Mittwoch, 15. Mai 2013

Norman Bates´ Mudda


In der großen bunten Filmlandschaft gibt es ein paar Filme die sich zweifellos „Mütter aller Sonderschulefilme“ nenne dürfen. Unter ihnen sicher ganz vorne „Forrest Gump“ – quasi die Mutter aller GE-Filme. Das Pendant für den Förderbereich „ES“ dürfte wohl „Psycho“ von Altmeister Alfred Hitchcock sein. Legendär die Szene, in der Motel-Besitzer Norman Bates –verkleidet als seine eigene Mutter- einen hübschen, weiblichen Motelgast unter der Dusche mit dem Messer ersticht. Und wo weilt Mama Bates in diesem Moment? Sie sitzt mehr oder minder fröhlich wippend im Schaukelstuhl Zuhause. Naja – zumindest ihre Überreste, denn die Gute wurde von ihrem Sohn Norman vor Jahren umgebracht und fristet nun ihr Dasein als mumifzierte Frauenleiche. Und warum das Ganze? Eine massive Entwicklungs- und Persönlichkeitsstörung, resultierend aus einem stark symbiotischen Verhältnis zu seiner überdominaten Mutter, sind die Ursache. Als Mama Bates, die ihren Sohn jahrelang als Partnerersatz gehalten hatte, sich selbst verliebt, da platzt dieser vor Eifersucht und bringt seine geliebte Mutter um. Jedoch kann seine verkümmerte Persönlichkeit ohne seine Mutter nicht alleine bestehen und so füllt er fortan beide Rollen aus. Mama „lebt“ mumifziert weiter und Norman schlüpft zuweilen in ihre Rolle und schlachtet Frauen, die ihm (also Norman selbst) zu Nahe kommen aus Eifersucht ab. ---So erklärt es in der letzten Filmszene zumindest der Psychiater Dr. Fred Richmond.

An den Haaren herbeigezogen? Von Hitchcock völlig überzogen konstruiert? Ein Drehbuch, das übers Ziel hinaus schießt?  Denken Sie das? Ja?
Mit Sicherheit nicht.
Schon alleine die Worte von Dr. Richmond in der letzten Szene erscheinen uns so vertraut, als hätte unser Schulpsychologe sie erst gestern über Justin aus der 6c gesagt.

Mir fallen auf Anhieb alleine in den Klassen, die ich in den letzten Schuljahren hatte mindestens 3 Norman-Batese ein. Zu diesem Zeitpunkt mögen die Mütter dieser Normans noch gelebt haben, aber ich bin überzeugt und zweifelsfrei sicher, dass sich das in den kommenden Jahren ändern wird und auch die künftigen Lebensgefährtinnen dieser Normans nichts zu Lachen haben werden ----jedenfalls nicht lange.
Da gab es zum Beispiel diesen Birk, der erst bei Frau Joke in der Klasse war und dann zu Frau Seltsam und mir kam. Schon vor Auftreten der Pubertät war der „irgendwie komisch“. Zum Beispiel hatte er Angst vor Blumen und Grünpflanzen. Musste er sie anfassen, brach er ohnmächtig zusammen. Und spätestens mit Ausbruch der Pubertät und der damit einhergehenden körperlichen Reife war klar: Dieser Junge hat sehr merkwürdige sexuelle Vorlieben: Exkremente törnten ihn an und er bekam leuchtende Augen wenn er seine Phantasien über Sex mit toten Tieren zum Besten gab. Er lebte allein mit seiner (ebenso seltsamen) Mutter, zu der er eine symbiotische Beziehung hatte und die Hausbesuche waren für Frau Seltsam und mich jedesmal „Gänsehaut-feeling“ pur. Die „Leichen im Keller“ wollten wir uns garnicht anschauen – die waren jedes Mal auch so zu „riechen“.

Bei Jason im Schuljahr darauf war es nicht viel besser. Sadistische und gewaltverherrlichende Tendezen waren schon früh zu spüren, seine erste Freundin wurde erstmal gefesselt und mit heißem Wachs übergossen und es gab nicht nur eine Situation, in der Jason mit der Schere oder dem Messer vor uns stand und Frau Seltsam und ich schweißgebadet und mit zitternden Knien den Raum verließen. Kurze Zeit später fanden wir uns (ebenso schwitzend und zitternd) auf der Couch von Jasons Psychologe wieder, der uns mit folgendem Satz zu beruhigen versuchte: „Sie müssen sich klar machen – wenn Jason mit dem Messer auf Sie losgeht, dann meint er nicht Sie – dann meint er seine Mutter!“. Ach so – ja dann! Fast schon erleichtert fuhren wir heim......................................

Erfahrungen wie diese, unterfüttert mit Bildern aus besagtem Hitchcock-Film führen mit den Jahren irgendwie dazu, dass eine leicht paranoide Grundhaltung bis heute standhaft anhält: In der jetzigen Klasse von meinem Teamkollegen und mir ist jedenfalls zu beobachten, dass seit ein paar Monate mehrere Mütter „nicht mehr greifbar“ für uns sind. Das hat wirklich rapide zugenommen. Ca. seit Februar gab es keinen Kontakt mehr mit den Müttern von Timo, Pierre, Flo und Luka. Das Mitteilungsheft ist nicht mehr unteschrieben, auf Hefteinträge erfolgt keine Antwort, Elternbriefe verhallen ohne Resonanz und ans Telefon geht auch keiner oder es ist ganz abgestellt. Natürlich ohne dass wir eine neue Nummer erfahren würden.
Da ist es doch nun wirklich nicht verwunderlich, wenn einen die dunkle Ahnung beschleicht, die Mütter dieser (auch sehr merkwürdigen) jungen Männer könnten vielleicht schon längst wippend und latent vor sich hin miefend in irgend einem Schaukelstuhl geparkt sein und kalt vor sich hinstarren. QuitschQuietschQuietschQuietschVorZurückVorZurückVorZurückQuietschQuiesch......
Ich versuche den Gedanken mehrere Wochen zu unterdrücken und bin dann doch schockiert, als es bei der Morgenrunde eines Tages aus meinem Teamkollegen rausplatzt: „Flo – dein Mitteilungsheft ist schon wieder nicht unterschrieben! Wo hast du deine Mutter verscharrt? Liegt die tot im Schuppen?“ ....und ich höre mich nachschieben: „Oder sitzt sie ausgestopft im Schaukelstuhl?“. Die schmallippige Antwort von Flo „Kann sein“, jagt mir einen erneuten Gänsehautschauer über den Rücken.
Naja – was soll ich sagen: Bei Flo ist die Mutter inzwischen wieder zum Leben erwacht, aber bei Timo, Pierre und Luka hat sich noch nichts getan. Schweigen. Null Reaktion. Leere.......
Liebe Norman-Müdda! Macht euch keine Sorgen! Wir bleiben dran. Vielleicht hab ihr ja einen Anteil daran, dass ihr heute wippend im Schaukelstuhl sitzt – aber wir werden euch befreien. Wir gehen der Sache auf den Grund! Die „Soko FÖS“ ermittelt! Solange: Durchhalten!

Vielleicht macht uns dieser Job auch wirklich paranoid und neurotisch und in Wirklichkeit ist es einfach so, dass die Jungs ihre Mitteilungshefte Zuhause garnicht abgeben und sich die treusorgenden Mütter dieser besagten Zöglinge inzwischen selbst fragen: „Warum melden sich die Lehrer nie? Ist in der Schule alles gut??? Oder hat mein Sohn doch irgendwas angestellt und die Lehrer sitzen ausgestopft und mumifiziert in ihrer Lehrerlounge und wippen dort bleich und faulig vor sich hin????????“ Wer weiß – vielleicht haben sie dieses Bild von uns ja wirklich!

Wie auch immer: irgendeiner wippt bestimmt!