Heute waren wir Badesee. Eigentlich wollten wir Freibad, aber Freibad zu. Also waren wir Badesee.
So ein Ausflug ist natürlich eine aufregende Angelegenheit, und so müssen im Vorfeld wichtige Fragen beantwortet werden. Kann man da was kaufen? Gibt es im See Haie? Dürfen wir ausnahmsweise unsere mp3-Player mitnehmen? Wann fährt der Bus? Sollen wir uns die Badehosen schon vorher unterziehen? Wenn ja, müssen wir dann eine trockene Unterhose mitnehmen? Und überhaupt: Wie haben wir uns zu benehmen.Pascal bringt alle Verhaltensregeln wie immer auf den Punkt: "Wenn wir auffallen, dann positiv!" Den Spruch hat er von seinem Familienhelfer gelernt und er bringt ihn jedes Mal.
Nach überstandener Busfahrt - niemand hat unnötigerweise den "Stop-Knopf" gedrückt, alle Nothammer sind noch an ihren Plätzen und der Busfahrer sieht noch ganz entspannt aus - erobern wir den See und die Liegewiese. Die wenigen ruhesuchenden Badegäste (Rentner, Mütter mit Kleinkindern, Abiturienten) die sich hier einen entspannten Vormittag versprochen haben, haben wir schnell vertrieben. Der See ist unser!
Reflexartig verfällt nun jeder in seine angestammte, von ähnlichen Ausflügen bereits bekannte, Rolle, die er den gesamten Vormittag innehaben wird.
Da gibt es Schülertyp Nr. 1: Den gemeinen "Schlickrutscher". Er ist im Sandkastenalter hängengeblieben und erfreut sich an den haptischen erlebnissen, die das Spielen im schönsten Kallamatsch zu bieten hat. Da sitzt er nun die ganzen drei Stunden völlig versunken am aufgeschütteten Sandstrand, schaufelt mit seinen Händen Kanäle aus und lässt wunderschöne Kleksburgen entstehen. Ab und zu kommt es mal zu einem kleineren Schreianfall, wenn ihm jemand durch seine Kunstwerke latscht.
Ebenso entspannt im Hier und Jetzt ist Schülertyp Nummer 2, der "Naturforscher". Im Idealfall mit einem mitgebrachten Kescher ausgestattet pirscht er - mit hochgekrempelten Hosenbeinen - die Uferböschung entlang und erforscht das Tierleben am See. Jede kleine Muschel, jede Libelle und jeder vorbeihuschende Fisch wird mit größter Zufriedenheit zur Kenntnis genommen. Diese Kinder sind natürlich die, die das Lehrerherz höher schlagen lassen und bereitwillig beantwortet man alle Fragen, wie etwa die des Neuntklässlers, wo die Muschel ihre Augen hat (ja, woher soll ich das denn wissen?). Kurzum: Eine Szene wie aus dem jako-o-Katalog.
Dann gibt es natürlich auch noch den Typ Nummer 3, die "Antjes". Wer noch den alten Spot mit dem ehemaligen NDR-Maskottchen kennt, kann sich denken, dass zu dieser Gruppe in der Regel die etwas gemütlicheren Schüler gehören. Den ganzen Vormittag dümpeln sie im seichten Uferwasser, so dass nur der Kopf herausguckt. Dabei geben sie die ganze Zeit äußerst zufriedene Schnauflaute von sich. Ihnen wird nicht kalt und nicht langweilig, obwohl sie sich fast nicht bewegen.
Neben diesen drei eher ruhigen Arten finden sich aber natürlich auch Spezien, die deutlich aktiver sind. Zu diesen gehört Typ Nummer 4, der "Strandläufer". Der Strandläufer erscheint top ausgestattet zum Badeausflug. Taucherbrille, Schwimmflossen, Schnorchel und natürlich (ganz wichtig) wasserdichte Armbanduhr mit Tiefenmesser gehören zu seiner Ausrüstung. So verkleidet stolziert er nun den ganzen Vormittag am Ufer auf und ab und erzählt jedem, der es nicht hören will, was er alles für Kunststücke vollbringen wird, wenn er erstmal im Wasser ist. Dahin kommt er aber nie. Denn irgendetwas ist immer falsch: mal spritzt einer der Antjes zu doll, mal ist der von den Schlickrutschern ausgehobene Graben zu breit und mal kriegt er versehentlich den Kescher der Naturforscher an den Kopf und muss sich von diesem Schreck erstmal eine Weile erholen. Kurz und gut, der Vormittag ist um - und die Badehose des Strandläufers trocken. Trotzdem ist er hinterher total zufrieden (wie übrigens alle!) und erzählt überall rum, wie toll es am Badesee war.
Größter Feind des Strandläufers ist Schülertyp 5: Der "Greifer". Dieser lauert den gesamten Vormittag über auf dem Badesteg seinen Opfern auf. Seine größte Freude ist es, jeden vorbeikommenden einfach zu greifen und ins Wasser zu schubsen/zu schmeißen. Immerhin hat diese Spezies den eigentlichen Zweck unseres Ausflugs - den Kontakt mit dem kühlen Nass - begriffen, sie wendet dieses Wissen leider jedoch nur auf andere an. Denn wehe, eines der Opfer rächt sich und lässt den Greifer über Bord gehen. Groß ist das Wehklagen und die Schimpfwörter reich an Zahl.
In sicherer Distanz zum "Greifer" hält sich Gruppe 6, die "Wiesenschnepfe" auf. Einen Teufel wird sie tun, sich auch nur in die Nähe des Wassers zu begeben. Nach langem hin und her haben die Wiesenschnepfen (sie treten immer nur im Rudel auf) sich auf einen Platz auf der Liegewiese geeinigt (möglichst in der prallen Sonne, möglichst weit weg von der Gruppe - aber möglichst dicht dran an den Abiturienten...), wo sie nun ihre Handtücher aufschlagen und sich dort heimisch niederlassen. Zum arttypischen Verhalten gehört das ununterbrochene Herumzuppeln am Bikini, Kaugummi kauen und das Senden von SMS an die Handtuchnachbarin.
Nun gut, wie dem auch sei: Alle bisher genannten Typen genießen auf ihre Art den Strandtag. Nicht so allerdings Typ 7, das auch vom Schulhof und jeder Klassenfahrt bekannte "Einzelschicksal". Das Einzelschicksal ist in gewisser Weise verwandt mit dem Strandläufer, es fehlt im jedoch auch an der theoretischen Affinität zum Wasser bzw. zu allem anderen, was seinen Mitschülern Spaß macht. Daher schafft diese Gattung es noch nicht einmal, sich in seine Bademontur zu schmeißen, sondern verbringt auch bei 30 Grad im Schatten die gesamte Zeit in langer Jeans und Sweatshirt sowie mit Rucksack auf dem Rücken. In der sozialen Kontaktaufnahme gehemmt, hängt das Einzelschicksal gerne entweder am Rockzipfel des Lehrers oder trödelt stöckchenschmeißend auf der Liegewiese auf und ab. Aus diesem Verhalten würde es noch nicht einmal erwachen, wenn ein Ufo landen würde, es Bonbons regnen würde oder Pietro Lombardi in einer Stretchlimo vorfahren würde.
Damit hier nicht der Eindruck entsteht, dass wir es nur mit verschrobenen Typen zu tun haben, folgt - last but not least - die Gruppe, zu der zum Glück auch an unserer Schule die meisten Schüler zu zählen sind. Es ist Typus 8, die "europäische Arschbombe". Dieser Schülertypus verhält sich so, wie es zu erwarten wäre und wie sich Jugendlich zu allen Zeiten bei solchen Anlässen verhalten haben. Er hat einfach einen mordsmäßigen Spaß, übt coole Sprünge vom Steg, taucht nach Ringen, schwimmt Bällen hinterher und fragt nach drei Stunden: "Och, schon alles vorbei?". Zugegeben: Neben einigen Schülern gehören auch Frau Bob, Herr Brandt und ich zu dieser Gruppe. Da treibt man dann (nach einer 10-Punkte-Arschbombe, die alle Schüler imponiert hat) auf dem Rücken liegend auf dem Wasser, sieht den Wolken zu, hört zufriedene Kinderstimmen und denkt sich insgeheim: "Man, was hab ich für einen geilen Job. Nie im Leben würde ich ihn gegen einen Arbeitsplatz im Büro tauschen." In diesem Sinne, Glück auf.
Der Alltag an einer Förderschule irgendwo in Deutschland - manchmal grausam, manchmal deprimierend, manchmal nervenaufreibend, manchmal schmerzhaft. Aber: Immer auch witzig, lustig, aufregend, menschlich und vor allem nie langweilig!!! In diesem Blog lesen Sie die besten Stories aus dem Nähkästchen des besten Kollegiums der Welt. Viel Spaß!
Donnerstag, 30. Juni 2011
Freitag, 24. Juni 2011
Zulange in der Schule!
Woran merkt ein Pädagoge unserer Bildungsanstalt, dass er heute zu lange in der Schule war?
1. Auf dem Nachhauseweg werden rüpelhafte Verkehrsteilnehmer mit Phrasen wie "Fick dich!", "Du alte Fotze!", "Figgemudda!" oder unter Benutzung des Mittelfingers oder Androhung von Schlägen höflich aber bestimmt auf ihre Vergehen im Straßenverkehr hingewiesen (selbstverständlich mit heruntergekurbeltem Fenster!)
2. Den rücksichtslosen Parkern in meiner Straße, die mit ihren kapitalistschen Riesendrecksvehikeln immer gleich 2 Parklücken belegen, knicke ich im Vorbeikommen die Antennen und Mercedessterne ab und trete gegen 2 Außenspiegel. Danach fühle ich mich besser.
3. Zuhause nötige ich die eigene Brut nach Entdeckung eines -trotz mehrmaliger Anordnung immernoch- nicht aufgeräumten Kinderzimmers zum Abschreiben der (natürlich vor Geburt des Zöglings vom pädagogisch fachkundigen Elternteil selbstverfassten) "Wohnungsordnung".
4. Beim nachmittäglichen Geldabheben am Automat einer nahegelegenen Bankfiliale gebe ich statt der PIN meinen Code aus dem schulinternen Kopiergerät ein.
5. Beim Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel werden sämtliche Halbwüchsige, die in der Straßenbahn auch nur schief kucken oder es wagen ihre dünnen Kinderstimmchen zu erheben, mit den Worten "Du bist jetzt sofort leise, oder du erhälst als Verwarnung einen Strich!" bedacht.
6. Beim Anmelden auf dem häuslichen PC verwende ich das Passwort des Lehrerzimmercomputers und wundere mich, warum sich mein Benutzerkonto nicht öffnet.
7. Beim Versuch die eigene Mutter anzurufen, wähle ich zunächst die "Ich-will-aus-dem-Lehrerzimmer-nach-draußen-telefonieren-Vorwahl" vor.
8.Nachdem ich festgestellt habe, dass die Katze mal wieder auf den Teppich gepinkelt hat, verbanne ich sie auf die stille Treppe, wo sie solange bleiben muss, bis sie mir glaubhaft versichern kann, dass sie gewillt ist, an ihrem Verhalten zu arbeiten!
9. Der Nachbar im Grundstück zur rechten, der sich schrecklich über seinen Nachbarn auf der anderen Seite aufregt und mich mit einem aufgeregten Wortschwall zuschüttet, wird von mir mit betont empathischer Stimme gefragt, wo er die Wut gerade am meisten fühlen würde? In seinem Bauch? Und was er bräuchte, um dem Nachbarn zur anderen Seite wieder verzeihen zu können? Einen selbstgebackenen Kuchen oder eine schriftliche Entschuldigung?
10. Das Gezwitscher der garteneigenen Singvögel, deren Gesang mir beim Versuch ein Zeugnis auf der Terasse zu schreiben entgegentiriliert, wird von mir mit den Worten: "Schnauze, ich hab schon einen Tinitus, der pfeift!" und mittels anschließendem demonstrativen Zückens der Schrotflinte unterbunden.
11. Mit meinem Ehepartner spreche ich nur noch in restringiertem Sprachcode, also ohne Präpositionen und Konjunktionen. ("Schatz, gehen wir Aldi, Pizza kaufen? oder lass Schönhauser See - chillen!")
12. Am Abend schaue ich im Fernsehen "Frauentausch" und "Die Supernanny", denn nach einem zu langen Tag unter den Klienten unserer Einrichtung kann ich nur noch solchen Sendungen emotional und intellektuell folgen. .....
...und außerdem muss man sich ja mental schonmal auf den nächsten Tag vorbereiten!
Und wie ist es bei meinen lieben Kollegen? Woran merkt ihr, dass ihr zulange in der Schule wart? Um Ergänzung der Liste wird gebeten!!!
1. Auf dem Nachhauseweg werden rüpelhafte Verkehrsteilnehmer mit Phrasen wie "Fick dich!", "Du alte Fotze!", "Figgemudda!" oder unter Benutzung des Mittelfingers oder Androhung von Schlägen höflich aber bestimmt auf ihre Vergehen im Straßenverkehr hingewiesen (selbstverständlich mit heruntergekurbeltem Fenster!)
2. Den rücksichtslosen Parkern in meiner Straße, die mit ihren kapitalistschen Riesendrecksvehikeln immer gleich 2 Parklücken belegen, knicke ich im Vorbeikommen die Antennen und Mercedessterne ab und trete gegen 2 Außenspiegel. Danach fühle ich mich besser.
3. Zuhause nötige ich die eigene Brut nach Entdeckung eines -trotz mehrmaliger Anordnung immernoch- nicht aufgeräumten Kinderzimmers zum Abschreiben der (natürlich vor Geburt des Zöglings vom pädagogisch fachkundigen Elternteil selbstverfassten) "Wohnungsordnung".
4. Beim nachmittäglichen Geldabheben am Automat einer nahegelegenen Bankfiliale gebe ich statt der PIN meinen Code aus dem schulinternen Kopiergerät ein.
5. Beim Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel werden sämtliche Halbwüchsige, die in der Straßenbahn auch nur schief kucken oder es wagen ihre dünnen Kinderstimmchen zu erheben, mit den Worten "Du bist jetzt sofort leise, oder du erhälst als Verwarnung einen Strich!" bedacht.
6. Beim Anmelden auf dem häuslichen PC verwende ich das Passwort des Lehrerzimmercomputers und wundere mich, warum sich mein Benutzerkonto nicht öffnet.
7. Beim Versuch die eigene Mutter anzurufen, wähle ich zunächst die "Ich-will-aus-dem-Lehrerzimmer-nach-draußen-telefonieren-Vorwahl" vor.
8.Nachdem ich festgestellt habe, dass die Katze mal wieder auf den Teppich gepinkelt hat, verbanne ich sie auf die stille Treppe, wo sie solange bleiben muss, bis sie mir glaubhaft versichern kann, dass sie gewillt ist, an ihrem Verhalten zu arbeiten!
9. Der Nachbar im Grundstück zur rechten, der sich schrecklich über seinen Nachbarn auf der anderen Seite aufregt und mich mit einem aufgeregten Wortschwall zuschüttet, wird von mir mit betont empathischer Stimme gefragt, wo er die Wut gerade am meisten fühlen würde? In seinem Bauch? Und was er bräuchte, um dem Nachbarn zur anderen Seite wieder verzeihen zu können? Einen selbstgebackenen Kuchen oder eine schriftliche Entschuldigung?
10. Das Gezwitscher der garteneigenen Singvögel, deren Gesang mir beim Versuch ein Zeugnis auf der Terasse zu schreiben entgegentiriliert, wird von mir mit den Worten: "Schnauze, ich hab schon einen Tinitus, der pfeift!" und mittels anschließendem demonstrativen Zückens der Schrotflinte unterbunden.
11. Mit meinem Ehepartner spreche ich nur noch in restringiertem Sprachcode, also ohne Präpositionen und Konjunktionen. ("Schatz, gehen wir Aldi, Pizza kaufen? oder lass Schönhauser See - chillen!")
12. Am Abend schaue ich im Fernsehen "Frauentausch" und "Die Supernanny", denn nach einem zu langen Tag unter den Klienten unserer Einrichtung kann ich nur noch solchen Sendungen emotional und intellektuell folgen. .....
...und außerdem muss man sich ja mental schonmal auf den nächsten Tag vorbereiten!
Und wie ist es bei meinen lieben Kollegen? Woran merkt ihr, dass ihr zulange in der Schule wart? Um Ergänzung der Liste wird gebeten!!!
Donnerstag, 23. Juni 2011
stürmische Zeiten
Es war eine ganz normale Klasse- zumindest für unsere Verhältnisse. 10 pubertierende Jungen, einige sehr gewaltbereit, ungefähr die Hälfte in psychologischer Behandlung, die meisten aus zerrütteten Elternhäusern. Fast alle mit einem Wortschatz, der einem Zuhälter die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. Wie gesagt- eine normale Klasse; Frau Samstag und ich hatten dennoch jeden Einzelnen ins Herz geschlossen und wir hatten gut zu tun! Uns war jedenfalls nicht langweilig. Eigentlich war die Klasse mehr als voll- für mehr Auffälligkeiten und Eigenheiten war kein Platz mehr. Dachten wir. Bis die Nachricht vom Schulleiter kam. Neuer Schüler. Migrationshintergrund. Große Familie. ADHS. Reichlich kriminelle Energie. Dritter Schulwechsel innerhalb eines Jahres.
Am darauffolgenden Montag brach er über uns herein- Taifun! Er bekam nicht nur einen Sitzplatz in der Klasse- er nahm sich den gesamten Raum und uns und seinen Mitschülern zeitweise die Luft zum Atmen. Er raubte uns alle Energie- doch dann lächelte er sein unwiderstehliches Lächeln und alle Mühsal war vergeben und vergessen! Die ersten zwei Monate brauchte er IMMER jemanden, der dicht neben ihm saß und idealerweise irgendwie Körperkontakt herstellte- am liebsten waren Taifun dabei Massagen. Man- also Frau Samstag oder ich- erfüllten Taifun diesen Wunsch bereitwillig, denn wenn er keinen Körperkontakt bekam, rannte er durch die Klasse, bewegte er sich laut grölend durchs Schulgebäude und vergaß dabei nicht die anderen Klassenräume (in denen auch gerade Unterricht stattfand). Danach vereinnahmte er in der Regel den Schulhof. Schüler, die es wagten, ihn auf seinem Streifzug zu kritisieren, bekamen schon mal die Faust des großen Taifun zu spüren....
Also massierten wir. Wir wollten diesen großen, starken Jugendlichen irgendwie einigermaßen ruhig halten. Wir massierten seinen Rücken und seine Schultern und seine Arme und beobachteten, wie kleine Rauchwölkchen aus dem dichten schwarzen Haar aufstiegen! (Fingerabdrücke kann man Frau Samstag und mir nun nicht mehr abnehmen- die sind sozusagen wegmassiert!)
Nach zwei Monaten stellte ein Psychologe bei Taifun "das schlimmste ADHS, das er je erlebt hatte" fest. Es dauerte einige weitere Wochen, bis die Familie es zuließ, dass er Medikamente einnahm. EIGENTLICH bin ich ja keine Medikamentenfreundin. Aber in diesem Fall war es reiner Selbstschutz. Ich wollte einfach den Rest meiner Finger behalten!!
Nachdem Taifun wegen Pillenunverträglichkeit mehrmals auf offener Straße ohnmächtig geworden war, pendelte sich doch die körperliche Unruhe irgendwann auf ein erträgliches Maß ein. Die anderen Schüler hatten Taifun aber längst Platz gemacht. Ihre Sprüche wurden weniger, die Auffälligkeiten unauffälliger. Jeder von Ihnen war stolz, mit Taifun in einer Klasse zu sein. Wurden sie frech Frau Samstag oder mir gegenüber, schritt Taifun umgehend ein. "Ey Junge! Wie redest Du mit Frau Samstag? Hab mal mehr Respekt!" Beim Theaterstück übernahm er sofort die weibliche (schwangere) Hauptrolle und schmückte den dunklen Teint mit einer blonden Perücke. Unter dem Wallekleid steckte ein Kopfkissen und Taifun watschelte mit Hohlkreuz stöhnend über die Bühne, so dass man kurz davor war, die Hebamme zu rufen... Daraufhin hatte kein Mitglied der Theatergruppe mehr Scheu, sich zum Affen zu machen.
Zwar wurde er im Unterricht ruhiger, die Gewaltbereitschaft blieb. Alle paar Wochen kam ein Aufgebot seiner Familie von mindetsten drei Personen in die Schule zum Gespräch. Da wurde geschimpft (auf Taifun) und geweint (wegen Taifun) und gedroht (wir schicken dich weg, Taifun) und Besserung gelobt (von Taifun). Er durfte bleiben auf unserer Schule - wo sollte er sonst hin. Ein Schulleben ohne ihn war nach einem Jahr mit ihm ohnehin undenkbar. Oder gibt es noch irgendwo einen 15 jährigen Schüler, der im Klassenraum sitzt, weint und ruft: " BABA! Warum kannst du mich nicht so akzepzieren, wie ich bin? So hat Allah mich geschaffen. Warum muss ich mich ändern, Baba? Bin ich so nicht dein Sohn?" Das führte zu Grabesstille im Klassenraum- betretenes Schweigen, beschämte Blicke aus dem Fenster, die eine oder andere heimliche Träne. Dieses Gefühl ist keinem von ihnen fremd. Einer spricht es stellvertretend aus.
Aber nun ist er weg. Zu viele Versuchungen, denen der temperamentvolle, fröhliche und letztendlich doch unglückliche junge Mann nicht widerstehen konnte. Nun ist eine andere Kostenstelle zuständig.
Wir leiden. Frau Samstag, ich und 10 junge Männer müssen uns wieder neu zusammenraufen. Boah- was die für Auffälligkeiten haben! Wie die reden! Letzte Woche kam ein neuer Schüler in die Klasse, der machte eine blöde Bemerkung. Daraufhin bekam er zu hören:"Oh Mann, wenn Taifun noch hier wäre... dann könnteste jetzt was erleben!!"
Nun planen Frau Samstag und ich eine Klassenfahrt. Ganz bald. Ganz tolle Sachen machen! Irgendwie müssen wir uns von dem Leben im Sturm erholen- eine Reha. Vielleicht hilft`s.
P.S. Frau Samstag rief mich eben an. Sie hat mit der Familie von Taifun telefoniert- wegen der Schulbücher und so... wir wissen jetzt, wo er untergebracht ist... ob die Klasse es wohl toll finden würde, die Klassenfahrt in die Nähe von diesem Ort zu machen... Mal ne Nacht drüber schlafen. Und schön träumen....
Am darauffolgenden Montag brach er über uns herein- Taifun! Er bekam nicht nur einen Sitzplatz in der Klasse- er nahm sich den gesamten Raum und uns und seinen Mitschülern zeitweise die Luft zum Atmen. Er raubte uns alle Energie- doch dann lächelte er sein unwiderstehliches Lächeln und alle Mühsal war vergeben und vergessen! Die ersten zwei Monate brauchte er IMMER jemanden, der dicht neben ihm saß und idealerweise irgendwie Körperkontakt herstellte- am liebsten waren Taifun dabei Massagen. Man- also Frau Samstag oder ich- erfüllten Taifun diesen Wunsch bereitwillig, denn wenn er keinen Körperkontakt bekam, rannte er durch die Klasse, bewegte er sich laut grölend durchs Schulgebäude und vergaß dabei nicht die anderen Klassenräume (in denen auch gerade Unterricht stattfand). Danach vereinnahmte er in der Regel den Schulhof. Schüler, die es wagten, ihn auf seinem Streifzug zu kritisieren, bekamen schon mal die Faust des großen Taifun zu spüren....
Also massierten wir. Wir wollten diesen großen, starken Jugendlichen irgendwie einigermaßen ruhig halten. Wir massierten seinen Rücken und seine Schultern und seine Arme und beobachteten, wie kleine Rauchwölkchen aus dem dichten schwarzen Haar aufstiegen! (Fingerabdrücke kann man Frau Samstag und mir nun nicht mehr abnehmen- die sind sozusagen wegmassiert!)
Nach zwei Monaten stellte ein Psychologe bei Taifun "das schlimmste ADHS, das er je erlebt hatte" fest. Es dauerte einige weitere Wochen, bis die Familie es zuließ, dass er Medikamente einnahm. EIGENTLICH bin ich ja keine Medikamentenfreundin. Aber in diesem Fall war es reiner Selbstschutz. Ich wollte einfach den Rest meiner Finger behalten!!
Nachdem Taifun wegen Pillenunverträglichkeit mehrmals auf offener Straße ohnmächtig geworden war, pendelte sich doch die körperliche Unruhe irgendwann auf ein erträgliches Maß ein. Die anderen Schüler hatten Taifun aber längst Platz gemacht. Ihre Sprüche wurden weniger, die Auffälligkeiten unauffälliger. Jeder von Ihnen war stolz, mit Taifun in einer Klasse zu sein. Wurden sie frech Frau Samstag oder mir gegenüber, schritt Taifun umgehend ein. "Ey Junge! Wie redest Du mit Frau Samstag? Hab mal mehr Respekt!" Beim Theaterstück übernahm er sofort die weibliche (schwangere) Hauptrolle und schmückte den dunklen Teint mit einer blonden Perücke. Unter dem Wallekleid steckte ein Kopfkissen und Taifun watschelte mit Hohlkreuz stöhnend über die Bühne, so dass man kurz davor war, die Hebamme zu rufen... Daraufhin hatte kein Mitglied der Theatergruppe mehr Scheu, sich zum Affen zu machen.
Zwar wurde er im Unterricht ruhiger, die Gewaltbereitschaft blieb. Alle paar Wochen kam ein Aufgebot seiner Familie von mindetsten drei Personen in die Schule zum Gespräch. Da wurde geschimpft (auf Taifun) und geweint (wegen Taifun) und gedroht (wir schicken dich weg, Taifun) und Besserung gelobt (von Taifun). Er durfte bleiben auf unserer Schule - wo sollte er sonst hin. Ein Schulleben ohne ihn war nach einem Jahr mit ihm ohnehin undenkbar. Oder gibt es noch irgendwo einen 15 jährigen Schüler, der im Klassenraum sitzt, weint und ruft: " BABA! Warum kannst du mich nicht so akzepzieren, wie ich bin? So hat Allah mich geschaffen. Warum muss ich mich ändern, Baba? Bin ich so nicht dein Sohn?" Das führte zu Grabesstille im Klassenraum- betretenes Schweigen, beschämte Blicke aus dem Fenster, die eine oder andere heimliche Träne. Dieses Gefühl ist keinem von ihnen fremd. Einer spricht es stellvertretend aus.
Aber nun ist er weg. Zu viele Versuchungen, denen der temperamentvolle, fröhliche und letztendlich doch unglückliche junge Mann nicht widerstehen konnte. Nun ist eine andere Kostenstelle zuständig.
Wir leiden. Frau Samstag, ich und 10 junge Männer müssen uns wieder neu zusammenraufen. Boah- was die für Auffälligkeiten haben! Wie die reden! Letzte Woche kam ein neuer Schüler in die Klasse, der machte eine blöde Bemerkung. Daraufhin bekam er zu hören:"Oh Mann, wenn Taifun noch hier wäre... dann könnteste jetzt was erleben!!"
Nun planen Frau Samstag und ich eine Klassenfahrt. Ganz bald. Ganz tolle Sachen machen! Irgendwie müssen wir uns von dem Leben im Sturm erholen- eine Reha. Vielleicht hilft`s.
P.S. Frau Samstag rief mich eben an. Sie hat mit der Familie von Taifun telefoniert- wegen der Schulbücher und so... wir wissen jetzt, wo er untergebracht ist... ob die Klasse es wohl toll finden würde, die Klassenfahrt in die Nähe von diesem Ort zu machen... Mal ne Nacht drüber schlafen. Und schön träumen....
Mittwoch, 22. Juni 2011
Zunehmend weniger
Eigentlich sollte ich jetzt gar keinen Post schreiben. Eigentlich sollte ich jetzt Zeugnisse schreiben. Denn es sind nur noch zwei Wochen bis zum letzten Schultag und da heißt es langsam mal ranklotzen. Natürlich fallen einem aber IMMER dringendere Tätigkeiten ein. Die Schulbuchlisten müssen ausgefüllt werden, die Entschuldigungen der Schüler aus dem ganzen Schuljahr müssen sortiert werden (erst nach Name, dann nach Datum, dann nach Papierformat), die Listen für die Arbeitsgemeinschaften im neuen Schuljahr könnten mal erstellt werden (toll, wie lange man sich an einer Excel-Tabelle aufhalten kann!) und bis zur Einschulungsfeier sind es genau genommen aucnh nur noch zwölf (Schul-)Tage, da müssen natürlich langsam mal die Liederzettel her.
Kurz und gut, Zeugnisse sind nicht sehr populär, sie haben irgendwie ein Imageproblem - sowohl bei denen, die sie bekommen als auch bei denen, die sie schreiben müssen. Woran liegt Letzteres?
Zum Einen wird der gemeine Lehrer dabei mit seiner eigenen Nachlässigkeit konfrontiert. Stellt er doch plötzlich, über den Mathenoten brütend, fest, dass er im ganzen Halbjahr erst einen Test hat schreiben lassen. Regelmäßige Notizen über die mündliche Mitarbeit fehlen natürlich auch. Gut, in so Fächern wie Sachunterricht und Religion heißt die Notlösung: Mappen einsammeln. Aber was macht man, wenn man selber nicht mehr weiß, wieviele Arbeitsblätter da drin sein müssten? Man kriegt also recht schmerzvoll vermittelt, was man ein halbes Jahr lang alles versäumt hat.
Dies alles betrifft mich selbst zum Glück nicht so sehr, da ich aufgrund meiner Klassenstufe weniger Zensuren und mehr ausformulierte Berichte zu erfinden habe. Trotz der bahnbrechenden Erfindung von Copy-and-Paste ist das aber jedes Mal eine echte Mammutaufgabe. Während Guttenberg und Koch-Merin beim Abschreiben die Qual der Wahl zwischen tausend verschiedenen Quellen hatten, bleibt mir bestensfalls das Plagieren der von mir selbst verzapften Giftblätter des vorangegangenenen Halbjahres. Und das wird auf die Dauer a) langweilig und b) fällt es wohl auch irgendwann auf, wenn man immer das gleiche schreibt.
So stürze ich mich also wieder in den Nahkampf mit den immer gleichen Formulierungsmonstern, die da heißen "selten", "meist", "oft", "mitunter","zunehmend", "in zunehmendem Maße", "überwiegend" und die es gleichmäßig über den Text zu verteilen gilt. Dabei ertappe ich mich selbst früher oder später bei völlig bescheuerten Satzkreationen: "Der Schüler XY vergisst zunehmend weniger häufig seine Hausaufgaben". Häääh? Da schwirrt einem dann doch irgendwann der Kopf.
Eine weitere beliebte Rubrik, die mich jedes Jahr vor Probleme stellt: BESONDERE INTERESSEN UND FÄHIGKEITEN!
Natürlich wird der Kollege von Bödefeld an seiner höheren Bildungsanstalt da Seiten füllen können: "Cedric-Alexander interessiert sich für die Musik des Spätbarock, lateinamerikanische Exilliteratur und Golfsport."
So etwas gibt es bei uns nicht. In meinen Zeugnissen sind die Dauerbrenner: "Pascal zeigt Freude an sportlichen Aktivitäten, insbesondere Fußball", "Chantalle malt und bastelt gerne", "Erkan zeigt Einsatz bei körperlicher Arbeit". Das sind die positiven Fälle.
Aber was tun, wenn man es mit einem völlig talent- und interessenfreien Kandidaten zu tun hat? Soll man sich dann irgendwas ausdenken? Aber da fällt einem dann zum Glück das sinnvollste Seminar ein, dass man je im Studium belegt hat und in dem man gelernt hat, die noch so gestörtesten Verhaltensweisen positiv umzudeuten. Und schon kommt man auf so brilliante Formulierungen wie: "Marvin ist sehr interessiert an seinen Mitmenschen" (soll heißen: "Marvin mischt sich überall ein, anstatt sich um seinem eigenen Scheiß zu kümmern) oder: "Kevin hat Freude an Bewegung und Lautmalerei" (meint: "Kevin kann keine drei Sekunden still sitzen und gibt dauernd komische Geräusche von sich") oder sogar: "René zeigte im Musikunterricht einen sehr kreativen Umgang mit den Orff-Instrumenten" (was so viel bedeutet wie: "Neulich hat René dem Justin die Klanghölzer über den Bregen gezogen.") und so weiter, und so fort ...
Heee, ich merke gerade, ich bin richtig warmgelaufen. Da werde ich mich wohl doch noch ein Stündchen an die Zeugnisse setzen. Glück auf!
Kurz und gut, Zeugnisse sind nicht sehr populär, sie haben irgendwie ein Imageproblem - sowohl bei denen, die sie bekommen als auch bei denen, die sie schreiben müssen. Woran liegt Letzteres?
Zum Einen wird der gemeine Lehrer dabei mit seiner eigenen Nachlässigkeit konfrontiert. Stellt er doch plötzlich, über den Mathenoten brütend, fest, dass er im ganzen Halbjahr erst einen Test hat schreiben lassen. Regelmäßige Notizen über die mündliche Mitarbeit fehlen natürlich auch. Gut, in so Fächern wie Sachunterricht und Religion heißt die Notlösung: Mappen einsammeln. Aber was macht man, wenn man selber nicht mehr weiß, wieviele Arbeitsblätter da drin sein müssten? Man kriegt also recht schmerzvoll vermittelt, was man ein halbes Jahr lang alles versäumt hat.
Dies alles betrifft mich selbst zum Glück nicht so sehr, da ich aufgrund meiner Klassenstufe weniger Zensuren und mehr ausformulierte Berichte zu erfinden habe. Trotz der bahnbrechenden Erfindung von Copy-and-Paste ist das aber jedes Mal eine echte Mammutaufgabe. Während Guttenberg und Koch-Merin beim Abschreiben die Qual der Wahl zwischen tausend verschiedenen Quellen hatten, bleibt mir bestensfalls das Plagieren der von mir selbst verzapften Giftblätter des vorangegangenenen Halbjahres. Und das wird auf die Dauer a) langweilig und b) fällt es wohl auch irgendwann auf, wenn man immer das gleiche schreibt.
So stürze ich mich also wieder in den Nahkampf mit den immer gleichen Formulierungsmonstern, die da heißen "selten", "meist", "oft", "mitunter","zunehmend", "in zunehmendem Maße", "überwiegend" und die es gleichmäßig über den Text zu verteilen gilt. Dabei ertappe ich mich selbst früher oder später bei völlig bescheuerten Satzkreationen: "Der Schüler XY vergisst zunehmend weniger häufig seine Hausaufgaben". Häääh? Da schwirrt einem dann doch irgendwann der Kopf.
Eine weitere beliebte Rubrik, die mich jedes Jahr vor Probleme stellt: BESONDERE INTERESSEN UND FÄHIGKEITEN!
Natürlich wird der Kollege von Bödefeld an seiner höheren Bildungsanstalt da Seiten füllen können: "Cedric-Alexander interessiert sich für die Musik des Spätbarock, lateinamerikanische Exilliteratur und Golfsport."
So etwas gibt es bei uns nicht. In meinen Zeugnissen sind die Dauerbrenner: "Pascal zeigt Freude an sportlichen Aktivitäten, insbesondere Fußball", "Chantalle malt und bastelt gerne", "Erkan zeigt Einsatz bei körperlicher Arbeit". Das sind die positiven Fälle.
Aber was tun, wenn man es mit einem völlig talent- und interessenfreien Kandidaten zu tun hat? Soll man sich dann irgendwas ausdenken? Aber da fällt einem dann zum Glück das sinnvollste Seminar ein, dass man je im Studium belegt hat und in dem man gelernt hat, die noch so gestörtesten Verhaltensweisen positiv umzudeuten. Und schon kommt man auf so brilliante Formulierungen wie: "Marvin ist sehr interessiert an seinen Mitmenschen" (soll heißen: "Marvin mischt sich überall ein, anstatt sich um seinem eigenen Scheiß zu kümmern) oder: "Kevin hat Freude an Bewegung und Lautmalerei" (meint: "Kevin kann keine drei Sekunden still sitzen und gibt dauernd komische Geräusche von sich") oder sogar: "René zeigte im Musikunterricht einen sehr kreativen Umgang mit den Orff-Instrumenten" (was so viel bedeutet wie: "Neulich hat René dem Justin die Klanghölzer über den Bregen gezogen.") und so weiter, und so fort ...
Heee, ich merke gerade, ich bin richtig warmgelaufen. Da werde ich mich wohl doch noch ein Stündchen an die Zeugnisse setzen. Glück auf!
Mittwoch, 15. Juni 2011
Gastbeitrag aus einer anderen Welt
Heute mal ein Gastbeitrag von einem Freund, der an einer Grundschule unterrichtet! Mit ihm möchte ich nicht tauschen...
Hallo Herr Bromseklöten,
nun musste ich gleich den gesamten Blog querlesen und habe mich köstlich amüsiert. Ich sehe da echtes Potential für eine Buchveröffentlichung.
Gerne würde ich euren Blog auch einmal bereichern mit Geschichten aus meiner kleinen Grundschule aus dem Zentrum des rheinländischen Bildungsbürgertums. Da wären dann so heiße Themen wie z.B.:
- Jan-Hendrik hat zum wiederholten Male nicht an seinen Anspitzer gedacht!
- Leonie ist gestolpert und weint!
- Lasse hat zu Paul gesagt: "Ich bin besser als du in Mathe!"
- Sara weint einfach so!
- Nach 30 Minuten Stillarbeit in einer 1.Klasse pupst Constantin - alle lachen!
Ja, das sind die dramatischen Ereignisse der vergangenen Woche. Mit Mühe würde ich vielleicht auch noch die aufregende Geschichte "von der Rutsche" zu einem echten Drama ausstaffieren (es floss sogar echtes Blut!).
Ich hätte dagegen ein paar Elterngeschichten anzubieten. Da gibt es bei uns eher Potential ...
- z.B. Anrufe um 22 Uhr, ob denn die Mathehausaufgabe auch einen Tag später abgegeben werden kann
- Lauschangriffe an Klassenzimmertüren einer ungeliebten Kollegin (so mit Ohr anlegen und Tür gegen Kopf)
- 3-seitige Beschwerdebriefe an die Schulleitung, dass man das Töchterchen nicht ausreichend fördert (die selben Eltern haben übrigens eine Woche vorher den Förderunterricht niedergemacht, weil Töchterchen ja dadurch in eine "Schublade" gerät - Schätzchen liegt übrigens im guten 3er-Bereich)
- überhaupt Eltern, die meinen, dass eine gymnasiale Empfehlung die einzige "normale" Laufbahn eines Kindes im Allgemeinen sein kann, demzufolge alle Abweichungen als "krankhaft" wegzutherapieren oder mit Nachhilfe beizukommen sind bzw. die Schule sowieso an allem Schuld ist
- Eltern, die ihre Kinder (6 Jahre alt) dazu bringen, die Klassenlehrkraft anzulügen, weil sie vor den Ferien lieber den billigeren Flieger am Vortag nehmen wollen ("Sag der Lehrerin, du warst krank." ... das blonde Mäuschen kann aber gar nicht lügen und weint ganz schrecklich)
und ...
- Ja, Herr XYZ, ihr mittlerweile 10-jährige Sohn kann seinen Schulranzen ruhig einmal selber vom Auto zu seinem Tisch tragen
- Ja, Frau XYZ, es ist 9-jährigen Kindern durchaus zuzumuten, auf einer Klassenfahrt in 6er-Zimmern zu übernachten
- Nein, Frau XYZ, ein Friseurtermin ist eigentlich kein Grund, ihre Kleine 10 Minuten eher vom Unterricht abholen zu müssen
- Nein, gute Frau XY, man kann auch als Mann von dem Gehalt eines Grundschullehrers leben ;-) (laut Wikipedia gehöre ich sogar zur deutschen Oberschicht)
- Nein, Frau XYZ, es ist nicht sinnvoll, wenn Sie als Begleitperson bei einem Klassenausflug Ihr eigenes Kind ca. die Hälfte der Strecke auf dem Arm tragen, weil es "ja nicht mehr kann"
- Nein, Herr XYZ, nur weil Sie mit Immobilien und Schmugglerein (sagt man jedenfalls im Ort) so viel Kohle erwirtschaftet haben, dass Sie jede x-beliebig hohe Stromrechnung locker bezahlen können, ist es trotzdem unser Wunsch, dass ihr Sohnemann für eine Hausaufgabe im Sachunterricht überlegt, wie man im Haushalt Strom sparen kann
- Nein, Herr XYZ, nur weil Sie ihr ordentliches Einkommen in der Süßigkeitenbranche verdienen, darf das Thema gesunde Ernährung dennoch im Sachunterricht durchgenommen werden
- Ja, Frau XYZ, im RELIGIONSunterricht wird auch schon mal ein Gebet gesprochen
- Nein, Frau XYZ, nur weil ein Junge aus der Klasse ihres Sohnes nicht der üblichen "Schulnorm" entspricht und auch mal schubst, haut und ungezogen ist, muss man ihn trotzdem nicht gleich auf eine besondere Schule verbannen
- Nein, Frau XYZ, zwei Pausenaufsichten für eine kleine Schule mit ca. 100 braven Bullerbüschülern ist nicht zu wenig
- Ja, Herr XYZ, es ist für unsere Schüler durchaus gefährlich, wenn Sie tagtäglich mit einem FETTEN Geländewagen auf unsere Schulauffahrt fahren (kein Parkplatz, sondern Pausenhof!), damit ihr Sohnemann nur 10, statt 20 Schritte zwischen Auto und Schule zurücklegen muss
- Ja, Frau "200qm-Stadtvilla mit Swimmingpool", es wäre schon toll, wenn Sie die 2 Euro für's Theater erübrigen könnten, auch wenn Sie es langsam Leid sind, "dass ständig Geld eingesammelt wird" (zum zweiten Mal in diesem Schuljahr)
- ... und: Nein, Familie XYZ, vermeintlich besseres Wetter im Segelurlaub gilt leider noch nicht als Härtefall bei der Beantragung einer Schulbefreiung außerhalb der Ferien
Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten an unseren Schulen: Schleppen doch auch wir Speckgürtellehrer uns ähnlich zermürbt aus den Klassenzimmern und plumpsen erschöpft auf unsere Lehrerzimmerstühle (wobei wir ja eigentlich auch keine festen Plätze haben). Woran liegt's?! Vielleicht ist unser Leid, dass wir ständig das Schwert der Elternschaft über uns wähnen und unsere Jan-Cedrics, Clara-Sophies und Justins (aber gesprochen mit einem echten Jott wie bei _J_esus!!!) doch mit aller Gewalt "gymnasialreif" schmieden müssen. Das kann auch ganz schön anstrengend sein! Glück auf, Herr Brömseklöten!
Mit besten Grüßen,
Euer Herr von Bödefeld
Hallo Herr Bromseklöten,
nun musste ich gleich den gesamten Blog querlesen und habe mich köstlich amüsiert. Ich sehe da echtes Potential für eine Buchveröffentlichung.
Gerne würde ich euren Blog auch einmal bereichern mit Geschichten aus meiner kleinen Grundschule aus dem Zentrum des rheinländischen Bildungsbürgertums. Da wären dann so heiße Themen wie z.B.:
- Jan-Hendrik hat zum wiederholten Male nicht an seinen Anspitzer gedacht!
- Leonie ist gestolpert und weint!
- Lasse hat zu Paul gesagt: "Ich bin besser als du in Mathe!"
- Sara weint einfach so!
- Nach 30 Minuten Stillarbeit in einer 1.Klasse pupst Constantin - alle lachen!
Ja, das sind die dramatischen Ereignisse der vergangenen Woche. Mit Mühe würde ich vielleicht auch noch die aufregende Geschichte "von der Rutsche" zu einem echten Drama ausstaffieren (es floss sogar echtes Blut!).
Ich hätte dagegen ein paar Elterngeschichten anzubieten. Da gibt es bei uns eher Potential ...
- z.B. Anrufe um 22 Uhr, ob denn die Mathehausaufgabe auch einen Tag später abgegeben werden kann
- Lauschangriffe an Klassenzimmertüren einer ungeliebten Kollegin (so mit Ohr anlegen und Tür gegen Kopf)
- 3-seitige Beschwerdebriefe an die Schulleitung, dass man das Töchterchen nicht ausreichend fördert (die selben Eltern haben übrigens eine Woche vorher den Förderunterricht niedergemacht, weil Töchterchen ja dadurch in eine "Schublade" gerät - Schätzchen liegt übrigens im guten 3er-Bereich)
- überhaupt Eltern, die meinen, dass eine gymnasiale Empfehlung die einzige "normale" Laufbahn eines Kindes im Allgemeinen sein kann, demzufolge alle Abweichungen als "krankhaft" wegzutherapieren oder mit Nachhilfe beizukommen sind bzw. die Schule sowieso an allem Schuld ist
- Eltern, die ihre Kinder (6 Jahre alt) dazu bringen, die Klassenlehrkraft anzulügen, weil sie vor den Ferien lieber den billigeren Flieger am Vortag nehmen wollen ("Sag der Lehrerin, du warst krank." ... das blonde Mäuschen kann aber gar nicht lügen und weint ganz schrecklich)
und ...
- Ja, Herr XYZ, ihr mittlerweile 10-jährige Sohn kann seinen Schulranzen ruhig einmal selber vom Auto zu seinem Tisch tragen
- Ja, Frau XYZ, es ist 9-jährigen Kindern durchaus zuzumuten, auf einer Klassenfahrt in 6er-Zimmern zu übernachten
- Nein, Frau XYZ, ein Friseurtermin ist eigentlich kein Grund, ihre Kleine 10 Minuten eher vom Unterricht abholen zu müssen
- Nein, gute Frau XY, man kann auch als Mann von dem Gehalt eines Grundschullehrers leben ;-) (laut Wikipedia gehöre ich sogar zur deutschen Oberschicht)
- Nein, Frau XYZ, es ist nicht sinnvoll, wenn Sie als Begleitperson bei einem Klassenausflug Ihr eigenes Kind ca. die Hälfte der Strecke auf dem Arm tragen, weil es "ja nicht mehr kann"
- Nein, Herr XYZ, nur weil Sie mit Immobilien und Schmugglerein (sagt man jedenfalls im Ort) so viel Kohle erwirtschaftet haben, dass Sie jede x-beliebig hohe Stromrechnung locker bezahlen können, ist es trotzdem unser Wunsch, dass ihr Sohnemann für eine Hausaufgabe im Sachunterricht überlegt, wie man im Haushalt Strom sparen kann
- Nein, Herr XYZ, nur weil Sie ihr ordentliches Einkommen in der Süßigkeitenbranche verdienen, darf das Thema gesunde Ernährung dennoch im Sachunterricht durchgenommen werden
- Ja, Frau XYZ, im RELIGIONSunterricht wird auch schon mal ein Gebet gesprochen
- Nein, Frau XYZ, nur weil ein Junge aus der Klasse ihres Sohnes nicht der üblichen "Schulnorm" entspricht und auch mal schubst, haut und ungezogen ist, muss man ihn trotzdem nicht gleich auf eine besondere Schule verbannen
- Nein, Frau XYZ, zwei Pausenaufsichten für eine kleine Schule mit ca. 100 braven Bullerbüschülern ist nicht zu wenig
- Ja, Herr XYZ, es ist für unsere Schüler durchaus gefährlich, wenn Sie tagtäglich mit einem FETTEN Geländewagen auf unsere Schulauffahrt fahren (kein Parkplatz, sondern Pausenhof!), damit ihr Sohnemann nur 10, statt 20 Schritte zwischen Auto und Schule zurücklegen muss
- Ja, Frau "200qm-Stadtvilla mit Swimmingpool", es wäre schon toll, wenn Sie die 2 Euro für's Theater erübrigen könnten, auch wenn Sie es langsam Leid sind, "dass ständig Geld eingesammelt wird" (zum zweiten Mal in diesem Schuljahr)
- ... und: Nein, Familie XYZ, vermeintlich besseres Wetter im Segelurlaub gilt leider noch nicht als Härtefall bei der Beantragung einer Schulbefreiung außerhalb der Ferien
Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten an unseren Schulen: Schleppen doch auch wir Speckgürtellehrer uns ähnlich zermürbt aus den Klassenzimmern und plumpsen erschöpft auf unsere Lehrerzimmerstühle (wobei wir ja eigentlich auch keine festen Plätze haben). Woran liegt's?! Vielleicht ist unser Leid, dass wir ständig das Schwert der Elternschaft über uns wähnen und unsere Jan-Cedrics, Clara-Sophies und Justins (aber gesprochen mit einem echten Jott wie bei _J_esus!!!) doch mit aller Gewalt "gymnasialreif" schmieden müssen. Das kann auch ganz schön anstrengend sein! Glück auf, Herr Brömseklöten!
Mit besten Grüßen,
Euer Herr von Bödefeld
Donnerstag, 9. Juni 2011
Jedem Ende liegt ein Zauber inne
Noch vier Wochen bis zu den Sommerferien!
Die letzten Wochen eines langen Schuljahres sind jedes Mal eine Zeit, der ein ganz besonderer Zauber innewohnt. Man hat das Gefühl, alle fahren langsam ihre geistige Aktiviät runter - wie bei einem Atomreaktor, der rechtzeitig vom Netz genommen werden muss, bevor es vor lauter Überhitzung zur Kernschmelze kommt. Im Unterricht läuft in diesen Wochen NICHTS mehr. Heute hat schon Frau EasySamstag meine Bürgelperlen ausgeliehen. Die DVD-Player sind im Dauerbetrieb, gut, dass ich mir schon vor Jahren einen eigenen gekauft habe. Die Schüler können nach einem Freibadbesuch ihre Badesachen gleich in der Schule lassen - morgen geht es eh gleich wieder rüber in die Batze. Hier hat unsere Schule zum Glück sozusagen eine Flatrate, das heißt, wir müssen keinen Eintritt zahlen.
Im Lehrerzimmer werden die Kalauer immer flacher und es warten alle auf das Schuljahresend-Auslesen des Kopiergerätes sowie auf die Seigerehrung des Kopien-Weltmeisters 2011. Wie immer stelle ich mir die Frage: Habe ich zu Schuljahresbeginn genug Kopiergeld eingesammelt? Ist vielleicht am Ende sogar noch was über? Dann wäre vielleicht noch ein Klassenfrühstück im schwedischen Spezialitätenrestaurant mit den vier gelben Buchstaben drin. Oder für jeden eine Lore Pommes beim nächsten Schwimmbadbesuch.
Trotz dieses Schonprogramms halten nicht alle bis zu den Ferien durch. In einigen Klassen bröckelt es gewaltig. Man merkt: Die Nerven liegen blank - besonders bei jenen, die inzwischen wissen, dass sie die Schule wechseln oder in die Selbstständigkeit entlassen werden. Gerade hat man im Abschlussbericht ihre guten Entwicklungen über alle Maßen gelobt, schon drehen sie nochmal auf wie zu Beginn ihrer Karriere bei uns. Nahezu täglich haben wir einen Krankenwagen auf dem Schulhof und als es vorgestern so richtig auf die Fresse gab, hat auch die Polizei malwieder vorbeigeschaut.
Von diesen extremen Auswüchsen mal abgesehen, ist unter den Kollegen in den letzten Wochen natürlich tendenziell die Bereitschaft größer, Dinge durchgehen zu lassen - frei nach Rilke: "Wer bis jetzt nichts begriffen hat, begreift auch in den letzten Wochen nichts mehr". Wozu sich noch aufregen? Nächstes Jahr kommt der Bengel eh zum Kollegen XY, soll der doch mal sein Glück versuchen.
Viel zu sehr ist man schließlich damit beschäftigt, sein eigenes restliches Arbeitspensum abzuarbeiten, damit man am letzten Schultag um Punkt 10:30 Uhr in das vollbepackt vor der Schule stehende Womo oder in das Taxi zum Flughafen springen kann. Aber leider hat der liebe Gott vor die Ferien aber nun mal die Zeugnisse gestellt und so laufen die Notebooks im Lehrerzimmer und der one-and-only Lehrerzimmer-Drucker noch einmal auf vollen Touren. Außerdem noch unbedingt zu erledigen vor den Ferien:
- Fahrtenbuch ausfüllen (denn wer weiß im September schon noch, wann er im alten Schuljahr wo einen Hausbesuch gemacht hat?)
- Aufräumen des Klassenraums, insbesondere der Fensterbänke, denn vielleicht kommt ja dieses Jahr zur Abwechslung mal der versprochene Fensterputzer?
- Leeren des Postfaches und abheften alter Berichte etc. - inklusive Entsorgung veralteter Speisekarten des Pizza-Bringdienstes und konfiszierter Pokémon-Karten.
- Und natürlich nebenbei schonmal die schönsten Ausflugsziele in der Urlaubsregion raussuchen, denn wir wollen ja das Ganze gemütlich ausklingen lassen. Ein Kernreaktor wird schließlich auch gaaanz langsam heruntergefahren. Glück auf!
Die letzten Wochen eines langen Schuljahres sind jedes Mal eine Zeit, der ein ganz besonderer Zauber innewohnt. Man hat das Gefühl, alle fahren langsam ihre geistige Aktiviät runter - wie bei einem Atomreaktor, der rechtzeitig vom Netz genommen werden muss, bevor es vor lauter Überhitzung zur Kernschmelze kommt. Im Unterricht läuft in diesen Wochen NICHTS mehr. Heute hat schon Frau EasySamstag meine Bürgelperlen ausgeliehen. Die DVD-Player sind im Dauerbetrieb, gut, dass ich mir schon vor Jahren einen eigenen gekauft habe. Die Schüler können nach einem Freibadbesuch ihre Badesachen gleich in der Schule lassen - morgen geht es eh gleich wieder rüber in die Batze. Hier hat unsere Schule zum Glück sozusagen eine Flatrate, das heißt, wir müssen keinen Eintritt zahlen.
Im Lehrerzimmer werden die Kalauer immer flacher und es warten alle auf das Schuljahresend-Auslesen des Kopiergerätes sowie auf die Seigerehrung des Kopien-Weltmeisters 2011. Wie immer stelle ich mir die Frage: Habe ich zu Schuljahresbeginn genug Kopiergeld eingesammelt? Ist vielleicht am Ende sogar noch was über? Dann wäre vielleicht noch ein Klassenfrühstück im schwedischen Spezialitätenrestaurant mit den vier gelben Buchstaben drin. Oder für jeden eine Lore Pommes beim nächsten Schwimmbadbesuch.
Trotz dieses Schonprogramms halten nicht alle bis zu den Ferien durch. In einigen Klassen bröckelt es gewaltig. Man merkt: Die Nerven liegen blank - besonders bei jenen, die inzwischen wissen, dass sie die Schule wechseln oder in die Selbstständigkeit entlassen werden. Gerade hat man im Abschlussbericht ihre guten Entwicklungen über alle Maßen gelobt, schon drehen sie nochmal auf wie zu Beginn ihrer Karriere bei uns. Nahezu täglich haben wir einen Krankenwagen auf dem Schulhof und als es vorgestern so richtig auf die Fresse gab, hat auch die Polizei malwieder vorbeigeschaut.
Von diesen extremen Auswüchsen mal abgesehen, ist unter den Kollegen in den letzten Wochen natürlich tendenziell die Bereitschaft größer, Dinge durchgehen zu lassen - frei nach Rilke: "Wer bis jetzt nichts begriffen hat, begreift auch in den letzten Wochen nichts mehr". Wozu sich noch aufregen? Nächstes Jahr kommt der Bengel eh zum Kollegen XY, soll der doch mal sein Glück versuchen.
Viel zu sehr ist man schließlich damit beschäftigt, sein eigenes restliches Arbeitspensum abzuarbeiten, damit man am letzten Schultag um Punkt 10:30 Uhr in das vollbepackt vor der Schule stehende Womo oder in das Taxi zum Flughafen springen kann. Aber leider hat der liebe Gott vor die Ferien aber nun mal die Zeugnisse gestellt und so laufen die Notebooks im Lehrerzimmer und der one-and-only Lehrerzimmer-Drucker noch einmal auf vollen Touren. Außerdem noch unbedingt zu erledigen vor den Ferien:
- Fahrtenbuch ausfüllen (denn wer weiß im September schon noch, wann er im alten Schuljahr wo einen Hausbesuch gemacht hat?)
- Aufräumen des Klassenraums, insbesondere der Fensterbänke, denn vielleicht kommt ja dieses Jahr zur Abwechslung mal der versprochene Fensterputzer?
- Leeren des Postfaches und abheften alter Berichte etc. - inklusive Entsorgung veralteter Speisekarten des Pizza-Bringdienstes und konfiszierter Pokémon-Karten.
- Und natürlich nebenbei schonmal die schönsten Ausflugsziele in der Urlaubsregion raussuchen, denn wir wollen ja das Ganze gemütlich ausklingen lassen. Ein Kernreaktor wird schließlich auch gaaanz langsam heruntergefahren. Glück auf!
Dienstag, 7. Juni 2011
Der Lehrer-Papa am Nachmittag
Erst wenn der letzte Bericht abgeheftet, das letzte Telefonat getätigt und der letzte Wochenplan kopiert ist, stellt der Lehrer mittags fest, dass man Arbeitsblätter nicht essen kann. Das heißt, dass er langsam darüber nachdenkt, seinen Platz im Lehrerzimmer zu räumen und sich auf den Weg gen Heimat zu machen. Wenn er früh dran und der Kühlschrank zu Hause voll ist, dann schafft er es vielleicht noch mit letzter Kraft, sich ein karges Mahl zu bereiten und anschließend den Grundsatz "Der Mittagschlaf des Pädagogen ist heilig" zu beherzigen.
Oft reicht die Zeit aber dafür nicht und Herr Bromseklöten fährt direkt weiter zur nächsten pädagogischen Anstalt, nämlich der Kindertagesstätte seiner eigenen Kinder. Von dort aus geht es dann an einem sonnigen Tag zum generationsübergreifenden Abhängen auf dem nächsten Spielplatz. Und hier durchlebt er dann das, was man gut als "Schulhofaufsicht 2.0" bezeichnen könnte:
Mit dem Kaffee(papp)becher in der Hand steht er da, klönt mit befreundeten Kita-Muttis wie vormittags mit den Kolleginnen - und schlichtet Konflikte der Brut. Ob es um die Wartereihenfolge an der Schaukel, die Besitzverhältnisse von Sandförmchen, das Teilen und Nichtteilenwollen von Süßigkeiten geht - das alles bewältigt er mit links, denn er ist ja vom Vormittag noch so richtig auf Betriebstemperatur. Ganz selten nur ist er davon genervt und wünscht sich einen "Nine-To-Five-Job" im Büro ohne Bratzekinder.
Der größte Unterschied zwischen der Spielplatz- und der Schulhofsituation ist übrigens: Auf dem Schulhof darf man Fremdkinder nach Lust und Laune zusammenscheißen. Wenn man das auf dem Spielplatz macht, kann es sein, dass man Ärger mit der Parentalgeneration kriegt, weil der Jan-Lasse es nicht gewohnt ist, so hart angegangen zu werden. Also heißt es da lieber: Klappe halten, auch wenn Jan-Lasse wie ein Berserker mit der Plastikschaufel durch den Sandkasten geht.
Mit seinem geschulten Blick kann der Förderschullehrer natürlich auch auf öffentlichem Terrain die förderbedürftigen Kinderchen ausmachen. Diese treten meist alleine auf, drehen ziellos ihre Runden mit dem Fahrrad, fuchteln gelangweilt mit einem Holzstock in der Luft herum und verzehren wahlweise ein blaues Kratzeis oder Kartoffelchips mit Eistee.. Die Eltern sind entweder gar nicht zu sehen oder sitzen apathisch mit einem Zigarillo in der einen und einer Dose Hansa in der anderen Hand in der hintersten Ecke der Grünfläche.
Aber nicht nur der Förderschullehrer erkennt auf Anhieb "sein" gewohntes Klientel - nein, auch umgekehrt scheint es so zu sein, dass die Marvins und Pascals dieser Welt den Sonderpädagogen "riechen" können und gezielt seine Nähe suchen. So ist Herr Bromseklöten - wie schon am Morgen in der ersten Pause - plötzlich umringt von einer Schar zuspruchsuchender Kleinmenschen, die mit ihm Sandkuchen backen wollen, von ihm Anschwung beim Schaukeln oder Radfahren einfordern, sich dazugesellen, wenn er den eigenen Kinder vorliest - oder aber ihn einfach nur zutexten. Der Herr Bromseklöten weiß dann meist gar nicht, wie er das finden soll. Einerseits stört es ihn nicht so wirklich, andererseits findet er die Distanzlosigkeit schon befremdlich. Auf jeden Fall aber freut er sich in diesen Momenten, dass zwischen seinem Wohnort und Arbeitsplatz 30 Kilometer liegen, sonst wären diese Spielplatzbekanntschaften womöglich seine Schüler - und das ginge dann doch etwas zu weit.
Wenn der Tag zu Ende geht und nur noch die Kinder mit dem südländischen Teint den öffentlichen Raum bevölkern, zieht es den Lehrer-Papa dann auch langsam mal nach Hause. Feierabend vom pädagischen Handeln ist hier aber noch nicht angesagt, denn in der Phasse zwischen Abendessen und Einschlafen drehen auch die eigenen Bälger erstmal so richtig auf und zeigen, dass auch in ihnen potentielle Förderschüler stecken. Da wird am Tisch gehampelt, bis die Apfelschorle über das Wurstbrot kippt, da wird die Schwester gebissen und gekratzt, da werden Türen geknallt und beim Zähneputzen wild um sich geschlagen. Und schnell findet man sich selbst in den vertrauten "Wenn du nicht... dann..." -Verhaltensmustern wieder, aus der es wohl nie ein Entrinnen gibt. Wenn endlich Ruhe eingekehrt ist und auch noch der Unterricht für den nächsten Tag vorbereitet ist, dann fällt Herr Bromseklöten nur noch ermattet auf sein Sofa und zappt sich durch das Medienangebot. Hierbei werden allerdings geflissentlich sämtliche Unterschichtensender übersprungen, denn jetzt noch Super Nanny, Peter Zwegert oder Frauentausch - dann könnte er sich selbst einweisen. Nein, da muss ein gemütlicher Tierfilm her, ein Reisemagazin oder ein unwichtiges Sportereignis. In meiner Referendariatsschule gab es einen Kollegen, der sich nachts die "schönsten Bahnstrecken Deutschlands" aufzeichnete und sich abends anguckte. Bald ist es bei mir auch soweit, ich bin sicher. Glück auf!
Oft reicht die Zeit aber dafür nicht und Herr Bromseklöten fährt direkt weiter zur nächsten pädagogischen Anstalt, nämlich der Kindertagesstätte seiner eigenen Kinder. Von dort aus geht es dann an einem sonnigen Tag zum generationsübergreifenden Abhängen auf dem nächsten Spielplatz. Und hier durchlebt er dann das, was man gut als "Schulhofaufsicht 2.0" bezeichnen könnte:
Mit dem Kaffee(papp)becher in der Hand steht er da, klönt mit befreundeten Kita-Muttis wie vormittags mit den Kolleginnen - und schlichtet Konflikte der Brut. Ob es um die Wartereihenfolge an der Schaukel, die Besitzverhältnisse von Sandförmchen, das Teilen und Nichtteilenwollen von Süßigkeiten geht - das alles bewältigt er mit links, denn er ist ja vom Vormittag noch so richtig auf Betriebstemperatur. Ganz selten nur ist er davon genervt und wünscht sich einen "Nine-To-Five-Job" im Büro ohne Bratzekinder.
Der größte Unterschied zwischen der Spielplatz- und der Schulhofsituation ist übrigens: Auf dem Schulhof darf man Fremdkinder nach Lust und Laune zusammenscheißen. Wenn man das auf dem Spielplatz macht, kann es sein, dass man Ärger mit der Parentalgeneration kriegt, weil der Jan-Lasse es nicht gewohnt ist, so hart angegangen zu werden. Also heißt es da lieber: Klappe halten, auch wenn Jan-Lasse wie ein Berserker mit der Plastikschaufel durch den Sandkasten geht.
Mit seinem geschulten Blick kann der Förderschullehrer natürlich auch auf öffentlichem Terrain die förderbedürftigen Kinderchen ausmachen. Diese treten meist alleine auf, drehen ziellos ihre Runden mit dem Fahrrad, fuchteln gelangweilt mit einem Holzstock in der Luft herum und verzehren wahlweise ein blaues Kratzeis oder Kartoffelchips mit Eistee.. Die Eltern sind entweder gar nicht zu sehen oder sitzen apathisch mit einem Zigarillo in der einen und einer Dose Hansa in der anderen Hand in der hintersten Ecke der Grünfläche.
Aber nicht nur der Förderschullehrer erkennt auf Anhieb "sein" gewohntes Klientel - nein, auch umgekehrt scheint es so zu sein, dass die Marvins und Pascals dieser Welt den Sonderpädagogen "riechen" können und gezielt seine Nähe suchen. So ist Herr Bromseklöten - wie schon am Morgen in der ersten Pause - plötzlich umringt von einer Schar zuspruchsuchender Kleinmenschen, die mit ihm Sandkuchen backen wollen, von ihm Anschwung beim Schaukeln oder Radfahren einfordern, sich dazugesellen, wenn er den eigenen Kinder vorliest - oder aber ihn einfach nur zutexten. Der Herr Bromseklöten weiß dann meist gar nicht, wie er das finden soll. Einerseits stört es ihn nicht so wirklich, andererseits findet er die Distanzlosigkeit schon befremdlich. Auf jeden Fall aber freut er sich in diesen Momenten, dass zwischen seinem Wohnort und Arbeitsplatz 30 Kilometer liegen, sonst wären diese Spielplatzbekanntschaften womöglich seine Schüler - und das ginge dann doch etwas zu weit.
Wenn der Tag zu Ende geht und nur noch die Kinder mit dem südländischen Teint den öffentlichen Raum bevölkern, zieht es den Lehrer-Papa dann auch langsam mal nach Hause. Feierabend vom pädagischen Handeln ist hier aber noch nicht angesagt, denn in der Phasse zwischen Abendessen und Einschlafen drehen auch die eigenen Bälger erstmal so richtig auf und zeigen, dass auch in ihnen potentielle Förderschüler stecken. Da wird am Tisch gehampelt, bis die Apfelschorle über das Wurstbrot kippt, da wird die Schwester gebissen und gekratzt, da werden Türen geknallt und beim Zähneputzen wild um sich geschlagen. Und schnell findet man sich selbst in den vertrauten "Wenn du nicht... dann..." -Verhaltensmustern wieder, aus der es wohl nie ein Entrinnen gibt. Wenn endlich Ruhe eingekehrt ist und auch noch der Unterricht für den nächsten Tag vorbereitet ist, dann fällt Herr Bromseklöten nur noch ermattet auf sein Sofa und zappt sich durch das Medienangebot. Hierbei werden allerdings geflissentlich sämtliche Unterschichtensender übersprungen, denn jetzt noch Super Nanny, Peter Zwegert oder Frauentausch - dann könnte er sich selbst einweisen. Nein, da muss ein gemütlicher Tierfilm her, ein Reisemagazin oder ein unwichtiges Sportereignis. In meiner Referendariatsschule gab es einen Kollegen, der sich nachts die "schönsten Bahnstrecken Deutschlands" aufzeichnete und sich abends anguckte. Bald ist es bei mir auch soweit, ich bin sicher. Glück auf!
Sonntag, 5. Juni 2011
Auf dem Spielplatz
Manchmal gönnt man ja sich und seinen Schützlingen mal etwas Gutes. Also beschlossen Frau Meise und ich, mit den lieben Kleinen einen kleinen Ausflug auf den Abenteuerspielplatz zu machen. Schon die Aufteilung auf die Autos kann zu einem Geduldspiel werden: "Wenn der zu uns ins Auto kommt, schlage ich ihn tot!" und andere Äußerungen werden uns um die Ohren geschmissen. Wie stellt man also die am wenigsten brisante Mischung zusammen, ohne in einem totalen Chaos zu landen. Wer sitzt vorne, wer hinten und wer ans Rammbock in der Mitte?
Nachdem das alles geklärt war konnte es losgehe.
Am allseits beliebten Spielplatz angekommen kann es einem passieren, dass man auf andere Klassen unserer schönen Anstalt trifft. Nun gilt es also zu schauen, wer sich von wem fernzuhalten hat, damit Frau Lehrerin ein paar ruhige Augenblicke genießen kann. Auch dieses Ziel ist schnell erreicht. Der Friede währt etwa eine halbe Stunde. Danach tönt es aus einigen Ecken: "Frau Bob.....!" "Frau Meise.....!" Wir können den lieben Kleinen noch gute zehn Minuten Zeit, um die Konflikte auszutragen, dann rufen wir zum Aufräumen. "Das mache ich nicht sauber! Damit habe ich nicht gespielt!" So schallt es jetzt aus den Mündern unserer Schützlinge. Also wird beherzt mit zu gefasst, damit wir auch noch pünktlich um 11:30 Uhr an der Schule ankommen.
Auf der Rückfahrt kommt dann für mich noch das absolute Highlight: Sofiane: "Warum stehen in der Straße so viele Wagen?" Frau Bob: "Hier ist heute Markt." Sofiane: "Aber heute ist doch gar nicht Freitag!" Frau Bob: "Was hat denn der Freitag mit dem Markt zu tun?" Sofiane: "Na, Markt ist doch in Grünkirchen immer am Freitag!" Frau Bob: "Hier ist Markt immer am Donnerstag." Sofiane: "Das geht nicht! Markt ist immer am Freitag." Müssen die denn immer das letzte Wort haben?!
Nachdem das alles geklärt war konnte es losgehe.
Am allseits beliebten Spielplatz angekommen kann es einem passieren, dass man auf andere Klassen unserer schönen Anstalt trifft. Nun gilt es also zu schauen, wer sich von wem fernzuhalten hat, damit Frau Lehrerin ein paar ruhige Augenblicke genießen kann. Auch dieses Ziel ist schnell erreicht. Der Friede währt etwa eine halbe Stunde. Danach tönt es aus einigen Ecken: "Frau Bob.....!" "Frau Meise.....!" Wir können den lieben Kleinen noch gute zehn Minuten Zeit, um die Konflikte auszutragen, dann rufen wir zum Aufräumen. "Das mache ich nicht sauber! Damit habe ich nicht gespielt!" So schallt es jetzt aus den Mündern unserer Schützlinge. Also wird beherzt mit zu gefasst, damit wir auch noch pünktlich um 11:30 Uhr an der Schule ankommen.
Auf der Rückfahrt kommt dann für mich noch das absolute Highlight: Sofiane: "Warum stehen in der Straße so viele Wagen?" Frau Bob: "Hier ist heute Markt." Sofiane: "Aber heute ist doch gar nicht Freitag!" Frau Bob: "Was hat denn der Freitag mit dem Markt zu tun?" Sofiane: "Na, Markt ist doch in Grünkirchen immer am Freitag!" Frau Bob: "Hier ist Markt immer am Donnerstag." Sofiane: "Das geht nicht! Markt ist immer am Freitag." Müssen die denn immer das letzte Wort haben?!
Freitag, 3. Juni 2011
Justin, das Gebüsch
Meine Tochter ist dieses Wochenende zu zwei Kindergeburtstagen eingeladen. Die Kinder, die sie auf den Parties treffen wird, heißen unter anderem: Alexander, Finn, Hannes, Marlene, Johanna, Leonie.Ganz normale Namen halt. Zumindest in ihrem Kindergarten. An unserer Schule wären diese Kinder damit krasse Außenseiter.
Das Phänomen der milieuspezifischenden Vornamengebung ist unter dem Begriff "Kevinismus" bekannt geworden. Dabei sind die Kevins längst nicht mehr bei uns. Ein Bekannter, der im Strafvollzug arbeitet, erklärte mir kürzlich, die Kevins seien inzwischen bei ihm angekommen. Bei uns liegen im Moment die Renés und Pascals in Führung - kurz dahinter kommen die Marvins, Justins, Leons und Stevens. Von denen habe ich zur Zeit drei in meiner Klasse (bei insgesamt 11 Schülern). Ist ganz praktisch: Wenn man den Namen ruft, horchen gleich drei Kinder auf. Inzwischen sind die jungen Herren auch untereinander dazu übergangen, sich mit Nachnamen anzureden, so das wir uns nun alle fühlen können wie bei der Bundeswehr.
Neulich stand ich auf dem Schulhof zusammen mit zwei Kollegen, als ein mir unbekannter Junge auftauchte. Ganz artig stellte er sich vor: "Hallo, ich bin der neue Schüler aus der Klasse von Herrn Winkler."
Aus einer Laune heraus fragte ich ihn: "Und, wie heißt du? René oder Pascal?"
Der Junge schaute mich mit großen Augen an und antwortete: "Pascal! Woher weißt du das?"
Da mussten die Kollegen und ich uns ganz doll anstrengen, nur nach innen zu schmunzeln.
Wir als Förderschulehrer wissen es natürlich längst: Diese Namen sind keine Namen, sondern Diagnosen. Wenn die Eltern wüssten, was sie ihren Kinder mit der Namengebung antun! Mittlerweile gibt es ja schon ernstzunehmende Untersuchungen, die belegen, dass Lehrer und Erzieher einem "Dschastin" von vornherein weniger zutrauen als einem Maximilian.
Dabei braucht es dafür gar keine Namen. Ein Blick auf den Sprössling reicht völlig aus. Schon allein die Frisur spricht Bände. Wer glaubt, unsere Schüler haben alle die 12-mm-Einheitsrasur, der irrt! Der körperbetone Randschichtler verwendet Unmengen Zeit, Farbe und Kokosfett dafür auf, aus der Haarpracht des Sohnes
ein Kunstwerk zu erschaffen.Wenn mal jemand nur halb so viel Engagement beim Ordnunghalten im Schulranzen oder bei der Schulfrühstückzubereitung an den Tag legen würde, wäre dem Kind natürlich damit viel mehr geholfen.
Auf der anderen Seite ist eine auffällige Frisur natürlich überlebenswichtig, wenn man ansonsten so gut getarnt durch die Welt läuft, wie unsere Schüler. Manchmal wähne ich mich im Bürgerkrieg, angesichts des Camouflage-Einheitslooks an unserer Bildungseinrichtung. Manche Kinder könnte man glatt für ein Gebüsch halten - oder sie versehentlich umrennen, da sie, vor einer Hecke stehend, kaum zu sehen sind. Mittlerweile kann ich - je nach Farbgebung - schon ganz gut unterscheiden zwischen Waldtarn (oliv-braun-grün), Wüstentarn (ocker-beige-braun) und Polartarn (grau-schwarz-weiß). Nur bei den Mädels frage ich mich manchmal, wofür sie sich tarnen wollen, mit ihren pink-rosa-türkis-Tarnmustern. Vielleicht planen sie eine Invasion in Crystalia (Heimat der Fillypferde) oder einen Anschlag auf Prinzessin Lillifee.
Da wären Leonie, Johanna und Marlene aber sehr traurig. Glück auf.
Das Phänomen der milieuspezifischenden Vornamengebung ist unter dem Begriff "Kevinismus" bekannt geworden. Dabei sind die Kevins längst nicht mehr bei uns. Ein Bekannter, der im Strafvollzug arbeitet, erklärte mir kürzlich, die Kevins seien inzwischen bei ihm angekommen. Bei uns liegen im Moment die Renés und Pascals in Führung - kurz dahinter kommen die Marvins, Justins, Leons und Stevens. Von denen habe ich zur Zeit drei in meiner Klasse (bei insgesamt 11 Schülern). Ist ganz praktisch: Wenn man den Namen ruft, horchen gleich drei Kinder auf. Inzwischen sind die jungen Herren auch untereinander dazu übergangen, sich mit Nachnamen anzureden, so das wir uns nun alle fühlen können wie bei der Bundeswehr.
Neulich stand ich auf dem Schulhof zusammen mit zwei Kollegen, als ein mir unbekannter Junge auftauchte. Ganz artig stellte er sich vor: "Hallo, ich bin der neue Schüler aus der Klasse von Herrn Winkler."
Aus einer Laune heraus fragte ich ihn: "Und, wie heißt du? René oder Pascal?"
Der Junge schaute mich mit großen Augen an und antwortete: "Pascal! Woher weißt du das?"
Da mussten die Kollegen und ich uns ganz doll anstrengen, nur nach innen zu schmunzeln.
Wir als Förderschulehrer wissen es natürlich längst: Diese Namen sind keine Namen, sondern Diagnosen. Wenn die Eltern wüssten, was sie ihren Kinder mit der Namengebung antun! Mittlerweile gibt es ja schon ernstzunehmende Untersuchungen, die belegen, dass Lehrer und Erzieher einem "Dschastin" von vornherein weniger zutrauen als einem Maximilian.
Dabei braucht es dafür gar keine Namen. Ein Blick auf den Sprössling reicht völlig aus. Schon allein die Frisur spricht Bände. Wer glaubt, unsere Schüler haben alle die 12-mm-Einheitsrasur, der irrt! Der körperbetone Randschichtler verwendet Unmengen Zeit, Farbe und Kokosfett dafür auf, aus der Haarpracht des Sohnes
ein Kunstwerk zu erschaffen.Wenn mal jemand nur halb so viel Engagement beim Ordnunghalten im Schulranzen oder bei der Schulfrühstückzubereitung an den Tag legen würde, wäre dem Kind natürlich damit viel mehr geholfen.
Auf der anderen Seite ist eine auffällige Frisur natürlich überlebenswichtig, wenn man ansonsten so gut getarnt durch die Welt läuft, wie unsere Schüler. Manchmal wähne ich mich im Bürgerkrieg, angesichts des Camouflage-Einheitslooks an unserer Bildungseinrichtung. Manche Kinder könnte man glatt für ein Gebüsch halten - oder sie versehentlich umrennen, da sie, vor einer Hecke stehend, kaum zu sehen sind. Mittlerweile kann ich - je nach Farbgebung - schon ganz gut unterscheiden zwischen Waldtarn (oliv-braun-grün), Wüstentarn (ocker-beige-braun) und Polartarn (grau-schwarz-weiß). Nur bei den Mädels frage ich mich manchmal, wofür sie sich tarnen wollen, mit ihren pink-rosa-türkis-Tarnmustern. Vielleicht planen sie eine Invasion in Crystalia (Heimat der Fillypferde) oder einen Anschlag auf Prinzessin Lillifee.
Da wären Leonie, Johanna und Marlene aber sehr traurig. Glück auf.
Mittwoch, 1. Juni 2011
....der kriegt´s mit uns zu tun!!!!
Erzählt man Leuten, die man neu kennenlernt, man sei Lehrer an einer Förderschule, bekommt man grundsätzlich Folgendes zu hören: "Echt, boah-das ist bestimmt anstrengend. Das könnte ich ja nicht---mit diesen ganzen schwierigen Kindern!".
Versteh` ich nicht! - wie, das könnte ich nicht? - Das ist ja so als ob man einem Lebewesen sagt: "Das könnte ich nicht, mit dem Atmen und so!"
Ist doch alles kein Problem. Und was soll das überhaupt heißen: "...mit diesen schwierigen Kindern."??????? Das klingt ja so, als wären unsere Schüler abstoßende Objekte.
Will da etwa jemand was gegen meine Schüler sagen? Das kommt ja garnicht in Frage.
Unsere Schüler sind doch toll. Wir haben da gar keinen Zweifel!!!!
Ja, das verstehen Außenstehende, andere Berufsgruppen, Familienangehörige immer nicht. Da hört man eben solche besagten Floskeln wie "...diese schwierigen Kinder", oder auch: "Deinen Schülern würde ich mal gehörig ein paar hinter die Löffel geben." oder: "Das wurde auch Zeit, dass dein Murat verhaftet wird!" oder "Der Kevin hat dich im Unterricht angegriffen, Schatz?--na warte, da komme ich morgen gleich mal mit und leg den ordentlich übers Knie!"
Ja, solche herzlosen Sätze hört man ab und zu. Aber auch das verstehe ich nicht!
Also damit mal eins klar ist:
Also, Frau Seltsam und ich, wir leiten gemeinsam eine Klasse. Und wehe - jemand sagt etwas gegen unsere Kinder! Dann gibts gleich n paar auf´s Maul.
Zugegeben - über weite Strecken dieses Schuljahres war unsere Klasse -einfach gesagt- ein krimineller Sauhaufen. Aber das muss man jetzt auch nicht dramatisieren oder so. Der eine oder andere Betrugsversuch, ein Einbruch hier oder da, ein bißchen Drogendealen am Wochenende, eine kleine versuchte Vergewaltigung - meine Güte - als wären wir immer Engel gewesen.....
Jedenfalls sind das großartige Kinder unsere Jungs! Die sehen so gut aus, die sind so witzig und so cool, haben tolle Charaktere, zeigen Sozialkompetenz und überhaupt - die können so charmant sein, wenn sie wollen. Ja, mein Gott, der eine oder andere gesetzeswidrige Ausrutscher. Mag sein. Aber trotzdem: Unsere Jungs sind toll - für die würden Frau Seltsam und ich alles tun! Händchen halten, Liebeskummertränen trocknen, Pflaster auf ihre kleinen geschundenen Seelen kleben, sie aus Notlagen rausboxen, für sie unsere Hand ins Feuer legen, ach was sage ich - ihnen ein Alibi vor Gericht geben, sie aus dem Knast rausholen und überhaupt - wenns nach Frau Seltsam und mir ginge, würden wir sie alle adoptieren! Jawoll. Also: wehe, jemand sagt was gegen unsere Klasse! Der kriegts mit uns zu tun!!!!!!!!!!
Versteh` ich nicht! - wie, das könnte ich nicht? - Das ist ja so als ob man einem Lebewesen sagt: "Das könnte ich nicht, mit dem Atmen und so!"
Ist doch alles kein Problem. Und was soll das überhaupt heißen: "...mit diesen schwierigen Kindern."??????? Das klingt ja so, als wären unsere Schüler abstoßende Objekte.
Will da etwa jemand was gegen meine Schüler sagen? Das kommt ja garnicht in Frage.
Unsere Schüler sind doch toll. Wir haben da gar keinen Zweifel!!!!
Ja, das verstehen Außenstehende, andere Berufsgruppen, Familienangehörige immer nicht. Da hört man eben solche besagten Floskeln wie "...diese schwierigen Kinder", oder auch: "Deinen Schülern würde ich mal gehörig ein paar hinter die Löffel geben." oder: "Das wurde auch Zeit, dass dein Murat verhaftet wird!" oder "Der Kevin hat dich im Unterricht angegriffen, Schatz?--na warte, da komme ich morgen gleich mal mit und leg den ordentlich übers Knie!"
Ja, solche herzlosen Sätze hört man ab und zu. Aber auch das verstehe ich nicht!
Also damit mal eins klar ist:
Also, Frau Seltsam und ich, wir leiten gemeinsam eine Klasse. Und wehe - jemand sagt etwas gegen unsere Kinder! Dann gibts gleich n paar auf´s Maul.
Zugegeben - über weite Strecken dieses Schuljahres war unsere Klasse -einfach gesagt- ein krimineller Sauhaufen. Aber das muss man jetzt auch nicht dramatisieren oder so. Der eine oder andere Betrugsversuch, ein Einbruch hier oder da, ein bißchen Drogendealen am Wochenende, eine kleine versuchte Vergewaltigung - meine Güte - als wären wir immer Engel gewesen.....
Jedenfalls sind das großartige Kinder unsere Jungs! Die sehen so gut aus, die sind so witzig und so cool, haben tolle Charaktere, zeigen Sozialkompetenz und überhaupt - die können so charmant sein, wenn sie wollen. Ja, mein Gott, der eine oder andere gesetzeswidrige Ausrutscher. Mag sein. Aber trotzdem: Unsere Jungs sind toll - für die würden Frau Seltsam und ich alles tun! Händchen halten, Liebeskummertränen trocknen, Pflaster auf ihre kleinen geschundenen Seelen kleben, sie aus Notlagen rausboxen, für sie unsere Hand ins Feuer legen, ach was sage ich - ihnen ein Alibi vor Gericht geben, sie aus dem Knast rausholen und überhaupt - wenns nach Frau Seltsam und mir ginge, würden wir sie alle adoptieren! Jawoll. Also: wehe, jemand sagt was gegen unsere Klasse! Der kriegts mit uns zu tun!!!!!!!!!!
Keine Details!
An unserer Bildungsanstalt sind wir uns alle gaaaaaaaannnnz nahe!
Nicht nur die Kollegen untereinander (-da erfährt man schonmal unschöne Details zur Fortbewegung des Mutterkuchens im Geburtskanal während der Niederkunft einer Kollegin).
Nein, auch mit den Schülern sind wir gaaaaaaaaaaaaaannnz eng. Bei uns wird einfach über alles geredet. Wir leben zusammen, wir lachen zusammen, wir essen zusammen, wir weinen zusammen und wir kennen alle Details. Ja, alle!
"Frau Samstag --- können sie mal gucken, meine Eichel tut irgendwie weh. Besonders jetzt wenn ich diese Bewegung mache und sie dann gegen meinen Oberschenkel stößt. Was ist das?"
"Frau Samstag, ich habe heute morgen noch schnell mit meiner Freundin geschlafen. Also ohne Kondom. - aber die hatte ihre Tage. Kann die jetzt schwanger werden?".
"Frau Samstag - ich musste heute nicht pupsen. Toll, oder?", "Frau Samstag, ich habe mit 18jährigen Kumpels gerade unter falschem Namen eine Wohnung gemietet. Und jetzt bestellen wir aus dem Internet irgendwelche Sachen, die dahin geschickt werden. Und die verticken wir dann günstig an andere Leute weiter und machen voll das fette Geschäft. Aber die Rechnung ans Versandhaus zahlen wir nicht, sondern ziehen einfach irgendwann wieder aus. Toll, ne?"
"Frau samstag, ich habe meinem Bruder gestern 25 Gramm Marihuana in der Unterhose ins Gefängnis geschmuggelt und wir wurden nicht erwischt. Aber bitte sagen Sie´s nicht weiter!", "Frau Samstag, meine Mutter macht immer meine Hausaufgaben, aber Sie hat gesagt, ich soll es nicht verraten!", "Frau Samstag, meine Mutter hat eine dritte Brust. So eine aus Plasitk zum Umschnallen. Die macht Sie sich immer zwischen die anderen 2 Brüste, weil mein Vater da voll drauf steht!". "Frau Samstag, gestern war ich bei Johanna zu Besuch. Das war voll eklig, weil die Oma von Johanna nie einen BH anhat. Und dann kam die aus dem Bad und hatte nichtmal n T-Shirt an. Und dann hingen die Brüste bis zum Bauchnabel. Und beim Essen hat die auch nichts angehabt, da haben die Brüste auch runtergehangen. Und dazu hat sie sich zwischen den Fußzehen rumgeprokelt und uns Lieder aus ihrem Schamanenkurs vorgesungen!". ...........
---Jaja, so ist das bei uns. Wir stehen uns gggaaaaaaaaaaaaaaaaaannnnnnnnnz nahe!!!!!
Nicht nur die Kollegen untereinander (-da erfährt man schonmal unschöne Details zur Fortbewegung des Mutterkuchens im Geburtskanal während der Niederkunft einer Kollegin).
Nein, auch mit den Schülern sind wir gaaaaaaaaaaaaaannnz eng. Bei uns wird einfach über alles geredet. Wir leben zusammen, wir lachen zusammen, wir essen zusammen, wir weinen zusammen und wir kennen alle Details. Ja, alle!
"Frau Samstag --- können sie mal gucken, meine Eichel tut irgendwie weh. Besonders jetzt wenn ich diese Bewegung mache und sie dann gegen meinen Oberschenkel stößt. Was ist das?"
"Frau Samstag, ich habe heute morgen noch schnell mit meiner Freundin geschlafen. Also ohne Kondom. - aber die hatte ihre Tage. Kann die jetzt schwanger werden?".
"Frau Samstag - ich musste heute nicht pupsen. Toll, oder?", "Frau Samstag, ich habe mit 18jährigen Kumpels gerade unter falschem Namen eine Wohnung gemietet. Und jetzt bestellen wir aus dem Internet irgendwelche Sachen, die dahin geschickt werden. Und die verticken wir dann günstig an andere Leute weiter und machen voll das fette Geschäft. Aber die Rechnung ans Versandhaus zahlen wir nicht, sondern ziehen einfach irgendwann wieder aus. Toll, ne?"
"Frau samstag, ich habe meinem Bruder gestern 25 Gramm Marihuana in der Unterhose ins Gefängnis geschmuggelt und wir wurden nicht erwischt. Aber bitte sagen Sie´s nicht weiter!", "Frau Samstag, meine Mutter macht immer meine Hausaufgaben, aber Sie hat gesagt, ich soll es nicht verraten!", "Frau Samstag, meine Mutter hat eine dritte Brust. So eine aus Plasitk zum Umschnallen. Die macht Sie sich immer zwischen die anderen 2 Brüste, weil mein Vater da voll drauf steht!". "Frau Samstag, gestern war ich bei Johanna zu Besuch. Das war voll eklig, weil die Oma von Johanna nie einen BH anhat. Und dann kam die aus dem Bad und hatte nichtmal n T-Shirt an. Und dann hingen die Brüste bis zum Bauchnabel. Und beim Essen hat die auch nichts angehabt, da haben die Brüste auch runtergehangen. Und dazu hat sie sich zwischen den Fußzehen rumgeprokelt und uns Lieder aus ihrem Schamanenkurs vorgesungen!". ...........
---Jaja, so ist das bei uns. Wir stehen uns gggaaaaaaaaaaaaaaaaaannnnnnnnnz nahe!!!!!
My Lehrerzimmer is my castle
Befragt man Leute auf der Straße zum beruflichen Alltag des Lehrers, so ist eine Meinung auf jeden Fall weit verbreitet: Der gemeine Pädagoge ist stinkendfaul (das ist quasi ein Einstellungskriterium) und verlässt die Bildungsanstalt umgehend nach Unterrichtsschluss um 13Uhr und 5 Sekunden.
Das stimmt natürlich! Zumindest trifft es für alle anderen Schulen in Deutschland zu. Nicht jedoch bei uns!
Um 13 Uhr und 5 Sekunden ist das Lehrerzimmer bei uns zwar auch leer, aber auch nur deshalb, weil der emsige Wissensvermittler sich noch in den heiligen Hallen seines Klassenraums aufhält, um dort die berühmten "nachunterrichtlichen Einzelgespräche" mit dem Oberrabauken des Tages abzuhalten, einen anderen Querulanten bei einer "heute-stellst-du-als-einzige-soziale-Leistung-am-Tag-mal-die-Stühle-für-alle-anderen-hoch"-Strafmaßnahmen zu beaufsichtigen, das Chaos an übriggebliebenen Arbeitsblätter zu beseitigen, natürlich doch selbst das Müllamt zu erledigen, da der Müllamtverantwortlich urplötzlich erkrankt ist, die Fenster zu schließen, damit nicht irgendwelche Bildungsbegeisterte nachts versehentlich in die Anstalt einbrechen, die Klassenmäuse zu füttern und um den tiefen "endlich-geschafft-Seufzer" loszuwerden.
Also-wie gesagt, das Lehrerzimmer ist um 13Uhr und 5 Sekunden noch leer. Aber dann füllt es sich schlagartig. Doch nicht etwa, um wie allerorts vermutet, schnell tschüss zu sagen und zu entschwinden, nein-weit gefehlt. Das Lehrerzimmer füllt sich, denn jetzt beginnt Phase 2 des Lehreralltags: Heimkommen.
Ja, heimkommen! Unser Lehrerzimmer ist unser Zuhause. My Lehrerzimmer is my castle! Hier fühlt sich der gemeine Pädagoge wohl, hier fühlt er sich verstanden, hier kann er rasten, hier findet er offene Ohren, hier gibts Essen und überhaupt --- hier ist sein Zuhause, seine Insel, sein Himmelreich.
Die Gesichter der Kollegen sprechen Bände um 13:10Uhr! Jegliche -am Vorabend durch das Studium von ZEIT, Spiegelonline oder Shakespeare-Lektüre- mühsam verknüpften Gehirnzellen sind degeneriert, die Gesichter leer und ähnlich "dümmlich" wie die unserer Zöglinge die uns im Laufe des Vormittags völlig mürbe gemacht haben. Die letzten Energiereserven werden in den Kampf um die Telefone, den obligatorischen Anruf bei Erzeugern oder Erziehern und das Zusammenschieben von Zetteln auf dem Lehrerzimmertisch verwendet. Danach: Ein Seufzen und Aufatmen folgt dem anderen, die Sitzmöbel müssen den zusammensackenden Körpern standhalten, die Schweißflecken unter den Armen können langsam trocknen und die Essensreste werden verschlungen. An allen 3 Tischen tauschen sich die Kollegen über die Absurditäten des Vormittags aus, lassen Schreckensszenarien aus dem Unterricht wieder aufleben, geben unter verständnisvollem Nicken der Anderen ihr gerade Erlebtes zum besten und lassen sich umgehend von den Anwesenden streicheln, supervisieren und therapieren. Und so verharrt der Bildungsanstaltsangestellte dann bis 16 oder 17 Uhr, bevor er sich in der Lage fühlt das Etablissement zu verlassen und in die 2. Heimat (auch genannt Zuhause) aufzubrechen. Vorher geht auf keinen Fall!!!! Warum auch - Zuhause gibts schließlich kein Lehrerzimmer!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
In diesem Sinne: ein Gruß an die Heimat!
Das stimmt natürlich! Zumindest trifft es für alle anderen Schulen in Deutschland zu. Nicht jedoch bei uns!
Um 13 Uhr und 5 Sekunden ist das Lehrerzimmer bei uns zwar auch leer, aber auch nur deshalb, weil der emsige Wissensvermittler sich noch in den heiligen Hallen seines Klassenraums aufhält, um dort die berühmten "nachunterrichtlichen Einzelgespräche" mit dem Oberrabauken des Tages abzuhalten, einen anderen Querulanten bei einer "heute-stellst-du-als-einzige-soziale-Leistung-am-Tag-mal-die-Stühle-für-alle-anderen-hoch"-Strafmaßnahmen zu beaufsichtigen, das Chaos an übriggebliebenen Arbeitsblätter zu beseitigen, natürlich doch selbst das Müllamt zu erledigen, da der Müllamtverantwortlich urplötzlich erkrankt ist, die Fenster zu schließen, damit nicht irgendwelche Bildungsbegeisterte nachts versehentlich in die Anstalt einbrechen, die Klassenmäuse zu füttern und um den tiefen "endlich-geschafft-Seufzer" loszuwerden.
Also-wie gesagt, das Lehrerzimmer ist um 13Uhr und 5 Sekunden noch leer. Aber dann füllt es sich schlagartig. Doch nicht etwa, um wie allerorts vermutet, schnell tschüss zu sagen und zu entschwinden, nein-weit gefehlt. Das Lehrerzimmer füllt sich, denn jetzt beginnt Phase 2 des Lehreralltags: Heimkommen.
Ja, heimkommen! Unser Lehrerzimmer ist unser Zuhause. My Lehrerzimmer is my castle! Hier fühlt sich der gemeine Pädagoge wohl, hier fühlt er sich verstanden, hier kann er rasten, hier findet er offene Ohren, hier gibts Essen und überhaupt --- hier ist sein Zuhause, seine Insel, sein Himmelreich.
Die Gesichter der Kollegen sprechen Bände um 13:10Uhr! Jegliche -am Vorabend durch das Studium von ZEIT, Spiegelonline oder Shakespeare-Lektüre- mühsam verknüpften Gehirnzellen sind degeneriert, die Gesichter leer und ähnlich "dümmlich" wie die unserer Zöglinge die uns im Laufe des Vormittags völlig mürbe gemacht haben. Die letzten Energiereserven werden in den Kampf um die Telefone, den obligatorischen Anruf bei Erzeugern oder Erziehern und das Zusammenschieben von Zetteln auf dem Lehrerzimmertisch verwendet. Danach: Ein Seufzen und Aufatmen folgt dem anderen, die Sitzmöbel müssen den zusammensackenden Körpern standhalten, die Schweißflecken unter den Armen können langsam trocknen und die Essensreste werden verschlungen. An allen 3 Tischen tauschen sich die Kollegen über die Absurditäten des Vormittags aus, lassen Schreckensszenarien aus dem Unterricht wieder aufleben, geben unter verständnisvollem Nicken der Anderen ihr gerade Erlebtes zum besten und lassen sich umgehend von den Anwesenden streicheln, supervisieren und therapieren. Und so verharrt der Bildungsanstaltsangestellte dann bis 16 oder 17 Uhr, bevor er sich in der Lage fühlt das Etablissement zu verlassen und in die 2. Heimat (auch genannt Zuhause) aufzubrechen. Vorher geht auf keinen Fall!!!! Warum auch - Zuhause gibts schließlich kein Lehrerzimmer!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
In diesem Sinne: ein Gruß an die Heimat!
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