Mittwoch, 21. November 2012

Interdisziplinäres Mauern



Einmal pro Halbjahr heißt es  für die Abschlussschüler aus dem Hauptschul- und Lernhilfebereich: Schnupperunterricht an der Berufsschule.
Soll heißen: An diesem Vormittag erleben die Schüler mal Unterricht an ihrer künftigen Schule und erhalten einen Einblick in verschiedene „Gewerke“ wie zum Beispiel Tischler, Maurer, Maler, Dachdecker, Metallbauer, etc.
Das ganze dient dazu, die Angst vor dem Unbekannten abzubauen, den Schülern den Einstieg in die nachfolgende Schule zu erleichtern, nach handwerklichen Talenten Ausschau zu halten und Berufswünsche zu festigen oder eben über den Haufen zu werfen….
Diesmal erwarten uns der freundliche Herr Diabolke vom Bau-Bereich und Herr Trabant vom Holzbereich.
Wie bei jedem Besuch werden wir von Herrn Diabolke mit den Worten begrüßt: „Ach ja, Frau Samstag und Frau Seltsam – da sind Sie ja wieder – wollen wir mal schauen, was heute passiert-----!“
Das heißt übersetzt so viel wie: „Ich erinner mich gut an Ihren ersten Besuch, da haben sich zwei Ihrer Schüler die schlimmste Prügelei geliefert, die hier jemals zu sehen war…..!“ Unser guter Ruf eilt uns also auch diesmal voraus.

Die mitgebrachten Schüler – die auf der Fahrt hierher eben noch freche Töne gespuckt haben, verhalten sich erstmal ganz angepasst und kleinlaut, angesichts der neuen Umgebung und der Menge unbekannter Schüler, die hier herumlaufen. Fast schon andächtig hängen sie Herrn Diabolke an den Lippen, der ihnen die Schule zeigt, die einzelnen Ausbildungsbereiche vorstellt und sie in die eine oder andere Werkhalle blicken lässt.
Schnell stellt sich heraus: Auch hier gibt es Regeln wie „Rauchen ist verboten“, „Das Schulgelände darf nicht verlassen werden!“, etc. ---wer hätte das gedacht!

Bei unserem Erkundungsgang durchs riesige Schulgebäude lernen wir den einen oder anderen Lehrer kennen und Frau Großstädter, Frau Seltsam und ich kommen zu dem Schluss, dass hier „echte Männer“ arbeiten. Das soll jetzt wirklich nicht gegen unsere männlichen Kollegen gerichtet sein, die alle ganz famos und patent sind – aber gegen kernige, rassige, braungebrannte, wettergegerbte, muskelbepackte Gestalten in Zimmermannshosen können wir „Weicheipädagogen“ von der Förderschule halt einfach nicht anstinken. Das muss man mal ganz ehrlich sagen!
Die hiesigen Lehrer berichten den Schülern von ihrem Werdegang und wie unterschiedlich dieser zum Werdegang „eurer Lehrer“ (also uns) ist. Nach der Dachdecker- oder Maurerausbildung wurde erstmal auf´m Bau gearbeitet, dann später Meisterschule und jetzt eben Berufsschullehrer. „Irgendwie ist es doch schön, jungen Menschen was beizubringen und die vielen Ferien sind auch nicht verkehrt!“ – ja, da sind wir uns doch ganz einig! Ein bißchen bin ich neidisch auf die mitgebrachte Lebenserfahrung und die Tatsache, dass die Kollegen hier „auch noch was Handfestes, Richtiges gelernt haben“ und „nicht nur Lehrer“ sind. Dafür kriegen sie nur A9, statt A13, erwähnt Herr Diabolke – da ist der Neid dann auch schon wieder wie weggeblasen.
Jedenfalls entwickelt sich schnell unter uns und den Kollegen von der BBS eine Art „interdisziplinärer Respekt“: Sie bewundern uns für unser „fundiertes, theoretisches Wissen“ und unsere „gute pädagogische Ausbildung“, während wir wiederum den Hut ziehen, angesichts der zwei „rechten Hände“, des Lebensweltbezugs und der handwerklichen Kenntnisse, die die Kollegen hier haben. Mit offenem Mund schauen wir Herrn Alive hinterher, der im Handumdrehen die Metallfräse einstellt, Paletten aufeinander schichtet, sich dann auf den Gabelstapler schwingt und davonrast. Neid! Ich will auch mit dem Gabelstapler durch mein Klassenzimmer fahren dürfen!!!

Die Schüler haben wir angesichts unseres regen kollegialen Austausches schon fast vergessen und Herr Diabolke hat für das Gespräch mit uns seine Pause sausen lassen, aber schließlich geht’s dann auch ans handfeste Arbeiten.
Ein paar Schüler folgen Herrn Trabant und sägen, hobeln, schleifen mit dem in der Holzwerkstatt, bis ganz famose, robuste Frühstücksbrettchen entstanden sind. Ein Schüler ist am Ende auf Grund eines vorangegangen Konflikts zwar abgängig, aber was solls – ein bißchen Schwund ist immer.
Wir anderen folgen Herrn Diabolke in die Bau-Halle und der führt uns erstmal das gesammelte Werkzeug des Maurers vor und bringt den Schülern neue Begriffe wie „Dreieckskelle“, „Schlagschnur“, „Kalksandstein“ und „Maurerkübel“ bei. Die Schüler haben von all dem noch nie etwas gehört und auch bei der einen oder anderen mathematischen Frage („Wie lange wird die Mauer, wenn wir 10 Steine á 12,5cm aneinander legen und zwischen den 10 Steinen Fugen von 1cm Breite sind?“) bleiben die Zungen stumm. Oder es kommt grober Unfug heraus.
Maikel und Tammo (mein neuer Schüler in der Klasse) können das eine oder andere Problem jedoch lösen und berechnen im Handumdrehen, wie viel bei einem 12-Liter-Eimer „Dreiviertel“ sind oder wie viel „30%“ Sand von 200cm³sind. Ich bin total stolz und begeistert und werfe Maikel und Tammo kleine Kusshändchen zu! Mein Teamkollege will mir zwar einreden, dass die das nur können, weil sie letzte Jahr bei ihm Mathe hatten, aber das überhöre ich geflissentlich im Lärm der Hammerschläge, die ununterbrochen durch die Werkhalle tönen.

Die Aufgabe der Schüler ist es schließlich, Zement anzumischen, mit der Schlagschnur eine gerade Linie auf den Boden zu ziehen, auf dieser Linie 74cm abzumessen und dann entlang der 74cm eine 6-Steine-lange Mauer zu mauern. Manche erweisen sich im Umgang mit Kelle und Zement recht geschickt und fördern tolle Liegefugen und Zwischenfugen zu Tage. Bei anderen muss kräftig mitgeholfen werden und auch dann sieht das gemauerte Stück anschließend aus wie das unvollständige Gebiss einer uralten Frau.
Am schönsten für uns ist der Moment, wenn wir entdecken, dass ein Schüler, der in seiner kognitiven Entwicklung eher etwas zu früh abgebogen ist, hier im handwerklichen Bereich jedoch ganz grandiose Fähigkeiten besitzt und sich plötzlich (trotz niemals zu bestehendem Hauptschulabschluss) Perspektiven für ihn auftun. Juhu!
Am Ende der Arbeitszeit sind dann fast alle glücklich und stolz – naja, bis auf unser Riesenbaby Owen. Der ist nämlich total gefrustet und sauer, weil wir es in Anbetracht der kurzen Zeit nicht geschafft haben „nach oben“ zu mauern, sondern nur die unterste Reihe fertig geworden ist. Seinen Unmut zeigt er erst dadurch, dass Maurerkelle, Wasserwaage und Winkeleisen unsanft an ihren Aufbewahrungsort zurückbefördert werden und beim Rausgehen platzt ihm dann vollends der Kragen und er schlägt mit der bloßen Hand eine Scheibe ein.
Tja, schade auch – wir wollten uns gerade von Herrn Diabolke verabschieden und ihm sagen: „Sehen Sie – diesmal ist nichts passiert!“ Naja, aber das hat dann eben letzten Endes nicht ganz geklappt.

Herr Diabolke und Herr Trabant nehmen´s Gottseidank halbwegs gelassen. So schnell werden die uns eh nicht los – wir finden´s hier nämlich ganz großartig und kommen bestimmt bald wieder!

Freitag, 9. November 2012

In der Abdeckerei



Bereits nach 3 Tagen Schule fühle ich mich reif für die nächsten Ferien, möglicherweise auch für die Klapse.
Mein Teamkollege spricht mir aus der Seele. Er schalmeit mittags mit hochrotem Kopf durchs Lehrerzimmer: „Ich habe die Schnauze total voll!“ Solche Worte habe ich von ihm noch nie gehört. Der ist sonst so routiniert und gelassen und hat immer ne Idee, was man tun kann. Und jetzt dieses emotionale Bekenntnis. Aber mir geht es nicht anders als ihm.
So – und nun kommt die peinliche Beichte: Unser Frust bezieht sich auf ganze 4 Schüler.
Huups. Ja, wirklich! Zweidrittel der Klasse- der sogenannte A-Kurs--- befindet sich derzeit im Praktikum und wir haben nur den B-Kurs hier in der Schule. Ach so ja, den B-Kurs plus Maikel aus dem A-Kurs.
Dazu muss man wissen: Der B-Kurs besteht aus lauter Schülern, die genauso alt sind, wie die A-Kurs-Genossen. Also 8. Schulbesuchsjahr, nur leider eben mental nicht annähernd so weit. Vom Leistungsstand sind sie irgendwo zwischen schriftlichem Addieren und großgeschriebenen Nomen hängengeblieben und von der Reife befinden sie sich zwischen Embryonen und grünen Tomaten. Jetzt könnte man meinen, wenigstens Maikel, der uns aus dem A-Kurs geblieben ist, hat dem etwas entgegenzusetzen. Er ist schließlich sogar schon 9.Klasse und ein echt pfiffiges Kerlchen. Aber ein unangenehmer Schlenker des Schicksals führt gerade dazu, dass Maikel derzeit noch weniger leistungsfähig ist, als der komplette B-Kurs zusammenaddiert. Soll heißen Maikel, der stolze 16 Lenze zählt, möchte vom Unterricht nichts mehr wissen, außer dass ich ihm bitte „die Hand halten soll“. Ja, ohne Witz – wenn man an ihm vorbeigeht, krallt er sich meine Finger und lässt sie nichtmehr los, so als wären wir im Kreissaal und er wäre das niederkommende Weib. Und das wars dann auch – mehr geht nicht. Heute ist er angesichts anhaltender Dickbräsigkeit aus dem Hauswirtschaftsunterricht bei Frau Maggi geflogen. Er konnte sich gerade noch bis zum Lehrerzimmer schleppen, wo ich mich befand, mir berichten, dass Frau Maggi „dumm in der Birne sei“ und ließ sich dann auf einen Stuhl fallen. Das wars dann auch. Weder ich noch meine Kollegen Frau Seltsam, Herrn Bromseklöten und Herr Black konnten ihn dazu bewegen, einer Alternativtätigkeit, wie „Praktikumsplatzsuchen“ oder „nach Hause fahren“ nachzukommen. Schade auch. Als fleischgewordenes Phlegma hockte er da und hörte seinem Atem beim Strömen zu.
Und das traurige ist: Maikel ist mein bestes Pferd im Stall. Frau Seltsam brachte mich auf den Boden der Tatsachen zurück und rückte das Bild vom Stall erstmal gerade: „Also Frau Samstag, deine Klasse ist kein Pferdestall, das ist höchstens ne Abdeckerei“. Hm. Dann ist Maikel also mein bester Gaul in der Abdeckerei. Traurig, aber wahr.
Ja – Abdeckerei trifft es ganz gut. Ein trostloser Ort ohne nennenswerte Perspektive für die anwesenden Ackergäule. Die besten Zeiten müssen ohne Zweifel hinter ihnen liegen. Brauchbare Leistungen? Hm – keine?!!
Bis man überhaupt mit den Unterricht annähernd beginnen kann, vergehen zu Beginn jeder Stunde mindestens 30 bis 60 Minuten, in denen es erstmal gilt, die Schüler zu folgendem zu bewegen: Nach vorne drehen, Richtung Lehrer schauen, Handschuhe und Mützen ausziehen, Kaugummis ausspucken, Klappe halten, alle unterrichtsfremden Gegenstände weg, Mitteilungsheft raus. Wie gesagt: 30 bis 60 Minuten dauert das.
In unserer Klasse hat selten jemand einen Stift dabei. Arbeitsmaterialien fehlen völlig. Nach Stundenplan ist der Ranzen nie gepackt. Hausaufgaben? Fehl am Platz. Stattdessen alle möglichen Gegenstände, die den Unterricht stören, wie etwa die „100 knackende Blechdöschen mit Pfefferminzbonbonbs“, die Warren gestern aus einem seiner 2 (!) Schulränzen gezaubert hat. Glauben Sie mal nicht, im anderen Ranzen sei Arbeitsmaterial gewesen – nein – da war ein ferngesteuertes Auto, Zigaretten und Schnupftabak drin. Die 100 Blechdöschen habe er geschenkt bekommen – ja ist klar. Mit „geschenkt“ meint Warren solche Momente, wo urplötzlich eine Palette von einem vorbeifahrenden Laster fällt –und ihm direkt in die Hände. Kaum hat man Warren die Blechdöschen, die sich nur mit lautem Deckelknacken öffnen lassen, weggenommen, tauchen urplötzlich irgendwo neue auf. Inzwischen schieben mein Teamkollege und ich einen regelrechten Hass auf die Metallindustrie und sind drauf und dran eine Bürgerinitiative gegen Blechdosen zu gründen.
Gelogen wird in unserer Klasse, was das Zeug hält und täglich sind wir bemüht mit den Eltern und Erziehern in mühsamen Telefongesprächen, der Wahrheit in diesen verworrenen Geschichten ein Stück näher zu kommen. CIA, FBI, MI6 und Secret Service könnten jedenfalls bei uns Nachhilfestunden nehmen und manchmal könnte ich am Abend Krimis schreiben, die Stieg Larsson und Hakan Nesser vor Neid erblassen ließen.
Und im Unterrichts werden permanent Nebenschauplätze eröffnet, die den Bayreuther Festspielen Konkurrenz machen würden. 3 Minuten fokussierte Wissensvermittlung grenzt schon an ein Wunder derzeit.
Von den 4 Jungs kommt keiner in die Schule, weil er irgendein Ziel für sich hätte, etwas für seinen künftigen Schulabschluss tun will oder es wenigstens den Eltern recht machen will. Warum die dann kommen? Tja, keine Ahnung – das wüssten wir auch gerne. Goran will höchstens massiert werden, ansonsten kommt nur geistige Jauche aus seinem Mund, Warren erscheint nur, um seine Sammlung geklauter Gegenstände zu vergrößern (vom Süßstoff bis zur Pinnnadel greift der alles ab, als wäre der Klassenraum ein einziger großer Wühltisch beim Sommerschlussverkauf), Maikel hält es mit sich alleine schlecht aus und sucht nur aus diesem Grund unsere Gesellschaft und René ist einfach so verpeilt und planlos, dass er eher aus Versehen hier landet.
Jeder Tag ist damit aufs Neue ein frustrierendes Unterfangen, jungen Menschen, die sich selbst längst aufgegeben haben, irgendetwas in die müden Hirne zu meißeln und so zu tun, als gäbe es eine Perspektive, ohne dass wir selbst erkennen könnten, wo diese ominöse Perspektive vergraben sein soll.

Und so gehen die Tage dahin und die Arbeit mit den jungen Wilden macht einen so mürbe, dass man –um beim Bild der Abdeckerei zu bleiben- abends tatsächlich des Öfteren über Notschlachtung nachdenkt. Ob sich selbst oder die Jungs ist in dem Fall völlig egal.
Mein Teamkollege verkündet mir gestern, dass er ab morgen als einzige Unterrichtsvorbereitung eine Zeitung mitbringen wird, sich vor die Klasse setzten will und den Jungs sagen möchte: „Euch kann man eh nicht unterrichten – da nutze ich die Zeit lieber fürs Zeitunglesen.“ und wir fangen an, es uns in unserer wohlig-warmen Desillusions-Blase richtig gut gehen zu lassen und beschreiben uns gegenseitig alle Facetten des tief im Bauch sitzenden Frustrationsgefühls, als wäre es ein neu erstandenes Picassogemälde.
Und so hätte es ewig weitergehen können, wäre nicht heute Vormittag ein betagter Herr erschienen, der den Unterricht meiner netten Lehramtsanwärterin begutachten wollte und der in der anschließenden Besprechung ein klares Statement zu dieser Klasse abgibt: „Ja, Unterricht mit denen ist sicher schwierig – aber das wussten Sie ja vorher – sind eben Förderschüler. Und Sie sind schließlich hier alle ausgebildet, den Unterricht dementsprechend kreativ umzugestalten und den Förderschwerpunkt in die Unterrichtsplanung mit einzubeziehen. Weg vom langweiligen, wenig motivierenden, negativbesetzten lehrerzentrierten Unterricht hin zu neuen, kreativen Methoden! Deswegen kriegen sie ja auch A13 und nicht A12!“
Bums, das hat gesessen.
Tja, Herr Kollege. Da müssen wir uns doch von unserem bequemen Jammer-Kissen nochmal erheben und tätig werden. Irgendwie bin ich jetzt wieder angespornt. Nicht dass ich mir bislang bei der Unterrichtsplanung keine Mühe gegeben hätte, aber offensichtlich reichtedas noch nicht. Auf 2 weitere Schuljahre Abdeckerei habe ich jedenfalls keine Lust. Dann bauen wir lieber alles um, errichten ne nette Pferdekoppel und ansprechende Ställe, hängen kurz über den Horizont eine versöhnlich-rotschimmernde Sonne, streuen ein bißchen vitalisierendes Kraftfutter in die Mitte und schenken unseren verkümmerten Ackergäulen ein tolles Restleben auf einem idyllischen Gnadenhof. Irgendwas muss doch noch machbar sein, oder? Tod den Abdeckereien!!! Es lebe der Pferdeflüsterer!

Mittwoch, 7. November 2012

Basar-Wahnsinn: Zwischen Windlichtern und Kochbüchern


Es ist wieder einmal so weit: Wie alle zwei Jahre im Herbst steht unser Schulbasar bevor. Und obwohl der Termin natürlich schon vor Ewigkeiten festgelegt wurde, trifft es die meisten von uns wieder völlig unvorbereitet. Die Tatsache, dass wir gerade erst aus den Herbstferien zurückgekehrt sind, macht es nicht besser. Jedenfalls weiß heute keiner mehr, in welchem Anflug geistiger Umachtung wir uns auf dieses Datum geeinigt haben.
Da ich nicht der Typ Lehrer bin, der sich gerne abends zu Hause hinsetzt und in Serie Papierlaternen faltet, stehen diese noch verbleibenden Schulvormittage ganz im Zeichen der Basarvorbereitungen. So haben wir seit Ferienende noch keine „normale“ Unterrichtsstunde gehabt, aber wer glaubt, dass wir es ruhig haben angehen lassen, der liegt total falsch. Es geht bei uns drunter und drüber, was sich nicht gerade positiv auf mein Nervenkostüm ausübt. Wenn das alles überstanden ist, bin ich um Grunde schon wieder ferienreif.
Jede Klasse, die ich bisher in meiner Lehrerlaufbahn hatte, hatte ja für sich genommen ganz unterschiedliche Stärken und Schwächen und wahrscheinlich ist es auch total ungerecht sie zu vergleichen. Aber eines steht fest: So einen talentfreien Haufen wie in diesem Jahr hatte ich noch nie. Das sieht man natürlich auch unserer Ware an, die wir am Samstag zum Verkauf anbieten werden. Aber einen Teufel werde ich tun und meine kostbare Zeit damit verbringen, selbst noch mal bei den Machwerken meiner Schülerlein Hand anzulegen. An meinem Stand wird es nur Dinge geben, die 100% von freilaufenden Förderschülern stammen. Unsere finanziellen Ausgaben werden wir so zwar kaum wieder reinbekommen, aber darum geht es ja wohl auch kaum.
So bekleistern wir Trinkgläser mit Transparentpapierschnipseln, verzieren Notizblöcke mit Kartoffeldruck und filzen Weihnachtsbaumanhänger. Die runtergefallenen Gläser, verschnitzten Kartoffeln, zerknickten Blöcke und – last but not least – abgebrochenen Filznadeln darf man später in der Kostenkalkulation natürlich nicht mit aufführen, wenn man nicht in tiefe Depressionen verfallen möchte.
Doch der eigentliche Knüller in unserem Sortiment sind die Kochbücher, die wir in Kooperation mit Frau Seltsam erstellt haben. Alle Rezepte, die die liebe Frau Kollegin in den letzten hundert Jahren mit den Schülern nachgekocht hat, sind hier zu einem literarischen Meisterwerk epochalen Ausmaßes zusammengefasst. Die von Frau Seltsam kopierten Einzelseiten (ein Buch hat 90 Seiten) lagen, als ich am Montag aus den Ferien kam, auf meinem Pult – sozusagen als stummer Impuls. Daraus Bücher zu machen, war nun meine Aufgabe bzw. die meiner Schüler. Und da glaubt man gar nicht, was trotz intensiver Einweisung und lückenloser Kontrolle alles schief gehen kann. Denn immerhin müssen mit der Schneidemaschine, dem Spiralbindungsgerät und dem Laminator (für die Deckseiten) drei technisch hochanspruchsvolle Apparaturen bedient werden.
Die Schwierigkeit Nr.1 bestand darin, dass das fertige Buch im A5-Format vorliegen sollte, der Kopierer aber immer zwei A5-Seiten auf einem A4-Blatt ausgegeben hatte. Diese Blätter mussten nun – GENAU auf der Hälfte! – durchgeschnitten werden, wodurch zwei Papierstapel entstanden: Einer mit den geraden, einer mit den ungeraden Seitenzahlen.  Aus diesen zwei Stapeln mussten nun einer gemacht werden, was ich mir in der Religionsstunde mit der Abschlussklasse von Frau Großstädter vornahm. Nachdem wir den Zweck und die Funktionsweise von Seitenzahlen besprochen hatten, machten sich die angehenden Förderschulabsolventen daran, die Blätter zu sortieren. Dabei kam es, sagen wir mal, zu recht kreativen Auslegungen unseres Zahlensystems, so dass ich später meine Viertklässler alle Stapel noch einmal durchsehen lassen musste. Entsprechend sahen die Seiten schon bevor sie überhaupt zu einem Buch zusammengefügt wurden aus, als sei eine Elefantenherde darüber getrampelt.
Als nächstes mussten nun die Deckseiten laminiert werden, dies war der Job von Marvin. Mit Feuereifer ging er an die Arbeit, denn alles was Schalter und leuchtende Lämpchen hat, übt auf ihn eine magische Anziehungskraft aus. Nun weiß ich nicht mehr genau, wie viele unterschiedliche Möglichkeiten Marvin fand, die Folien in das Gerät einzuführen, ich kann aber mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass etwa die Hälfte aller Versuche einen Stau zur Folge hatte, bei der die Folie gänzlich im Gerät verschwand.
Die dritte Station der Produktionskette war dann das Gerät für die Spiralbindungen, das heute von Pascal und Elisa bedient wurde. Im Grunde funktioniert dieses Monstrum wie ein großer Locher. Man legt einen Stapel Papiere – links und hinten bündig! – ein und legt mit viel Schmackes einen Hebel um, wodurch auf der eingelegten Seite eine Reihe kleiner Löcher gestanzt wird. Hier wird dann später eine Plastikspirale eingefädelt. Vor allem die Sache mit dem bündigen Anlegen war den beiden Locherkönigen schwer zu vermitteln, auch die Tatsache, dass immer die linke Seite eingelegt werden muss, geriet immer wieder aus dem Gedächtnis. Immerhin haben wir jetzt etwa 15 Exemplare fertig und jedes einzelne ist ein echtes Einzelstück. Alle sehen aber ungefähr aus wie die Häuser von Numerobis, dem ägyptischen Architekten aus dem Asterix-Comic.
Ich selbst war währenddessen ständig um eine direkte Kontrolle aller Produktionsschritte bemüht und betreute zeitgleich noch die filzenden, druckenden und klebenden Schüler. So sprang ich daher dauernd im Klassenraum hin und her, was ich mir eigentlich nach meiner zweiten Staatsprüfung geschworen hatte, nie wieder zu tun.  Nebenbei klärte ich noch einen Fall von Handydiebstahl, ging dem Grund für Daniels schlechte Laune auf den Grund, kämpfte gegen das ständig um sich greifende Chaos im Klassenzimmer an, versorgte meine blutende Schienbeinverletzung, die ich mir bei einer Schulhofklopperei zugezogen hatte und vertrieb die Nervensägen auf der Idiotenrennbahn vor meinem Klassenfenster.
Um 13 Uhr erreichte ich mit letzter Not die rettende Lehrerlounge – der Reiter lebt, das Pferd ist tot. Am Samstag werde ich dann lächelnd hinter dem Verkaufsstand stehen und auch ganz freundlich zu denjenigen Basarbesuchern sein, die alles „wunderschön“ finden aber dann doch nichts kaufen. Glück auf!
P.S. Den Orden des Tages hat die neue Putzfrau verdient! Als ich am Nachmittag noch einmal in meine Klasse ging, um das Chaos des Vormittags zu beseitigen, hatte sie nicht nur – wie ihre Vorgängerinnen – drumherum gewischt, sondern alles ordentlich aufgeräumt. Ich war den Tränen nahe! Vielleicht schenke ich ihr ein Windlicht.