Donnerstag, 1. Dezember 2011

Der Duft der großen weiten Welt

Manchmal fragt man sich ja ernsthaft, ob es sich bei unsern Schülern nicht in Wirklichkeit um eine Reinkarnation von prähistorischen Höhlenmenschen handelt, die nur versehentlich in die heutige Zivilisation gebeamt wurden.

Im Prinzip kann man froh sein, dass sie morgens das Schulgebäude als solches erkennen und es nicht für eine aufgetürmte Erdverwerfung halten.

Verlässt man mit unsern „kleinen Wilden“ das Schulgelände (das zugegebenermaßen von den Gepflogenheiten mit großer Wahrscheinlichkeit den urtümlichen Ritualen bei der alljährlichen Höhlenmenschhauptversammlung ähnelt) und begibt sich mit ihnen in die Zivilisation, dann wird einem erst deutlich, wie befremdlich diese Welt für sie sein muss:

Ich erinnern mich an eine Fahrt Richtung Schullandheim, wo Klein-Pascal aus dem Fenster deutet und erstaunt sagt: „Oh, da draußen ist eine Natur!“ (Na immerhin eine!). Oder Klein-Kevin der auf der gleichen Fahrt sorgenvoll vorfühlt: „Frau Samstag – gibt es in dem Haus, wo wir hinfahren auch Fenster?“. (Ja, Fenster schon, aber dafür ham se die Tür vergessen!)

Oder vor kurzem der kleine Lennart auf einer Zugfahrt, als der Zug gerade in der gigantischen Bahnhofshalle einer norddeutschen Großstadt steht: „Die haben ganz schön große Häuser hier!“. (Übrigens der gleiche Lennart, der einen Tag später beim Besuch eines italienischen Restaurants, in dem er sich sein Liebliengsgericht "Lasagne al forno" bestellt, nach Eintreffen der tönernen Auflaufform, krampfhaft versucht, den Keramikrand durchzuschneiden, weil er ihn für die Kruste der Lasagne hält!)

Auch vergangene Woche, als wir mit der „Neigungsgruppe Theater“ einen Ausflug in das große Schauspielhaus der nahgelegenen Großstadt wagten, war die Aufregung der kleinen Neandertaler an allen Ecken und Enden zu spüren:

Da ist es schon eine echte Kunst das Auto nicht in den Straßengraben zu lenken, wenn Klein-Lukas (wir erinnern uns: Er ist einer der Winzlinge mit den Teletubby-Stimmen) plötzlich mit Blick aus dem Fenster in trommelfellzerschmetternder Lautstärke losschreit: „Ein Zug, ein Zug. Da ist ein Zug!“. „Nein Lukas, das ist die Straßenbahn! Die ist viel kleiner, als ein richtiger Zug!“ „Nein, das ist ein Zug! Ein Zug!“ Lassen wir ihm die Freude. Und Carina (ebenfalls ein Winzling mit einem hohen Stimmchen –die allerdings Lukas´ Frequenz und Lautstärke immer um Längen schlägt!) brüllt plötzlich los: „Frau Samstag, ich glaube mir ist schlecht! Mir ist schlecht! Mir wird immer beim Autofahren schlecht! Neulich habe ich mal meine ganze Mutter vollgebrochen!“ (Wir sind ja so froh, dass sie nicht nur die halbe Mutter vollgebrochen hat!)

Im Theater angekommen stellen wir dann fest, dass nicht nur die Zöglinge unserer Förderschule die Manieren von Höhlenmenschen haben, sondern auch die angeblich so „wohlsituierten Grundschüler“ aus „normalen“ Schulen: Noch vor Beginn des Stückes gleicht das Foyer des Stadttheaters einer Spielwiese von vorsintflutlichen Pantoffeltierchen. Wo sonst das gehobene Großstadtpublikum seinen wohltemperierten Champagner schlürft und sich mit gesenkten Stimmen über die dramaturgische Finesse des dargebotenen Theaterstücks unterhält, da kreuchen, fleuchen, kriechen, robben, rennen und rasen nun eine unüberschaubare Ansammlung von ABC-Schützen herum und arbeiten ihre Leberwurstbrote flächendeckend in den roten Plüschteppich ein.

Doch selbst wenn uns Pädagogen das „weltfremde Höhlengemenschel“ unserer Schüler oft nur ein genervtes Kopfschütteln entlockt, ist es manchmal auch ganz schön, dass WIR ihnen diesen aufregenden Duft der großen weiten Welt näher bringen dürfen:

Als die kleinen Theater-Elfen wenig später zwischen Fr. Seltsam und mir in der vierten Reihe des Stadttheaters sitzen und mit großen, glänzenden Augen den Geschehnissen auf der Bühne folgen, da wird uns dann doch ganz warm ums Herz.

2 Kommentare:

  1. ... und wahrscheinlich haben sie das gleiche gefragt wie Luca-Pascal beim Besuch im Aquarium: "Boah! Sieht ja aus wie 3D!"

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  2. trotz der ganzen aufregung und nervigen parklatzsuche ein voller erfolg!! das waren kinderweihnachtsaugen!!!

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