Heute Morgen am Telefon im Lehrerzimmer:
„Guten Morgen, Frau Ogg! Hier spricht Wischniewsky! Frau Ogg – Bei uns Zuhause herrscht große Aufregung. Die Ballettschuhe meiner Tochter sind unauffindbar. Wir vermuten, dass sie sie in der Schule vergessen hat.“ Frau Ogg: „Oh, die Ballettschuhe sind weg? Hm……“
Die Kollegen, die in Frau Oggs Nähe im Lehrerzimmer sitzen und eben noch in
die allmorgendlichen Vorbereitungen vertieft waren, heben erstaunt die Köpfe
und lassen ihre Scheren, Stifte, Klassenbücher, Kaffeetassen sinken. Wie bitte?
Hat da wirklich gerade eine Mutter angerufen, deren Tochter BALLETTSCHUHE
besitzt? Keiner kann sich erinnern, dass bislang jemals das Wort „Ballettschuhe“
unter unserer Schülerschaft gefallen wäre. Ein Utensil, das bei uns keiner
kennt. Pah – „Ballettschuhe verschwunden“ ---was sind das denn für
Wohlstandssorgen? Soweit kommt´s noch, dass morgen die nächste Mutter anruft
und sich beschwert: „Mein Sohn hat die Violine bei Ihnen in der Schule stehen
lassen und nun kann er Zuhause nur Harfe üben“. Oder: „Unser Junior ist gerade
heimgekommen und wir mussten feststellen: Das Neuner-Eisen hat einen Kratzer!“
Nein, man kann unseren Schülern ja beileibe viele Probleme andichten, aber DAS
sind Nöte, die unsere Schüler wahrlich nicht kennen. Gott sei Dank!
Und weil wir keine Schüler mit dererlei Wohlstandssorgen haben, wäre es
auch nicht angemessen, ihnen mit den gängigen Wohlstandsmaßnahmen zu begegnen,
wie sie an den benachbarten Kaderschmieden der künftigen Bildungselite gerne praktiziert werden: Tadel, Klassenbucheinträge,
nach 3 Klassenbucheinträgen Brief an die Eltern und wer nicht perfekt
funktioniert, purzelt aus dem goldenen Bilderrahmen des dreigliedrigen
Schulsystems heraus und versinkt in den Förderschuluntiefen! Das Wort „Tadel“
versteht bei uns eh keiner, „Klassenbucheinträge“ wären etwa so wirksam wie dem
Papst ein Verhütungsmittel zu verschreiben und „Gespräche zu denen die Eltern
eingeladen sind“ haben unsere Schüler sowieso schon alle hinter sich. Deswegen
sind sie ja hier ----weil genau dieser bunte Strauß an pädagogischen Nettigkeiten
das in den Brunnen fallende Kind vom Ertrinken nicht retten konnte.
Is ja auch logisch: Wie soll ein Blumenstrauß das Wasserschlucken eindämmen?
Bei uns ist völlig klar: Wenn ein Kind ertrinkt – wirf ihm einen Rettungsring
zu!
Oder anders ausgedrückt: Finde den pädagogischen Schraubenschlüssel, der
zur Kragenweite des ABC-Schützen passt.
Und so werden wir nicht müde, uns passgenaue Maßnahmen aus den Fingern zu
saugen, mit denen wir das Verhalten der kleinen Quälgeister irgendwie positiv
beeinflussen können:
Sehr beliebt sind paradoxe Interventionen:
Ich erinnere mich da an das lebende Phlegma Chris, der vor ein paar Jahren
in die Klasse von Herrn Black und mir ging. Dem war wirklich alles zu
anstrengend. Gearbeitet hat er grundsätzlich nie, einen Stift rauszuholen,
hielt er für eine Zumutung und als ihm schwante, beim Mülleimer leeren könnten
Muskeln entstehen, widersetzte er sich auch da. Alleine – es bliebt uns ein
Rätsel, was ihn bewog weiterzuatmen!
Während seine Mutter und zahlreiche Lehrer an vorherigen Schulen mit
Verbissenheit und Superman-Power versuchten ihn anzuspornen, ihn schüttelten,
ihm im übertragenen und reellen Sinne in den Hintern traten und sich völlig
aufzehrten, während Dickhaut Chris sich noch entspannter zurücklehnte und
seinen Hintern genüsslich auf dem warmen Holzmöbel plattsaß, verfuhren wir ganz
anders: Eines Morgens stand ein großer, rotgepolsterter Ohrensessel, der aus
den Restbeständen König Alfons des Viertel vor Zwölften hätte stammen können,
in der Klasse. Und auf diesem Thron durfte sich Chris ausruhen. Keinen Finger
durfte er mehr krumm machen. Die Klasse und alle Lehrer huldigten seiner
Hochwohlgeboren. Arbeitsblätter wurden ihm erst garnichtmehr ausgehändigt,
wollte er essen, dann nur indem er gefüttert wurde –und auf den Pausenhof
durfte er natürlich auch nicht – man bedenke alleine das Treppensteigen und dann
der ganze Pöbel, der sich dort rumtreibt. In den Pausen wurde der Thron mit
Chris drauf einfach in den Vorraum geschoben und da konnte er dann der Sanduhr
beim Rieseln zuschauen, bis sich seine Gefolgschaft nach der Pause wieder
blicken ließ.
Es dauerte keine 2 Tage, da hatte der kleine Prinz von dieser Sonderrolle die
Schnauze gehörig voll. Er wollte behandelt werden wie die Anderen und nicht wie
ein rohes Ei in Watte. Am dritten Tag fing Chris an zu arbeiten….. Na, wer sagt´s
denn.
Ein Ableger der paradoxen Intervention sind Symptomverschreibungen:
Da hätten wir zum Beispiel Ryan. Ryan motzt und schimpft den ganzen Tag,
was das Zeug hält. Er regt sich über jede Kleinigkeit auf, legt die Stirn in
Falten und lässt seinem bildgewaltigen Wortschatz freien Lauf.
Ryan ist auch ein rechter Schwarzmaler --die Reinkarnation von Nostradamus
in Bluejeans und Sweatshirt. Er sieht stets einen nicht zu bewältigen Berg
Hausaufgaben auf sich zukommen, während der Lehrer noch nicht mal sicher ist,
ob es heute überhaupt Hausaufgaben gibt. Ryan vermutet schriftliche
Zusatzarbeiten, die der Lehrer nie im Sinn hatte. Und Ryan ist schon im Vorfeld
überzeugt davon, er werde bestimmt gleich ungerecht beurteilt werden, wo der Lehrer
von Benotung noch nicht mal geträumt hat. Das ist Ryan. Und jede Prophezeiung
ist von einer ausufernden Motzattacke belgeitet.
Nun werden wir einen Teufel tun und das hoffnungslose Unterfangen
einleiten, Ryan von diesen Schimpftiraden abzubringen. Wie heißt es schon so
schön im Lorenz´schen Handbuch der Zoologie: „Mach den Rohrspatz nicht zur
Singdrossel!“ –klau ihm nicht seine Bestimmung. Und so darf Ryan weitermotzen! Er
DARF nicht nur - er MUSS sogar. Und zwar genau einmal pro Unterrichtsstunde!
Das ist ein Befehl! Nicht mehr, aber auch nicht weniger!
Der Effekt: Ryan fängt an, seine Motzattacken bewusster wahrzunehmen. Er
reflektiert sich selbst und er teilt sich seine „Symptome“ besser ein.
Wohl dosiert in kleinen Häppchen lässt es sich dann auch für die Umliegenden
besser ertragen. Bald werden wir sicher den nächsten Schritt einleiten können: „Ich
motze 1 Mal pro Doppelstunde!“.
Ein sehr wirksames Mittelchen, quasi die Chemiekeule in unserem bunten Putzmittelarsenal
der pädagogischen Möglichkeiten ist die Methode „die Sprache des Schülers
sprechen“:
Dies eignet sich besonders gut bei Schülern, die den Sankt-Gotthard-Tunnel
in ihrem Hirnstüberl nur in eine Fahrtrichtung geöffnet haben und die pädagogischen
Vorträge, Anraunzer, Schimpftiraden oder nachdrücklichen Aufforderungen von
unserer Seite einfach nur so durchrauschen lassen. Manchmal ist nicht nur im
auditiven Kanal Sackgasse, sondern selbst Blickkontakt lässt sich nicht
herstellen. Begegnungen mit solchen Schülern empfinde ich persönlich als
besonders nervenaufreiben und anstrengend. Und meinen Kollegen wird es nicht
viel anders gehen. Denn wenn unsereins –also Knigge-Allmächtig- eins nicht
abkann, dann das Gefühl mit samt seiner wertvollen Marionettenstrippen, die er
so gerne in der Hand hält, ausgeknockt zu werden und die volle Ohnmacht seines
lächerlichen Tun und Treibens zu spüren bekommen.
Will man üben, in solchen Momenten den Sankt-Gotthard-Verwalter doch noch
zu erreichen, dann eignet sich die Klasse des Kollegen Mei ganz hervorragend,
denn dort ist quasi das Sammellager für die „Unantastbaren“. Ein besonders
hartnäckiger Fall ist Steffen. Der ist mit seinen zarten 13 schon ein
derartiger Koloss, das Kollege Mei angeregt hat, überprüfen zu lassen, ob die
Geburtsurkunde nicht doch eine Fälschung ist und der Gute vielleicht eher 17
Lenze zählt. Steffen ist so groß wie Kollege Winzig und Kollegin Klein
aufeinandergestapelt und wiegt so viel wie ein Sumoringer. Es ist also völlig
klar: Wenn der nicht hört, dann wird er auch nicht fühlen ----den trägt man
nicht mal eben so aus dem Klassenraum.
Situationen in denen man Steffen verbal nicht mehr erreicht und er etwa so
gut steuerbar ist, wie ein entfesselter Fesselballon, sind leider an der
Tagesordnung. Gestern zum Beispiel verweigerte er die Teilnahme am Unterricht
und verbarrikadierte sich im angrenzenden Förderraum. Dort stapelte er in einem
ohrenbetäubenden Lärm viele kleine Tische aufeinander, jonglierte sie mit
seinen Riesenpranken durch die Gegend, drehte sie mit den Tischplatten nach
vorne und entwarf eine Art modernes Kunstwerk, hinter das er sich verschanzte.
Dahinter liegend gab er laute Schießgeräusche von sich, die sich dank seines
stattlichen Resonanzkastens zu einem grollenden Donnern empor schraubten. Bei
uns im Klassenraum kam der Unterricht zum Erliegen. Die Lärmbelästigung war
einfach zu groß. Ich suchte das Gespräch mit Steffen, aber der hörte mich gar nicht.
Da half kein Wettern, kein Schreien, kein Flüstern, kein Schimpfen. Steffen war
ganz in sein Kriegsspiel vertieft. Offensichtlich lag er in einer Art Schützengraben
hinter einem Schießstand und schoss durch kleine Schlitze zwischen den
Tischplatten auf einen imaginären Feind. Ich wägte kurz ab, wie lächerlich ich
mich nun gleich machen würde, falls ein anderer Schüler mich beobachtete, nahm
dann Anlauf, tat einen Satz, der meinen alten Sportlehrer –Gott hab ihn selig-
stolz gemacht hätte, landete unsanft hinter der Tischburg, ließ mich auf die
Seite fallen und rollte über meine Längsachse bis an Steffen heran. „Wer ist
unser Feind, Steffen?“ Antwort: „Fräulein Leandros ist unser Feind!“ Juhu – ich hatte eine Antwort bekommen. Also
gleich noch einen nachlegen: „Welche Waffen stehen uns zur Verfügung?“ „Diese
hier!“ Und Steffen zückt eine Kellogg´s Packung mit Choco-Balls und gemeinsam
schossen wir auf einen Feind der nicht da war. Ich versuchte das Gespräch im
Schützengraben aufrecht zu erhalten und irgendwann konnte ich den Kadetten
überzeugen, dass die Front nun weitergerückt war und wir hinterher mussten. Und
wir verließen gemeinsam den Klassenraum Richtung Schulhof. Der Rest der Klasse
hatte seine Ruhe.
So – jetzt erzählen Sie mal einem handelsüblichen Gymnasiallehrer, er soll
so ne Maßnahme durchführen. Glauben Sie, der macht sich so zum Horst? Ne ne,
aufs Lächerlichmachen haben WIR das Monopol. Aber was soll´s – wenn´s wirkt??!
Und ganz ehrlich und mit einer angemessenen Portion Zerknirschtheit muss
ich zugeben: Wir hingegen hätten vermutlich keine Ahnung, wie man Situationen
löst, in denen es um verschwundene Violinen, Katzer im Neunereisen und
zerknautsche Tütüs geht. Da ist es doch gut, dass die Singdrosseln das machen,
was sie am besten können: Singen und die Rohrspatzen eben röhren. Und so hat
jeder seine Bestimmung in der artenreichen Vogelvolière der Pädagogik.