Mittwoch, 17. Oktober 2012

Wohlstandsprobleme erfordern Wohlstandsmaßnahmen


Heute Morgen am Telefon im Lehrerzimmer: 
„Guten Morgen, Frau Ogg! Hier spricht Wischniewsky! Frau Ogg – Bei uns Zuhause herrscht große Aufregung. Die Ballettschuhe meiner Tochter sind unauffindbar. Wir vermuten, dass sie sie in der Schule vergessen hat.“ Frau Ogg: „Oh, die Ballettschuhe sind weg? Hm……“ 
Die Kollegen, die in Frau Oggs Nähe im Lehrerzimmer sitzen und eben noch in die allmorgendlichen Vorbereitungen vertieft waren, heben erstaunt die Köpfe und lassen ihre Scheren, Stifte, Klassenbücher, Kaffeetassen sinken. Wie bitte? Hat da wirklich gerade eine Mutter angerufen, deren Tochter BALLETTSCHUHE besitzt? Keiner kann sich erinnern, dass bislang jemals das Wort „Ballettschuhe“ unter unserer Schülerschaft gefallen wäre. Ein Utensil, das bei uns keiner kennt. Pah – „Ballettschuhe verschwunden“ ---was sind das denn für Wohlstandssorgen? Soweit kommt´s noch, dass morgen die nächste Mutter anruft und sich beschwert: „Mein Sohn hat die Violine bei Ihnen in der Schule stehen lassen und nun kann er Zuhause nur Harfe üben“. Oder: „Unser Junior ist gerade heimgekommen und wir mussten feststellen: Das Neuner-Eisen hat einen Kratzer!“ Nein, man kann unseren Schülern ja beileibe viele Probleme andichten, aber DAS sind Nöte, die unsere Schüler wahrlich nicht kennen. Gott sei Dank!
Und weil wir keine Schüler mit dererlei Wohlstandssorgen haben, wäre es auch nicht angemessen, ihnen mit den gängigen Wohlstandsmaßnahmen zu begegnen, wie sie an den benachbarten Kaderschmieden der künftigen Bildungselite  gerne praktiziert werden: Tadel, Klassenbucheinträge, nach 3 Klassenbucheinträgen Brief an die Eltern und wer nicht perfekt funktioniert, purzelt aus dem goldenen Bilderrahmen des dreigliedrigen Schulsystems heraus und versinkt in den Förderschuluntiefen! Das Wort „Tadel“ versteht bei uns eh keiner, „Klassenbucheinträge“ wären etwa so wirksam wie dem Papst ein Verhütungsmittel zu verschreiben und „Gespräche zu denen die Eltern eingeladen sind“ haben unsere Schüler sowieso schon alle hinter sich. Deswegen sind sie ja hier ----weil genau dieser bunte Strauß an pädagogischen Nettigkeiten das in den Brunnen fallende Kind vom Ertrinken nicht retten konnte.
Is ja auch logisch: Wie soll ein Blumenstrauß das Wasserschlucken eindämmen? Bei uns ist völlig klar: Wenn ein Kind ertrinkt – wirf ihm einen Rettungsring zu!
Oder anders ausgedrückt: Finde den pädagogischen Schraubenschlüssel, der zur Kragenweite des ABC-Schützen passt.

Und so werden wir nicht müde, uns passgenaue Maßnahmen aus den Fingern zu saugen, mit denen wir das Verhalten der kleinen Quälgeister irgendwie positiv beeinflussen können:

Sehr beliebt sind paradoxe Interventionen:
Ich erinnere mich da an das lebende Phlegma Chris, der vor ein paar Jahren in die Klasse von Herrn Black und mir ging. Dem war wirklich alles zu anstrengend. Gearbeitet hat er grundsätzlich nie, einen Stift rauszuholen, hielt er für eine Zumutung und als ihm schwante, beim Mülleimer leeren könnten Muskeln entstehen, widersetzte er sich auch da. Alleine – es bliebt uns ein Rätsel, was ihn bewog weiterzuatmen!
Während seine Mutter und zahlreiche Lehrer an vorherigen Schulen mit Verbissenheit und Superman-Power versuchten ihn anzuspornen, ihn schüttelten, ihm im übertragenen und reellen Sinne in den Hintern traten und sich völlig aufzehrten, während Dickhaut Chris sich noch entspannter zurücklehnte und seinen Hintern genüsslich auf dem warmen Holzmöbel plattsaß, verfuhren wir ganz anders: Eines Morgens stand ein großer, rotgepolsterter Ohrensessel, der aus den Restbeständen König Alfons des Viertel vor Zwölften hätte stammen können, in der Klasse. Und auf diesem Thron durfte sich Chris ausruhen. Keinen Finger durfte er mehr krumm machen. Die Klasse und alle Lehrer huldigten seiner Hochwohlgeboren. Arbeitsblätter wurden ihm erst garnichtmehr ausgehändigt, wollte er essen, dann nur indem er gefüttert wurde –und auf den Pausenhof durfte er natürlich auch nicht – man bedenke alleine das Treppensteigen und dann der ganze Pöbel, der sich dort rumtreibt. In den Pausen wurde der Thron mit Chris drauf einfach in den Vorraum geschoben und da konnte er dann der Sanduhr beim Rieseln zuschauen, bis sich seine Gefolgschaft nach der Pause wieder blicken ließ.
Es dauerte keine 2 Tage, da hatte der kleine Prinz von dieser Sonderrolle die Schnauze gehörig voll. Er wollte behandelt werden wie die Anderen und nicht wie ein rohes Ei in Watte. Am dritten Tag fing Chris an zu arbeiten….. Na, wer sagt´s denn.

Ein Ableger der paradoxen Intervention sind Symptomverschreibungen:
Da hätten wir zum Beispiel Ryan. Ryan motzt und schimpft den ganzen Tag, was das Zeug hält. Er regt sich über jede Kleinigkeit auf, legt die Stirn in Falten und lässt seinem bildgewaltigen Wortschatz freien Lauf.
Ryan ist auch ein rechter Schwarzmaler --die Reinkarnation von Nostradamus in Bluejeans und Sweatshirt. Er sieht stets einen nicht zu bewältigen Berg Hausaufgaben auf sich zukommen, während der Lehrer noch nicht mal sicher ist, ob es heute überhaupt Hausaufgaben gibt. Ryan vermutet schriftliche Zusatzarbeiten, die der Lehrer nie im Sinn hatte. Und Ryan ist schon im Vorfeld überzeugt davon, er werde bestimmt gleich ungerecht beurteilt werden, wo der Lehrer von Benotung noch nicht mal geträumt hat. Das ist Ryan. Und jede Prophezeiung ist von einer ausufernden Motzattacke belgeitet.
Nun werden wir einen Teufel tun und das hoffnungslose Unterfangen einleiten, Ryan von diesen Schimpftiraden abzubringen. Wie heißt es schon so schön im Lorenz´schen Handbuch der Zoologie: „Mach den Rohrspatz nicht zur Singdrossel!“ –klau ihm nicht seine Bestimmung. Und so darf Ryan weitermotzen! Er DARF nicht nur - er MUSS sogar. Und zwar genau einmal pro Unterrichtsstunde! Das ist ein Befehl! Nicht mehr, aber auch nicht weniger!
Der Effekt: Ryan fängt an, seine Motzattacken bewusster wahrzunehmen. Er reflektiert sich selbst und er teilt sich seine „Symptome“ besser ein. Wohl dosiert in kleinen Häppchen lässt es sich dann auch für die Umliegenden besser ertragen. Bald werden wir sicher den nächsten Schritt einleiten können: „Ich motze 1 Mal pro Doppelstunde!“.

Ein sehr wirksames Mittelchen, quasi die Chemiekeule in unserem bunten Putzmittelarsenal der pädagogischen Möglichkeiten ist die Methode „die Sprache des Schülers sprechen“:
Dies eignet sich besonders gut bei Schülern, die den Sankt-Gotthard-Tunnel in ihrem Hirnstüberl nur in eine Fahrtrichtung geöffnet haben und die pädagogischen Vorträge, Anraunzer, Schimpftiraden oder nachdrücklichen Aufforderungen von unserer Seite einfach nur so durchrauschen lassen. Manchmal ist nicht nur im auditiven Kanal Sackgasse, sondern selbst Blickkontakt lässt sich nicht herstellen. Begegnungen mit solchen Schülern empfinde ich persönlich als besonders nervenaufreiben und anstrengend. Und meinen Kollegen wird es nicht viel anders gehen. Denn wenn unsereins –also Knigge-Allmächtig- eins nicht abkann, dann das Gefühl mit samt seiner wertvollen Marionettenstrippen, die er so gerne in der Hand hält, ausgeknockt zu werden und die volle Ohnmacht seines lächerlichen Tun und Treibens zu spüren bekommen.
Will man üben, in solchen Momenten den Sankt-Gotthard-Verwalter doch noch zu erreichen, dann eignet sich die Klasse des Kollegen Mei ganz hervorragend, denn dort ist quasi das Sammellager für die „Unantastbaren“. Ein besonders hartnäckiger Fall ist Steffen. Der ist mit seinen zarten 13 schon ein derartiger Koloss, das Kollege Mei angeregt hat, überprüfen zu lassen, ob die Geburtsurkunde nicht doch eine Fälschung ist und der Gute vielleicht eher 17 Lenze zählt. Steffen ist so groß wie Kollege Winzig und Kollegin Klein aufeinandergestapelt und wiegt so viel wie ein Sumoringer. Es ist also völlig klar: Wenn der nicht hört, dann wird er auch nicht fühlen ----den trägt man nicht mal eben so aus dem Klassenraum.
Situationen in denen man Steffen verbal nicht mehr erreicht und er etwa so gut steuerbar ist, wie ein entfesselter Fesselballon, sind leider an der Tagesordnung. Gestern zum Beispiel verweigerte er die Teilnahme am Unterricht und verbarrikadierte sich im angrenzenden Förderraum. Dort stapelte er in einem ohrenbetäubenden Lärm viele kleine Tische aufeinander, jonglierte sie mit seinen Riesenpranken durch die Gegend, drehte sie mit den Tischplatten nach vorne und entwarf eine Art modernes Kunstwerk, hinter das er sich verschanzte. Dahinter liegend gab er laute Schießgeräusche von sich, die sich dank seines stattlichen Resonanzkastens zu einem grollenden Donnern empor schraubten. Bei uns im Klassenraum kam der Unterricht zum Erliegen. Die Lärmbelästigung war einfach zu groß. Ich suchte das Gespräch mit Steffen, aber der hörte mich gar nicht. Da half kein Wettern, kein Schreien, kein Flüstern, kein Schimpfen. Steffen war ganz in sein Kriegsspiel vertieft. Offensichtlich lag er in einer Art Schützengraben hinter einem Schießstand und schoss durch kleine Schlitze zwischen den Tischplatten auf einen imaginären Feind. Ich wägte kurz ab, wie lächerlich ich mich nun gleich machen würde, falls ein anderer Schüler mich beobachtete, nahm dann Anlauf, tat einen Satz, der meinen alten Sportlehrer –Gott hab ihn selig- stolz gemacht hätte, landete unsanft hinter der Tischburg, ließ mich auf die Seite fallen und rollte über meine Längsachse bis an Steffen heran. „Wer ist unser Feind, Steffen?“ Antwort: „Fräulein Leandros ist unser Feind!“  Juhu – ich hatte eine Antwort bekommen. Also gleich noch einen  nachlegen:  „Welche Waffen stehen uns zur Verfügung?“ „Diese hier!“ Und Steffen zückt eine Kellogg´s Packung mit Choco-Balls und gemeinsam schossen wir auf einen Feind der nicht da war. Ich versuchte das Gespräch im Schützengraben aufrecht zu erhalten und irgendwann konnte ich den Kadetten überzeugen, dass die Front nun weitergerückt war und wir hinterher mussten. Und wir verließen gemeinsam den Klassenraum Richtung Schulhof. Der Rest der Klasse hatte seine Ruhe.

So – jetzt erzählen Sie mal einem handelsüblichen Gymnasiallehrer, er soll so ne Maßnahme durchführen. Glauben Sie, der macht sich so zum Horst? Ne ne, aufs Lächerlichmachen haben WIR das Monopol. Aber was soll´s – wenn´s wirkt??!
Und ganz ehrlich und mit einer angemessenen Portion Zerknirschtheit muss ich zugeben: Wir hingegen hätten vermutlich keine Ahnung, wie man Situationen löst, in denen es um verschwundene Violinen, Katzer im Neunereisen und zerknautsche Tütüs geht. Da ist es doch gut, dass die Singdrosseln das machen, was sie am besten können: Singen und die Rohrspatzen eben röhren. Und so hat jeder seine Bestimmung in der artenreichen Vogelvolière der Pädagogik. 

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