Einmal pro Halbjahr heißt
es für die Abschlussschüler aus dem
Hauptschul- und Lernhilfebereich: Schnupperunterricht an der Berufsschule.
Soll heißen: An diesem
Vormittag erleben die Schüler mal Unterricht an ihrer künftigen Schule und
erhalten einen Einblick in verschiedene „Gewerke“ wie zum Beispiel Tischler,
Maurer, Maler, Dachdecker, Metallbauer, etc.
Das ganze dient dazu, die
Angst vor dem Unbekannten abzubauen, den Schülern den Einstieg in die
nachfolgende Schule zu erleichtern, nach handwerklichen Talenten Ausschau zu
halten und Berufswünsche zu festigen oder eben über den Haufen zu werfen….
Diesmal erwarten uns der
freundliche Herr Diabolke vom Bau-Bereich und Herr Trabant vom Holzbereich.
Wie bei jedem Besuch
werden wir von Herrn Diabolke mit den Worten begrüßt: „Ach ja, Frau Samstag
und Frau Seltsam – da sind Sie ja wieder – wollen wir mal schauen, was heute
passiert-----!“
Das heißt übersetzt so
viel wie: „Ich erinner mich gut an Ihren ersten Besuch, da haben sich zwei
Ihrer Schüler die schlimmste Prügelei geliefert, die hier jemals zu sehen war…..!“
Unser guter Ruf eilt uns also auch diesmal voraus.
Die mitgebrachten Schüler
– die auf der Fahrt hierher eben noch freche Töne gespuckt haben, verhalten
sich erstmal ganz angepasst und kleinlaut, angesichts der neuen Umgebung und
der Menge unbekannter Schüler, die hier herumlaufen. Fast schon andächtig
hängen sie Herrn Diabolke an den Lippen, der ihnen die Schule zeigt, die
einzelnen Ausbildungsbereiche vorstellt und sie in die eine oder andere
Werkhalle blicken lässt.
Schnell stellt sich
heraus: Auch hier gibt es Regeln wie „Rauchen ist verboten“, „Das Schulgelände
darf nicht verlassen werden!“, etc. ---wer hätte das gedacht!
Bei unserem
Erkundungsgang durchs riesige Schulgebäude lernen wir den einen oder anderen
Lehrer kennen und Frau Großstädter, Frau Seltsam und ich kommen zu dem Schluss,
dass hier „echte Männer“ arbeiten. Das soll jetzt wirklich nicht gegen unsere
männlichen Kollegen gerichtet sein, die alle ganz famos und patent sind – aber gegen
kernige, rassige, braungebrannte, wettergegerbte, muskelbepackte Gestalten in
Zimmermannshosen können wir „Weicheipädagogen“ von der Förderschule halt
einfach nicht anstinken. Das muss man mal ganz ehrlich sagen!
Die hiesigen Lehrer
berichten den Schülern von ihrem Werdegang und wie unterschiedlich dieser zum
Werdegang „eurer Lehrer“ (also uns) ist. Nach der Dachdecker- oder
Maurerausbildung wurde erstmal auf´m Bau gearbeitet, dann später Meisterschule
und jetzt eben Berufsschullehrer. „Irgendwie ist es doch schön, jungen Menschen
was beizubringen und die vielen Ferien sind auch nicht verkehrt!“ – ja, da sind
wir uns doch ganz einig! Ein bißchen bin ich neidisch auf die mitgebrachte
Lebenserfahrung und die Tatsache, dass die Kollegen hier „auch noch was Handfestes,
Richtiges gelernt haben“ und „nicht nur Lehrer“ sind. Dafür kriegen sie nur A9,
statt A13, erwähnt Herr Diabolke – da ist der Neid dann auch schon wieder wie
weggeblasen.
Jedenfalls entwickelt
sich schnell unter uns und den Kollegen von der BBS eine Art „interdisziplinärer
Respekt“: Sie bewundern uns für unser „fundiertes, theoretisches Wissen“ und
unsere „gute pädagogische Ausbildung“, während wir wiederum den Hut ziehen,
angesichts der zwei „rechten Hände“, des Lebensweltbezugs und der
handwerklichen Kenntnisse, die die Kollegen hier haben. Mit offenem Mund
schauen wir Herrn Alive hinterher, der im Handumdrehen die Metallfräse
einstellt, Paletten aufeinander schichtet, sich dann auf den Gabelstapler
schwingt und davonrast. Neid! Ich will auch mit dem Gabelstapler durch mein
Klassenzimmer fahren dürfen!!!
Die Schüler haben wir
angesichts unseres regen kollegialen Austausches schon fast vergessen und Herr Diabolke
hat für das Gespräch mit uns seine Pause sausen lassen, aber schließlich geht’s
dann auch ans handfeste Arbeiten.
Ein paar Schüler folgen
Herrn Trabant und sägen, hobeln, schleifen mit dem in der Holzwerkstatt, bis
ganz famose, robuste Frühstücksbrettchen entstanden sind. Ein Schüler ist am
Ende auf Grund eines vorangegangen Konflikts zwar abgängig, aber was solls – ein
bißchen Schwund ist immer.
Wir anderen folgen Herrn
Diabolke in die Bau-Halle und der führt uns erstmal das gesammelte Werkzeug des
Maurers vor und bringt den Schülern neue Begriffe wie „Dreieckskelle“, „Schlagschnur“,
„Kalksandstein“ und „Maurerkübel“ bei. Die Schüler haben von all dem noch nie
etwas gehört und auch bei der einen oder anderen mathematischen Frage („Wie
lange wird die Mauer, wenn wir 10 Steine á 12,5cm aneinander legen und zwischen
den 10 Steinen Fugen von 1cm Breite sind?“) bleiben die Zungen stumm. Oder es
kommt grober Unfug heraus.
Maikel und Tammo (mein
neuer Schüler in der Klasse) können das eine oder andere Problem jedoch lösen
und berechnen im Handumdrehen, wie viel bei einem 12-Liter-Eimer „Dreiviertel“
sind oder wie viel „30%“ Sand von 200cm³sind. Ich bin total stolz und
begeistert und werfe Maikel und Tammo kleine Kusshändchen zu! Mein Teamkollege will
mir zwar einreden, dass die das nur können, weil sie letzte Jahr bei ihm Mathe hatten,
aber das überhöre ich geflissentlich im Lärm der Hammerschläge, die
ununterbrochen durch die Werkhalle tönen.
Die Aufgabe der Schüler
ist es schließlich, Zement anzumischen, mit der Schlagschnur eine gerade Linie
auf den Boden zu ziehen, auf dieser Linie 74cm abzumessen und dann entlang der
74cm eine 6-Steine-lange Mauer zu mauern. Manche erweisen sich im Umgang mit
Kelle und Zement recht geschickt und fördern tolle Liegefugen und Zwischenfugen
zu Tage. Bei anderen muss kräftig mitgeholfen werden und auch dann sieht das
gemauerte Stück anschließend aus wie das unvollständige Gebiss einer uralten
Frau.
Am schönsten für uns ist
der Moment, wenn wir entdecken, dass ein Schüler, der in seiner kognitiven
Entwicklung eher etwas zu früh abgebogen ist, hier im handwerklichen Bereich
jedoch ganz grandiose Fähigkeiten besitzt und sich plötzlich (trotz niemals zu
bestehendem Hauptschulabschluss) Perspektiven für ihn auftun. Juhu!
Am Ende der Arbeitszeit
sind dann fast alle glücklich und stolz – naja, bis auf unser Riesenbaby Owen.
Der ist nämlich total gefrustet und sauer, weil wir es in Anbetracht der kurzen
Zeit nicht geschafft haben „nach oben“ zu mauern, sondern nur die unterste
Reihe fertig geworden ist. Seinen Unmut zeigt er erst dadurch, dass Maurerkelle,
Wasserwaage und Winkeleisen unsanft an ihren Aufbewahrungsort zurückbefördert
werden und beim Rausgehen platzt ihm dann vollends der Kragen und er schlägt
mit der bloßen Hand eine Scheibe ein.
Tja, schade auch – wir wollten
uns gerade von Herrn Diabolke verabschieden und ihm sagen: „Sehen Sie – diesmal
ist nichts passiert!“ Naja, aber das hat dann eben letzten Endes nicht ganz
geklappt.
Herr Diabolke und Herr
Trabant nehmen´s Gottseidank halbwegs gelassen. So schnell werden die uns eh
nicht los – wir finden´s hier nämlich ganz großartig und kommen bestimmt bald
wieder!