ruhe, Kraft und Ausgeglichenheit keine Spur mehr. Von nun an geht’s bergab. Rapide bergab.

Und das bei allen Insassen unserer Einrichtung.

Bereits mehrmals hat das Lehrerzimmer nun schon als Austragungsort für hitzige Duelle herhalten müssen und längst geht es nicht mehr nur beschaulich und harmonisch zu. Wären Waffen bei uns nicht verboten, so hätte längst der eine oder andere Schwertkampf zwischen Kollegen stattgefunden. Blutende Verlierer inklusive! Die Nerven liegen blank. Überforderungen an allen Ecken und Enden. Die euophorisch gestarteten Stoffvermittlungsversuche wurden abgebrochen und sind stumpfer BP-Päd (Bügelperlenpädagogik) gewichen. Was soll man auch machen. Und auch in dem einen oder anderen Klassenteam bröckelt der schöne Lack bereits ab, wie der Putz an einem antiken Deckenfresco von Michelangelo.

Bei ersten Kollegen treten Schwächeerscheinungen auf, so dass sie sogar dem Kollektivfleischverzehr, der traditionell zu Schuljahresbeginn abgehalten wird, fernbleiben. (Vielleicht hatten die auch einfach nur „ihr`Sach“ – wie der gemeine Bajuware die weibliche Periode nennt. Wer weiß das schon-----)

Die in den Ferien mühsam ins Lot gebrachten Hormonspiegel geraten zusehends ins Wanken, der Energiepegel steuert zielstrebig aufs Kellerloch zu, so dass allmählich auch der beste Reiki-Meister keine Chance mehr hat, diesen wieder aus seinem Versteck zu locken.

Und auch die Konzentration von einigen Kollegen schwindet bereits dahin, so dass es schon mal passieren kann, dass wichtige Unterrichtsmaterialien zu Hause liegen bleiben und durch einen schnell herbeigezauberten Harry-Potter-Film ersetzt werden müssen. 2 Wochen Kraft und Anstrengung die hinter uns liegen, waren einfach zu viel. Der Abwärtstrend zeichnet sich einfach zu deutlich ab. Frau Großstädter war heute nicht mal mehr in der Lage ihren Namen in die Sprechmuschel eines Telefons zu flöten, und das obwohl ihr gleich 2 Versuche gegeben wurden. Es ist einfach nur grausam.

Ob die Talfahrt unserer Edukativ-Achterbahn zuerst von uns oder doch von den Schülern eingeläutet wurde, lässt sich nicht mehr nachweisen – wer weiß schon, was zuerst war – Huhn oder Ei.

Jedenfalls haben unsere Zöglinge ihren Zenit bereits auch überschritten: Selbst die Kevins und Justins die sich in den ersten Tagen zusammengerissen haben und so taten, als wären ihre Namen nur eine schwache Erinnerung an die längst verklungene Ballade vom „bösen Sonderschüler“, konnten ihre guten Vorsätze nicht aufrecht erhalten und lassen sich nun in die weichen Daunen der alten Verhaltensmuster zurückfallen:

Bereits jetzt sind erste Schwänzer zu verzeichnen, erste Totalausraster mussten schon protokolliert werden, erste Verwarnungen, Verweise und Verhaftungen wurden ausgesprochen und in einigen Klassen (hier sei nochmal Frau Großstädter erwähnt und bedauert) herrscht bereits eine Atmosphäre, die wahlweise an Filme wie „Fight Club“ oder „Dumm und Dümmer“ erinnert. Selbst unter den strebsamsten Abschlussschülern hat der eine oder andere bereits nach 2 Wochen die Flinte ins Korn geworfen und ist nur noch mit dem Kopf auf dem Tisch anzutreffen. Selbst auf seinen Vornamen reagiert er nicht mehr.

Ja, es geht bergab! Rapide und unaufhaltsam!

Sogar unser Schulgebäude scheint seine wenigen Glanztage schnell hinter sich gelassen zu haben und gibt sich dem eingeläuteten Abwärtstrend hin: Als heute ein Kollege in seinem -aus dem Wasserhahn in der Teeküche gezapften- Wasser einen Silberfisch fand, der ihm fröhlich entgegen winkte, da wusste ich es: Das ist ein Zeichen - Wir sind nicht mehr zu retten! Das wars!

Hoffentlich sind bald wieder Ferien………………..