Morgens
Es sind Tage wie dieser, an denen ich mir ernsthafte Sorgen um die Zukunft unseres Landes mache. Dabei blicke ich eigentlich grundsätzlich positiv nach vorne und bin normalerweise eine ganz passable Verdrängerin. (Nicht zu verwechseln mit Dränglerin- darin bin ich nämlich nicht nur ganz passabel, sondern weltklasse, 1 a spitzenklasse... dazu mehr vielleicht ein andernmal.)
Es begann bereits heute morgen, dass meine Festung des Optimismus Risse in der Fassade bekam.
Frau Großstädter und ich feierten mit 10 Jungen der Abschlussklasse Thomas`15. Geburtstag. Er hatte selbstgebackenen Kuchen mitgebracht. Unsere nimmersatten Knaben stehen in Sachen Verfressenheit Frau Großstädter und mir in nichts nach. Daher war der Tisch schnell gedeckt, Kerzen angezündet, Tee gekocht, Kuchen geschnitten, aufgetan und trotz sehr trockener Konsistenz durch Verbrennungen mindestens dritten Grades sehr schnell in den diversen Bäuchen gelandet. Es war gemütlich, heimelig geradezu. Wir fühlten uns wohl miteinander. Da beging Frau Großstädter diesen Fehler: sie dachte sich wohl, dass man in der Schule auch mal theoretisches Wissen erwerben könne und die Stimmung einen Wissenszuwachs heute zuließe.(Noch so eine hoffnuingslose Optimistin!)
Erläuternd muss ich hinzufügen, dass die Schüler sich an der Berufsschule anmelden müssen und wir seit einer Woche mit ihnen üben, das Anmeldeformular auszufüllen, in dem so komplizierte Sachen eingetragen werden müssen wie "Geburtsort", "Geburtsdatum", "Familienstand", "Geburtsname", "Wohnort"...
Wie gesagt, Frau Großstädter hielt die Stimmung für günstig und stellte diese Frage: "Wer weiß, wie viele Bundesländer es in Deutschland gibt?" Ungefähr die Hälfte der Befragten wussten, dass es Bundesländer gibt und zwei kannten sogar die richtige Anzahl. Nun wurde es kniffelig. "In welchem Bundesland wohnen wir?" Die Antworten reichten von "Deutschland" über "Bayern", "Niedersachsen" bis zur richtigen Antwort "Schleswig-Holstein". Auch ganz gut!
Marcel: "Niedersachsen hat gestern im Fußball gewonnen!" Ich dumme Nuss konnte mich damit nicht zufrieden geben und hakte nach: "Welche Städte kennst du denn in Niedersachsen?" Er: "Hannover! Bayern! Afghanistan!" (das mit Bayern freut mich ja insgeheim!) Jaja...der niedersächsische Einfluss reicht weit...
Nächste Frage: "Was gibt es sonst noch für Bundesländer in Deutschland?" Es folgten fünf richtige Antworten, dann "Polen!" (au backe! lass das mal nicht die Polen hören!), "Afghanistan" "Holland" und "Österreich" (jaja, das hätte wohl so mancher gern). Frau Großstädter und ich waren die einzigen im Raum, die wussten, dass diese Länder nicht der deutschen Regierung unterstehen. Immerhin! So konnten wir das klarstellen und weiterbohren: "Es gibt ein Bundesland, da kommen ganz berühmte Bratwürstchen her." Rene ruft: "Wiener Würstchen!" Darauf ich: "Wo liegt Wien?" Iwan: "In Polen!" (Das mit Österreich und Polen scheint irgendwie fest verankert zu sein....)
Nachdem die Kollegin und ich selbst irgendwann verwirrt waren und nicht mehr wussten wo Dortmund liegt und wie man Nordrhein-Westfalen ausspricht, wechselten wir das Thema.
"Wo bist Du geboren?" Einige kannten ihren Geburtsort, einer wusste nur "irgendwo in Russland" und ein anderer kannte zwar den Stadtteil, in dem er geboren worden war und den Stadtteil, in dem er wohnt, dachte aber, dass es sich dabei um zwei verschiedene Städte handelt. Den Namen der Stadt, in der er wohnt, konnte er aber nicht nennen. Wir nehmen`s aber auch genau heute!!
Noch ne Frage: "Wie ist der Geburtsname deiner Mutter?" Lediglich Daran kannte den Mädchennamen seiner Mama. Sonst keiner. Keiner konnte sagen, wann ihre Mütter oder Väter Geburtstag haben. Nicht einer wusste, in welcher Jahreszeit die Geburtstage der Eltern liegen.
Ich war frustriert und wollte meine Stimmung aufhellen, indem ich eine Weihnachts-CD anmachte-richtige, alte, bekannte, traditionelle, Weihnachtsmusik. Herrlich. Ein Chor sang "stille Nacht". Darans Stimme übertönte die liebreizende Musik:"IH! Machen Sie das aus! Was ist das?" "Daran, das ist deutsche Weihnachtsmusik. Das singen deutsche Familien Weihnachten unterm Tannenbaum!" Daraufhin rief der Rest der Klasse empört: "Bei uns nicht!" Erstaunt waren sie, dass komische Leute auf die Idee komen, Weihnachten Weihnachtslieder zu singen.
Jungs- ich verrate euch was: das sind die Leute, die wissen, wann ihre Mutter Geburtstag hat!! Aber ins Gesicht sag ich euch das nicht- denn eigentlich könnt ihr ja nichts dafür!!
Diese jungen Männer sollen irgendwann für meine Rente sorgen. Kollegen- es gibt noch was zu tun!!
Meine Optimismus-Festung war nun also merklich angegriffen. Der Tag nahm seinen Lauf....
Mittags
Nach diversen Erkenntnissen mit meinen Abschlussschülern stand das mich bereits erwartende Wochenende kurz bevor.
Zwei Unterrichtsstunden bloß noch.
Zwei Unterrichtsstunden, die mehr Vorbereitung und drahtseilartiger Nerven bedürfen als die ganze Woche zusammen.
Zwei Unterrichtsstunden, nach denen nichts mehr kommen darf außer frei.
Zwei Unterrichtsstunden, die ich nie ohne Handy hinter mich bringe, in denen Frau Samstag regelmäßig länger in der Schule bleibt, um Notfalls den Krankenwagen oder die Polizei rufen zu können.
Es ist... meine allwöchentliche Mädchenstunde.
Frau Bob hatte mich nach der Pause schon gewarnt.
Mädchenkämpfe auf dem Schulhof. Mehrere Erwachsene und 5 Jungen waren nötig um die beiden zu trennen. Körperverletzung. Grund? Unklar.
Zur Mädchenstunde kommen aber nicht nur zwei Damen, sondern acht. Zum Glück bin ich nicht alleine, sondern habe Frau Seele an meiner Seite.
Als ich über den Schulhof gehe, höre ich schon von weitem Cheyenne brüllen: "Kimberly ist eine alte, hässliche Schlampe, die`s mit jedem treibt!" Inzwischen bin ich bei Kimberly angekommen, die antwortet in gleicher Lautstärke:"Komm doch her du Fotze! Wirst schon sehen, was du davon hast!"
Darauf Cheyenne: " Du willst, dass ich zu dir komme? Dann bist du tot! Willst du tot sein?"
Das scheint Kimberly nicht abzuschrecken, sondern anzuspornen:"Ja! Komm her, wenn Du dich traust! Ich brech Dir was! Ich schlag Dir in die Fresse!"
Laut Erzählungen von Mitschülern hat sie das bereits versucht, Cheyenne hat nämlich bereits ein Hämatom am Knie einstecken müssen, sowie einen kräftigen Tritt in die Magenkuhle. Dafür bekam dann Kimberlychen einen Handkantenschlag in den Nacken verpasst. Aber das war ja alles längst geschehen. Übrigens ist Kimberly stolze 11 Jahre alt, Cheyenne dagegen fast eine Oma mit reifen 14 Jahren.
Als wir schließlich nach zähen Verhandlungen ohne weitere Kämpfe im "Mädchenzimmer" angekommen waren, ging der verbale Schlagabtausch dort weiter. Frau Seele und ich fühlten uns wie im Unterschichtenfernsehen- irgendeine Nachmittagstalkschau, in der Art wie "Frau Seltsam am Mittag". Zu allem Übel hatte Kimberly auch noch Cheyennes Vater beleidigt, obwohl sie doch ganz genau weiß, dass der arme Kerl wegen schwerer Körperverletzung mehrere Jahre im Gefägnis sitzt! Cheyenne wünschte sich ein 4-Augen-Gespräch mit mir. Na gut. Dann hatten vielleicht Frau Seele und die anderen Mädels etwas Ruhe.
Vor der Tür kam dann prompt von Cheyenne der wichtige, offenbar heimliche Satz: "Frau Seltsam- ich habe mich jetzt beruhigt." "O.k. Und jetzt?" "Soll ich mich bei Kimberly entschuldigen? Obwohl ich schwerer verletzt bin?" "Cheyenne- das wäre super!"
Und so ging Cheyenne zu Kimberly, gab ihr die Hand, Kimberly sprang auf, als wäre nichts gewesen und die beiden lagen sich ewig lange in den Armen und schworen sich ewige Liebe und Freundschaft und und und.
Muss ich nicht verstehen das Ganze. Immerhin war`s dann die letzten 20 Minuten ruhig und nett aber ich kriege diese fixe Idee nicht mehr aus meinem Kopf: diese besagten jungen Männer von heute morgen werden erwachsen und meine Mädels vermutlich auch irgendwann. Es muss damit gerechnet werden, dass die Jungs mal eine oder mehrere Verbindungen mit jungen Damen vom Kaliber "Cheyenne" oder"Kimberly" eingehen... (na gut, Damen ist vielleicht der etwas unpassende Begriff).
Na bravo.
Und wegen genau solcher Tage wie heute gehe ich jetzt in die Apotheke und kaufe Stimmungsaufheller. Danach höre ich das Weihnachtsoratorium von den Thomanern gesungen. Ich kann mir vorstellen, dass meine Optimismus-Festung so oder ähnlich restauriert werden kann. Bestimmt schon morgen wieder- in altem Glanz und Gloria!
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