Mittwoch, 17. Oktober 2012

Wohlstandsprobleme erfordern Wohlstandsmaßnahmen


Heute Morgen am Telefon im Lehrerzimmer: 
„Guten Morgen, Frau Ogg! Hier spricht Wischniewsky! Frau Ogg – Bei uns Zuhause herrscht große Aufregung. Die Ballettschuhe meiner Tochter sind unauffindbar. Wir vermuten, dass sie sie in der Schule vergessen hat.“ Frau Ogg: „Oh, die Ballettschuhe sind weg? Hm……“ 
Die Kollegen, die in Frau Oggs Nähe im Lehrerzimmer sitzen und eben noch in die allmorgendlichen Vorbereitungen vertieft waren, heben erstaunt die Köpfe und lassen ihre Scheren, Stifte, Klassenbücher, Kaffeetassen sinken. Wie bitte? Hat da wirklich gerade eine Mutter angerufen, deren Tochter BALLETTSCHUHE besitzt? Keiner kann sich erinnern, dass bislang jemals das Wort „Ballettschuhe“ unter unserer Schülerschaft gefallen wäre. Ein Utensil, das bei uns keiner kennt. Pah – „Ballettschuhe verschwunden“ ---was sind das denn für Wohlstandssorgen? Soweit kommt´s noch, dass morgen die nächste Mutter anruft und sich beschwert: „Mein Sohn hat die Violine bei Ihnen in der Schule stehen lassen und nun kann er Zuhause nur Harfe üben“. Oder: „Unser Junior ist gerade heimgekommen und wir mussten feststellen: Das Neuner-Eisen hat einen Kratzer!“ Nein, man kann unseren Schülern ja beileibe viele Probleme andichten, aber DAS sind Nöte, die unsere Schüler wahrlich nicht kennen. Gott sei Dank!
Und weil wir keine Schüler mit dererlei Wohlstandssorgen haben, wäre es auch nicht angemessen, ihnen mit den gängigen Wohlstandsmaßnahmen zu begegnen, wie sie an den benachbarten Kaderschmieden der künftigen Bildungselite  gerne praktiziert werden: Tadel, Klassenbucheinträge, nach 3 Klassenbucheinträgen Brief an die Eltern und wer nicht perfekt funktioniert, purzelt aus dem goldenen Bilderrahmen des dreigliedrigen Schulsystems heraus und versinkt in den Förderschuluntiefen! Das Wort „Tadel“ versteht bei uns eh keiner, „Klassenbucheinträge“ wären etwa so wirksam wie dem Papst ein Verhütungsmittel zu verschreiben und „Gespräche zu denen die Eltern eingeladen sind“ haben unsere Schüler sowieso schon alle hinter sich. Deswegen sind sie ja hier ----weil genau dieser bunte Strauß an pädagogischen Nettigkeiten das in den Brunnen fallende Kind vom Ertrinken nicht retten konnte.
Is ja auch logisch: Wie soll ein Blumenstrauß das Wasserschlucken eindämmen? Bei uns ist völlig klar: Wenn ein Kind ertrinkt – wirf ihm einen Rettungsring zu!
Oder anders ausgedrückt: Finde den pädagogischen Schraubenschlüssel, der zur Kragenweite des ABC-Schützen passt.

Und so werden wir nicht müde, uns passgenaue Maßnahmen aus den Fingern zu saugen, mit denen wir das Verhalten der kleinen Quälgeister irgendwie positiv beeinflussen können:

Sehr beliebt sind paradoxe Interventionen:
Ich erinnere mich da an das lebende Phlegma Chris, der vor ein paar Jahren in die Klasse von Herrn Black und mir ging. Dem war wirklich alles zu anstrengend. Gearbeitet hat er grundsätzlich nie, einen Stift rauszuholen, hielt er für eine Zumutung und als ihm schwante, beim Mülleimer leeren könnten Muskeln entstehen, widersetzte er sich auch da. Alleine – es bliebt uns ein Rätsel, was ihn bewog weiterzuatmen!
Während seine Mutter und zahlreiche Lehrer an vorherigen Schulen mit Verbissenheit und Superman-Power versuchten ihn anzuspornen, ihn schüttelten, ihm im übertragenen und reellen Sinne in den Hintern traten und sich völlig aufzehrten, während Dickhaut Chris sich noch entspannter zurücklehnte und seinen Hintern genüsslich auf dem warmen Holzmöbel plattsaß, verfuhren wir ganz anders: Eines Morgens stand ein großer, rotgepolsterter Ohrensessel, der aus den Restbeständen König Alfons des Viertel vor Zwölften hätte stammen können, in der Klasse. Und auf diesem Thron durfte sich Chris ausruhen. Keinen Finger durfte er mehr krumm machen. Die Klasse und alle Lehrer huldigten seiner Hochwohlgeboren. Arbeitsblätter wurden ihm erst garnichtmehr ausgehändigt, wollte er essen, dann nur indem er gefüttert wurde –und auf den Pausenhof durfte er natürlich auch nicht – man bedenke alleine das Treppensteigen und dann der ganze Pöbel, der sich dort rumtreibt. In den Pausen wurde der Thron mit Chris drauf einfach in den Vorraum geschoben und da konnte er dann der Sanduhr beim Rieseln zuschauen, bis sich seine Gefolgschaft nach der Pause wieder blicken ließ.
Es dauerte keine 2 Tage, da hatte der kleine Prinz von dieser Sonderrolle die Schnauze gehörig voll. Er wollte behandelt werden wie die Anderen und nicht wie ein rohes Ei in Watte. Am dritten Tag fing Chris an zu arbeiten….. Na, wer sagt´s denn.

Ein Ableger der paradoxen Intervention sind Symptomverschreibungen:
Da hätten wir zum Beispiel Ryan. Ryan motzt und schimpft den ganzen Tag, was das Zeug hält. Er regt sich über jede Kleinigkeit auf, legt die Stirn in Falten und lässt seinem bildgewaltigen Wortschatz freien Lauf.
Ryan ist auch ein rechter Schwarzmaler --die Reinkarnation von Nostradamus in Bluejeans und Sweatshirt. Er sieht stets einen nicht zu bewältigen Berg Hausaufgaben auf sich zukommen, während der Lehrer noch nicht mal sicher ist, ob es heute überhaupt Hausaufgaben gibt. Ryan vermutet schriftliche Zusatzarbeiten, die der Lehrer nie im Sinn hatte. Und Ryan ist schon im Vorfeld überzeugt davon, er werde bestimmt gleich ungerecht beurteilt werden, wo der Lehrer von Benotung noch nicht mal geträumt hat. Das ist Ryan. Und jede Prophezeiung ist von einer ausufernden Motzattacke belgeitet.
Nun werden wir einen Teufel tun und das hoffnungslose Unterfangen einleiten, Ryan von diesen Schimpftiraden abzubringen. Wie heißt es schon so schön im Lorenz´schen Handbuch der Zoologie: „Mach den Rohrspatz nicht zur Singdrossel!“ –klau ihm nicht seine Bestimmung. Und so darf Ryan weitermotzen! Er DARF nicht nur - er MUSS sogar. Und zwar genau einmal pro Unterrichtsstunde! Das ist ein Befehl! Nicht mehr, aber auch nicht weniger!
Der Effekt: Ryan fängt an, seine Motzattacken bewusster wahrzunehmen. Er reflektiert sich selbst und er teilt sich seine „Symptome“ besser ein. Wohl dosiert in kleinen Häppchen lässt es sich dann auch für die Umliegenden besser ertragen. Bald werden wir sicher den nächsten Schritt einleiten können: „Ich motze 1 Mal pro Doppelstunde!“.

Ein sehr wirksames Mittelchen, quasi die Chemiekeule in unserem bunten Putzmittelarsenal der pädagogischen Möglichkeiten ist die Methode „die Sprache des Schülers sprechen“:
Dies eignet sich besonders gut bei Schülern, die den Sankt-Gotthard-Tunnel in ihrem Hirnstüberl nur in eine Fahrtrichtung geöffnet haben und die pädagogischen Vorträge, Anraunzer, Schimpftiraden oder nachdrücklichen Aufforderungen von unserer Seite einfach nur so durchrauschen lassen. Manchmal ist nicht nur im auditiven Kanal Sackgasse, sondern selbst Blickkontakt lässt sich nicht herstellen. Begegnungen mit solchen Schülern empfinde ich persönlich als besonders nervenaufreiben und anstrengend. Und meinen Kollegen wird es nicht viel anders gehen. Denn wenn unsereins –also Knigge-Allmächtig- eins nicht abkann, dann das Gefühl mit samt seiner wertvollen Marionettenstrippen, die er so gerne in der Hand hält, ausgeknockt zu werden und die volle Ohnmacht seines lächerlichen Tun und Treibens zu spüren bekommen.
Will man üben, in solchen Momenten den Sankt-Gotthard-Verwalter doch noch zu erreichen, dann eignet sich die Klasse des Kollegen Mei ganz hervorragend, denn dort ist quasi das Sammellager für die „Unantastbaren“. Ein besonders hartnäckiger Fall ist Steffen. Der ist mit seinen zarten 13 schon ein derartiger Koloss, das Kollege Mei angeregt hat, überprüfen zu lassen, ob die Geburtsurkunde nicht doch eine Fälschung ist und der Gute vielleicht eher 17 Lenze zählt. Steffen ist so groß wie Kollege Winzig und Kollegin Klein aufeinandergestapelt und wiegt so viel wie ein Sumoringer. Es ist also völlig klar: Wenn der nicht hört, dann wird er auch nicht fühlen ----den trägt man nicht mal eben so aus dem Klassenraum.
Situationen in denen man Steffen verbal nicht mehr erreicht und er etwa so gut steuerbar ist, wie ein entfesselter Fesselballon, sind leider an der Tagesordnung. Gestern zum Beispiel verweigerte er die Teilnahme am Unterricht und verbarrikadierte sich im angrenzenden Förderraum. Dort stapelte er in einem ohrenbetäubenden Lärm viele kleine Tische aufeinander, jonglierte sie mit seinen Riesenpranken durch die Gegend, drehte sie mit den Tischplatten nach vorne und entwarf eine Art modernes Kunstwerk, hinter das er sich verschanzte. Dahinter liegend gab er laute Schießgeräusche von sich, die sich dank seines stattlichen Resonanzkastens zu einem grollenden Donnern empor schraubten. Bei uns im Klassenraum kam der Unterricht zum Erliegen. Die Lärmbelästigung war einfach zu groß. Ich suchte das Gespräch mit Steffen, aber der hörte mich gar nicht. Da half kein Wettern, kein Schreien, kein Flüstern, kein Schimpfen. Steffen war ganz in sein Kriegsspiel vertieft. Offensichtlich lag er in einer Art Schützengraben hinter einem Schießstand und schoss durch kleine Schlitze zwischen den Tischplatten auf einen imaginären Feind. Ich wägte kurz ab, wie lächerlich ich mich nun gleich machen würde, falls ein anderer Schüler mich beobachtete, nahm dann Anlauf, tat einen Satz, der meinen alten Sportlehrer –Gott hab ihn selig- stolz gemacht hätte, landete unsanft hinter der Tischburg, ließ mich auf die Seite fallen und rollte über meine Längsachse bis an Steffen heran. „Wer ist unser Feind, Steffen?“ Antwort: „Fräulein Leandros ist unser Feind!“  Juhu – ich hatte eine Antwort bekommen. Also gleich noch einen  nachlegen:  „Welche Waffen stehen uns zur Verfügung?“ „Diese hier!“ Und Steffen zückt eine Kellogg´s Packung mit Choco-Balls und gemeinsam schossen wir auf einen Feind der nicht da war. Ich versuchte das Gespräch im Schützengraben aufrecht zu erhalten und irgendwann konnte ich den Kadetten überzeugen, dass die Front nun weitergerückt war und wir hinterher mussten. Und wir verließen gemeinsam den Klassenraum Richtung Schulhof. Der Rest der Klasse hatte seine Ruhe.

So – jetzt erzählen Sie mal einem handelsüblichen Gymnasiallehrer, er soll so ne Maßnahme durchführen. Glauben Sie, der macht sich so zum Horst? Ne ne, aufs Lächerlichmachen haben WIR das Monopol. Aber was soll´s – wenn´s wirkt??!
Und ganz ehrlich und mit einer angemessenen Portion Zerknirschtheit muss ich zugeben: Wir hingegen hätten vermutlich keine Ahnung, wie man Situationen löst, in denen es um verschwundene Violinen, Katzer im Neunereisen und zerknautsche Tütüs geht. Da ist es doch gut, dass die Singdrosseln das machen, was sie am besten können: Singen und die Rohrspatzen eben röhren. Und so hat jeder seine Bestimmung in der artenreichen Vogelvolière der Pädagogik. 

Freitag, 12. Oktober 2012

Hier stehe ich. Ich kann nicht anders: Neuigkeiten aus dem Bundesbrechreizministerium, der Kaderschmiede für den Schulnachwuchs





Liebe Gemeinde, liebe Gemeindinnen,

gleich zu Beginn der Lektüre werfe ich Euch einen pädagogischen Knochen hin, denn in dieser kleinen Feldpost ist ein gutes und richtiges und wichtiges Lernziel- und kompetenzorientiertes Aufgaben- Bonbon eingebaut:

Bitte alle Produkte aus dem Handwerkskoffer der Phrasendrescherei finden, rot unterstreichen, abschreiben und, sofern nicht längst geschehen, in den aktiven Wortschatz einbauen. In Partnerarbeit vertiefen, in Gruppenarbeit erproben, diskutieren und reflektieren. Und bitte ein Plakat zur Präsentation erstellen. Oder einzelne Phrasen pantomimisch darstellen. Oder tanzen. Oder sich direkt ins Bad begeben und übergeben. Wer alle Phrasen findet, darf sich 5,- € aus dem imaginären Phrasenschweinderl nehmen und sich ein Pilsli davon gönnen. Die laminierte Urkunde wird nachgereicht. Spätestens am 35. Mai. Wer den Arbeitsauftrag selbstständig bearbeitet und die Ergebnissicherung nachhaltig betrieben hat, wird auch weiterhin keine Probleme haben, den Anforderungen des Schulalltags konstruktiv und gelassen und kompetent die Stirn zu bieten. Wer glaubt, sich damit auch in den Veranstaltungen des Bundesbrechreizministeriums, kurz BBM, ganz wacker durchschlagen zu können, irrt sich gewaltig.

Denn eben dort ist es wie bei Akte X: die Wahrheit ist irgendwo da draußen und selbst die Verschleierungstaktiken und weitreichenden Verschwörungen des FBI, des Pentagon und des CIA sind transparenter und in der Konsequenz schlüssiger als die Leistungsanforderungen und erwünschten persönlichen Voraussetzungen und Fähigkeiten, die das BBM verlangt. Seit Beginn der Anwärterzeit werden den LiVs gebetsmühlenartig die immer selben Handlungsanweisungen eingeprügelt: Lernausgangsvoraussetzungen beachten. Lernziele genau definieren. Transparenz im Ablauf und bei den Lernzielen. Alles gut und richtig und wichtig, allein: mir fehlen die BBM- Vorbilder. Die Monologe, pardon, Arbeitsaufträge, der PM- Leitung ähneln einer ausgedehnten Kneipentour durch Linden. In irgendeiner Bumsbude, völlig schnuppe, wo, ist der Anfang. Da wird dann geschwurbelt und sich warmgemacht, bis man dann im Laberfahrwasser ordentlich Schmackes hat, etwa 100 Knoten, und eine Sülzschleife nach der anderen zieht und irgendwann irgendwo in einem dunklen, schmuddeligen, schummrigen und miesen Pestloch von Hafenkneipe landet, wo man leider, berauscht von der eigenen Eloquenz, natternbreit vom Barhocker fällt, sobald man dann die Steinkeule über den Kopf bekommt: „Ähm,…..es ist mir auch angemessen peinlich, aber,…ich hab die Frage nicht verstanden…“ Eine solche Nachfrage muss denen, die täglich ein Kerzlein auf dem Altar der Merkmale guten Unterrichts entzünden, wie die Mutter der Provokationen vorkommen. Ich bin doch PM- Leitung, warum verstehen studierte, angehende Lehrer und Lehrerinnen meine Arbeitsaufträge nicht? Und wieso ist nicht klargeworden, worauf die wunderbare Gruppenarbeit hinauslaufen soll? Rätselhafte Rüttelung am Thron der pädagogischen Unfehlbarkeit. Entsprechung schmallippig fallen dann auch „weiterführende“ Hinweise aus, der Ruf der Fragenden ist ruiniert, was soll’s, das ist mir schon öfter passiert. Und klar ist indes auch: Das PS ist ein Wasserkopf, der offenbar nur installiert worden ist, um den Kontrast zwischen Schule und Seminar noch zu verstärken. In der Uni hatte ich öfter Erscheinungen von einer riesigen ätherischen Sanduhr, die in Vorlesungen und Seminaren ganz oft über meinem Kopf hing und ich ganz deutlich sehen konnte, wie meine kostbare Lebenszeit blibblibblibb davonrieselte. Seit Februar habe ich diese Erscheinungen wieder ganz regelmäßig, und zwar stets Dienstag und Mittwoch. Ich habe jedoch auch noch eine andere Vision, nämlich die, in der ich herausbekomme, wo die PS- Leitung ihren Lachyoga- Kurs absolviert hat und ich auch einen mache. Dann werde ich einfach ganz gelassen zurücklachen.

In einer ganz anderen Kampfklasse spielt man in einem anderen Seminar. Dort gibt man sich redlich Mühe, nicht nur professionell, sondern auch möglichst kühl und distanziert aufzutreten. An der Professionalität gibt es (immerhin!) nichts zu meckern, aber der Ton macht ja stets die Musik und der Habitus kann auch die Freude über gute Seminarinhalte zerstampfen, so dass man sich über jede Minute freut, die man nicht gemeinsam verbringen muss. Und wenn dann für bestimmte Seminarthemen mal „ganz nette Kollegen“ eingeladen werden, die ganz toll über ein bestimmtes Sozialtraining referieren können, ist man doppelt froh. Dass die gebotene Einführung ins Thema wenig mehr bot als die recht ausführliche Einführung der Handreichung: geschenkt. Dass die sich anschließende Gruppenarbeit eine Gruppe hirnamputierter Nacktmulle in ihrer Intelligenz beleidigt hätte: geschenkt. Aber das Schlimmste sind eigentlich die jungen, gaaanz tollen, referierenden Kollegen selbst:  junge männliche Lehrer, die irgendwo im luftleeren Raum zwischen sub-cooler Lässigkeit und Professionalität hängen geblieben sind und hin und her switchen. Wenn da so ein junger Mann in Outdooruniform, rotgesichtig vom schnellen Radeln, in den Seminarraum donnert, böse guckt und gaaanz lässig, durchwirkt von der gezwungenen Jungmännerlässigkeit, „Moooooin!“ in den Raum röhrt, weil er denkt, dass junge Männer, die in jeder Gegend Deutschlands zu jeder Tages- und Nachtzeit andere Menschen, vorzugsweise andere junge Männer, gern mit Wacken- T- Shirts, mit „Moin!“ begrüßen, arschcool sind, habe  zumindest ich das akute Bedürfnis, mein Täschlein zu nehmen und Wehen vorzutäuschen, damit ich rasch gehen kann. Das angestrengte Bemühen, in einem so unmännlichen Sektor wie der Pädagogik seine Männlichkeit zu beweisen, bringt diese Typen ja leider dazu, mit dickeren Eiern durch die Gegend zu marschieren als die Hellsbengelstürsteher am Steintor. Aber das kann natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie ja eigentlich gaaanz liebe Kerle sind, echt dufte Kumpel mit ner echt coolen Quatsche, die aber voll die krassen Profis sind. Die echte Beziehungsarbeit an den Jungs leisten und das gut und richtig und wichtig finden. Weil, es ist ja echt total wichtig, dass die ein positives männliches Rollenvorbild haben, die Dschunnngs, und es müssen „Verdammp noch ma“ mehr Männa inn den Dschob!“ Ja. Genau. Unbedingt. Das sehe ich wirklich auch so, aber dann bitte nicht nur solche Pfeifen wie ihr. Am Ende der Sitzung bin ich so erleichtert wie jeden Mittwoch um diese Zeit. Und murmele wie jeden Mittwoch um diese Zeit innerlich vor mich hin: „Sei dankbar, Du könntest jetzt auch im Laden XY stehen bis 20.00! Oder bei VW am Band stehen. Oder bei Edeka an der Schlachte. Oder bei Salon Haargenau hinter einer mäkeligen Oma mit fettigen Haaren, die ne saure Welle will. Oder….

Nun, alles hat ein Ende, nur die Wurst hat bekanntlich zwei. Und wenn das Ende des Referendariats erreicht ist, werde ich mir ordentlich einen löten. Mit ganz männlichen Schnaps. Darauf ein Likörchen!

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Falsche Freunde

Mütter wünschen sich ja immer „die richtigen Freunde“ für ihre Kinder. Wohl erzogene, gut situierte, sympathische, pflegeleichte Freunde sollen es sein. Und „falsche Freunde“ sind quasi das störende Giftgrün in der rosaroten Traumwelt einer treusorgenden Mutter. „Falsche Freunde“ – das sind die Kinder von den Assi-Nachbarn, die Tätowierten und Gepiercten, die Schmuddelkinder aus dem Wohnblock im sozialen Brennpunkt, die künftigen Drogendealer und Autoschieber. Ne, so was wünscht sich ne Mutter wahrlich nicht für ihre Brut.

Tja, Mama----was soll ich sagen. Ich hab mich wirklich über Jahre bemüht, die „richtigen Kontakte“ zu pflegen: elitär, gesittet, gebügelt und gestriegelt-----aber das wird eben einfach fad auf Dauer. Und so muss ich dir leider mitteilen, dass ich mir neuerdings ein paar waschechte „falsche Freunde“ zugelegt habe. Und die Liste meiner „falschen Freunde“ wächst ---- JUHU! Ich freu mich. 
Das Phänomen sich „falsche Freunde“ zuzulegen, greift in unseren Reihen gerade um sich—denn inzwischen haben sich einige Kollegen (inspiriert durch die amüsanten Bücher unserer Muse Frau Freitag) einen „Kinderfacebook-Account“ zugelegt. Soll heißen: Anders als in unserem Privatmensch-Facebook-Account tritt auf diesem Zweitaccount unser „Alter Ego“ –der Pädagoge in uns- in Aktion und steht in Kontakt mit ehemaligen und zeitgenössischen Schülern. Tatsächlich handelt es sich bei diesem Zweitaccount um eine Art Paralleluniversum. Vornamen gibt es nur zwei: entweder „Herrn“ oder „Frau“. Geburtsdaten, politische Einstellung, Beziehungsstatus und Wohnort haben dort nichts verloren und maximal solche „pseudointimen Geheimnisse“ wie der Name des Haustiers und ein Foto vom letzten verschlungenen Eisbecher werden dort preisgegeben, um überhaupt irgendwas Persönliches zu posten.
Tja, und dann geht es ans „Sammeln falscher Freunde“. Und soll ich was verraten: Das ging erstaunlich schnell. Da schimpfen die Schüler den lieben, langen Tag auf uns, verweigern unsere Aufforderungen und Anweisungen und erklären uns zum Feind ihrer gesamten Schulzeit ---und dennoch lehnt keiner, aber auch wirklich keiner die Freundschaftsanfrage auf Facebook ab. Die freuen sich anscheinend sogar, adden uns, was das Zeug hält, schreiben uns freiwillig im Chat an und halten uns nun auf dem Laufenden über ihre –auf den nun frei einsehbaren virtuellen Pinnwänden- Lebensgeheimnisse und Freizeitabenteuer. Es ist wie das letzte fehlende, aber eigentlich größte Steinchen, im bunten Persönlichkeitsmosaik des Schülers, das uns nun entgegenleuchtet.
Ich bin jetzt seit ein paar Wochen dabei und habe schon 61 „Freunde“, von denen meine Mutter sicher früher gesagt hätte: „Das kann doch unmöglich der richtige Umgang für dich sein!“ – Oder wie es Goldkehlchen Degenhardt seinerzeit ausdrückte: „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern! Sing nicht ihre Lieder!“
Oh doch --- und ob! Und es macht tatsächlich richtig Spaß.
Moralische Bedenken, das Gefühl Grenzen zu überschreiten, ein Hauch von Distanzlosigkeit und Unprofessionaltität??? Ist das wirklich so??Darüber lässt sich sicher streiten! Nach kontroversen Diskussionen kommen wir zu dem Schluss: Nein! ---alle Bedenken binnen weniger Tage vergessen (wie das ja immer bei uns nach wenigen Tagen der Fall ist… ). Die Vorteile überwiegen eindeutig! Beziehungsarbeit im 21. Jahrhundert!
Nun pflegt man also (so oft man eben will) die Kontakte zu diesen (eigentlich erstaunlich netten) falschen Freunden:
Unterhaltungen mit Ehemaligen fördern oft Kurioses zu Tage: Da erfährt man, dass sich der Lebensweg einiger verloren geglaubter Seelchen doch noch so weit geradegebogen hat, dass sie nun Realschulabschlüsse, Berufsausbildungen, ach was sage ich---sogar manche Abitur und Studium in der Tasche haben!
Can, der zurück in sein Heimatland Libanon gegangen ist, trägt inzwischen nur noch schicke Designeranzüge und hat Privatlehrer (wie schade, dass die Eltern damals noch nicht drauf gekommen sind ---da wäre mir viel erspart geblieben), der legasthenie- und elternhausgeplagte Aaron ist inzwischen Einzelhandelskaufmann, der dickbäuchige und plumpe Andrew hat mittlerweile seine Traumfrau geheiratet und teilt mit uns Fotos von einer romantischen Hochzeitsnacht mit Badewanne, Tom, der gefühlt vorgestern noch das kleine Einmaleins in der vordersten Schulbank gebüffelt hat, ist nun alleinerziehender Vater, der soziophobe und paranoide Niklas teilt mir glücklich mit, er wäre nun endlich geheilt und müsse keine Tabletten mehr nehmen und der früher ziemlich nervige, chaotische, alles antatschende Darius hat bei der Lotterie (wo sonst???) inzwischen einen Realschulabschluss gewonnen und absolviert eine Ausbildung zum Triebwagenführer bei DB Fernverkehr. Praktisch, dass man dann über Facebook auch gleichmal klären kann, ob der Gute ausgerechnet dieses Wochenende, wo ich mit dem Zug nach Berlin fahren will, im Führerstand des ICEs sitzt----- äh, dann hätte ich das Reiseziel spontan geändert. Aber nein, er versichert mir glaubhaft, dass er das erst nach Beendigung seiner Ausbildung darf. Und das Ende wird hoffentlich von der DB auf unbestimmte Zeit vertagt------ Wäre schön!
Natürlich lässt sich über dieses „OldTeacherIsWatchingYou“ auch mancher Absturz mitvollziehen: Phil saß erstmal ein paar Monate im Knast, StöckelschuhTanja ist inzwischen ne richtig intrigante Ziege geworden, Cem fährt bewaffnet und ohne Führerschein durch die Türkei, Demir fliegt des Öfteren von der Berufsschule und die Freunde von Murat sind alles finstere Gestalten, wie den Fotos zu entnehmen ist.
Auch wenn man sich die Konterfeis der Schüler damit nun auch ins heimische Wohnzimmer holt, irgendwie ist es nicht einfach nur nette Unterhaltung und (nach all den Mühen mit ihnen) wohlverdienter Voyeurismus, in den Autobiografien der kleinen GängsterRapper zu stöbern. Nein, es stellt sich immer mehr heraus, dass genau diese Kommunikationsplattform das Mittel ist, mit dem man auch die Schmallippigsten, Abgewandtesten  und Wortkargsten erreicht. Wenn meine Schüler im Praktikum sind, kann ich sie nun jeden Tag direkt fragen, wie´s gelaufen ist und ihnen motivierende Parolen an ihre Pinnwände schmettern. „Weiter so! Du schaffst das! Nur noch 10, 9, 8 Tage…!“ Wenn ich JeanPierre vergessen habe, die Hausaufgaben einzutragen, dann kriegt er jetzt einfach direkt ne Nachricht geschickt (ob er sie gelesen hat, wird ja mittels Haken auch gleich angezeigt), und wenn Tammo mal wieder unentschuldigt fehlt, klappe ich sofort in der Pause mein Laptop auf, kontaktiere ihn direkt (und nicht mehr erst umständlich seine Mutter, die weder ans Telefon geht noch mit ihm redet), recherchiere wo er ist und sammel ihn dann zeitnah bei der Haltestelle ein. Wirklich ganz prima! So wird die viel gepriesene "Arbeit am Kind" doch gleich um eine Komponente erweitert. Manchen Schülern scheint es auch richtig am Herzen zu liegen, von sich aus mit uns in Kontakt zu treten. Die können auf einmal ganze Aufsätze schreiben, nur um zu wissen wie unser Wochenende war und was wir grade machen. Sehr süß! (Man muss ja nicht wahrheitsgemäß antworten: Im Paralleluniversum schlürft mein Alter Ego am WE immer nur Mukkefuk aus Blümchentassen!..also im übertragenen Sinne....) Und einige offenbaren sogar  ihre eigentlichen Sorgen und Nöte im "digitalen Gespräch", --was sie im analogen Vis-a-Vis nicht tun würden. Ja, so verschwimmt die Definition von „falschen“ und „richtigen“ Freunden mehr und mehr……. Mama –du musst dir wirklich keine Sorgen machen! Die Welt ist eben nicht schwarz-weiß, sondern bunt! :-) 

Samstag, 6. Oktober 2012

Wir sind die Guten



„Rinderrouladen! Mit Rotkohl!“
„Oh ja- und mit Knödeln! Hmm!“
 “ …Oder Sauerbraten…und ne leckere Soße!! Oh jaaa!!“
Es war Mittag, ich kam ins Lehrerzimmer und Frau Patente hatte keine Reste aus der Küche für die Kollegen hingestellt. Verzweiflung überall!! Die Kids hatten es gewagt, dass von ihnen für sie gekochte Essen komplett zu verzehren!!
Das führte nun zu dem oben Gesagten. Das Sprechen fiel ihnen allmählich schwer, denn die nimmersatten Gerne-Esser redeten sich in Rage, was zu vermehrtem Speichelfluss führte!
„Semmelknödel und Braten mit Sahnesoße…“ (schluck, schluck ) „…und Rosenkohl mit zerlassener Butter…“
Frau Samstag hatte die zündende Idee: „Warum nehmen wir nicht eins von unseren Kindern da draußen und legen es auf den Grill?“ 
Die nette Referendarin war empört: „Bist du wahnsinnig? Bei den Medikamenten, die die alle einnehmen? Die sind bestimmt ungenießbar!“  (Die ernährt sich aber wirklich bewusst!)
Herr Bromseklöten hat die rettende Idee: „Warum gehen wir nicht eben schnell rüber zur Grundschule und klauen uns ein Bio- Kind?“
 Frau Zellphonitzki meinte noch, dass Waldorfkinder noch gesünder seien, das wurde aber von der Mehrheit stark angezweifelt- ist das denn wirklich artgerechte Haltung??
So verflog nach und nach der Appetit. Hunger hatte ja eh keiner.
Nicht, dass Sie jetzt einen falschen Eindruck von uns bekommen- wir mögen unsere Schüler und würden sie unter gar keinen Umständen irgendwem zum Fraß vorwerfen. Dass wir solche makabren Scherze machen, hängt einzig und allein damit zusammen, dass wir es uns erlauben können! Wir sind nämlich die Guten!! Hört sich vielleicht eingebildet ein, ist aber einfach so.
Wir wissen, was unseren Schülern fehlt, wir wissen oft Wege um ihnen zu helfen und wir wissen häufig, was sie quält. Mit diesem Wissen brüsten wir uns nicht. Wir sind nicht stolz darauf.
Im Gegenteil: es wäre so schön, wenn wir uns entspannt zurücklehnen könnten in dem Wissen: wir machen nur den schulischen Teil! Ansonsten sind äußerst kompetente Fachleute an den Kindern und deren Familien dran- die tun das, was gut ist für die Kinder! Wenn wir wüssten: den Kindern wird zugehört, in den Familien wird hinter die Kulissen geschaut, die Kinder werden gestärkt für`s Leben.
Leider, leider ist es aber so, dass WIR den Kindern zuhören. Dass wir zwischen den Sätzen andere Wahrheiten hören. Dass wir bei Hausbesuchen „Leichen“ im Keller finden, von deren Existenz der dort seit Jahren tätige Familienhelfer nichts ahnte. 
Wieso wissen wir von Misshandlungen und Vernachlässigungen- nicht aber die Sozialarbeiter und Jugendämter? Und warum lesen die unsere Berichte nicht? Warum hört man von denen so Sätze wie:  „Frau Seltsam, das ist unsere Aufgabe, nicht ihre. Nehmen sie uns nicht unsere Arbeit ab. Wir wissen, welches die richtige Maßnahme ist. Sie nicht!“
Warum höre ich von der Bezugserzieherin von Cheyenne, dass ihr rein gar nichts Positives über das Mädchen eingefallen sei für ihren Bericht? Wieso kann ICH der Frau eine ganze Reihe von so genannten Ressourcen aufzählen?
Warum müssen unsere Schüler, die noch nicht im Heim untergebracht sind, morgens alleine aufstehen, sich alleine versorgen, alleine pünktlich das Haus verlassen und sich gegebenenfalls noch um jüngere Geschwister kümmern? Warum bleiben die Eltern im Bett liegen?? Warum wissen wir das und nicht die Familienhelfer? Warum unternehmen die nichts verdammtnochmal????
Wozu rufe ich tagtäglich in den Gruppen an und erzähle, was ich rausgefunden habe, was es für Probleme gibt? Neulich traf ich die Erzieherin von Melinda und erzählte ihr, dass das Mädel Nacktfotos an die Jungs schickt via Handy und dass sie außerdem auf`s Übelste andere Mädels mobben würde bei facebook. Die Frau tat erstaunt- sooo würde man Melinda ja gar nicht kennen… Gute Frau, aber wir wissen das und teilen Euch das regelmäßig mit aber ihr unternehmt ja nichts, sondern fühlt euch von uns genervt!!! Stattdessen wird das Mädchen nach Hause entlassen zu ihrer merkwürdigen Mutter und hat inzwischen 5 facebookprofile (von denen ich weiß)!
Warum tut keiner was gegen das Tourette von Don, der so todunglücklich damit ist?
Warum gibt es nur eine Person auf der ganzen Welt, die weiß, wie dreckig es dem Burschen geht, nämlich Frau Samstag??
Sie sind ja nicht alle blöd und unfähig, die so genannten Fachleute.
Ich habe auch schon 2 Familienhelfer kennen gelernt, die richtig gut arbeiten.
In den Gruppen gibt es ein paar richtig fähige Mitarbeiter- nur leider verbrennen die, weil sie alleine gelassen werden von ihren Vorgesetzten und den Jugendämtern!!
Nun wissen sie es. Wir sind die Guten in diesem „Spiel“.
Wir haben den Durchblick. Ist einfach so. Muss man akzepzieren!
Und darum dürfen wir so makabre Scherze machen und uns kaputt lachen und alles essen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist!
Arbeiten Sie im Jugendhilfebereich? Dann ziehen Sie sich warm an! Wir sind gut! Wir sind viele! Und wir haben den verdammten Durchblick!!

Donnerstag, 4. Oktober 2012


PC for Dummies

Ich habe gewonnen! Dieser Tage hab ich einen großen Triumph für mein kleines Ego gefeiert. Wie gesagt, ich habe die Technik besiegt. Aber bis dahin war es ein langer Weg und ich muss etwas weiter ausholen.
In unserem Brettergymnasium müssen sich alle Kollegen genau einen PC im Lehrerzimmer teilen, um Arbeitsblätter zu bearbeiten, Berichte zu schreiben, Recherchen anzustellen und dann auch noch alle Ergebnisse auszudrucken. Seltsamerweise finden einige Kollegen noch ein Zeitfenster, dieses Supergerät zu privaten Recherchen für den nächsten Urlaub in die DomRep zu nutzen. Vorausgesetzt das Gerät funktioniert überhaupt. Denn Drucker und Kopierer geben regelmäßig zur Rushhour vor den Zeugnissen den Geist auf. Also zurück zur gemeinsamen Nutzung eines Rechners von zu vielen Leuten. Da stellt sich also morgens FrauOgg hinter Frau Mavinski und Frau Tulipan an, um noch schnell das neu erstellte Arbeitsblatt für die überaus lernwillige Schülerschaft auszudrucken. Frau Seltsam, Frau Großstädter und Frau Bob stehen auch schon in der Schlange sehen aber schon ihre Felle davon schwimmen, vor Unterrichtsbeginn noch an die Reihe zu kommen. Darüber können Frau EasySamstag, Herr Bromseklöten und ich nur müde lächeln, denn wir besitzen einen Laptop. Ja richtig einen Laptop und wenn alles gut läuft werden wir größenwahnsinnig, denn dann können wir von unseren portablen Rechnern auch alles drucken, was wir wollen, ALLES! Vor einigen Jahren fing es an, ein günstiges Angebot eines uns allen bekannten Discounters veranlasste mich, einen Laptop im Handtaschenformat zu kaufen. In der Lehranstalt erbot sich auch gleich der für die Wartung unseres Lehrerzimmer-PCs zuständige Kollege mir den Drucker einzurichten. Ging ganz einfach innerhalb weniger Minuten und funktioniert super, vielmehr funktionierte super! Bis zu meiner Auszeit. Nach meiner Rückkehr aus der Elternzeit funktionierte nichts mehr, nichts mehr!!!! Irgendein Vollidiot hat den Rechner und den Drucker ausgetauscht und anscheinend war es niemand aus dem Kollegium. Denn nachdem ich jeden einzelnen im Kollegium befragt habe, ob er den Drucker an seinem Laptop installiert hat, wie er das gemacht hat und ob er mir dabei eventuell helfen könnte, war ich völlig demotiviert und kurz vorm Kapitulieren, weil mir niemand helfen konnte. Wie jeder weiß, besitze ich keine besonderen Fähigkeiten oder versteckte Kompetenzen im Bereich der Medienkompetenz. Also blieb mir nur noch meine letzte Ressource: mein mich liebender Ehemann mit dem unerschütterlichen Glauben, dass jeder mit Computern umgehen kann, so er es nur will. Ich weiß wirklich nicht, warum er das immer noch glaubt, wo ich ihm schon so oft das Gegenteil bewiesen habe. Aber mein Göttergatte ermunterte mich, sprach mir Mut zu und brachte mich dazu, über den Fußboden des Lehrerzimmers zu kriechen, um in den Untiefen hinter dem Computertisch zu verschwinden. Dort untersuchte ich die die Steckerverbindungen zwischen Drucker, Rechner, Fritzbox, „Schatz, du musst nach den Netzwerksteckern suchen!“ „HÄ?!Das ist wohl kein Kaltgerätekabel, oder?“ Ich habe mich sogar mit dem Menu des Druckers beschäftigt, vorher war mit gar nicht klar, das Drucker auch eine Menuführung haben, wozu auch. Nachdem ich mich drei Tage lang (welcher Lehrer braucht schon Zeit für Unterrichtsvorbereitung) immer wieder durchs Druckermenu, Identifikationsnummern, IP-Adressen, Kabel und kiloweise Wollmäuse gequält habe, ist mir ein Zufallstreffer gelungen. Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn. ICH HABE DEN DRUCKER INSTALLIERT, Ich habe Feuer gemacht!!!! Das war eine Freude, gefolgt von einem aus tiefster Seele kommender Freudentanz, der mich wiederum zum Gespött der anwesenden Kollegen machte. Was hat die Mahlzahn denn schon wieder? Ist die jetzt völlig übergeschnappt? Andere wieder wurden neidisch, wie hat die das denn hingekriegt, die hat doch keine Ahnung von Computern. Tja wer kann, der kann. Leider konnte ich den Kollegen, die mich um Hilfe baten, ihnen den Drucker zu installieren nicht helfen. Ich weiß schließlich immer noch nicht, wie mir dieser Triumph eigentlich gelungen ist. Aber vielleicht liegen mit Drucker. Denn vor kurzem gelang mir ein erneuter Triumph über einen Drucker. Meine Klasse hat einen neuen Klassencomputer bekommen. Das Problem bestand nun darin, den alten Drucker zu installieren. Nach dem der Computer-Kollege und dessen Assistent (ein ehemaliger Schüler von Frau EasySamstag der seinen Abschluss mit Bravur bestanden hat) es mehrfach aber leider erfolglos versuchten, erbarmte sich ein weiterer Kollege, der armen Frau Mahlzahn mal den Drucker startklar zu machen, aber auch hier Fehlanzeige. Nachdem ich schon zu Hause rumgeheult habe: „Ich kann nicht drucken und keiner kann mir helfen!!!“ erbarmte sich mal wieder mein Göttergatte mit dem Tip doch mal ein Update durchzuführen. Gute Idee, aber wieso ist vorher niemand auf die Idee gekommen oder vielmehr, warum haben nicht alle Klassencomputer einen Internetzugang, um regelmäßig upgedatet werden zu können? Diese Fragen stellte zumindest meine bessere Hälfte, nachdem 146 Updates durchliefen. Außerdem ermutigte er mich, mich sozusagen um das Amt des Computer-Kollegen zu bewerben und Linux auf allen Schulrechnern zu installieren zu diesem Zeitpunkt hörte ich auf, den Ausführungen meines Mannes zu folgen. Ich glaube, dass seine Frau die Computerfachfrau ihrer Schule wäre, gehört zu den utopischen Zukunftsvisionen meines Mannes. Naja träumen darf schließlich jeder... 

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Der Apfel fällt nicht weit vom Birnbaum



Über unsere Schüler schütteln wir ja häufig genug die Köpfe, greifen uns ans Hirn, erklären sie für bescheuert und können uns  über sie nur wundern. Aber der Apfel fällt bekanntlich nicht weit vom Birnbaum (oder wie dieses Sprichwort heißt) und so ist es nicht verwunderlich, dass die Gen-Spender zu unseren kleinen Rabauken offensichtlich häufig auch nicht alle Latten am Zaun, Knöpfe am Hemd, Borsten im Bart, oder wie auch immer, haben.
Dies zeigt sich unerbittlich in den diversen Elterngesprächen, die (leider???) fester Bestandteil unseres Pädagogenalltags sind:

Das erste Telefonat  in diesem Schuljahr führe ich mit der (erstaunlicherweise total netten) Mutter von Warren (nicht gerade ein Sympathieträger), da ihr Sohn sich seit dem ersten Tag unmöglich aufführt und ich mich darüber wundere, dass auf meine Eintragungen im Mitteilungsheft nie eine Reaktion von ihr kommt. Sie ist ganz erstaunt. „Wie, es gibt ein Mitteilungsheft? Warren hat gesagt, dieses Schuljahr gäbe es so etwas nicht mehr!“ „Aber Frau Hasenkorn, Sie haben doch am ersten Schultag einen Elternbrief erhalten, in dem ausdrücklich stand, Sie müssen JEDEN TAG das Mitteilungsheft lesen und unterschreiben!“ „Ach so ja, den Brief hab ich gesehen, aber Warren hat mir gesagt, das wäre ein Elternbrief vom letzten Schuljahr, der würde nicht mehr gelten…..!“ Ne, is klar – überhaupt gilt auch sonst in diesem Schuljahr nichts mehr, was früher mal gegolten hat: Es gibt dieses Jahr keine Zensuren, die Schüler können machen was sie wollen und wenn ich die Schnauze voll hab, fahr ich einfach auch 2 Wochen früher in die Ferien! ………………
Im nächsten Telefonat, das ich dieses Schuljahr führe, will ich mich nur ganz freundlich bei der Mutter von Goran erkundigen, warum er heute nicht zur Schule gekommen ist. Meine (wirklich hollywoodreif gemimte) Besorgnis scheint sie nicht zu berühren. Jedenfalls schnauzt sie mich sofort an: „Der hat sich doch gestern BEI IHNEN verletzt“. Ich lasse kurz die zahlreichen Verwundeten des gestrigen Tages über meine innere Kinoleinwand gleiten und komme aber dann zu dem Schluss, dass ich mich an nichts erinnern kann. Es stellt sich heraus, dass er sich wohl beim Sportunterricht des Kollegen das Knie aufgeschlagen hat. Daraufhin hat Mama Goran beschlossen: Heute solle er sich besser mal ausruhen. Im Prinzip völlig okay für mich, versichere ich ihr (und das noch nicht mal geheuchelt, denn Goran nervt echt tierisch), aber es wäre trotzdem wichtig, dass sie ihn an solchen Tagen dann auch krank meldet, denn sonst wäre es ein unentschuldigter Fehltag. Darauf Mama Goran: „Ja, wollte ich ja, aber ich hatte die Telefonnummer der Schule nicht!“ (Goran geht übrigens seit mindestens 3 Jahren auf unser nettes Brettergymnasium). „Aber Mama Goran, Sie haben doch am 1. Schultag einen Elternbrief erhalten (---da ist er wieder, das zeitlose Dokument meiner innersten Wünsche an die Eltern), und da stand auch nochmal die Telefonnummer der Schule drin!“ „Das weiß ich doch, ich bin ja nicht blöd!“, pampt sie mich an. Ach ja richtig, gut dass sie mir das nochmal gesagt hat.
Das erste Elterngespräch „live und in Farbe“ fällt in diesem Schuljahr auf die reizende Familie Lang. Die haben bereits die Nerven eines Großteils meiner Kollegen verschlissen und sind allseits unbeliebt. Ich versuche mich trotzdem freundlich lächelnd zu nähern, merke aber schon beim Händeschütteln, dass ich besonders bei Mutter Lang auf wenig Gegenliebe stoße. Vater Lang ist da schon zugewandter, allerdings kann ich mich in seiner Gegenwart auch nicht richtig entspannen, denn der Gute steht kurz vor dem Exitus und sieht aus wie die Schweizer Flagge auf zwei holzigen Beinen: Seine Haare sind schneeweiß (hielt ihn erst für Pierres Großvater), sein Gesicht ist blutrot (inklusive Lippen) und er keucht auf dem Weg zum Besprechungsraum schon so, als befände er sich auf der Zielgeraden des Iron-Man im Himalaya-Gebirge. Ich mache mir ernsthaft Sorgen und überlege, wie ich meinen Team-Kollegen davon überzeugt kriege, dass es eindeutig in SEINEN Aufgabenbereich fällt, die Mund-zu-Mund-Beatmung zu übernehmen, wenn Herr Lang während des Gesprächs vom Stuhl fallen sollte. Fräulein Heffley ist beim Gespräch auch anwesend. Nervös dreht sie sich immer wieder zur Heizung um, um zu ermitteln woher die rasselnd-stöhnenden Geräusche kommen. Nein, es ist nicht die Heizung – es ist die Atmung von Herrn Lang. Das Gespräch führen wir „ganz sutsche“ -  man will ja nichts riskieren. Leider muss ich zwei Tage später mit der Mutter von Pierre telefonieren, um ihr von den neusten Schandtaten ihres Sohnes zu berichten (er hat auf dem Heimweg einen anderen Schüler angegriffen und diesem das T-Shirt zerrissen, so dass der mit nacktem Oberkörper und völlig verheult heimkam). Ich muss ihr leider mitteilen, dass die Schulleiterin deswegen ihren Sohn vom Unterricht ausgeschlossen hat. Da ich in dem Fall sowas wie die „Anti-Lottofee“ bin, brüllt mich Frau Lang völlig zu recht erstmal an und versucht mir klar zu machen: „Was soll ich denn mit dem hier zu Hause? Ne, der soll mal schön zu Ihnen in die Schule gehen! Auf mich hört der eh nicht. Der macht mir nur die Einrichtung kaputt, wenn der hier rumhängt. Und mein Mann kann sich auch nicht kümmern, der ist totkrank!“ Alles schlagkräftige Argumente, aber ich bleibe standhaft und gehe auf das verlockende Angebot ihren Sohn trotz Suspendierung zu betreuen, dann doch nicht ein.
 Mehr als ein irritiertes Kopfschütteln kann mir auch das Telefonat mit Familie Kork nicht entlocken. Vater Kork meldet sich mit den Worten: „Also, Sie müssen jetzt tätig werden!“ Ich weiß nicht sofort, was er meint, aber er klärt mich schnell auf: „Sven muss ins Heim. Zuhause geht es nicht mehr. Das müssen Sie dem Jugendamt klarmachen!“. Ich versuche ihn davon zu überzeugen, dass das seine und nicht meine Aufgabe ist, aber er lässt nicht locker: „Wir haben ja schon beim Jugendamt angerufen. Aber es war niemand da!“ „Jetzt müssen Sie tätig werden!“ „Herr Kork – Sie sollten es möglicherweise noch ein zweites Mal probieren, dort anzurufen, bevor Sie die Flinte ins Korn werfen (da steht er seinem Sohn in Sachen Frustrationstoleranz und Belastbarkeit übrigens in nichts nach) und dem Jugendamt klar machen, wie ernst die Situation bei Ihnen zu Hause ist!“ Darauf Herr Kork: „Das hab ich denen ja schon vor Längerem gesagt, dass es mit dem Sven nicht mehr geht. Die machen aber nur was, wenn es um Versorgung und so geht. Aber das hab ich denen auch schon gesagt: Es geht zuhause nicht mehr mit der Versorgung von Sven. Der frühstückt morgens nur eine Scheibe Toast, mehr nicht. Der ist nicht richtig versorgt. Das ist doch nicht normal, nur ein Toastbrot morgens. Ich hab schon mit seinem Kumpel gesprochen. Der frühstückt auch mehr. Ich versteht das nicht. Warum tut das Jugendamt denn nichts?“. Jetzt bin ich allerdings auch ratlos…. Dann klagt er mir noch sein Leid, sein Sohn solle künftig vom Schulbustransport ausgeschlossen werden, weil er „angeblich“ den Fahrer bespuckt hat. Aber das müsse ja erstmal noch geklärt werden… Jedenfalls hält er es für eine Zumutung, dass sein fast 15jähriger Sohn nun mit Bus und Straßenbahn zur Schule kommen soll. Da ich aber weiß, wie leicht Sven seine Eltern manipulieren kann, versuche ich diese Methode einfach auch mal und erkläre Herrn Kork die Vorteile einer solchen Fahrt mit Öffis: Keine „Assikinder“ (wie Herr Kork es immer ausdrückt) mehr, mit denen Sven auf engsten Raum klarkommen muss, die Chancen entspannt und ohne vorherigen Stress in der Schule anzukommen, steigen, usw. Herr Kork ist im Handumdrehen überzeugt und es fällt ihm noch ein weiteres Argument FÜR die Fahrt mit Öffis ein: „Außerdem kann der Sven dann immer am Hauptbahnhof beim Umsteigen noch n Snickers kaufen. Oder ich sag mal, ein Brötchen. Oder er kann sich n Kaffee kaufen und sich den hinter die Binde kippen, HAHAHHAA, oder er kauft sich………………..!“ Es folgen weitere Ausschmückungen des potenziellen morgendlichen Nahrungsangebots und ich muss wieder dran denken, „wie schlecht es doch um Svens Versorgung steht.“ Angeblich….! Wie auch immer – ich finde auch, das Jugendamt sollte eingreifen. Toastbrot hin oder her. (By the way: Frau Kork erzählt mir in einem späteren Telefonat, sie hätten dem Jugendamt nun auch schriftlich ihre Nöte mit Sven mitgeteilt. Und zwar „in fettgedruckter Schrift“, damit das Jugendamt auch sieht, wie ernst es ist…..! )
Nach diesem Telefonat bin ich dann fast froh, dass ich beim anschließenden Versuch, die Mutter von Don anzurufen, niemanden erreiche. Die Festnetznummer gilt nicht mehr, bei der einen Handynummer geht keiner ran und bei der anderen Handynummer meldet sich nur Gloria Gaynor und singt „I will survive“. Hm. Das triffts. Bei Familie Schulze geht’s schon seit langem nur noch um „ganz Basales“ > Hauptsache überleben!
Es werden noch zahlreiche weitere Gespräche in diesem Schuljahr folgen. Mal sehen, was an Kuriositäten noch auf uns wartet. Und auch die Elterngespräche der Kollegen dienen dem Unterhaltungsprogramm im Lehrerzimmer. Frau Seltsam und Frau Großstädter haben beispielsweise gestern ein Gespräch mit Murat und seiner Mutter geführt, das schließlich in der Frage mündete, warum Murats Mutter einen männlichen und keinen weiblichen Frauenarzt bevorzugt. Aber davon sollen die werten Kolleginnen mal lieber selbst berichten. Nachzulesen im Beitrag von Frau Seltsam....