Der Alltag an einer Förderschule irgendwo in Deutschland - manchmal grausam, manchmal deprimierend, manchmal nervenaufreibend, manchmal schmerzhaft. Aber: Immer auch witzig, lustig, aufregend, menschlich und vor allem nie langweilig!!! In diesem Blog lesen Sie die besten Stories aus dem Nähkästchen des besten Kollegiums der Welt. Viel Spaß!
Freitag, 16. Dezember 2011
Tage wie dieser
Es sind Tage wie dieser, an denen ich mir ernsthafte Sorgen um die Zukunft unseres Landes mache. Dabei blicke ich eigentlich grundsätzlich positiv nach vorne und bin normalerweise eine ganz passable Verdrängerin. (Nicht zu verwechseln mit Dränglerin- darin bin ich nämlich nicht nur ganz passabel, sondern weltklasse, 1 a spitzenklasse... dazu mehr vielleicht ein andernmal.)
Es begann bereits heute morgen, dass meine Festung des Optimismus Risse in der Fassade bekam.
Frau Großstädter und ich feierten mit 10 Jungen der Abschlussklasse Thomas`15. Geburtstag. Er hatte selbstgebackenen Kuchen mitgebracht. Unsere nimmersatten Knaben stehen in Sachen Verfressenheit Frau Großstädter und mir in nichts nach. Daher war der Tisch schnell gedeckt, Kerzen angezündet, Tee gekocht, Kuchen geschnitten, aufgetan und trotz sehr trockener Konsistenz durch Verbrennungen mindestens dritten Grades sehr schnell in den diversen Bäuchen gelandet. Es war gemütlich, heimelig geradezu. Wir fühlten uns wohl miteinander. Da beging Frau Großstädter diesen Fehler: sie dachte sich wohl, dass man in der Schule auch mal theoretisches Wissen erwerben könne und die Stimmung einen Wissenszuwachs heute zuließe.(Noch so eine hoffnuingslose Optimistin!)
Erläuternd muss ich hinzufügen, dass die Schüler sich an der Berufsschule anmelden müssen und wir seit einer Woche mit ihnen üben, das Anmeldeformular auszufüllen, in dem so komplizierte Sachen eingetragen werden müssen wie "Geburtsort", "Geburtsdatum", "Familienstand", "Geburtsname", "Wohnort"...
Wie gesagt, Frau Großstädter hielt die Stimmung für günstig und stellte diese Frage: "Wer weiß, wie viele Bundesländer es in Deutschland gibt?" Ungefähr die Hälfte der Befragten wussten, dass es Bundesländer gibt und zwei kannten sogar die richtige Anzahl. Nun wurde es kniffelig. "In welchem Bundesland wohnen wir?" Die Antworten reichten von "Deutschland" über "Bayern", "Niedersachsen" bis zur richtigen Antwort "Schleswig-Holstein". Auch ganz gut!
Marcel: "Niedersachsen hat gestern im Fußball gewonnen!" Ich dumme Nuss konnte mich damit nicht zufrieden geben und hakte nach: "Welche Städte kennst du denn in Niedersachsen?" Er: "Hannover! Bayern! Afghanistan!" (das mit Bayern freut mich ja insgeheim!) Jaja...der niedersächsische Einfluss reicht weit...
Nächste Frage: "Was gibt es sonst noch für Bundesländer in Deutschland?" Es folgten fünf richtige Antworten, dann "Polen!" (au backe! lass das mal nicht die Polen hören!), "Afghanistan" "Holland" und "Österreich" (jaja, das hätte wohl so mancher gern). Frau Großstädter und ich waren die einzigen im Raum, die wussten, dass diese Länder nicht der deutschen Regierung unterstehen. Immerhin! So konnten wir das klarstellen und weiterbohren: "Es gibt ein Bundesland, da kommen ganz berühmte Bratwürstchen her." Rene ruft: "Wiener Würstchen!" Darauf ich: "Wo liegt Wien?" Iwan: "In Polen!" (Das mit Österreich und Polen scheint irgendwie fest verankert zu sein....)
Nachdem die Kollegin und ich selbst irgendwann verwirrt waren und nicht mehr wussten wo Dortmund liegt und wie man Nordrhein-Westfalen ausspricht, wechselten wir das Thema.
"Wo bist Du geboren?" Einige kannten ihren Geburtsort, einer wusste nur "irgendwo in Russland" und ein anderer kannte zwar den Stadtteil, in dem er geboren worden war und den Stadtteil, in dem er wohnt, dachte aber, dass es sich dabei um zwei verschiedene Städte handelt. Den Namen der Stadt, in der er wohnt, konnte er aber nicht nennen. Wir nehmen`s aber auch genau heute!!
Noch ne Frage: "Wie ist der Geburtsname deiner Mutter?" Lediglich Daran kannte den Mädchennamen seiner Mama. Sonst keiner. Keiner konnte sagen, wann ihre Mütter oder Väter Geburtstag haben. Nicht einer wusste, in welcher Jahreszeit die Geburtstage der Eltern liegen.
Ich war frustriert und wollte meine Stimmung aufhellen, indem ich eine Weihnachts-CD anmachte-richtige, alte, bekannte, traditionelle, Weihnachtsmusik. Herrlich. Ein Chor sang "stille Nacht". Darans Stimme übertönte die liebreizende Musik:"IH! Machen Sie das aus! Was ist das?" "Daran, das ist deutsche Weihnachtsmusik. Das singen deutsche Familien Weihnachten unterm Tannenbaum!" Daraufhin rief der Rest der Klasse empört: "Bei uns nicht!" Erstaunt waren sie, dass komische Leute auf die Idee komen, Weihnachten Weihnachtslieder zu singen.
Jungs- ich verrate euch was: das sind die Leute, die wissen, wann ihre Mutter Geburtstag hat!! Aber ins Gesicht sag ich euch das nicht- denn eigentlich könnt ihr ja nichts dafür!!
Diese jungen Männer sollen irgendwann für meine Rente sorgen. Kollegen- es gibt noch was zu tun!!
Meine Optimismus-Festung war nun also merklich angegriffen. Der Tag nahm seinen Lauf....
Mittags
Nach diversen Erkenntnissen mit meinen Abschlussschülern stand das mich bereits erwartende Wochenende kurz bevor.
Zwei Unterrichtsstunden bloß noch.
Zwei Unterrichtsstunden, die mehr Vorbereitung und drahtseilartiger Nerven bedürfen als die ganze Woche zusammen.
Zwei Unterrichtsstunden, nach denen nichts mehr kommen darf außer frei.
Zwei Unterrichtsstunden, die ich nie ohne Handy hinter mich bringe, in denen Frau Samstag regelmäßig länger in der Schule bleibt, um Notfalls den Krankenwagen oder die Polizei rufen zu können.
Es ist... meine allwöchentliche Mädchenstunde.
Frau Bob hatte mich nach der Pause schon gewarnt.
Mädchenkämpfe auf dem Schulhof. Mehrere Erwachsene und 5 Jungen waren nötig um die beiden zu trennen. Körperverletzung. Grund? Unklar.
Zur Mädchenstunde kommen aber nicht nur zwei Damen, sondern acht. Zum Glück bin ich nicht alleine, sondern habe Frau Seele an meiner Seite.
Als ich über den Schulhof gehe, höre ich schon von weitem Cheyenne brüllen: "Kimberly ist eine alte, hässliche Schlampe, die`s mit jedem treibt!" Inzwischen bin ich bei Kimberly angekommen, die antwortet in gleicher Lautstärke:"Komm doch her du Fotze! Wirst schon sehen, was du davon hast!"
Darauf Cheyenne: " Du willst, dass ich zu dir komme? Dann bist du tot! Willst du tot sein?"
Das scheint Kimberly nicht abzuschrecken, sondern anzuspornen:"Ja! Komm her, wenn Du dich traust! Ich brech Dir was! Ich schlag Dir in die Fresse!"
Laut Erzählungen von Mitschülern hat sie das bereits versucht, Cheyenne hat nämlich bereits ein Hämatom am Knie einstecken müssen, sowie einen kräftigen Tritt in die Magenkuhle. Dafür bekam dann Kimberlychen einen Handkantenschlag in den Nacken verpasst. Aber das war ja alles längst geschehen. Übrigens ist Kimberly stolze 11 Jahre alt, Cheyenne dagegen fast eine Oma mit reifen 14 Jahren.
Als wir schließlich nach zähen Verhandlungen ohne weitere Kämpfe im "Mädchenzimmer" angekommen waren, ging der verbale Schlagabtausch dort weiter. Frau Seele und ich fühlten uns wie im Unterschichtenfernsehen- irgendeine Nachmittagstalkschau, in der Art wie "Frau Seltsam am Mittag". Zu allem Übel hatte Kimberly auch noch Cheyennes Vater beleidigt, obwohl sie doch ganz genau weiß, dass der arme Kerl wegen schwerer Körperverletzung mehrere Jahre im Gefägnis sitzt! Cheyenne wünschte sich ein 4-Augen-Gespräch mit mir. Na gut. Dann hatten vielleicht Frau Seele und die anderen Mädels etwas Ruhe.
Vor der Tür kam dann prompt von Cheyenne der wichtige, offenbar heimliche Satz: "Frau Seltsam- ich habe mich jetzt beruhigt." "O.k. Und jetzt?" "Soll ich mich bei Kimberly entschuldigen? Obwohl ich schwerer verletzt bin?" "Cheyenne- das wäre super!"
Und so ging Cheyenne zu Kimberly, gab ihr die Hand, Kimberly sprang auf, als wäre nichts gewesen und die beiden lagen sich ewig lange in den Armen und schworen sich ewige Liebe und Freundschaft und und und.
Muss ich nicht verstehen das Ganze. Immerhin war`s dann die letzten 20 Minuten ruhig und nett aber ich kriege diese fixe Idee nicht mehr aus meinem Kopf: diese besagten jungen Männer von heute morgen werden erwachsen und meine Mädels vermutlich auch irgendwann. Es muss damit gerechnet werden, dass die Jungs mal eine oder mehrere Verbindungen mit jungen Damen vom Kaliber "Cheyenne" oder"Kimberly" eingehen... (na gut, Damen ist vielleicht der etwas unpassende Begriff).
Na bravo.
Und wegen genau solcher Tage wie heute gehe ich jetzt in die Apotheke und kaufe Stimmungsaufheller. Danach höre ich das Weihnachtsoratorium von den Thomanern gesungen. Ich kann mir vorstellen, dass meine Optimismus-Festung so oder ähnlich restauriert werden kann. Bestimmt schon morgen wieder- in altem Glanz und Gloria!
Sonntag, 11. Dezember 2011
Im Schleudergang durch den Fünfakter
Dienstag, 6. Dezember 2011
Retter
Nicht, dass mir das sonderlich schwer fiele. Ich erinnere mich an eine Klassenfahrt, auf der 95 % der Schüler eine größtmögliche kriminelle Energie aufzubieten hatten. Die Kerle gingen dabei so geschickt vor, dass wir, die betreuenden Pädagogen, uns während der ersten zweieinhalb Tage wie im harmonischsten Familienurlaub wähnten- bloß das der Familienname offenbar Corleone war...Am Nachmitteg des dritten Tages begann unsere Heile-Welt-Fassade langsam und kaum merklich zu bröckeln. Justin vermisste seinen MP3-Spieler und verdächtigte einen Mitschüler des Raubes. Dieser hatte aber ein Alibi und haufenweise Zeugen und zudem einen überzeugenden Augenaufschlag, so dass wir das vermisste Gerät schlicht und einfach als "verloren " ad acta legen wollten, hätte uns nicht eine Stunde später Marvin geflüstert, dass der Verdächtigte lüge und das Ding in seiner Tasche hätte. So begann eine anstrengende, entlarvende, nicht enden wollende Prozedur der Verhöre und Durchsuchungen. Es stellte sich heraus, dass die 5 %, die nicht kriminell waren, massiv unter Druck gesetzt und bedroht worden waren. Die Corleones hingegen hatten ihre Mitschüler und Geschäfte beklaut, hatten heimlich Handys und Spielekonsolen dabei, schauten Nächtens Horrorfilme und Pornos auf ihren MP4-Spielern. Das Alles trat peu a peu zutage. Hatte man eine Sache aufgedeckt, halbwegs geregelt und wollte sich kurz entspannt zurücklehnen, tat sich garantiert die nächste Untat auf! Und immer, IMMER! war die nachfolgende Sache schlimmer als die Vorangegangene. An Schlaf war eigentlich nicht mehr zu denken; zudem waren nun wir die Zielscheiben der großen Wut der zukünftigen Knastinsassen!
Hier stellte ich fest:"Wow Frau Seltsam! Du bist so dermaßen sauer auf diese hinterhältigen Kerle und eben hattest Du eine wirklich unschöne Auseinandersetzung mit Iwan! Und es juckt nicht mal in den Fingern! Wow! Alle Achtung! Jetzt weißt Du ganz sicher, dass Du keine Kinder schlägst!!"
Nun ja. Solche Grenzerfahrungen mache ja nicht nur ich, sondern alle meine hochgeschätzten Kollegen!
Die Kinder haben von uns nicht zu befürchten, dass wir ihnen ihre Ausbrüche mit gleicher Münze heimzahlen.
WIR HABEN UNS IM GRIFF!
Dann träumt man eben mal komische Sachen. Ich mache mir jetzt auch keine weiteren Gedanken darüber, was es zu bedeuten hat, dass Herr Brandt und ich uns über unsere Träume austauschen.(Und Nein! Wir haben keine Affäre...eher vielleicht unsere Ehepartner miteinander...)
Ähnlich mysteriöse Gespräche finden an anderen Plätzen des Lehrerzimmers statt. So hätte ich vor einigen Jahren Buch führen können über die stets detailliert geschilderte Verdauung (samt Beschwerden) eines Kollegen. Bewegt nahm ich Anteil. Zur Zeit wird im Kolleginnenkreis an Tisch 1 sehr engagiert (aber tuschelnd) darüber diskutiert, ob ein Balkonett-BH tatsächlich so toll ist, wie der Preis es erhoffen lässt (ja, die Ausgabe lohnt sich) und was das Brustvermessen im Fachgeschäft ergeben hat. (Unglaublich! Wir alle wähnten uns ein paar Zahlen und Buchstaben zu klein. Und nun sitzt Herr Bromseklöten plötzlich am Tisch mit den Superhexen!)
Und so retten wir uns Tag für Tag gegenseitig mit kuriosen Gesprächsthemen. Vor dem Verrückt werden. Vor dem Knast. Vor der Klapse.
O.k.- es gibt da komische Träume- aber solange man davon nicht wach wird und Herr Z. unverletzt bleibt- was soll`s.
Donnerstag, 1. Dezember 2011
Der Duft der großen weiten Welt
Manchmal fragt man sich ja ernsthaft, ob es sich bei unsern Schülern nicht in Wirklichkeit um eine Reinkarnation von prähistorischen Höhlenmenschen handelt, die nur versehentlich in die heutige Zivilisation gebeamt wurden.
Im Prinzip kann man froh sein, dass sie morgens das Schulgebäude als solches erkennen und es nicht für eine aufgetürmte Erdverwerfung halten.
Verlässt man mit unsern „kleinen Wilden“ das Schulgelände (das zugegebenermaßen von den Gepflogenheiten mit großer Wahrscheinlichkeit den urtümlichen Ritualen bei der alljährlichen Höhlenmenschhauptversammlung ähnelt) und begibt sich mit ihnen in die Zivilisation, dann wird einem erst deutlich, wie befremdlich diese Welt für sie sein muss:
Ich erinnern mich an eine Fahrt Richtung Schullandheim, wo Klein-Pascal aus dem Fenster deutet und erstaunt sagt: „Oh, da draußen ist eine Natur!“ (Na immerhin eine!). Oder Klein-Kevin der auf der gleichen Fahrt sorgenvoll vorfühlt: „Frau Samstag – gibt es in dem Haus, wo wir hinfahren auch Fenster?“. (Ja, Fenster schon, aber dafür ham se die Tür vergessen!)
Oder vor kurzem der kleine Lennart auf einer Zugfahrt, als der Zug gerade in der gigantischen Bahnhofshalle einer norddeutschen Großstadt steht: „Die haben ganz schön große Häuser hier!“. (Übrigens der gleiche Lennart, der einen Tag später beim Besuch eines italienischen Restaurants, in dem er sich sein Liebliengsgericht "Lasagne al forno" bestellt, nach Eintreffen der tönernen Auflaufform, krampfhaft versucht, den Keramikrand durchzuschneiden, weil er ihn für die Kruste der Lasagne hält!)
Auch vergangene Woche, als wir mit der „Neigungsgruppe Theater“ einen Ausflug in das große Schauspielhaus der nahgelegenen Großstadt wagten, war die Aufregung der kleinen Neandertaler an allen Ecken und Enden zu spüren:
Da ist es schon eine echte Kunst das Auto nicht in den Straßengraben zu lenken, wenn Klein-Lukas (wir erinnern uns: Er ist einer der Winzlinge mit den Teletubby-Stimmen) plötzlich mit Blick aus dem Fenster in trommelfellzerschmetternder Lautstärke losschreit: „Ein Zug, ein Zug. Da ist ein Zug!“. „Nein Lukas, das ist die Straßenbahn! Die ist viel kleiner, als ein richtiger Zug!“ „Nein, das ist ein Zug! Ein Zug!“ Lassen wir ihm die Freude. Und Carina (ebenfalls ein Winzling mit einem hohen Stimmchen –die allerdings Lukas´ Frequenz und Lautstärke immer um Längen schlägt!) brüllt plötzlich los: „Frau Samstag, ich glaube mir ist schlecht! Mir ist schlecht! Mir wird immer beim Autofahren schlecht! Neulich habe ich mal meine ganze Mutter vollgebrochen!“ (Wir sind ja so froh, dass sie nicht nur die halbe Mutter vollgebrochen hat!)
Im Theater angekommen stellen wir dann fest, dass nicht nur die Zöglinge unserer Förderschule die Manieren von Höhlenmenschen haben, sondern auch die angeblich so „wohlsituierten Grundschüler“ aus „normalen“ Schulen: Noch vor Beginn des Stückes gleicht das Foyer des Stadttheaters einer Spielwiese von vorsintflutlichen Pantoffeltierchen. Wo sonst das gehobene Großstadtpublikum seinen wohltemperierten Champagner schlürft und sich mit gesenkten Stimmen über die dramaturgische Finesse des dargebotenen Theaterstücks unterhält, da kreuchen, fleuchen, kriechen, robben, rennen und rasen nun eine unüberschaubare Ansammlung von ABC-Schützen herum und arbeiten ihre Leberwurstbrote flächendeckend in den roten Plüschteppich ein.
Doch selbst wenn uns Pädagogen das „weltfremde Höhlengemenschel“ unserer Schüler oft nur ein genervtes Kopfschütteln entlockt, ist es manchmal auch ganz schön, dass WIR ihnen diesen aufregenden Duft der großen weiten Welt näher bringen dürfen:
Als die kleinen Theater-Elfen wenig später zwischen Fr. Seltsam und mir in der vierten Reihe des Stadttheaters sitzen und mit großen, glänzenden Augen den Geschehnissen auf der Bühne folgen, da wird uns dann doch ganz warm ums Herz.
Bühne auf - Vorhang frei!
Ein echtes Highlight in meiner Schulwoche ist eine Doppelstunde mit der „Neigungsgruppe Theater“.
An unserer Schule gibt es noch gar nicht allzu lange „Neigungsgruppen“. Diese orientieren sich an den „Neigungen“ der Kollegen. Damit wir uns alle selbst auch da abholen können, wo wir stehen.
Da ich meine eigene Schulzeit mir großer Lust und Freude in einer Theater-AG verbracht habe, war es für mich naheliegend eben eine solche Neigungsgruppe anzubieten.
Bereits im letzten Schuljahr musste ich in kurzer Zeit (in einem überaus schmerzhaften Lernprozess) erkennen, dass eine Theater-AG am Gymnasium mit einer Neigungsgruppe Theater an unserem Etablissement etwa so viel zu tun hat, wie der Geburtstag von Justin mit dem Geburtstag von Jesus (oder wie war das, Herrn Bromseklöten?). Zwar ist beides dem Namen nach recht ähnlich, aber das wars dann auch schon.
Naja, vergangenes Schuljahr habens meine Kollegin und ich doch irgendwie hinbekommen, sogar einen echten theatralen Bestseller von Kollege Shakespeare auf die Bühne zu bringen (wenn auch in stark vereinfachter Version), aber die Hoffnung an dieses Niveau anknüpfen zu können, zerschlug sich bereits als wir die Namen der Schüler erfuhren, die unserer Neigungsgruppe dieses Jahr zugeteilt sind.
Aus irgendeinem unerfindlichen Grund (man will den Koordinatoren der Neigungsgruppen ja nichts Böses unterstellen) wurde uns nämlich eine Horde winziger Zweitklässler zugeteilt. Und wenn ich winzig sage, meine ich winzig. Frau Seltsam und ich haben sonst eigentlich nur mit den Abschlussstufenschüler zu tun und sind Kopfhaltungen gewöhnt, in denen die Sehnen, die sich im Nackenbereich befinden, kürzer und kürzer werden und der zurückgeworfene Hinterkopf eine Delle zwischen die Schulterblätter schlägt.
Alleine das Hinunterblicken, um diese winzigen Schülerchen sehen zu können stellt uns vor eine kaum zu lösende Aufgabe.
Dazu kommen die schrillen und hohen Stimmchen der Winzlinge, die einem das Gefühl geben, sich mitten in einer kontroversen Diskussionsrunde von Teletubbys und den Rumpelwichten aus Ronja Räubertochter („Wieso denn bloß?“) zu befinden. Und als ob das nicht schon genug wäre, sind mehr als 50% unserer Theater-Schüler : …….Mädchen!
Ihr wisst schon –diese merkwürdigen Geschöpfe, über die sich Frau Seltsam neulich schon in ihrem Blog ausgelassen hat. Der Begriff „Mädchen“ ist bei den weiblichen Geschöpfen unserer Bildungsanstalt nichts weiter als ein Euphemismus für das, was sie eigentlich sind: Nymphomaninnen, Walküren, Furien, Xantippen, hysterische Puten, Dominas……..Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.
Und da soll man nun ein Theaterstück auf die Beine stellen…… Aussichtslos!
Von unserem Vorhaben „Hamlet“ zu inszenieren (Frau Seltsam und ich können uns in die Hauptrolle nämlich so gut reinfühlen: „Überleben oder nicht überleben –das ist hier die Frage!“) sind wir dann ganz schnell abgewichen.
Stattdessen muss es nun ein Klassiker der Gebrüder Grimm tun: Schneewittchen und die 7 Zwerge. (Zwerge haben wir ja so viele als hätte irgendwo jemand ´ne Dose aufgemacht).
Doch vor die Proben hat der liebe Gott die Rollenvergabe gesetzt.
Noch bevor wir damit beginnen konnten, hallte es uns schon von allen (!) Seiten (auch von Seiten der männlichen Winzlinge) entgegen: „Ich will die Prinzessin spielen!“ „Nein ich will die Prinzessin sein!“ „Nein ich!“, „Nein ich!“.
Ob im Märchen „Schneewittchen“ überhaupt ein Prinzessin mitspielt, darüber lässt sich sowieso streiten, aber mit solchen Spitzfindigkeiten wollen wir garnicht erst anfangen. Kurzum: Wir standen vor dem Problem 7 Prinzessinnen und keine Zwerg zu haben. Keinen Zwerg? Verdammt – ich kann sie doch sehen: Da sitzen sie vor mir, die Winzlinge. Und keiner will erkennen, dass die Rolle eines Zwerges ihm quasi auf den Leib geschneidert ist?
Blieben nur zwei Möglichkeiten: Entweder das Stück umschreiben „Der Zwerg und die 7 Schneewittchen“ (Frau Seltsam und ich haben darüber ernsthaft nachgedacht) oder aber zur besten Methode zu greifen, die die pädagogische Schatzkiste zu bieten hat. Quasi zum Black&Decker-Schlagbohrer unter den pädagogischen Werkzeugen: Der Bestechung!
Und eh ich mich´s versah, zaubert Frau Seltsam eine Hand voll Süßigkeiten –wohlschmeckende, appetitlich anzusehende, kaloriengespickte Bonbons- aus ihrer Tasche hervor und verkündet: „Wer freiwillig (?????????????????freiwillig??????????) einen Zwerg spielt, der bekommt ein Bonbon!“. Und schon wird die (zugegebenermaßen leicht zu bestechende) Xantippe aus der ersten Reihe schwach („Na gut, wenns unbedingt sein muss, dann spiel ich halt n Zwerg“) ..und greift zu. Da lassen sich die anderen Neider nicht lange lumpen –und schwupp haben wir so viel Zwerge wie wir brauchen! Am Schluss besteht die pädagogische Kunst nur noch darin, im richtigen Moment von seinen Prinzipien abzuweichen und der einen Schülerin die noch übrig bleibt, schnell ein Bonbon zu versprechen, wenn sie nicht zum Zwergenvolk überwechselt, sondern "die Prinzessin" bleiben will. So einfach ist das!
Es lebe die Pädagogik!
Und von weiteren Erlebnissen mit der Neigungsgruppe Theater ein andres Mal mehr.....
Mittwoch, 30. November 2011
Advent, Advent, die Hütte brennt
Nun, ich glaube das wird ein frommer Wunsch bleiben. So lenken wir weiterhin jedes Jahr aufs Neue unser Schulschiff durch die raue See des Advents in der Hoffnung, ohne Verluste den rettenden Hafen, die Ferien, zu erreichen. Und, bei genauerer Betrachtung, kann dies ja mitunter auch recht lustig sein und einem selbst unter Umständen ganz neue, überraschende, Perspektiven auf die „schönste Zeit des Jahres“ ermöglichen. Lesen Sie selbst...
Montag, 28.11.
Na, super: Die Adventszeit beginnt für mich so, wie sie für den Weihnachtsmann wahrscheinlich jedes Mal endet: mit Rückenschmerzen. Beim Adventsmarkt am gestrigen Sonntag habe ich mich beim Aufbauen wohl etwas zu sehr verausgabt und dann zu lange in der Zugluft gestanden. So komme ich kaum ins Auto rein und raus – zumal ich ausgerechnet heute meinen dicken Weihnachtsordner mitschleppe, indem sich ein buntes Sammelsurium aus Liedern, Mandalas, Arbeitsblättern, Bastelanleitungen etc. befindet – mein Überlebenskitt für die letzten Schulwochen des Jahres.
Mit Mühe und Not quäle ich mich mit meiner Klasse zum Adventssingen in der Aula. Jeder Montag in der Vorweihnachtszeit beginnt mit diesem Ritual und seit ich an unserer Schule unterrichte, sind es auch die gleichen Lieder. Heute auf dem Programm: „Vier Kerzen, die ein jeder kennt“ – ein Gassenhauer, so weltlich wie irgend möglich, dafür mit fiesem Rhythmuswechsel. Herr Stempel und Herr Baum kämpfen sich mit ihren Klampfen wacker durch den 6/8-Takt, Herr Brandt – normalerweise Nummer drei im Gitarrentrio – hat sich unter Vorschiebung fadenscheiniger Gründe sicherheitshalber abgemeldet (mutmaßt jedenfalls Herr Stempel...). Einfacher ist da schon „Zumba, Zumba“. Hier tobt, klatscht und schunkelt der Mob wie im Musikantenstadel, der Unterschied von „Zumba, Zumba“ zu „Humpta, Humpta (täterä)“ ist eben nur marginal.
Wieder zurück in der Klasse hole ich mit großem Brimborium den kürzlich beim Discounter um die Ecke erstandenen Adventskranz hervor. Die erste Kerze wird angezündet, jetzt haben wir es so richtig gemütlich. Frei nach Loriot: Im Klassenraum die Kerze brennt, ein Sternlein blinkt - es ist Advent.
Dienstag, 29.11.
Heute geht es so richtig los. Religion in der Abschlussklasse. Wenn ich diese Stunde hinter mir habe, ist der Rest der Woche eigentlich nur noch ein Klacks. Frei nach meinem pädagogischen Lehrwerk „der Curriculums-Kreis“ beginnen Frau Seltsam und ich damit, die „Basics“ abzufragen. Einige der gesetzteren Herrschaften sind mittlerweile vier Jahre hier an der Schule und haben ebenso lange bei mir Religion. Da dürfte doch vielleicht ein bisschen hängen geblieben sein...
Doch beginnen wir mal ganz behutsam mit der 50-Euro-Frage: „Warum feiern wir Weihnachten?“ Sebastian ist sich nicht sicher: „Hm, also da hat irgend so jemand Geburtstag, Mann, wie heißt der Typ noch gleich, ich komm nicht drauf... aber der Justin, der hat da auch Geburtstag, Herrn Bromseklöten.“ Aha. Wir feiern also Justins Geburtstag. Doch Patrick ist anderer Meinung: „Nee, das hat was mit Jesus zu tun. Warten Sie mal... Ja, genau: Also, am 24. ist der ans Kreuz genagelt worden. Am 25., da weiß ich nicht mehr, aber am 26., da ist er auferstanden.“ Naja, fast richtig, würde ich sagen, man ist ja bescheiden. Aber wir werden der Sache noch mal in einer der nächsten Stunden genauer auf den Grund gehen.
Immerhin weiß Alex noch beizutragen, dass da irgendwelche Typen im Spiel waren, so Könige, die haben irgendeinem Baby Geschenke gebracht. Was das für Geschenke waren? „Puuuh... Ich glaub’, Jauche und so’n Zeug!“. Juhuu, da wird sich das Baby aber gefreut haben. Ob es davon nicht schon genug in seiner Windel hatte? Frau Seltsam und ich können uns zu diesem Zeitpunkt jedenfalls kaum noch halten.
Wir wenden uns lieber dem Themengebiet Adventsbräuche zu und da richtet sich die Aufmerksamkeit als erstes auf den Kranz, der in der Mitte des Klassenraums auf einem Tischchen steht. Wir lernen, dass die ersten Adventskränze für JEDEN Tag im Advent eine Kerze hatten – nicht nur für die Sonntage. Und nun begeben wir uns auf mathematisches Glatteis, denn wir versuchen zu ermitteln, wie viele Kerzen es dafür bräuchte. Die abenteuerlichsten Rechnungen werden aufgestellt, erschwert durch die Tatsache, dass der Abstand vom 4.Advent bis Heiligabend jedes Jahr anders ist. Wer hat sich das denn ausgedacht? Kein Wunder jedenfalls, dass der Erfinder des Adventskranzes eine Art Sonderpädagoge gewesen ist. Würde er heute leben, würde er aber wahrscheinlich keine Kerzen nehmen, sondern jeden Tag einen laminierten Smiley an die Tafel kleben.
Mittwoch, 30.11.
Der Advent macht bei uns heute eine Pause, denn heute ist Projekttag – ein ganz besonderer, der es wert ist, dass man ihm bei Gelegenheit einen eigenen Text widmet.
Nun gilt es, die Päckchen so in der richtigen Reihenfolge aufzuhängen und mit Namenszetteln zu versehen, dass auch ja kein Schüler benachteiligt wird und keiner den gleichen Kitsch zweimal zieht. Sonst wäre es ganz schnell vorbei mit der adventlichen Besinnlichkeit.
Donnerstag, 1.12.
Die Aufregung war natürlich groß, als heute morgen der Adventskalender in der Klasse hing. Sofort ging das haptische Erleben los, die Päckchen wurden betatscht und befühlt, so dass man Angst haben musste, die Schokoweihnachtsmänner erleben kein Morgen. Wie erwartet, war die Reihenfolge und Gerechtigkeit beim Paketöffnen ein sehr ergiebiges Gesprächsthema, das ausgiebig erörtert werden musste, bis alles Misstrauen und alle Angst vor möglicher Benachteiligung beseitigt werden konnte.
Dann holte ich die Weihnachtskrippe der Klasse hervor, die heute aufgebaut werden sollte. Die Krippenfiguren wurden vor Jahren von Schülern aus Trinkjoghurtfläschchen und Styroporkugeln gebastelt und ich finde sie immer noch super. Die Hirten sehen aus wie Säufer (was sie ja wahrscheinlich auch waren), der Engel erinnert stark an "der Schrei" von Munch und der Ochse schielt, als habe er Rinderwahnsinn. Das Aufbauen der Figuren ist ein festes Ritual, dabei lässt sich der Ablauf der biblischen Weihnachtsgeschichte gut erzählen und nachspielen.
Dabei werden auch jedes Mal offene Fragen geklärt, wie etwa: "Was macht ein Hirte?". Erkans Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: "Määäh!". Ebenso gut weiß er, was Maria und Josef an der Tür des Gasthauses wollen: "Klingelstreiche machen!". Die Referendarin lässt sich von dem Wirrwarr anstecken und zitiert den Gastwirt mit: "Ich bin total voll!". Wahrscheinlich hat er mit den Hirten gesoffen.
Ansonsten wissen aber alle doch noch so einigermaßen bescheid, wenngleich man natürlich schon mal durcheinanderkommt, ob nun Jesus oder Josef das Baby ist oder ob es vielleicht sogar Jussuf oder Justus heißt. Naja, wir wissen ja: Justin hat auch am 24.12. Geburstag...
Freitag, 2.12.
Mathe-Stunde mit adventlichen Rechengeschichten. Familie Müller hat drei Kinder, alle drei sollen einen eigenen Adventskalender bekommen, wieviele Päckchen müssen gepackt werden? Und so weiter, und so fort. Die ersten Hochrechnungen gehen in der Regel weit auseinander, aber das ist ja bei jeder Wahl im Fernsehen auch nicht anders. Warum sollen Emre und Fatih dichter beieinander liegen als Emnid und Forsa? Hauptsache, am Ende hat jemand das richtige Endergebnis.
In der Pause lerne ich ein neues Mädchen kennen, etwa neun Jahre alt, klein und niedlich - und rotzfrech. Ganz oben auf dem Klettergerüst steht sie, schreit "Sex, Bett, Sex, Bett, Sex, Bett..." und rotzt dabei den vorbeikommenden Jungs auf den Kopf. Ich gehe hin, stelle mich vor, frage freundlich nach ihrem Namen und ihrem Klassenlehrer. Antwort: "Sex, Bett, Sex, Bett, Sex, Bett". Naja, was soll ich sagen, genau das könnte ich mir jetzt auch besser vorstellen, als mich mit einer Art Pippi-Langstrumpf auf Speed anzulegen. Also verziehe ich mich und ermittle im Lehrerzimmer den Kollegen, der diesen Hauptgewinn gezogen hat.
Nach der Pause beginnen wir in der Klasse das Projekt "Krippenspiel". Vor drei Jahren haben wir schon einmal die Weihnachtsgeschichte verfilmt, inzwischen haben die Schüler komplett gewechselt und technisch sind wir mittlerweile um Lichtjahre besser ausgestattet - es schreit also förmlich nach einem Remake. Die erste Leseprobe verläuft recht schleppend aber ohne besondere Vorkommnisse. Jedenfalls wenn man davon absieht, dass die drei Könige heute nicht stattfinden, weil einer krank ist, einer schmollt weil ein Hirte immer Faxen in seiner Richtung macht und der dritte mit Schubkarre und Laubbesen zum Sozialdienst auf dem Schulhof abkommandiert ist. So ist das halt beim Filmemachen: Immer Ärger mit den Stars!
Montag, 5.12.
Heute im Morgenkreis: Neben der "oben gespielt"-Fraktion ist die Weihnachtsmarkt-Fraktion stark vertreten. Chantalle hat einen Wunschzettel an den Weihnachtsmann geschrieben, Justin hat mit seiner Oma Plätzchen gebacken, bei Pascal ist der Plastikbaum natürlich schon längst aufgebaut. bei so viel Adventlichkeit wird einem ja ganz warm ums Herz. Und dann wird beim Singen in der Aula auch noch "Wär uns der Himmel immer so nah" angestimmt - ein Schmachtfetzen vom unvermeidlichen Rolf Zuckowski, der es ja immer versteht, kitschige Schlager als Kinderlieder zu verkaufen. Zwar singt außer mir und Frau Bob fast keiner mit, aber wir beiden singen heute so glockenklar, dass mir fast das Pipi in den Augen steht. Allerdings gibt's schon bei der Rückkehr in der Klassewieder drei Beschwerden, die abgearbeitet werden wollen - zum Glück, denn so viel Harmonie am frühen Morgen vertrage ich einfach nicht.
Die Krippenspielprobe findet auch heute ohne die drei Könige statt. Ich glaube, die Rollen streichen wir ganz. Nummer 1 ist immer noch krank, Nummer 2 hat heute einen Belohnungsgutschein eingelöst und darf mit Josef am Computer daddeln, Nummer 3 ist schon wieder über Tisch und Bänke gegangen und muss sich auf dem Schulhof abreagieren. So kommt das Jesus-Kind wohl nie zu seiner Jauche...
Im Lehrerzimmer dann großer Aufruhr: Frau Tulipan war am Freitag mit Küchendienst dran, den sie mal eben über die ganze Pädagogen-Lounge ausgeweitet hat. Alles was auf den Tischen rumlag und nicht niet- und nagelfest war, hat sie in einen großen Müllsack gestopft, vielleicht will sie es als Hilfslieferung an ein bedürftiges Lehrerkollegium in der dritten Welt schicken. Jedenfalls sind alle Pizzaprospekte verschwunden, was soll nun aus unserem Mittagessen werden? Müssen wir es nun also selber packen und frei nach Schnauze backen? Doch die Panik währt nur kurz, denn binnen 15 Minuten ist die Speisekarte des bevorzugten Bringdienstes im Internet aufgetrieben und als Starschnitt aus 9 A4-Blättern ausgedruckt und GANZ FEST an der Kühlschranktür festgeklebt! Der Tag ist gerettet...
Dienstag, 6.12.
Heute bin ich mal etwas eher in der Schule, tappe über den leeren, dunklen Schulhof in die Klasse. Dort walte ich meines Amtes als Nikolaus, verteile Pfeffernüsse, Schokolade und Madarinen auf die Plätze meiner Schüler. Als diese dann später den Raum stürmen, geben sie sich abgeklärt: NATÜRLICH glaubt keiner mehr an den Nikolaus. Obwohl... so ganz sicher scheinen sie sich dann doch nicht zu sein, denn wie um sich selbst zu vergewissern werden noch einmal die wichtigsten Argumente gegen seine Existenz diskutiert. Diese wären:
1. Der Nikolaus könnte es zeitlich gar nicht schaffen, alle Kinder in einer Nacht mit Geschenken zu versorgen.
2. Der Nikolaus hat gar keinen Schlüssel für alle Häuser und Wohnungen.
3. die Geschenke wurden bereits in der vergangenen Woche unter Mamas Bett gesichtet.
Nachdem dies geklärt ist, kann man getrost den Verzehr der Süßigkeiten genießen. Da der Sportlehrer Herr Eichel heute offenbar wieder zahlreiche Konflikte in seiner Klasse zu klären hat und daher etwa eine halbe Stunde Verspätung hat, gibt es auch genug Zeit zum Schnökern.
Im Lehrerzimmer ist nach der energischen Aufräumaktion von Frau Tulipan inzwischen wieder der Normalzustand hergestellt: Die Tischplatten sind nicht mehr zu sehen. Neben den Pizzaresten von gestern und den diversen (wieder aus dem großen Müllsack herausgefischten) Notizzetteln etc. ist heute auch noch die große Mandarinenschwemme über uns gekommen. Jeder Lehrer hatte heute offenbar dieselbe geniale Idee: "Ich kaufe für meine Klasse eine schöne große Kiste Mandarinen zum Nikolaus!" Nicht beachtet wurde dabei in der Regel die geringe Klassengröße an unserer Schule, so dass bei jedem eine halbe Kiste übrig bleibt. Diese werden nun dem dauerverfressenen Lehrerkollegium zum Fraß vorgeworfen, so dass es im Lehrerzimmer heute aussieht wie auf Onkel Dittmeyers Obstplantage. Selbstredend wird die abgeprokelte Schale schön gleichmäßig auf den Tischen verteilt. Frau Tulipan habe ich heute nicht gesehen, wahrscheinlich hat sie bei dem Anblick einen Nervenzusammenbruch erlitten.
Immerhin haben wir durch unseren massiven Zitrusfrüchtekonsum vermutlich der spanischen Wirtschaft den Euro-Rettungsschirm erspart. Und wo wir schonmal dabei sind, macht Frau Seltsam gleich bei den Griechen weiter: Die Kollegiumsweihnachtsfeier im Restaurant Akropolis steht kurz bevor und noch haben nicht alle Kollegen ihren Essenswunsch abgegeben. Ich kann mich nicht entscheiden und wähle letztendlich die Zeuss-Platte, was soviel bedeutet wie "einmal alles!". Dann ist wenigstens mit Sicherheit das richtige dabei. Woher soll ich jetzt schon wissen, worauf ich übermorgen Appetit habe?
Ansonsten verläuft der Tag heute sehr ruhig, die erste Erkältungswelle der Saison sorgt für deutlich reduzierte Schülerzahlen. So wird selbst die berüchtigte Relistunde in der Abschlussklasse heute zu einem gemütlichen Teetrinken, Lebkuchenessen und Mandalaanmalen mit nur drei Peoplen. Wär uns der Himmel immer so nah!
Mittwoch, 7.12.
Kennen Sie Don Schnulze? Das ist dieser Komponist aus der Sesamstraße, der manchmal so verzweifelt ist, dass er seinen Kopf auf die Klaviertastatur knallt. Manchmal geht es mir auch so, dann treiben mich meine Schülerlein so in den Wahnsinn, dass ich das Gefühl habe, selbst gleich eine Gummizelle zu brauchen. Heute war es malwieder so weit.
Großes Adventsbasteln und -backen stand auf dem Programm. In Frau Seltsams Weihnachtsbäckerei wurden liebevoll Vanillekipferl geformt, bei Herrn Brandt Kerzen dekoriert und so bot jede pädagogische Fachkraft etwas an. Ich hatte es übernommen, Keksbehälter zu produzieren. Dafür hatte Familie Bromseklöten ein Jahr lang wieder fleißig Joghurt aus den großen Litereimern gegessen und die Eimer gesammelt. Diese sollten nun mit Geschenkpapier beklebt werden und dann mit Frau Seltsams Kipferln befüllt werden. Eigentlich ein einfacher Arbeitsauftrag mit nur wenigen Arbeitsschritten. Dachte ich. Doch die Tücken lagen wie immer im Detail und umso mehr Schüler an meine "Station" kamen um dort zu arbeiten um so näher wähnte ich mich der Klapse.
Erstmal: Tür zu, wenn du reinkommst! Dann: Setz dich erstmal hin und hör zu, bevor du einfach anfängst irgendwas zu machen. Lege die Schablone auf das Papier - an den Rand, nicht mitten drauf! Zeichne den Umriss ab - nein, nicht mit Edding, nimm den Bleistift! Nimm jetzt die Schere und schneide aus. Nein, ich sagte doch schon: Am RAND! Nicht in der Mitte! Jetzt können wir die halbe Rolle wegschmeißen. So, jetzt nimm den Klebestift. Fahre ihn nur ein bisschen aus! Trage den Kleber gleichmäßig auf! Mach dann den Deckel wieder drauf! Ja, wo ist denn der Deckel jetzt hin? Ach, jetzt bist du draufgetreten. Jetzt klebe das Papier auf den Eimer. Pass auf, die Weihnachtsmänner sind ja auf dem Kopf, dreh das Papier um! Ups, jetzt ist es eingerissen. Jetzt nimm die andere Schablone für den Deckel... Bist du fertig? Hast du deinen Namen draufgeschrieben? Räum deine Papierschnipsel ins Altpapier, nein, das ist die Schablone, die braucht noch jemand. Pass auf, dass du deinen Nachbarn nicht anrempelst. Mach die Tür zu, wenn du den Raum verlässt. Mach die Tür zu! Haaaalllooooo, mach die Tür zu! Gottverdammich, warum hört der mich nicht... TÜÜÜÜR ZUUU!
So ging das den ganzen Vormittag! Als um 13 Uhr endlich Unterrichtsschluss war und das größte Chaos im Klassenraum beseitigt war saß ich minutenlang wie versteinert an meinem Pult und war kaum in der Lage aufzustehen und ins Lehrerzimmer zu gehen. Ich fühlte mich einfach nur alt und müde...
Nächstes Mal mache ich eine Station mit Bügelperlen oder Mandalas, ich schwöre!
Donnerstag, 8.12.
Herr Brandt empfing mich heute morgen ernstlich besorgt: "Ich habe gestern noch deinen Beitrag im Blog gelesen. War es wirklich sooo schlimm?" Nein, eigentlich war es ja nicht so schlimm, aber es gibt halt so Tage... Dieser wird aber bestimmt anders!
Und tatsächlich: Unsere erste Durchlaufprobe für das Krippenspiel verlief echt super. Zwei von neun Darstellern konnten tatsächlich ihren Text komplett auswendig! Und der Rest bemühte sich zumindest um ein flüssiges, ernsthaftes ablesen. Joseph sprach tatsächlich so laut, wie ich ihn noch nie gehört habe und selbst die drei Könige, bei denen ich ja schon schwarz gesehen hatte, trugen ihre Marzipandosen aus der Haushaltsauflösung meiner Großeltern mit Fassung. Die Kostümfrage war schnell geregelt, die Klamotten von Martinsspiel lagen noch in der Klasse. Hinzu kamen noch die Flügel und die Hippieperücke für unseren Engel-Darsteller Justin sowie das Kissen unter Marias Kleid. Also kann ich unserem Filmdreh in der nächsten und übernächsten Woche also doch recht zuversichtlich entgegegen sehen.
Im Lehrerzimmer gab es heute natürlich nur ein Thema: Die Vorfreude auf die Weihnachtsfeier am Abend. Frau Seltsam hat ja die Kegelbahn im Restaurant Akropolis reserviert. Man darf gespannt sein, ob sie ihren Titel als Pumpenkönigin behaupten kann. Interessant ist natürlich auch die Frage, wer alles (nicht) kommt, wer neben wem sitzt und wer bei wem mitfährt. Von all diesen Dingen werde ich morgen berichten. Schalten Sie wieder ein.
Freitag, 9.12.
Das war eine müde Gesellschaft im Lehrerzimmer heute morgen. Weihnachtsfeier mitten in der Woche - das war wohl doch keine so gute Idee. Immerhin: Auch Herr Gläubig saß pünktlich um Viertel vor Acht an seinem Platz, und das war nicht selbstverständlich. Schließlich hatte er sich gestern abend eigentlich von Frau Tulipan im Auto mit nach Hause nehmen lassen wollen (vielleicht hatte er gedacht, dass sie noch auf einen Kaffee mit hoch kommt?), diese war aber ohne ihn losgefahren. Folglich musste Herr Gläubig sich alleine auf den Weg durch die Nacht machen, was uns alle mit Sorge erfüllt hatte.
Die Kollegen, die sich beim Kegeln etwas verausgabt hatten, erkannte man heute am schiefen Gang und auch ich musste die Erfahrung machen: Von diesem Sport kriegt man Muskelkater in der linken Pobacke. Fast hätte ich mir heute einen Schwimmring von meinen Kinder geliehen, um den Vormittag über darauf zu sitzen. Gelohnt hatte es sich allerdings, ich war eigentlich ganz erfolgreich beim Kegeln. Frau Seltsam hingegen war nicht so motiviert gewesen und hatte den Titel der Pumpenkönigin kampflos an Frau Ogg abgetreten. Ansonsten blieb die Weihnachtsfeier ohne nennenswerte Folgen. Obwohl, wir werden sehen, ob nicht im Januar die ein oder andere Kollegin doch unsere Schulleiterin um ein vertrauliches Gespräch bitten wird. Ich weiß jedenfalls nicht, wie Herr Gläubig schlussendlich nach Hause gekommen ist...
Insgesamt waren alle bemüht, den Vormittag halbwegs elegant über die Bühne zu bringen, was malwieder zur Dauerbelegung sämtlicher DVD-Player führte.
In meiner Klasse lieft heute eine DDR-Verfilmung von Schneewittchen, die Frau Seltsam neulich kostengünstig beim Drogeriemarkt erstanden hatte. Der Film war eigentlich gar nicht so schlecht. Schneewittchen sah halt aus wie eine Mandy und der Königssohn wie ein Ronny, aber das störte niemanden. Mich ägerte nur das abgeänderte Ende, bei dem die böse Königin nicht etwa bis zum Tod auf glühenden Kohlen tanzen musste, sondern einfach des Landes verwiesen wurde. Nun gut, das durchschnittliche DDR-Kind aus den 70ern kannte halt noch keine Egoshooter, da musste man wohl etwas sensibler sein. Alles in Allem kam der Film also gut an, ich denke, ich werde nochmal Frau Seltsam anhauen, die hat noch mehr solcher DVDs auf Lager - denn bis Weihnachten sind es immerhin noch neun Schultage...
"Vor langer Zeit in Bethlehem..." - die deutsche Version des Boney-M.-Klassikers „Mary’s boy child“ war heute unser Lied beim Adventssingen. Herr Brandt und Herr Stempel hatten den Groove, und so ging es schwungvoll in die neue Woche.
Die heutige Krippenspielprobe war ein voller Erfolg, allerdings fielen wieder zwei der Könige aus. Die machen mir echt Sorgen.
König Nummer 1 kam schon so aufgedreht in die Klasse, dass ich ihn nach kurzer Zeit nach nebenan zu Frau Großstädter brachte. Auf dem Weg dorthin entwischte er mir jedoch und schloss sich im Klo ein. Dort saß er nun die ganze Stunde und ramentete so laut mit Klobrille und Klobürste rum, dass man es im ganzen Flur hörte. Irgendwann wurde es Frau Großstädter zu bunt und sie drückte ihrem Schüler Markus Werkzeug in die Hand, um die Tür von außen zu öffnen. So etwas nennt man wohl praxisorientierter Unterricht.
König Nummer 2 hingegen war eigentlich ganz motiviert – jedoch hatte er als einziger den Text auch nicht in Ansätzen gelernt. Es geling ihm nicht mal, halb vorgesagte Sätze sinngemäß zu Ende zu bringen. Das Ganze hatte etwas von absurdem Theater. Dafür war König 2 aber umso besser darin, sich über andere Darsteller lustig zu machen, wenn diese mal einen Hänger hatten. Damit brachte er u.a. den alten Hirten so gegen sich auf, dass dieser mit seinem Hirtenstab auf ihn losgehen wollte. Aufgehalten werden konnte er nur vom Engel Gabriel, der heute mit weißem Nachthemd und Hippie-Perücke original aussah wie Rainer Langhans.
Irgendwie brachten wir die Story dann doch zu einem Ende, das in etwa der Schilderung in dem Boney-M.-Schlager entsprach. Da machte es überhaupt nichts, dass der Gastwirt darauf bestand beim großen Finale im Stall auch dabei sein zu wollen und sich noch zwischen König 3 und Hirten quetschte.
Dienstag, 13.12.
Heute ist der Tag der heiligen Lucia, in Schweden ist das ein wichtiges Fest. Außerdem ist der Tag ein sehr dankbares Thema für den Religionsunterricht, wenn man Weihnachtsbräuche aus anderen Ländern thematisieren will. Daher behandele ich den Luciatag eigentlich jedes Jahr im Unterricht und das ein oder andere Mal haben wir sogar schon eine kleine Lucia-Prozession durch alle Klassen gemacht. Dafür reicht die Zeit heute zwar nicht, aber ich habe immerhin die Lichterkrone (natürlich mit elektrischen Kerzen!) dabei und zeige sie den Schülern, die sie noch vom letzten (und vorletzten und vorvorletzten) Jahr kennen müssten. Dennoch zunächst große Ratlosigkeit, was das wohl sein könnte. Hat es irgendwas mit Sankt Martin zu tun? Oder vielleicht doch mit dem Nikolaus? Nein, wahrscheinlich eher mit den heiligen drei Königen - ist ja 'ne Krone. Auf meine Frage, wer diese besondere Krone mit den Lichtern denn wohl trägt, hat Patrick die Erleuchtung: "Das ist bestimmt dieser Johann Heinrich!". Johann Heinrich? Wen meint der? Seinen Opa? Ich bin einen Moment ratlos. Dann fällt es mir ein: Er meint Johann Hinrich Wichern, den großen Pädagogen und Erfinder des Adventskranzes. Über den hatten wir neulich gesprochen, als wir unseren Adventskranz in der Klasse aufgestellt hatten. Ich stelle mir diesen ehrwürdigen, distinguierten Herrn mit einem Lichterkranz auf dem Kopf vor und schmunzele in mich rein.
Aber irgendwie passt diese Antwort auf meine Schüler, bei denen ich häufiger das Gefühl habe, sie haben das zeitversetzte Fernsehen inzwischen so verinnerlicht, dass auch bei ihnen bestimmte Dinge einfach immer etwas verzögert ankommen. Und mit diesen ganzen komischen Typen in Reli kommt man sowieso leicht durcheinander. Als wir am 11.11. den Martinstag begingen, waren die Jungs der Meinung, der mantelteilende Martin auf dem Pferd sei Martin Luther - über den hatten wir zwei Wochen zuvor am Reformationstag gesprochen. Als ich ihnen am 6.12. ein Bild vom Nikolaus mit Bischofsmütze zeigte, waren sie sich sicher: dies ist Sankt Martin, der dem Bettler geholfen hat. Kein Wunder, dass sie heute - zwei Wochen nach der Adventskranzstunde denken - die Lichterkönigin hieße Johann Heinrich. Demnächst werden sie den Erzengel Gabriel garantiert für die heilige Lucia halten.
Dass das mit dem Verwechseln offenbar ansteckend ist, merke ich, als ich nach Schulschluss einen Psychologen-Fragebogen für Justin ausfülle. Ehe ich mich versehe, habe ich meinen eigenen Namen, Geburtsdatum und Adresse eingetragen. Na, das hätte in der Praxis des Seelenklempners ja ein Helau gegeben. Bromseklöten, Bromseklöten, so weit ist es schon gekommen! Wer bin ich - und wenn ja, wie viele? Ich weiß es einfach nicht mehr.
Mittwoch, 14.12.
Liebe Gemeinde, es gibt Tage, da wird es gar nicht richtig hell. Und da wird man gar nicht richtig wach. Heute war so ein Tag. Der Schulvormittag rauscht dann irgendwie an einem vorbei, und hinterher weiß man gar nicht, was man eigentlich gemacht hat. Außer natürlich: Frau Seltsams leckere Senfeier gegessen. An solchen Tagen sieht man zu, dass man zu Hause so schnell wie möglich ins Bett oder in die Badewanne kommt. Und deshalb gibt es heute keinen längeren Beitrag von mir. Ich fülle mich jetzt mit Wick MediNait ab. Prost! Und schlaft gut!
Donnerstag, 15.12.
Und Action! Heute geht es bei uns zu wie in Hollywood: Drehtag Nummer 1 für unsere Krippenspielverfilmung. Herr Brandt entführt jeweils die halbe Klasse in die Turnhalle, so dass die Referendarin und ich mit jeweils einer Kleingruppe durchstarten können.
Szene 1: Auf der Kletterburg. Die heiligen drei Könige, jawoll, alle sind dabei, gucken vom Turmzimmer ihrer Burg aus in den Himmel und entdecken den Stern. Es braucht einige Einstellungen, bis alle drei auch in die gleiche Richtung zeigen und gucken, aber ansonsten ist diese Szene einfach: Es wird nicht gesprochen, das heißt: die jungen Akteure können live zu meinen Regieanweisungen spielen, hinterger wird eh alles mit orientalischer Musik unterlegt.
Szene 2: Im Park hinter dem Schulhof, die drei Könige sollen gemächlichen Schrittes des Weges kommen, was nicht so einfach ist, denn sie sollen im Entenmarsch hintereinanderher gehen, wobei es ständig zu "Auffahrunfällen" kommt, wenn ein König schneller ist als sein Vordermann. Außerdem haut sich König 1 andauernd mit seiner Blechdose, die er eigentlich würdevoll vor sich hertragen soll, auf den Kopf, bis sein Turban ganz platt ist.
König 2 hat auch heute keinen blassen Schimmer von seinem Text, wir einigen uns darauf, dass ich ihm Satz für Satz vorsage und er dann nachspricht. Kann später alles geschnitten werden. Dumm nur, dass König 2 schon bei mehr als drei Wörtern Probleme kriegt, weshalb wir auf Steno-Sprache umsteigen müssen. Statt "Der Stern ist genau über dem Stall stehen geblieben" heißt es nun: "Der Stern ist beim Stall." Das geht gerade so. Jedenfalls kann am Ende die ganze Klasse den Text von König 2 singen, nur König 2 selbst nicht.
Szene 3: Maria und Joseph beim Gasthaus. Die drei Akteure haben ihren Text gut gelernt, so dass wir längere Einstellungen drehen können. Dumm nur, dass der Hausmeister ausgerechnet jetzt das Klettergerüst ausbessert, so dass wir ständig unterbrechen müssen, damit keine Hammerschläge o.ä. zu hören sind. Außerdem kriegt Maria jedes mal einen Lachkrampf, wenn sie Joseph hilfesuchend angucken soll, aber so etwas kennt man ja aus dem Outtakes eines jeden Hollywoodfilms und deshalb bleiben wir ganz gelassen. Zum Schluss spielt Maria die Szene mit geschlossenen Augen, das klappt prima, da sie so Joseph nicht sehen kann.
Szene 4: Maria und Joseph auf dem Weg nach Bethlehem (wir drehen die Szenen nicht in der richtigen Reihenfolge...). Eigentlich soll es so sein, dass Maria total fertig ist und von Joseph gestützt wird. Das klappt aber überhaupt nicht. Die Charaktere der beiden Darsteller sind im wahren Leben nun einmal so, dass Joseph das wandelnde Phlegma in Person ist, während unsere Maria ein sehr resolutes Mädel ist. So braucht es etliche Versuche, bis auf dem Film zu erkennen ist, wer von den beiden im 9.Monat schwanger ist.
Szene 5: Das große Finale im Stall. Bevor diese Szene gedreht werden kann, muss erstmal der Geräteschuppen im Schulgarten komplett ausgeräumt werden. Schubkarren, Harken, Rasenmäher: Alles muss raus, damit am Ende Hirten, Könige und heilige Familie gleichzeitig darin Platz finden. Die Räumerei geht nicht ohne Blessuren von statten, denn nur die wenigsten beherrschen es, ein Gartengerät so zu tragen, dass es keine umstehenden Personen vor den Wirsing kriegen. König 1 ist vor Aufregung schon wieder kurz vor'm Abflug zu Frau Großstädter, aber die Androhung, den Engel Gabriel (der heute noch gar keinen Auftritt hatte) an seiner Stelle als Body-Double einzusetzen, zieht und er reißt sich zusammen.
Dann sind aber doch irgendwann alle drin, die Besucher knien ehrfürchtig nieder und betrachten den Baby-Born-Jesus, der von Maria liebevoll betätschelt wird. Nur Joseph sieht so aus, als habe er mit der ganzen Sache nichts zu tun - was ja womöglich auch stimmt....
Morgen drehen wir noch die Hirten auf dem Felde und den Engel ab, dann hat Herr Bromseklöten über's Wochenende die schöne Aufgabe, aus dem ganzen Chaos eine nachvollziehbare Handlung zusammenzuschneiden.
Freitag, 16.12.
Heute morgen goss es in Strömen. Aber es half nichts: die Hirten-Szene musste noch abgedreht werden. Statt, wie geplant, im nahegelegenen Waldstück zu filmen, verlegten wir den Schauplatz kurzerhand auf den Schulhof. Dort setzten wir die beiden Hirten vor das einzige Gebüsch weit und breit, um eine halbwegs natürliche Umgebung zu haben. Herr Brandt - im Privatleben seit kurzem stolzer Kaminbesitzer - hatte ordentlich Grillanzünder und trockenes Holz mitgebracht und zauberte uns damit ein amtliches Lagerfeuer. Die Referendarin beschäftige alle Schüler, die nicht unmittelbar beteiligt waren, im Klassenraum. So ging die Sache recht schnell über die Bühne. Die Kostüme können jetzt natürlich erstmal alle in die Wäsche. Und dass wir gerade noch rechtzeitig fertig geworden waren, zeigte sich am späteren Vormittag, als der Regen in heftigen Schneefall überging.
Die letzten zwei Unterrichtsstunden der Woche ließen Frau Bob und ich dann gaaaanz gemütllich angehen mit Anmalbildern und Ausschneide-Krippenfiguren. Schließlich ist am Sonntag schon der vierte Advent, was im Grunde ja bedeutet: Die Sache ist gelaufen. Die letzten vier Schultage werden wir auch noch rumkriegen - vorausgesetzt, der DVD-Player hält durch und Frau EasySamstag rückt die Bügelperlen raus, die sie neulich für ihre Neuntklässler ausgeliehen hat.
Montag, 19.12.
Tja, nun habe ich es wieder nicht geschafft. Habe wieder nicht bis zu den Ferien durchgehalten, sondern vorher schlapp gemacht. Soll heißen: Hab mir eine fette Erkältung eingefangen, die ich heute in den heimischen vier Wänden mit Lindenblütentee, Tigerbalm und Erkältungsbad auskuriere. Also war ich heute nicht in der Schule, was aber eientlich egal ist, denn wie wir wissen, ist ein Lehrer ja immer und überall im Dienst. Gerade am Wochenende konnte ich malwieder feststellen: Der Sonderpädagoge in mir schläft auch an freien Tagen nicht. Ich war mit meinen Kindern einen Tannenbaum kaufen. Wir waren extra zum Billigbaumarkt gefahren, in der Hoffnung dort einen günstigen Baum erwerben zu können, aber auch da hieß es: Eine Nordmanntanne in der Größe von etwa 1x Herrn Bromseklöten nicht unter 40.- Euro. Ja, bin ich denn bescheuert? Kommt gar nicht in Frage. Also schleppte ich die Familie weiter von Tannenbaumstand zu Tannenbaumstand, getreu dem Motto: Man muss jeden Baum dort abholen, wo er steht. Und tatsächlich: Nach einigem Suchen fand ich einen Baum, unschlagbar günstig im Sonderangebot, der mein Förderschullehrerherz höher schlagen ließ. Sofort lud sich bei mir automatisch die alte Sonderpäd.-Software, die jeder Kreatur, die sonst keiner haben will, eine Chance gibt. Ja, du liebes, krummes und nicht sehr gleichmäßig gewachsenes Gehölz, komm zu mir nach Hause, hier wird das beste aus dir herausgeholt. Und wenn ich mit Stichsäge und Bohrschrauber die Äste versetzen werde - bei diesem Baum werde ich mein ganzes pädagogisches Geschick an den Tag legen!
Dienstag, 20.Dezember
Umso näher das Fest des Jahres rückt, umso mehr muss man sich einfallen lassen, um die lieben Schülerlein bei Laune zu halten. Da man ja nun nicht den GANZEN Tag DVDs gucken kann, ist es schon von Nöten, vielleicht auch mal ein bisschen kreativ zu sein. Bei mir ist es so: Das, was in der Uni die Weihnachtsvorlesung der Physiker ist, bei der es knallt und pufft und ansonsten auch recht fröhlich zugeht, ist bei mir die letzte Reli-Stunde vor den Ferien. Heute hatte ich mir dafür ein kleines Weihnachtsquiz einfallen lassen und, damit Frau Seltsam und ich - und natürlich auch die Schülerlein - es etwas lustiger hatten, zog ich das ganze als TV-Show auf. Ich druckte die Portraits von (unter den Schülern) bekannten C-Prominenten auf A4 und heftete jedem Knaben eines der Bilder auf die Brust. So hatten wir nun Rateteams aus Verona Pooth und Mario Barth, aus Daniela Katzenberger und Olli Pocher. Und Frau Seltsam und ich? Na klar, wir waren Hutzinger und Gottschalk.
Nun war es bei weitem nicht so, dass alle Schüler sofort von dieser Idee begeistert waren. Die einzigen, die sofort kapierten, das hier heute etwas lustiges passiert. waren Pooth und Barth, die sofort in ihren Rollen aufgingen - Barth grapschte Pooth dauernd an die Brust, Pooth quasselte nonstop dummes Zeug (naja, ok, das macht er immer...). Der Rest nahm die ganze Show nur zum Anlass, sich zur Abwechslung mal anders zu beschimpfen und zu streiten als sonst den ganzen Tag. Vor allem die Katzenberger musste sich einiges über die Nichtechtheit ihres Vorbaus anhören und war kurz vorm Stühleschmeißen. Überhaupt war ein geordneter Ablauf der Veranstaltung nur mit viel Mühe und großen Zugeständnissen zu erreichen. Der große Schaumstoffwürfel, wichtiges Utensil in einer Spierunde, landete mehrfach nur knapp neben den brennenden Kerzen am Adventskranz. Olli Pocher schmiss nach drei Runden das Handtuch und zog sich schmollend in eine Ecke zurück, weil der Sieg seines Teams in nicht erreichbarer Ferne schien - und das Team von Elton und Sarah Connor lag sich ständig in den Haaren, weil sie sich bei den Antworten, die sie gemeinsam abgeben mussten, nicht einig wurden. Frau Seltsam und ich (sorry: Die Michelle und der Tommy) hatten in dem ganzen Durcheinander zwar soviel Spaß wie lange nicht im Religionsunterricht, am Ende der Stunde waren unsere Stimmen jedoch völlig futsch und wir einfach wieder total groggy. Nächstes Mal dann doch lieber wieder Bügelperlen.
Mittwoch, 21.12.
Heute auf dem vorweihnachtlichen Programm: Frühstück im schwedischen Einrichtungshaus. Dieses ist bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen, der Bus fährt von Tür zu Tür. Daher sind wir häufiger vor irgendwelchen Ferien oder zu anderen besonderen Anlässen dort anzutreffen. Die Schüler können dabei interessante Erfahrungen machen zu dem Thema: Wie benehme ich mich in einem Restaurant? In der Regel schaffen sie es bei diesen Auftritten in der Öffentlichkeit erstaunlich gut, sich halbwegs angemessen zu verhalten und so ist es auch dieses Mal. Nur Erkan ist zwischendurch verschwunden und wird letztendlich von Frau Bob in der Schlafzimmerabteilung aufgegriffen, wo er gerade - frei nach Loriot - hüpfenderweise die Spannmuffenfederung des Modells Malm testet.
Im Restaurant klappt dann aber alles super, nur wenige Dinge müssen beachtet werden:
1. Nein, im Räucherlachs ist kein Schweinefleisch!
2. Zum Schwedenfrühstück gehören zwei Brötchen (nicht drei und auch nicht vier)
3. Die Becher gibt es an der Kasse
4. Nein, zum - ansonsten auch recht attraktiven - Kinderfrühstück gibt es keinen Becher für Endlos-Kakao dazu, das hättest du dir vorher überlegen sollen, dafür hast du ja einen Fruchtzwerg.
5. Es ist nicht UNBEDINGT erforderlich, dass wir sämtliche Kakao-Automaten leersaufen, auch wenn wir schon längst alle einen Blubberbauch haben.
6. Nein, Cola wird nicht gezapft! Es ist ja Frühstück! Auch Hotdog ist keine Option!
7. Nutella kostet extra, das kannst du nehmen, wenn du mit deinen Eltern hier bist.
An diese sieben goldenen Regeln muss mancher gelegentlich erinnert werden, aber sonst geht es - wie gesagt - echt harmonisch zu. Man könnte fast meinen, es ist bald Weihnachten.
Donnerstag, 22.12.
Heute war es so weit: Bei uns war heute ein bisschen zumindest Hollywood! Der Krippenspielfilm ist in letzter Minute fertig geworden und dank semiprofessioneller Postproduction ist er sogar ganz ansehnlich geworden. Am besten sind aber trotzdem die "Outtakes" am Ende. Die Familien Bromseklöten und Brandt, sozusagen das Testpublikum, hatten sich jedenfalls auf den heimischen Sofas vor Lachen gekugelt. Und auch die großen und kleinen Premierengäste in der Schule waren sehr angetan.
Ansonsten brachten wir den Vormittag mit Vorlesen, Anmalen und Singen über die Bühne, und als es dann endlich 13 Uhr war, schleppten wir uns alle mit letzter Kraft ins Lehrerzimmer. Dort wehte uns schon von weitem ein anheimelnder Glühweinduft entgegen, denn die Schulleitung hatte zum Jahresabschluss zum geselligen Umtrunk eingeladen. Bis ich mich dort loseisen konnte, wurde es dann 15 Uhr: Es war ganz gemütlich, aber vor allem schaffte ich es einfach nicht, mich von meinem Sitz zu erheben. Es hätte nicht viel gefehlt, und man hätte mich raustragen müssen. Wenn mich jemand heute fragen würde, wie ich am liebsten Weihnachten verbringen würde, würde ich antworten: "Pofen! Einfach nur Pofen!"
Und dann träume ich vielleicht vom letzten Klassenfrühstück bei Ikea, vom Entrümpeln des Kartenraums, vom Nebel des Grauens, vom Ausflug an den Badesee oder vom Laminiergerät und vom Kopierstau. Und freue mich beim Aufwachen schon auf ein neues Jahr mit euch, Frau Seltsam, Frau Samstag, Frau Bob, Herr Brandt und allen anderen! In diesem Sinne: Frohe Weihnachten und Glück auf! Euer Bromsi