Jeder Arbeitstag beginnt für mich um etwa Viertel vor Acht mit dem Betreten des Lehrerzimmers. Da um diese Zeit die meisten Kollegen eintrudeln, ist es für die Situation, die man dort vorfindet, von entscheidender Bedeutung, wann GENAU man ankommt. Um 7:40 Uhr kann man in der Regel noch wahlweise ganz gemütlich Platz nehmen und mit den Sitznachbarn ein bisschen klönen oder in Ruhe ein paar Arbeitsblättern kopieren. Schon zehn Minuten später geht es jedoch schon zu wie in einem Bienenkorb oder Taubenschlag. Der gewohnte eigene Platz ist durch eine neue Praktikantin belegt. Die Telefone klingeln nonstop. Der Sportlehrer will mir die Sünden meiner Klasse in der gestrigen sechsten Stunde auftischen, eine Kollegin will ihre Pausenaufsicht tauschen, die Anwärterin ihre heutige Stunde besprechen und der Kopierer hat mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon wieder Papier gefressen und ist für den restlichen Vormittag nicht mehr zu gebrauchen.
Deshalb kann man sich eigentlich auch schon getrost auf den Weg raus auf dem Schulhof machen und die Schülerlein einsammeln. Ich hole meine Truppe sowieso gerne schon immer etwas eher in die Klasse, was die Anzahl der Schulhofkonflikte vor Stundenbeginn drastisch reduzieren kann.
Schon der Weg über den „Campus“, der inzwischen schon gut gefüllt ist, ist ein wahrer Spießrutenlauf. Der kleinwüchsige Oleg lässt sich schon wieder laut jauchzend von den Neuntklässlern durch die Gegend schleudern, obwohl er sich dabei regelmäßig Blessuren zuzieht, was dann widerum jedes Mal die überbehütende Mutter auf dem Schirm ruft. Unser chronischer Schulverweigerer Christoffer steht am Schultor und versucht möglichst viele Kumpels davon zu überzeugen, dass es schöner ist, mit ihm zur Tanke zu gehen als bei Frau Großstädter Mathe zu machen. Und die frühreife Samantha macht schon wieder die Jungs kirre und hat die schon wieder so weit, dass sie sich aufführen wie Hirschbullen in der Brunft. Man kommt sich jedenfalls vor wie im Super-Mario-Land, schafft es letztendlich aber dennoch, allen Hindernissen auszuweichen und sich durch das erste Level des Tages zu kämpfen.
Am Sammelpunkt der Lerngruppe warten schon die meisten „meiner“ Jungs. Denn sie wissen ja, dass auf ihren Herrn Bromseklöten Verlass ist und er sie so früh wie möglich aus diesem Jammertal heraus und in die paradiesische Ruhe des Klassenraumes hinein führt. Während sie mir folgen wie Entenküken ihrer Mama (natürlich nicht, ohne sich dabei gegenseitig anzurempeln, zu schubsen und zu drängeln) ertappe ich mich dabei, wie ich entweder die Melodie von „Guten Morgen, liebe Sorgen“ oder die der „Internationale“ pfeife.
Doch vor Erreichen unserer Lernhöhle hat der liebe Gott die Klassenzimmertür platziert und diese stellt, nachdem sie jahrzehntelang von ausflippenden Schülern, die entweder rein oder raus wollten, malträtiert wurde, eine ernstzunehmende Barriere dar. Um sie zu öffnen bedarf es jedenfalls sowohl echten Fingerspitzengefühls beim Einführen und Umdrehen des Schlüssels als auch roher Gewalt beim anschließenden Reißen am Türknauf. Nicht selten kam es schon vor, dass der Hausmeister zu Hilfe geholt werden musste, weil der Schlüssel feststeckte, die Tür aber trotzdem nicht auf ging.
Irgendwann sind wir dann doch drin und was folgt ist eigentlich Wetten-Dass-tauglich: Zwölf von offizieller Stelle als verhaltensauffällig klassifizierte Kinder ziehen sich GLEICHZEITIG in unserem Vorraum, also auf einer Fläche von etwa 150x100 cm die Straßenschuhe aus und die Hausschuhe an. Dabei stehen ihre Ranzen auch noch auf dem Boden rum. An dem Tag, an dem dieses Prozedere ohne Geschrei und blaue Flecken über die Bühne geht melde ich uns glaube ich wirklich bei Thomas Gottschalk an.
Ich setze mir derweil schon mal einen Kaffee auf und warte darauf, dass mir die Jungs routinemäßig ihre Mitteilungshefte nach vorne bringen sowie ihre Nintendos und mp3-Player abgeben. Diese sind in der Schule nämlich verboten, während der Taxifahrten jedoch ausdrücklich als Beruhigungsmittel erwünscht.
Überhaupt, die Taxifahrten: Da das Einzugsgebiet unserer Schule den ganzen Landkreis umfasst, haben die meisten Schüler morgens um acht schon lange, strapaziöse Fahrten in vollbesetzten Kleinbussen hinter sich. Und da gibt es schon zu Schulbeginn einiges zu berichten: David hat Marcel von hinten gewürgt. Justin und Marvin haben auf der hintersten Bank einen Schwanzvergleich ausgerichtet. Pascal hat indizierte Musik auf seinem Handy und hat Chantalle genötigt, sich diese anzuhören. Ich höre mir alles an, wohlwissend, dass der lauteste Beschwerdeführer sich bei genauem Nachbohren meist als ursprünglicher Verursacher der Turbulenzen herausstellt.
Es gibt aber auch Kinder, die haben keinen Streit im Taxi oder ihnen sind andere Dinge wichtiger. Sie würdigen mich kaum eines Blickes sondern stürzen sofort in die Spielecke, um sich die Kiste mit den Autos zu bunkern. Manche haben heute auch noch gar nichts gegessen und fallen über ihre Brotdose her.
Wenn alle Gemüter sich beruhigt und jeder eine sinnvolle Betätigung gefunden hat – besonders beliebt macht man sich bei Herrn Bromseklöten mit freiwilligem Tafelwischen oder Stecken des heutigen Stundenplanes – kehrt erstmals Ruhe ein und natürlich würde ich einen Teufel tun, und das bunte Treiben gleich abbrechen. So lasse ich sie erst mal machen, genehmige mir einen Schluck Kaffee und schaue in den Mitteilungsheften nach, ob Erzieher der Nachmittagsbetreuung oder Eltern mir etwas mitzuteilen haben. So schreibt mir vielleicht eine Mutter: „Luca hat erzählt, er musste in Hauswirtschaft von den Tomaten probieren. Bitte zwingen sie ihn nicht!“ oder eine andere: „Igor hat schon wieder seine Mütze verloren. Können Sie nicht besser darauf aufpassen?“ oder es meldet sich die Mama eines Drittklässlers: „Hallo Herrn Bromseklöten! Ich habe die Mathehausaufgaben nicht verstanden, können Sie mir bitte ein Beispiel ins Heft schreiben?“. Oder es schreibt ein Vater mit einem mehrseitigen Vorstrafenregister: „Wenn Sie meinen Sohn noch mal am Arm fassen, können Sie was erleben!“. Na, solche Sachen halt.
Irgendwann haue ich dann schon mal auf meine Glocke (so ein Teil wie an der Hotelreception), was das Zeichen an meine Schüler ist, dass wir mit unserem Tagewerk beginnen wollen. Bis alle sitzen und die richtigen Materialien draußen haben dauert es sowieso noch zehn weitere Minuten. Glück auf!
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