Es ist wieder einmal so weit: Wie
alle zwei Jahre im Herbst steht unser Schulbasar bevor. Und obwohl der Termin
natürlich schon vor Ewigkeiten festgelegt wurde, trifft es die meisten von uns
wieder völlig unvorbereitet. Die Tatsache, dass wir gerade erst aus den
Herbstferien zurückgekehrt sind, macht es nicht besser. Jedenfalls weiß heute
keiner mehr, in welchem Anflug geistiger Umachtung wir uns auf dieses Datum
geeinigt haben.
Da ich nicht der Typ Lehrer bin, der sich gerne abends zu
Hause hinsetzt und in Serie Papierlaternen faltet, stehen diese noch
verbleibenden Schulvormittage ganz im Zeichen der Basarvorbereitungen. So haben
wir seit Ferienende noch keine „normale“ Unterrichtsstunde gehabt, aber wer
glaubt, dass wir es ruhig haben angehen lassen, der liegt total falsch. Es geht
bei uns drunter und drüber, was sich nicht gerade positiv auf mein Nervenkostüm
ausübt. Wenn das alles überstanden ist, bin ich um Grunde schon wieder
ferienreif.
Jede Klasse, die ich bisher in meiner Lehrerlaufbahn
hatte, hatte ja für sich genommen ganz unterschiedliche Stärken und Schwächen
und wahrscheinlich ist es auch total ungerecht sie zu vergleichen. Aber eines
steht fest: So einen talentfreien Haufen wie in diesem Jahr hatte ich noch nie.
Das sieht man natürlich auch unserer Ware an, die wir am Samstag zum Verkauf
anbieten werden. Aber einen Teufel werde ich tun und meine kostbare Zeit damit
verbringen, selbst noch mal bei den Machwerken meiner Schülerlein Hand
anzulegen. An meinem Stand wird es nur Dinge geben, die 100% von freilaufenden
Förderschülern stammen. Unsere finanziellen Ausgaben werden wir so zwar kaum
wieder reinbekommen, aber darum geht es ja wohl auch kaum.
So bekleistern wir Trinkgläser mit
Transparentpapierschnipseln, verzieren Notizblöcke mit Kartoffeldruck und
filzen Weihnachtsbaumanhänger. Die runtergefallenen Gläser, verschnitzten
Kartoffeln, zerknickten Blöcke und – last but not least – abgebrochenen
Filznadeln darf man später in der Kostenkalkulation natürlich nicht mit
aufführen, wenn man nicht in tiefe Depressionen verfallen möchte.
Doch der eigentliche Knüller in unserem Sortiment sind die
Kochbücher, die wir in Kooperation mit Frau Seltsam erstellt haben. Alle
Rezepte, die die liebe Frau Kollegin in den letzten hundert Jahren mit den
Schülern nachgekocht hat, sind hier zu einem literarischen Meisterwerk
epochalen Ausmaßes zusammengefasst. Die von Frau Seltsam kopierten Einzelseiten
(ein Buch hat 90 Seiten) lagen, als ich am Montag aus den Ferien kam, auf
meinem Pult – sozusagen als stummer Impuls. Daraus Bücher zu machen, war nun
meine Aufgabe bzw. die meiner Schüler. Und da glaubt man gar nicht, was trotz
intensiver Einweisung und lückenloser Kontrolle alles schief gehen kann.
Denn immerhin müssen mit der Schneidemaschine, dem Spiralbindungsgerät und dem
Laminator (für die Deckseiten) drei technisch hochanspruchsvolle Apparaturen
bedient werden.
Die Schwierigkeit Nr.1 bestand darin, dass das fertige
Buch im A5-Format vorliegen sollte, der Kopierer aber immer zwei A5-Seiten auf
einem A4-Blatt ausgegeben hatte. Diese Blätter mussten nun – GENAU auf der
Hälfte! – durchgeschnitten werden, wodurch zwei Papierstapel entstanden: Einer
mit den geraden, einer mit den ungeraden Seitenzahlen. Aus diesen zwei Stapeln mussten nun einer
gemacht werden, was ich mir in der Religionsstunde mit der Abschlussklasse von
Frau Großstädter vornahm. Nachdem wir den Zweck und die Funktionsweise von
Seitenzahlen besprochen hatten, machten sich die angehenden
Förderschulabsolventen daran, die Blätter zu sortieren. Dabei kam es, sagen wir
mal, zu recht kreativen Auslegungen unseres Zahlensystems, so dass ich später
meine Viertklässler alle Stapel noch einmal durchsehen lassen musste.
Entsprechend sahen die Seiten schon bevor sie überhaupt zu einem Buch
zusammengefügt wurden aus, als sei eine Elefantenherde darüber getrampelt.
Als nächstes mussten nun die Deckseiten laminiert werden,
dies war der Job von Marvin. Mit Feuereifer ging er an die Arbeit, denn alles
was Schalter und leuchtende Lämpchen hat, übt auf ihn eine magische
Anziehungskraft aus. Nun weiß ich nicht mehr genau, wie viele unterschiedliche
Möglichkeiten Marvin fand, die Folien in das Gerät einzuführen, ich kann aber
mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass etwa die Hälfte aller Versuche einen Stau
zur Folge hatte, bei der die Folie gänzlich im Gerät verschwand.
Die dritte Station der Produktionskette war dann das Gerät
für die Spiralbindungen, das heute von Pascal und Elisa bedient wurde. Im
Grunde funktioniert dieses Monstrum wie ein großer Locher. Man legt einen Stapel
Papiere – links und hinten bündig! – ein und legt mit viel Schmackes einen
Hebel um, wodurch auf der eingelegten Seite eine Reihe kleiner Löcher gestanzt
wird. Hier wird dann später eine Plastikspirale eingefädelt. Vor allem die
Sache mit dem bündigen Anlegen war den beiden Locherkönigen schwer zu
vermitteln, auch die Tatsache, dass immer die linke Seite eingelegt werden
muss, geriet immer wieder aus dem Gedächtnis. Immerhin haben wir jetzt etwa 15
Exemplare fertig und jedes einzelne ist ein echtes Einzelstück. Alle sehen aber
ungefähr aus wie die Häuser von Numerobis, dem ägyptischen Architekten aus dem
Asterix-Comic.
Ich selbst war währenddessen ständig um eine direkte
Kontrolle aller Produktionsschritte bemüht und betreute zeitgleich noch die
filzenden, druckenden und klebenden Schüler. So sprang ich daher dauernd im
Klassenraum hin und her, was ich mir eigentlich nach meiner zweiten
Staatsprüfung geschworen hatte, nie wieder zu tun. Nebenbei klärte ich noch einen Fall von Handydiebstahl, ging dem Grund
für Daniels schlechte Laune auf den Grund, kämpfte gegen das ständig um sich
greifende Chaos im Klassenzimmer an, versorgte meine blutende
Schienbeinverletzung, die ich mir bei einer Schulhofklopperei zugezogen hatte
und vertrieb die Nervensägen auf der Idiotenrennbahn vor meinem Klassenfenster.
Um 13 Uhr erreichte ich mit letzter Not die rettende
Lehrerlounge – der Reiter lebt, das Pferd ist tot. Am Samstag werde ich dann
lächelnd hinter dem Verkaufsstand stehen und auch ganz freundlich zu denjenigen
Basarbesuchern sein, die alles „wunderschön“ finden aber dann doch nichts
kaufen. Glück auf!
P.S. Den Orden des Tages hat die neue Putzfrau
verdient! Als ich am Nachmittag noch einmal in meine Klasse ging, um das Chaos
des Vormittags zu beseitigen, hatte sie nicht nur – wie ihre Vorgängerinnen –
drumherum gewischt, sondern alles ordentlich aufgeräumt. Ich war den Tränen
nahe! Vielleicht schenke ich ihr ein Windlicht.
Herr Bromseklöten- sie sind ein Held!!Dank Ihnen wird der Basarstand vielleicht doch was abwerfen...Und außerdem ist es ein ganz wunderbarer Blog!!!
AntwortenLöschenIch bin ja auch der Meinung, wir sollten bei den verkaufen Basarprodukten auf die Mehrwertsteuer verzichten und stattdessen ne Schmerzensgeldpauschale erheben! :-)
AntwortenLöschenToller Blog - ich habe wieder herzhaft gelacht!
AntwortenLöschenAber mal ehrlich, gibt es bei uns echt Leute, die abends GERN Papierlaternen falten?
Entweder sind diese Leute wahnsinnig einsam oder echte Streber - oder wirkt hier womöglich nur der blanke Materialismus als Antreiber!?