Mittwoch, 3. Oktober 2012

Der Apfel fällt nicht weit vom Birnbaum



Über unsere Schüler schütteln wir ja häufig genug die Köpfe, greifen uns ans Hirn, erklären sie für bescheuert und können uns  über sie nur wundern. Aber der Apfel fällt bekanntlich nicht weit vom Birnbaum (oder wie dieses Sprichwort heißt) und so ist es nicht verwunderlich, dass die Gen-Spender zu unseren kleinen Rabauken offensichtlich häufig auch nicht alle Latten am Zaun, Knöpfe am Hemd, Borsten im Bart, oder wie auch immer, haben.
Dies zeigt sich unerbittlich in den diversen Elterngesprächen, die (leider???) fester Bestandteil unseres Pädagogenalltags sind:

Das erste Telefonat  in diesem Schuljahr führe ich mit der (erstaunlicherweise total netten) Mutter von Warren (nicht gerade ein Sympathieträger), da ihr Sohn sich seit dem ersten Tag unmöglich aufführt und ich mich darüber wundere, dass auf meine Eintragungen im Mitteilungsheft nie eine Reaktion von ihr kommt. Sie ist ganz erstaunt. „Wie, es gibt ein Mitteilungsheft? Warren hat gesagt, dieses Schuljahr gäbe es so etwas nicht mehr!“ „Aber Frau Hasenkorn, Sie haben doch am ersten Schultag einen Elternbrief erhalten, in dem ausdrücklich stand, Sie müssen JEDEN TAG das Mitteilungsheft lesen und unterschreiben!“ „Ach so ja, den Brief hab ich gesehen, aber Warren hat mir gesagt, das wäre ein Elternbrief vom letzten Schuljahr, der würde nicht mehr gelten…..!“ Ne, is klar – überhaupt gilt auch sonst in diesem Schuljahr nichts mehr, was früher mal gegolten hat: Es gibt dieses Jahr keine Zensuren, die Schüler können machen was sie wollen und wenn ich die Schnauze voll hab, fahr ich einfach auch 2 Wochen früher in die Ferien! ………………
Im nächsten Telefonat, das ich dieses Schuljahr führe, will ich mich nur ganz freundlich bei der Mutter von Goran erkundigen, warum er heute nicht zur Schule gekommen ist. Meine (wirklich hollywoodreif gemimte) Besorgnis scheint sie nicht zu berühren. Jedenfalls schnauzt sie mich sofort an: „Der hat sich doch gestern BEI IHNEN verletzt“. Ich lasse kurz die zahlreichen Verwundeten des gestrigen Tages über meine innere Kinoleinwand gleiten und komme aber dann zu dem Schluss, dass ich mich an nichts erinnern kann. Es stellt sich heraus, dass er sich wohl beim Sportunterricht des Kollegen das Knie aufgeschlagen hat. Daraufhin hat Mama Goran beschlossen: Heute solle er sich besser mal ausruhen. Im Prinzip völlig okay für mich, versichere ich ihr (und das noch nicht mal geheuchelt, denn Goran nervt echt tierisch), aber es wäre trotzdem wichtig, dass sie ihn an solchen Tagen dann auch krank meldet, denn sonst wäre es ein unentschuldigter Fehltag. Darauf Mama Goran: „Ja, wollte ich ja, aber ich hatte die Telefonnummer der Schule nicht!“ (Goran geht übrigens seit mindestens 3 Jahren auf unser nettes Brettergymnasium). „Aber Mama Goran, Sie haben doch am 1. Schultag einen Elternbrief erhalten (---da ist er wieder, das zeitlose Dokument meiner innersten Wünsche an die Eltern), und da stand auch nochmal die Telefonnummer der Schule drin!“ „Das weiß ich doch, ich bin ja nicht blöd!“, pampt sie mich an. Ach ja richtig, gut dass sie mir das nochmal gesagt hat.
Das erste Elterngespräch „live und in Farbe“ fällt in diesem Schuljahr auf die reizende Familie Lang. Die haben bereits die Nerven eines Großteils meiner Kollegen verschlissen und sind allseits unbeliebt. Ich versuche mich trotzdem freundlich lächelnd zu nähern, merke aber schon beim Händeschütteln, dass ich besonders bei Mutter Lang auf wenig Gegenliebe stoße. Vater Lang ist da schon zugewandter, allerdings kann ich mich in seiner Gegenwart auch nicht richtig entspannen, denn der Gute steht kurz vor dem Exitus und sieht aus wie die Schweizer Flagge auf zwei holzigen Beinen: Seine Haare sind schneeweiß (hielt ihn erst für Pierres Großvater), sein Gesicht ist blutrot (inklusive Lippen) und er keucht auf dem Weg zum Besprechungsraum schon so, als befände er sich auf der Zielgeraden des Iron-Man im Himalaya-Gebirge. Ich mache mir ernsthaft Sorgen und überlege, wie ich meinen Team-Kollegen davon überzeugt kriege, dass es eindeutig in SEINEN Aufgabenbereich fällt, die Mund-zu-Mund-Beatmung zu übernehmen, wenn Herr Lang während des Gesprächs vom Stuhl fallen sollte. Fräulein Heffley ist beim Gespräch auch anwesend. Nervös dreht sie sich immer wieder zur Heizung um, um zu ermitteln woher die rasselnd-stöhnenden Geräusche kommen. Nein, es ist nicht die Heizung – es ist die Atmung von Herrn Lang. Das Gespräch führen wir „ganz sutsche“ -  man will ja nichts riskieren. Leider muss ich zwei Tage später mit der Mutter von Pierre telefonieren, um ihr von den neusten Schandtaten ihres Sohnes zu berichten (er hat auf dem Heimweg einen anderen Schüler angegriffen und diesem das T-Shirt zerrissen, so dass der mit nacktem Oberkörper und völlig verheult heimkam). Ich muss ihr leider mitteilen, dass die Schulleiterin deswegen ihren Sohn vom Unterricht ausgeschlossen hat. Da ich in dem Fall sowas wie die „Anti-Lottofee“ bin, brüllt mich Frau Lang völlig zu recht erstmal an und versucht mir klar zu machen: „Was soll ich denn mit dem hier zu Hause? Ne, der soll mal schön zu Ihnen in die Schule gehen! Auf mich hört der eh nicht. Der macht mir nur die Einrichtung kaputt, wenn der hier rumhängt. Und mein Mann kann sich auch nicht kümmern, der ist totkrank!“ Alles schlagkräftige Argumente, aber ich bleibe standhaft und gehe auf das verlockende Angebot ihren Sohn trotz Suspendierung zu betreuen, dann doch nicht ein.
 Mehr als ein irritiertes Kopfschütteln kann mir auch das Telefonat mit Familie Kork nicht entlocken. Vater Kork meldet sich mit den Worten: „Also, Sie müssen jetzt tätig werden!“ Ich weiß nicht sofort, was er meint, aber er klärt mich schnell auf: „Sven muss ins Heim. Zuhause geht es nicht mehr. Das müssen Sie dem Jugendamt klarmachen!“. Ich versuche ihn davon zu überzeugen, dass das seine und nicht meine Aufgabe ist, aber er lässt nicht locker: „Wir haben ja schon beim Jugendamt angerufen. Aber es war niemand da!“ „Jetzt müssen Sie tätig werden!“ „Herr Kork – Sie sollten es möglicherweise noch ein zweites Mal probieren, dort anzurufen, bevor Sie die Flinte ins Korn werfen (da steht er seinem Sohn in Sachen Frustrationstoleranz und Belastbarkeit übrigens in nichts nach) und dem Jugendamt klar machen, wie ernst die Situation bei Ihnen zu Hause ist!“ Darauf Herr Kork: „Das hab ich denen ja schon vor Längerem gesagt, dass es mit dem Sven nicht mehr geht. Die machen aber nur was, wenn es um Versorgung und so geht. Aber das hab ich denen auch schon gesagt: Es geht zuhause nicht mehr mit der Versorgung von Sven. Der frühstückt morgens nur eine Scheibe Toast, mehr nicht. Der ist nicht richtig versorgt. Das ist doch nicht normal, nur ein Toastbrot morgens. Ich hab schon mit seinem Kumpel gesprochen. Der frühstückt auch mehr. Ich versteht das nicht. Warum tut das Jugendamt denn nichts?“. Jetzt bin ich allerdings auch ratlos…. Dann klagt er mir noch sein Leid, sein Sohn solle künftig vom Schulbustransport ausgeschlossen werden, weil er „angeblich“ den Fahrer bespuckt hat. Aber das müsse ja erstmal noch geklärt werden… Jedenfalls hält er es für eine Zumutung, dass sein fast 15jähriger Sohn nun mit Bus und Straßenbahn zur Schule kommen soll. Da ich aber weiß, wie leicht Sven seine Eltern manipulieren kann, versuche ich diese Methode einfach auch mal und erkläre Herrn Kork die Vorteile einer solchen Fahrt mit Öffis: Keine „Assikinder“ (wie Herr Kork es immer ausdrückt) mehr, mit denen Sven auf engsten Raum klarkommen muss, die Chancen entspannt und ohne vorherigen Stress in der Schule anzukommen, steigen, usw. Herr Kork ist im Handumdrehen überzeugt und es fällt ihm noch ein weiteres Argument FÜR die Fahrt mit Öffis ein: „Außerdem kann der Sven dann immer am Hauptbahnhof beim Umsteigen noch n Snickers kaufen. Oder ich sag mal, ein Brötchen. Oder er kann sich n Kaffee kaufen und sich den hinter die Binde kippen, HAHAHHAA, oder er kauft sich………………..!“ Es folgen weitere Ausschmückungen des potenziellen morgendlichen Nahrungsangebots und ich muss wieder dran denken, „wie schlecht es doch um Svens Versorgung steht.“ Angeblich….! Wie auch immer – ich finde auch, das Jugendamt sollte eingreifen. Toastbrot hin oder her. (By the way: Frau Kork erzählt mir in einem späteren Telefonat, sie hätten dem Jugendamt nun auch schriftlich ihre Nöte mit Sven mitgeteilt. Und zwar „in fettgedruckter Schrift“, damit das Jugendamt auch sieht, wie ernst es ist…..! )
Nach diesem Telefonat bin ich dann fast froh, dass ich beim anschließenden Versuch, die Mutter von Don anzurufen, niemanden erreiche. Die Festnetznummer gilt nicht mehr, bei der einen Handynummer geht keiner ran und bei der anderen Handynummer meldet sich nur Gloria Gaynor und singt „I will survive“. Hm. Das triffts. Bei Familie Schulze geht’s schon seit langem nur noch um „ganz Basales“ > Hauptsache überleben!
Es werden noch zahlreiche weitere Gespräche in diesem Schuljahr folgen. Mal sehen, was an Kuriositäten noch auf uns wartet. Und auch die Elterngespräche der Kollegen dienen dem Unterhaltungsprogramm im Lehrerzimmer. Frau Seltsam und Frau Großstädter haben beispielsweise gestern ein Gespräch mit Murat und seiner Mutter geführt, das schließlich in der Frage mündete, warum Murats Mutter einen männlichen und keinen weiblichen Frauenarzt bevorzugt. Aber davon sollen die werten Kolleginnen mal lieber selbst berichten. Nachzulesen im Beitrag von Frau Seltsam....



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.