Freitag, 21. Dezember 2012

Wir sagen euch an den lieben Weltuntergang

Die Adventszeit ist die Zeit des Wartens und der Vorfreude. Und wie alle Kinderlein dieser Welt bekommen auch meine Schüler dieses besondere Glitzern in den Augen und werden ganz aufgeregt, wenn sie an den lang ersehnten Tag denken, der bald kommen wird. Und damit meine ich dieses Jahr nicht Heiligabend. Und auch nicht den Ferienanfang und noch nicht einmal die Silvesterballerei, auf die sie sich sonst immer am meisten freuen. Nein, die Rede ist von dem Top-Event des Jahres, dem WELTUNTERGANG!
Da meine Schüler ihr Weltwissen in erster Linie aus Sendungen des Unterschichtenfernsehens, wie z.B. den RTL-II-News beziehen, sind sie schon seit Monaten auf dem Laufenden, was die neuesten Erkenntnisse zur Maya-Prophezeihung angeht. Ich selber hingegen konnte schon als Kind wenig mit Maja anfangen sondern hielt es eher mit ihrem gemütlichen Freund Willi ("Maja, warte auf mich!") und ich würde diesem ganzen Weltuntergangstrara wohl so gut wie gar keine Aufmerksamkeit schenken, wenn ich meine Schüler nicht hätte. Die lassen nämlich seit Wochen nicht locker.
Und das, obwohl Pascal eigentlich schon kurz nach den Herbstferien für Klarheit gesorgt hatte. Er wolle es jetzt genau wissen, sagte er damals und schritt zum Apothekenkalender, der unseren Klassenraum ziert. Nachdem er kurz durch die Frage aufgehalten wurde, was es denn mit diesem "Bus- und Bahntag" am 21.11. auf sich habe, schlug er zielstrebig den Dezember auf, guckte und stellte fest: "Also, Leute, das ganze kann gar nicht sein, denn hier steht der 22.Dezember ja auch noch drin!" Alle atmeten erleichtert auf, vor allem ich, denn ich dachte: "Das Thema ist jetzt erledigt!" Da hatte ich mich geirrt.
Angefacht durch weitere Beiträge im Schlichfernsehen sowie durch diverse Comedybeiträge im Radio (die von den Schülern jedoch nicht wirklich dem Comedy-Genre zugeordnet werden konnten) bekam das Thema in den letzten Wochen wieder neuen Zunder. Als Nico dann noch berichtete, dass die Weihnachtsfeier bei seiner freiwilligen Feuerwehr kurzerhand in eine Weltuntergangsparty umgemünzt wurde, waren sich alle wieder sicher, dass da "was auf uns zukommt".
Und so rückte die Frage nach den Weihnachtsgeschenken oder den Silvesterböllern dieses Jahr total in den Hintergrund und es ging nur noch darum, WIE das Ende der Welt denn nun genau über uns kommen würde.Kommen Aliens und schießen alles klein? Regnet es Kometen? Wird unsere Schule von einer Tsunami-Flutwelle erfasst? - Meine Schüler hatten da erstaunlich viele Theorien parat und keine Frühstückspause verging, ohne dass die verschiedenen Möglichkeiten fachmännisch diskutiert wurden. Zwischenzeitlich war ich so genervt, dass einige Schüler die Pause über drinnen sitzen mussten und alles aufschreiben mussten, was sie uns zum Thema Weltuntergang mitteilen möchten.
Zugegeben, zwischenzeitlich schwappte die Diskussion auch ins Lehrerzimmer über, man lässt sich ja doch irgendwie anstecken. Hier ging es jedoch weniger um das WIE als vielmehr um das WANN GENAU. Denn man möchte ja gerne die Uhrzeit des Weltenendes wissen. Wird es morgens um 6 Uhr sein? Das wäre ganz prima, dann müsste man sich gar nicht mehr aus dem Bett bemühen. Oder etwa um acht, wenn man sich gerade (völlig umsonst) mit dem Auto durch die überfüllten Straßen zur Schule gequält hat? Oder gar direkt nach Schulschluss? Das wäre vor allem für Frau Seltsam der blanke Horror, denn sie hat an diesem Tag Aufsicht an der Taxischleife und da geht es sowieso schon jeden Tag ein bisschen armageddonmäßig zu - nicht auszudenken, sie würde dort stehen, die Welt geht unter und die Taxis kommen nicht. Überhaupt ist dieser Tag ja total unglücklich gewählt. Warum muss die Welt unbedingt am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien untergehen, wenn man die turbulentesten Zeit des Schuljahres hinter sich hat und zwei Wochen süßes Nichtstun auf einen warten? Dann doch schon lieber am Ende der Sommerferien, dass man ausgeruht und sonnengebräunt seinem Schöpfer gegenübertreten kann. Da haben sich die Mayas wirklich nicht ausreichend Gedanken gemacht. Willi hätte das besser hingekriegt.
Und dann war es heute endlich so weit - das Ende der Menschheit stand bevor. Vorsorglich hatte ich schon gestern den Schülern ihre Weihnachtsbasteleien mit nach Hause gegeben, war nachmittags extra nochmal beim Friseur gewesen und am Abend hatte Frau EasySamstag noch einmal eine ihrer legendären WG-Partys steigen lassen. Wir waren also vorbereitet.
Und dann, tja, was soll ich sagen, aber das wissen sie ja selbst. Schon enttäuschend oder? Aber was soll's, 2060 nehmen wir erneut Anlauf und berufen uns dabei auf keinen geringeren als auf Isaac Newton. Das ist doch ne andere Hausnummer als so olle Indianer, oder? In diesem Sinne: Glück auf - und schöne Weihnachten!!!