Heute war wieder so ein Tag- da sitzt man mittags im
Lehrerzimmer, tauscht sich mit den Kollegen über die kuriosen Vorkommnisse des
Vormittags aus und stellt fest: das glaubt einem kein Mensch außerhalb unseres
Etablissements!!
Frau Großstädter und ich erlebten unseren fulminanten Tagesbeginn
mit einem Elterngespräch der Extraklasse.
Murat, 13 Jahre alt, stets topmodisch gekleidet und gestylt,
hübsch anzusehen, dafür gar nicht hübsch anzuhören, stand pünktlich um 8 Uhr
auf der Matte mit seiner ebenso modisch ausstaffierten, kritisch blickenden
Mutter. Der Profi in uns wusste auf Anhieb: Vorsicht! Auf Krawall gebürstet!
Es stellte sich dann auch recht schnell raus- also nach dem
ersten Satz- dass der junge Mann mit Lehrerinnen immer wieder Probleme habe. Zuvor
war er ja bei Herrn Wald-Orff gewesen und davor bei Herrn Bromseklöten und niemals
nie habe es irgendwelche Beschwerden über den Jungen gegeben! Geradezu ein
Ausbund an Fleiß und gutem Benehmen sei er gewesen!
(Das muss ich wohl geträumt
haben- dass die genannten Kollegen während der letzten 5 Jahre oft genug ins Lehrerzimmer
gestolpert kamen- total abgenervt von Murat und heiser vom brüllen.)
Aber auf
der Grundschule, da sei sie auch gewesen- die LEHRERIN! Ständig habe es dort
Probleme gegeben! Und warum? Weil sie eine Frau ist- die LEHRERIN!
Mit Frauen, da kann der Murat nämlich nicht so… hingegen mit
Männern- alles easy! Null problemo! Nun also mit Frau Großstädter und mir- wenn
das nicht funktioniert mit Murat- das liegt daran, dass wir keine Männer
sind!!! Und die Frau Großstädter ist immer sooo streng! Das ist doch normal,
wenn man mal seine Hausaufgaben vergisst! Und wenn der Junge frech ist, dann
mit Grund! Niemals ist Murat ohne Grund frech! „Ich glaube an meinen Sohn!“
Frau
Großstädter ist so viel strenger als die Männer!
Ach so!! Ich frage
Murat:“ Hattest du auch mal Ärger mit Herrn Wald-Orff?“
Er: „Ja klar! Öfters!“
Ich: „ Hat er dich dann angemeckert?“
Er: „ Ja- und wie!“
Ich: „ Wie war das mit Herrn Bromseklöten? Auch mal Ärger
gehabt?“
Er: „Ja auch. Oft.“
Ich : „Und Frau Großstädter? Hat sie dich schon mal
angeschrien?“
Er. „ Angeschrien?? Nein! Noch nie!“
Muttermurat: „ Wie? Sie hat nie angeschrien?!“
Diese Verwirrungspause nutze ich. „Tja Murat, das ist ja furchtbar,
dass du nur mit Lehrern auskommst! Dann musst du wahrscheinlich auf eine andere
Schule wechseln- allerdings fällt mir gerade keine ein, an der gar keine Frauen
arbeiten! Auch keine Berufsschule!“
Schnell interveniert die Muratmutter und räumt ein, dass es
doch schon ein paar Frauen gäbe, mit denen ihr Filius zurecht kommt, z. B. mit
mir, Frau Seltsam.
Sie fragt: „Und wie geht das? Zwei Lehrerinnen in der Klasse! Und die
eine mag er und die andere nicht!“ Ich kläre sie auf, dass Frau Großstädter
zwar die Klassenlehrerin ist, ich aber gar keine Lehrerin. Was ich denn dann in
der Klasse mache, möchte sie wissen. Das Arbeitsfeld einer pädagogischen
Mitarbeiterin zu erklären fällt mir auf die Schnelle nicht leicht, also sage
ich: „Frau Großstädter unterrichtet und ich mache den Rest und was sonst noch
so anfällt!“ Okay, ein bisschen übertrieben vielleicht- Frau Großstädter würde
sich freuen, wenn ich den „ganzen Rest“ übernähme! Wie übertrieben das aber bei
der Mutter ankommt erfahre ich, als Murat noch mal genauer wissen möchte, was
ich mache. Darauf die gute Frau: „Da drüben sitzt deine Lehrerin. Die unterrichtet
dich. Und Frau Seltsam ist so wie ein Arzt- sie beobachtet dich und guckt, wie
es dir geht!“
Hossa! Ich bin fast ein Arzt!
Trotzdem erklärt sie uns noch mal ausführlich den Unterschied zwischen Männern und Frauen. Männer nämlich sind genauer. Und vorsichtiger! Und geduldiger! Und versuchen zu verstehen, was in anderen Köpfen los ist! Frauen sind einfach nicht so sensibel. Deswegen gehe sie ja auch zu einem Frauenarzt, nicht zu einer Ärztin!! (Darauf Murat erschrocken: " Du gehst zu einem Mann??")
Bin ich nun mehr Arzt oder Ärztin? Ich muss sie mal bei Gelegenheit fragen...
Später fragen wir noch nach Zielen für den Jungen. Die
Mutter: „Ich glaube an meinen Sohn!“
Dann die Frage, warum er nicht mehr im Fußballverein sei.
Sie ist erstaunt darüber, dass er Fußball im hochklassigen Verein gespielt hat
und ebenso erstaunt, dass er nun kein Fußball mehr spielt! „Wie finden sie es
denn, dass ihr Sohn jetzt nicht mehr Fußball spielt?“ Antwort: „Ich glaube an
meinen Sohn!“
„Meinen Sie, dass sie Murat mehr unterstützen können? Zum Beispiel
kontrollieren, ob er die Hausaufgaben gemacht hat?“ Antwort: „Was soll ich noch
alles machen? Ihn kontrollieren? Ich glaube an meinen Sohn!“
Wie gesagt- das war erst der Anfang heute.
Lassen sie mich durch- ich bin Arzt!!
...und damit hast du die Berechtigung, die alle McDreamys, Owens und Dr.Houses dieser Welt zu angeln. NEID!!!!!!
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