Mittwoch, 21. November 2012

Interdisziplinäres Mauern



Einmal pro Halbjahr heißt es  für die Abschlussschüler aus dem Hauptschul- und Lernhilfebereich: Schnupperunterricht an der Berufsschule.
Soll heißen: An diesem Vormittag erleben die Schüler mal Unterricht an ihrer künftigen Schule und erhalten einen Einblick in verschiedene „Gewerke“ wie zum Beispiel Tischler, Maurer, Maler, Dachdecker, Metallbauer, etc.
Das ganze dient dazu, die Angst vor dem Unbekannten abzubauen, den Schülern den Einstieg in die nachfolgende Schule zu erleichtern, nach handwerklichen Talenten Ausschau zu halten und Berufswünsche zu festigen oder eben über den Haufen zu werfen….
Diesmal erwarten uns der freundliche Herr Diabolke vom Bau-Bereich und Herr Trabant vom Holzbereich.
Wie bei jedem Besuch werden wir von Herrn Diabolke mit den Worten begrüßt: „Ach ja, Frau Samstag und Frau Seltsam – da sind Sie ja wieder – wollen wir mal schauen, was heute passiert-----!“
Das heißt übersetzt so viel wie: „Ich erinner mich gut an Ihren ersten Besuch, da haben sich zwei Ihrer Schüler die schlimmste Prügelei geliefert, die hier jemals zu sehen war…..!“ Unser guter Ruf eilt uns also auch diesmal voraus.

Die mitgebrachten Schüler – die auf der Fahrt hierher eben noch freche Töne gespuckt haben, verhalten sich erstmal ganz angepasst und kleinlaut, angesichts der neuen Umgebung und der Menge unbekannter Schüler, die hier herumlaufen. Fast schon andächtig hängen sie Herrn Diabolke an den Lippen, der ihnen die Schule zeigt, die einzelnen Ausbildungsbereiche vorstellt und sie in die eine oder andere Werkhalle blicken lässt.
Schnell stellt sich heraus: Auch hier gibt es Regeln wie „Rauchen ist verboten“, „Das Schulgelände darf nicht verlassen werden!“, etc. ---wer hätte das gedacht!

Bei unserem Erkundungsgang durchs riesige Schulgebäude lernen wir den einen oder anderen Lehrer kennen und Frau Großstädter, Frau Seltsam und ich kommen zu dem Schluss, dass hier „echte Männer“ arbeiten. Das soll jetzt wirklich nicht gegen unsere männlichen Kollegen gerichtet sein, die alle ganz famos und patent sind – aber gegen kernige, rassige, braungebrannte, wettergegerbte, muskelbepackte Gestalten in Zimmermannshosen können wir „Weicheipädagogen“ von der Förderschule halt einfach nicht anstinken. Das muss man mal ganz ehrlich sagen!
Die hiesigen Lehrer berichten den Schülern von ihrem Werdegang und wie unterschiedlich dieser zum Werdegang „eurer Lehrer“ (also uns) ist. Nach der Dachdecker- oder Maurerausbildung wurde erstmal auf´m Bau gearbeitet, dann später Meisterschule und jetzt eben Berufsschullehrer. „Irgendwie ist es doch schön, jungen Menschen was beizubringen und die vielen Ferien sind auch nicht verkehrt!“ – ja, da sind wir uns doch ganz einig! Ein bißchen bin ich neidisch auf die mitgebrachte Lebenserfahrung und die Tatsache, dass die Kollegen hier „auch noch was Handfestes, Richtiges gelernt haben“ und „nicht nur Lehrer“ sind. Dafür kriegen sie nur A9, statt A13, erwähnt Herr Diabolke – da ist der Neid dann auch schon wieder wie weggeblasen.
Jedenfalls entwickelt sich schnell unter uns und den Kollegen von der BBS eine Art „interdisziplinärer Respekt“: Sie bewundern uns für unser „fundiertes, theoretisches Wissen“ und unsere „gute pädagogische Ausbildung“, während wir wiederum den Hut ziehen, angesichts der zwei „rechten Hände“, des Lebensweltbezugs und der handwerklichen Kenntnisse, die die Kollegen hier haben. Mit offenem Mund schauen wir Herrn Alive hinterher, der im Handumdrehen die Metallfräse einstellt, Paletten aufeinander schichtet, sich dann auf den Gabelstapler schwingt und davonrast. Neid! Ich will auch mit dem Gabelstapler durch mein Klassenzimmer fahren dürfen!!!

Die Schüler haben wir angesichts unseres regen kollegialen Austausches schon fast vergessen und Herr Diabolke hat für das Gespräch mit uns seine Pause sausen lassen, aber schließlich geht’s dann auch ans handfeste Arbeiten.
Ein paar Schüler folgen Herrn Trabant und sägen, hobeln, schleifen mit dem in der Holzwerkstatt, bis ganz famose, robuste Frühstücksbrettchen entstanden sind. Ein Schüler ist am Ende auf Grund eines vorangegangen Konflikts zwar abgängig, aber was solls – ein bißchen Schwund ist immer.
Wir anderen folgen Herrn Diabolke in die Bau-Halle und der führt uns erstmal das gesammelte Werkzeug des Maurers vor und bringt den Schülern neue Begriffe wie „Dreieckskelle“, „Schlagschnur“, „Kalksandstein“ und „Maurerkübel“ bei. Die Schüler haben von all dem noch nie etwas gehört und auch bei der einen oder anderen mathematischen Frage („Wie lange wird die Mauer, wenn wir 10 Steine á 12,5cm aneinander legen und zwischen den 10 Steinen Fugen von 1cm Breite sind?“) bleiben die Zungen stumm. Oder es kommt grober Unfug heraus.
Maikel und Tammo (mein neuer Schüler in der Klasse) können das eine oder andere Problem jedoch lösen und berechnen im Handumdrehen, wie viel bei einem 12-Liter-Eimer „Dreiviertel“ sind oder wie viel „30%“ Sand von 200cm³sind. Ich bin total stolz und begeistert und werfe Maikel und Tammo kleine Kusshändchen zu! Mein Teamkollege will mir zwar einreden, dass die das nur können, weil sie letzte Jahr bei ihm Mathe hatten, aber das überhöre ich geflissentlich im Lärm der Hammerschläge, die ununterbrochen durch die Werkhalle tönen.

Die Aufgabe der Schüler ist es schließlich, Zement anzumischen, mit der Schlagschnur eine gerade Linie auf den Boden zu ziehen, auf dieser Linie 74cm abzumessen und dann entlang der 74cm eine 6-Steine-lange Mauer zu mauern. Manche erweisen sich im Umgang mit Kelle und Zement recht geschickt und fördern tolle Liegefugen und Zwischenfugen zu Tage. Bei anderen muss kräftig mitgeholfen werden und auch dann sieht das gemauerte Stück anschließend aus wie das unvollständige Gebiss einer uralten Frau.
Am schönsten für uns ist der Moment, wenn wir entdecken, dass ein Schüler, der in seiner kognitiven Entwicklung eher etwas zu früh abgebogen ist, hier im handwerklichen Bereich jedoch ganz grandiose Fähigkeiten besitzt und sich plötzlich (trotz niemals zu bestehendem Hauptschulabschluss) Perspektiven für ihn auftun. Juhu!
Am Ende der Arbeitszeit sind dann fast alle glücklich und stolz – naja, bis auf unser Riesenbaby Owen. Der ist nämlich total gefrustet und sauer, weil wir es in Anbetracht der kurzen Zeit nicht geschafft haben „nach oben“ zu mauern, sondern nur die unterste Reihe fertig geworden ist. Seinen Unmut zeigt er erst dadurch, dass Maurerkelle, Wasserwaage und Winkeleisen unsanft an ihren Aufbewahrungsort zurückbefördert werden und beim Rausgehen platzt ihm dann vollends der Kragen und er schlägt mit der bloßen Hand eine Scheibe ein.
Tja, schade auch – wir wollten uns gerade von Herrn Diabolke verabschieden und ihm sagen: „Sehen Sie – diesmal ist nichts passiert!“ Naja, aber das hat dann eben letzten Endes nicht ganz geklappt.

Herr Diabolke und Herr Trabant nehmen´s Gottseidank halbwegs gelassen. So schnell werden die uns eh nicht los – wir finden´s hier nämlich ganz großartig und kommen bestimmt bald wieder!

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