Mittwoch, 7. November 2012

Basar-Wahnsinn: Zwischen Windlichtern und Kochbüchern


Es ist wieder einmal so weit: Wie alle zwei Jahre im Herbst steht unser Schulbasar bevor. Und obwohl der Termin natürlich schon vor Ewigkeiten festgelegt wurde, trifft es die meisten von uns wieder völlig unvorbereitet. Die Tatsache, dass wir gerade erst aus den Herbstferien zurückgekehrt sind, macht es nicht besser. Jedenfalls weiß heute keiner mehr, in welchem Anflug geistiger Umachtung wir uns auf dieses Datum geeinigt haben.
Da ich nicht der Typ Lehrer bin, der sich gerne abends zu Hause hinsetzt und in Serie Papierlaternen faltet, stehen diese noch verbleibenden Schulvormittage ganz im Zeichen der Basarvorbereitungen. So haben wir seit Ferienende noch keine „normale“ Unterrichtsstunde gehabt, aber wer glaubt, dass wir es ruhig haben angehen lassen, der liegt total falsch. Es geht bei uns drunter und drüber, was sich nicht gerade positiv auf mein Nervenkostüm ausübt. Wenn das alles überstanden ist, bin ich um Grunde schon wieder ferienreif.
Jede Klasse, die ich bisher in meiner Lehrerlaufbahn hatte, hatte ja für sich genommen ganz unterschiedliche Stärken und Schwächen und wahrscheinlich ist es auch total ungerecht sie zu vergleichen. Aber eines steht fest: So einen talentfreien Haufen wie in diesem Jahr hatte ich noch nie. Das sieht man natürlich auch unserer Ware an, die wir am Samstag zum Verkauf anbieten werden. Aber einen Teufel werde ich tun und meine kostbare Zeit damit verbringen, selbst noch mal bei den Machwerken meiner Schülerlein Hand anzulegen. An meinem Stand wird es nur Dinge geben, die 100% von freilaufenden Förderschülern stammen. Unsere finanziellen Ausgaben werden wir so zwar kaum wieder reinbekommen, aber darum geht es ja wohl auch kaum.
So bekleistern wir Trinkgläser mit Transparentpapierschnipseln, verzieren Notizblöcke mit Kartoffeldruck und filzen Weihnachtsbaumanhänger. Die runtergefallenen Gläser, verschnitzten Kartoffeln, zerknickten Blöcke und – last but not least – abgebrochenen Filznadeln darf man später in der Kostenkalkulation natürlich nicht mit aufführen, wenn man nicht in tiefe Depressionen verfallen möchte.
Doch der eigentliche Knüller in unserem Sortiment sind die Kochbücher, die wir in Kooperation mit Frau Seltsam erstellt haben. Alle Rezepte, die die liebe Frau Kollegin in den letzten hundert Jahren mit den Schülern nachgekocht hat, sind hier zu einem literarischen Meisterwerk epochalen Ausmaßes zusammengefasst. Die von Frau Seltsam kopierten Einzelseiten (ein Buch hat 90 Seiten) lagen, als ich am Montag aus den Ferien kam, auf meinem Pult – sozusagen als stummer Impuls. Daraus Bücher zu machen, war nun meine Aufgabe bzw. die meiner Schüler. Und da glaubt man gar nicht, was trotz intensiver Einweisung und lückenloser Kontrolle alles schief gehen kann. Denn immerhin müssen mit der Schneidemaschine, dem Spiralbindungsgerät und dem Laminator (für die Deckseiten) drei technisch hochanspruchsvolle Apparaturen bedient werden.
Die Schwierigkeit Nr.1 bestand darin, dass das fertige Buch im A5-Format vorliegen sollte, der Kopierer aber immer zwei A5-Seiten auf einem A4-Blatt ausgegeben hatte. Diese Blätter mussten nun – GENAU auf der Hälfte! – durchgeschnitten werden, wodurch zwei Papierstapel entstanden: Einer mit den geraden, einer mit den ungeraden Seitenzahlen.  Aus diesen zwei Stapeln mussten nun einer gemacht werden, was ich mir in der Religionsstunde mit der Abschlussklasse von Frau Großstädter vornahm. Nachdem wir den Zweck und die Funktionsweise von Seitenzahlen besprochen hatten, machten sich die angehenden Förderschulabsolventen daran, die Blätter zu sortieren. Dabei kam es, sagen wir mal, zu recht kreativen Auslegungen unseres Zahlensystems, so dass ich später meine Viertklässler alle Stapel noch einmal durchsehen lassen musste. Entsprechend sahen die Seiten schon bevor sie überhaupt zu einem Buch zusammengefügt wurden aus, als sei eine Elefantenherde darüber getrampelt.
Als nächstes mussten nun die Deckseiten laminiert werden, dies war der Job von Marvin. Mit Feuereifer ging er an die Arbeit, denn alles was Schalter und leuchtende Lämpchen hat, übt auf ihn eine magische Anziehungskraft aus. Nun weiß ich nicht mehr genau, wie viele unterschiedliche Möglichkeiten Marvin fand, die Folien in das Gerät einzuführen, ich kann aber mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass etwa die Hälfte aller Versuche einen Stau zur Folge hatte, bei der die Folie gänzlich im Gerät verschwand.
Die dritte Station der Produktionskette war dann das Gerät für die Spiralbindungen, das heute von Pascal und Elisa bedient wurde. Im Grunde funktioniert dieses Monstrum wie ein großer Locher. Man legt einen Stapel Papiere – links und hinten bündig! – ein und legt mit viel Schmackes einen Hebel um, wodurch auf der eingelegten Seite eine Reihe kleiner Löcher gestanzt wird. Hier wird dann später eine Plastikspirale eingefädelt. Vor allem die Sache mit dem bündigen Anlegen war den beiden Locherkönigen schwer zu vermitteln, auch die Tatsache, dass immer die linke Seite eingelegt werden muss, geriet immer wieder aus dem Gedächtnis. Immerhin haben wir jetzt etwa 15 Exemplare fertig und jedes einzelne ist ein echtes Einzelstück. Alle sehen aber ungefähr aus wie die Häuser von Numerobis, dem ägyptischen Architekten aus dem Asterix-Comic.
Ich selbst war währenddessen ständig um eine direkte Kontrolle aller Produktionsschritte bemüht und betreute zeitgleich noch die filzenden, druckenden und klebenden Schüler. So sprang ich daher dauernd im Klassenraum hin und her, was ich mir eigentlich nach meiner zweiten Staatsprüfung geschworen hatte, nie wieder zu tun.  Nebenbei klärte ich noch einen Fall von Handydiebstahl, ging dem Grund für Daniels schlechte Laune auf den Grund, kämpfte gegen das ständig um sich greifende Chaos im Klassenzimmer an, versorgte meine blutende Schienbeinverletzung, die ich mir bei einer Schulhofklopperei zugezogen hatte und vertrieb die Nervensägen auf der Idiotenrennbahn vor meinem Klassenfenster.
Um 13 Uhr erreichte ich mit letzter Not die rettende Lehrerlounge – der Reiter lebt, das Pferd ist tot. Am Samstag werde ich dann lächelnd hinter dem Verkaufsstand stehen und auch ganz freundlich zu denjenigen Basarbesuchern sein, die alles „wunderschön“ finden aber dann doch nichts kaufen. Glück auf!
P.S. Den Orden des Tages hat die neue Putzfrau verdient! Als ich am Nachmittag noch einmal in meine Klasse ging, um das Chaos des Vormittags zu beseitigen, hatte sie nicht nur – wie ihre Vorgängerinnen – drumherum gewischt, sondern alles ordentlich aufgeräumt. Ich war den Tränen nahe! Vielleicht schenke ich ihr ein Windlicht.

3 Kommentare:

  1. Herr Bromseklöten- sie sind ein Held!!Dank Ihnen wird der Basarstand vielleicht doch was abwerfen...Und außerdem ist es ein ganz wunderbarer Blog!!!

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  2. Ich bin ja auch der Meinung, wir sollten bei den verkaufen Basarprodukten auf die Mehrwertsteuer verzichten und stattdessen ne Schmerzensgeldpauschale erheben! :-)

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  3. Toller Blog - ich habe wieder herzhaft gelacht!
    Aber mal ehrlich, gibt es bei uns echt Leute, die abends GERN Papierlaternen falten?
    Entweder sind diese Leute wahnsinnig einsam oder echte Streber - oder wirkt hier womöglich nur der blanke Materialismus als Antreiber!?

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