Über unsere Schüler schütteln wir ja häufig genug die Köpfe, greifen uns ans
Hirn, erklären sie für bescheuert und können uns über sie nur wundern. Aber der Apfel fällt
bekanntlich nicht weit vom Birnbaum (oder wie dieses Sprichwort heißt) und so
ist es nicht verwunderlich, dass die Gen-Spender zu unseren kleinen Rabauken
offensichtlich häufig auch nicht alle Latten am Zaun, Knöpfe am Hemd, Borsten im
Bart, oder wie auch immer, haben.
Dies zeigt sich unerbittlich in den diversen Elterngesprächen, die
(leider???) fester Bestandteil unseres Pädagogenalltags sind:
Das erste Telefonat in diesem
Schuljahr führe ich mit der (erstaunlicherweise total netten) Mutter von Warren
(nicht gerade ein Sympathieträger), da ihr Sohn sich seit dem ersten Tag
unmöglich aufführt und ich mich darüber wundere, dass auf meine Eintragungen im
Mitteilungsheft nie eine Reaktion von ihr kommt. Sie ist ganz erstaunt. „Wie,
es gibt ein Mitteilungsheft? Warren hat gesagt, dieses Schuljahr gäbe es so etwas
nicht mehr!“ „Aber Frau Hasenkorn, Sie haben doch am ersten Schultag einen
Elternbrief erhalten, in dem ausdrücklich stand, Sie müssen JEDEN TAG das
Mitteilungsheft lesen und unterschreiben!“ „Ach so ja, den Brief hab ich
gesehen, aber Warren hat mir gesagt, das wäre ein Elternbrief vom letzten
Schuljahr, der würde nicht mehr gelten…..!“ Ne, is klar – überhaupt gilt auch
sonst in diesem Schuljahr nichts mehr, was früher mal gegolten hat: Es gibt
dieses Jahr keine Zensuren, die Schüler können machen was sie wollen und wenn
ich die Schnauze voll hab, fahr ich einfach auch 2 Wochen früher in die Ferien!
………………
Im nächsten Telefonat, das ich dieses Schuljahr führe, will ich mich nur
ganz freundlich bei der Mutter von Goran erkundigen, warum er heute nicht zur
Schule gekommen ist. Meine (wirklich hollywoodreif gemimte) Besorgnis scheint
sie nicht zu berühren. Jedenfalls schnauzt sie mich sofort an: „Der hat sich
doch gestern BEI IHNEN verletzt“. Ich lasse kurz die zahlreichen Verwundeten
des gestrigen Tages über meine innere Kinoleinwand gleiten und komme aber dann
zu dem Schluss, dass ich mich an nichts erinnern kann. Es stellt sich heraus,
dass er sich wohl beim Sportunterricht des Kollegen das Knie aufgeschlagen hat.
Daraufhin hat Mama Goran beschlossen: Heute solle er sich besser mal ausruhen.
Im Prinzip völlig okay für mich, versichere ich ihr (und das noch nicht mal
geheuchelt, denn Goran nervt echt tierisch), aber es wäre trotzdem wichtig,
dass sie ihn an solchen Tagen dann auch krank meldet, denn sonst wäre es ein
unentschuldigter Fehltag. Darauf Mama Goran: „Ja, wollte ich ja, aber ich hatte
die Telefonnummer der Schule nicht!“ (Goran geht übrigens seit mindestens 3
Jahren auf unser nettes Brettergymnasium). „Aber Mama Goran, Sie haben doch am
1. Schultag einen Elternbrief erhalten (---da ist er wieder, das zeitlose
Dokument meiner innersten Wünsche an die Eltern), und da stand auch nochmal die
Telefonnummer der Schule drin!“ „Das weiß ich doch, ich bin ja nicht blöd!“,
pampt sie mich an. Ach ja richtig, gut dass sie mir das nochmal gesagt hat.
Das erste Elterngespräch „live und in Farbe“ fällt in diesem Schuljahr auf
die reizende Familie Lang. Die haben bereits die Nerven eines Großteils meiner
Kollegen verschlissen und sind allseits unbeliebt. Ich versuche mich trotzdem
freundlich lächelnd zu nähern, merke aber schon beim Händeschütteln, dass ich
besonders bei Mutter Lang auf wenig Gegenliebe stoße. Vater Lang ist da schon
zugewandter, allerdings kann ich mich in seiner Gegenwart auch nicht richtig
entspannen, denn der Gute steht kurz vor dem Exitus und sieht aus wie die
Schweizer Flagge auf zwei holzigen Beinen: Seine Haare sind schneeweiß (hielt
ihn erst für Pierres Großvater), sein Gesicht ist blutrot (inklusive Lippen)
und er keucht auf dem Weg zum Besprechungsraum schon so, als befände er sich auf der Zielgeraden des Iron-Man im Himalaya-Gebirge. Ich mache mir ernsthaft Sorgen und überlege,
wie ich meinen Team-Kollegen davon überzeugt kriege, dass es eindeutig in SEINEN
Aufgabenbereich fällt, die Mund-zu-Mund-Beatmung zu übernehmen, wenn Herr Lang
während des Gesprächs vom Stuhl fallen sollte. Fräulein Heffley ist beim
Gespräch auch anwesend. Nervös dreht sie sich immer wieder zur Heizung um, um
zu ermitteln woher die rasselnd-stöhnenden Geräusche kommen. Nein, es ist nicht
die Heizung – es ist die Atmung von Herrn Lang. Das Gespräch führen wir „ganz
sutsche“ - man will ja nichts riskieren.
Leider muss ich zwei Tage später mit der Mutter von Pierre telefonieren, um ihr
von den neusten Schandtaten ihres Sohnes zu berichten (er hat auf dem Heimweg
einen anderen Schüler angegriffen und diesem das T-Shirt zerrissen, so dass der
mit nacktem Oberkörper und völlig verheult heimkam). Ich muss ihr leider
mitteilen, dass die Schulleiterin deswegen ihren Sohn vom Unterricht ausgeschlossen
hat. Da ich in dem Fall sowas wie die „Anti-Lottofee“ bin, brüllt mich Frau Lang
völlig zu recht erstmal an und versucht mir klar zu machen: „Was soll ich denn
mit dem hier zu Hause? Ne, der soll mal schön zu Ihnen in die Schule gehen! Auf
mich hört der eh nicht. Der macht mir nur die Einrichtung kaputt, wenn der hier
rumhängt. Und mein Mann kann sich auch nicht kümmern, der ist totkrank!“ Alles
schlagkräftige Argumente, aber ich bleibe standhaft und gehe auf das
verlockende Angebot ihren Sohn trotz Suspendierung zu betreuen, dann doch nicht
ein.
Mehr als ein irritiertes
Kopfschütteln kann mir auch das Telefonat mit Familie Kork nicht entlocken.
Vater Kork meldet sich mit den Worten: „Also, Sie müssen jetzt tätig werden!“
Ich weiß nicht sofort, was er meint, aber er klärt mich schnell auf: „Sven muss
ins Heim. Zuhause geht es nicht mehr. Das müssen Sie dem Jugendamt klarmachen!“.
Ich versuche ihn davon zu überzeugen, dass das seine und nicht meine Aufgabe
ist, aber er lässt nicht locker: „Wir haben ja schon beim Jugendamt angerufen.
Aber es war niemand da!“ „Jetzt müssen Sie tätig werden!“ „Herr Kork – Sie sollten
es möglicherweise noch ein zweites Mal probieren, dort anzurufen, bevor Sie die
Flinte ins Korn werfen (da steht er seinem Sohn in Sachen Frustrationstoleranz
und Belastbarkeit übrigens in nichts nach) und dem Jugendamt klar machen, wie ernst
die Situation bei Ihnen zu Hause ist!“ Darauf Herr Kork: „Das hab ich denen ja
schon vor Längerem gesagt, dass es mit dem Sven nicht mehr geht. Die machen
aber nur was, wenn es um Versorgung und so geht. Aber das hab ich denen auch
schon gesagt: Es geht zuhause nicht mehr mit der Versorgung von Sven. Der
frühstückt morgens nur eine Scheibe Toast, mehr nicht. Der ist nicht richtig
versorgt. Das ist doch nicht normal, nur ein Toastbrot morgens. Ich hab schon
mit seinem Kumpel gesprochen. Der frühstückt auch mehr. Ich versteht das nicht.
Warum tut das Jugendamt denn nichts?“. Jetzt bin ich allerdings auch ratlos…. Dann
klagt er mir noch sein Leid, sein Sohn solle künftig vom Schulbustransport
ausgeschlossen werden, weil er „angeblich“ den Fahrer bespuckt hat. Aber das
müsse ja erstmal noch geklärt werden… Jedenfalls hält er es für eine Zumutung,
dass sein fast 15jähriger Sohn nun mit Bus und Straßenbahn zur Schule kommen
soll. Da ich aber weiß, wie leicht Sven seine Eltern manipulieren kann,
versuche ich diese Methode einfach auch mal und erkläre Herrn Kork die Vorteile
einer solchen Fahrt mit Öffis: Keine „Assikinder“ (wie Herr Kork es immer
ausdrückt) mehr, mit denen Sven auf engsten Raum klarkommen muss, die Chancen
entspannt und ohne vorherigen Stress in der Schule anzukommen, steigen, usw. Herr
Kork ist im Handumdrehen überzeugt und es fällt ihm noch ein weiteres Argument
FÜR die Fahrt mit Öffis ein: „Außerdem kann der Sven dann immer am Hauptbahnhof
beim Umsteigen noch n Snickers kaufen. Oder ich sag mal, ein Brötchen. Oder er
kann sich n Kaffee kaufen und sich den hinter die Binde kippen, HAHAHHAA, oder
er kauft sich………………..!“ Es folgen weitere Ausschmückungen des potenziellen
morgendlichen Nahrungsangebots und ich muss wieder dran denken, „wie schlecht
es doch um Svens Versorgung steht.“ Angeblich….! Wie auch immer – ich finde
auch, das Jugendamt sollte eingreifen. Toastbrot hin oder her. (By the way:
Frau Kork erzählt mir in einem späteren Telefonat, sie hätten dem Jugendamt nun auch
schriftlich ihre Nöte mit Sven mitgeteilt. Und zwar „in fettgedruckter Schrift“,
damit das Jugendamt auch sieht, wie ernst es ist…..! )
Nach diesem Telefonat bin ich dann fast froh, dass ich beim anschließenden
Versuch, die Mutter von Don anzurufen, niemanden erreiche. Die Festnetznummer
gilt nicht mehr, bei der einen Handynummer geht keiner ran und bei der anderen
Handynummer meldet sich nur Gloria Gaynor und singt „I will survive“. Hm. Das
triffts. Bei Familie Schulze geht’s schon seit langem nur noch um „ganz Basales“
> Hauptsache überleben!
Es werden noch zahlreiche weitere Gespräche in diesem Schuljahr folgen. Mal
sehen, was an Kuriositäten noch auf uns wartet. Und auch die Elterngespräche
der Kollegen dienen dem Unterhaltungsprogramm im Lehrerzimmer. Frau Seltsam und
Frau Großstädter haben beispielsweise gestern ein Gespräch mit Murat und seiner
Mutter geführt, das schließlich in der Frage mündete, warum Murats Mutter einen
männlichen und keinen weiblichen Frauenarzt bevorzugt. Aber davon sollen die
werten Kolleginnen mal lieber selbst berichten. Nachzulesen im Beitrag von Frau Seltsam....
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