Dienstag, 2. Oktober 2012

"Ich glaube an meinen Sohn!"



Heute war wieder so ein Tag- da sitzt man mittags im Lehrerzimmer, tauscht sich mit den Kollegen über die kuriosen Vorkommnisse des Vormittags aus und stellt fest: das glaubt einem kein Mensch außerhalb unseres Etablissements!!
Frau Großstädter und ich erlebten unseren fulminanten Tagesbeginn mit einem Elterngespräch der Extraklasse.
Murat, 13 Jahre alt, stets topmodisch gekleidet und gestylt, hübsch anzusehen, dafür gar nicht hübsch anzuhören, stand pünktlich um 8 Uhr auf der Matte mit seiner ebenso modisch ausstaffierten, kritisch blickenden Mutter. Der Profi in uns wusste auf Anhieb: Vorsicht! Auf Krawall gebürstet!
Es stellte sich dann auch recht schnell raus- also nach dem ersten Satz- dass der junge Mann mit Lehrerinnen immer wieder Probleme habe. Zuvor war er ja bei Herrn Wald-Orff gewesen und davor bei Herrn Bromseklöten und niemals nie habe es irgendwelche Beschwerden über den Jungen gegeben! Geradezu ein Ausbund an Fleiß und gutem Benehmen sei er gewesen! 
(Das muss ich wohl geträumt haben- dass die genannten Kollegen während der letzten 5 Jahre oft genug ins Lehrerzimmer gestolpert kamen- total abgenervt von Murat und heiser vom brüllen.) 
Aber auf der Grundschule, da sei sie auch gewesen- die LEHRERIN! Ständig habe es dort Probleme gegeben! Und warum? Weil sie eine Frau ist- die LEHRERIN!
Mit Frauen, da kann der Murat nämlich nicht so… hingegen mit Männern- alles easy! Null problemo! Nun also mit Frau Großstädter und mir- wenn das nicht funktioniert mit Murat- das liegt daran, dass wir keine Männer sind!!! Und die Frau Großstädter ist immer sooo streng! Das ist doch normal, wenn man mal seine Hausaufgaben vergisst! Und wenn der Junge frech ist, dann mit Grund! Niemals ist Murat ohne Grund frech! „Ich glaube an meinen Sohn!“ 
Frau Großstädter ist so viel strenger als die Männer!
Ach so!!  Ich frage Murat:“ Hattest du auch mal Ärger mit Herrn Wald-Orff?“
Er: „Ja klar! Öfters!“
Ich: „ Hat er dich dann angemeckert?“
Er: „ Ja- und wie!“
Ich: „ Wie war das mit Herrn Bromseklöten? Auch mal Ärger gehabt?“
Er: „Ja auch. Oft.“
Ich : „Und Frau Großstädter? Hat sie dich schon mal angeschrien?“
Er. „ Angeschrien?? Nein! Noch nie!“
Muttermurat: „ Wie? Sie hat nie angeschrien?!“
Diese Verwirrungspause nutze ich. „Tja Murat, das ist ja furchtbar, dass du nur mit Lehrern auskommst! Dann musst du wahrscheinlich auf eine andere Schule wechseln- allerdings fällt mir gerade keine ein, an der gar keine Frauen arbeiten! Auch keine Berufsschule!“
Schnell interveniert die Muratmutter und räumt ein, dass es doch schon ein paar Frauen gäbe, mit denen ihr Filius zurecht kommt, z. B. mit mir, Frau Seltsam. 
Sie fragt: „Und wie geht das? Zwei Lehrerinnen in der Klasse! Und die eine mag er und die andere nicht!“ Ich kläre sie auf, dass Frau Großstädter zwar die Klassenlehrerin ist, ich aber gar keine Lehrerin. Was ich denn dann in der Klasse mache, möchte sie wissen. Das Arbeitsfeld einer pädagogischen Mitarbeiterin zu erklären fällt mir auf die Schnelle nicht leicht, also sage ich: „Frau Großstädter unterrichtet und ich mache den Rest und was sonst noch so anfällt!“ Okay, ein bisschen übertrieben vielleicht- Frau Großstädter würde sich freuen, wenn ich den „ganzen Rest“ übernähme! Wie übertrieben das aber bei der Mutter ankommt erfahre ich, als Murat noch mal genauer wissen möchte, was ich mache. Darauf die gute Frau: „Da drüben sitzt deine Lehrerin. Die unterrichtet dich. Und Frau Seltsam ist so wie ein Arzt- sie beobachtet dich und guckt, wie es dir geht!“
Hossa! Ich bin fast ein  Arzt!
Trotzdem erklärt sie uns noch mal ausführlich den Unterschied zwischen Männern und Frauen. Männer nämlich sind genauer. Und vorsichtiger! Und geduldiger! Und versuchen zu verstehen, was in anderen Köpfen los ist! Frauen sind einfach nicht so sensibel. Deswegen gehe sie ja auch zu einem Frauenarzt, nicht zu einer Ärztin!! (Darauf Murat erschrocken: " Du gehst zu einem Mann??")

Bin ich nun mehr Arzt oder Ärztin? Ich muss sie mal bei Gelegenheit fragen...

Später fragen wir noch nach Zielen für den Jungen. Die Mutter: „Ich glaube an meinen Sohn!“ 
Dann  die Frage, warum er nicht mehr im Fußballverein sei. Sie ist erstaunt darüber, dass er Fußball im hochklassigen Verein gespielt hat und ebenso erstaunt, dass er nun kein Fußball mehr spielt! „Wie finden sie es denn, dass ihr Sohn jetzt nicht mehr Fußball spielt?“ Antwort: „Ich glaube an meinen Sohn!“
„Meinen Sie, dass sie Murat mehr unterstützen können? Zum Beispiel kontrollieren, ob er die Hausaufgaben gemacht hat?“ Antwort: „Was soll ich noch alles machen? Ihn kontrollieren? Ich glaube an meinen Sohn!“
Wie gesagt- das war erst der Anfang heute.

Lassen sie mich durch- ich bin Arzt!!

1 Kommentar:

  1. ...und damit hast du die Berechtigung, die alle McDreamys, Owens und Dr.Houses dieser Welt zu angeln. NEID!!!!!!

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