Der Alltag an einer Förderschule irgendwo in Deutschland - manchmal grausam, manchmal deprimierend, manchmal nervenaufreibend, manchmal schmerzhaft. Aber: Immer auch witzig, lustig, aufregend, menschlich und vor allem nie langweilig!!! In diesem Blog lesen Sie die besten Stories aus dem Nähkästchen des besten Kollegiums der Welt. Viel Spaß!
Dienstag, 31. Mai 2011
Tischordnung
Dabei ist es aber von großer sozialer Bedeutung, an welchem Tisch man landet. Bei uns gibt es davon drei. Als vor einigen Jahren das Lehrerzimmer in den Sommerferien renoviert und mit neuem Mobiliar versehen worden war, bin ich am ersten Präsenztag schon extra früh zur Schule gefahren - ich wollte auf keinen Fall der letzte sein und womöglich die nächsten 35 Jahre neben jemandem sitzen müssen, der einem entweder eine Frikadelle ans Ohr labert oder bei dem man - das andere Extrem - jederzeit damit rechnen muss, dass er das Atmen einstellt. (Ich weiß übrigens zuverlässig, dass ich nicht der einizige bin, der so etwas nicht dem Zufall überlassen will - bei jeder Weihnachtsfeier schleichen alle um den Tisch im Restaurant, um sich dann blitzschnell einen guten Platz zu ergattern. Das hat schon ziemlich viel von "Reise nach Jerusalem").
Ich selbst bin letztendlich neben Frau Klein gelandet und bin damit sehr zufrieden. Wir haben das ganze Lehrerzimmer im Blick und beobachten und kommentieren das Geschehen wie Statler und Waldorf. Da Frau Klein sich im nächsten Schuljahr ein Sabbatjahr nimmt und eine Weltreise antritt, werde ich am ersten Tag nach den Ferien wieder sehr früh auf der Matte stehen müssen, um auf die Sitzordnung Einfluss nehmen zu können. Mal sehen, was die neue Anwärterin für einen Eindruck macht...
Frau Klein und ich sitzen, zusammen übrigens mit Frau Ogg, Frau Bob, Frau EasySamstag und Frau Seltsam am TISCH Nr.1. Dieses ist sozusagen der Tisch für die jungen und junggebliebenen Kollegen, man könnte auch sagen, es ist der Überwiegend-U-40-Tisch. Die typischen Gesprächsthemen an diesem Tisch sind: Amerikanische Krankenhausserien (wo ich immer nicht ganz mitkomme), die letzte bzw. nächste Karaoke- oder Geburtstagsparty, der Stuhlgang der eigenen Brut, der neueste WG-Tratsch und natürlich die Engstirnigkeit manch älterer Kollegen.
Letztere sitzen geschlossen nebenan, in der Mitte des Raumes, an Tisch 2. An diesem Tisch wird es in einigen Jahren schlagartig sehr leer werden, wenn mehrere Altgediente gleichzeitig in den Ruhestand gehen werden. Hier sind die Themen: Die besten Wohnmobilstellplätze am Gardasee, die Neuigkeiten von der letzten Bootsmesse, der Lebenswandel der eigenen Brut und natürlich das Revoluzzergebaren der Damen und Herren an Tisch 1.
Die Bewohner von Tisch 3, ganz hinten im Lehrerzimmer, sind eine weniger homogene Gruppe. Sie setzen sich zusammen aus einer Reihe von ruhigen Vertretern und Individualisten sowie aus Kollegen, die vor ein paar Jahren zu spät zur Sitzvergabe kamen. Das Geschehen an diesem Tisch haben selbst Frau Klein und ich wenig im Blick und wenig dringt von dort hinten zu uns nach vorne. Ich weiß aber aus sicherer Quelle, dass an diesem Tisch eifrig aus der Tageszeitung rezitiert wird und teilweise kontrovers über politische und Weltanschauungsfragen diskutiert wird.
Natürlich möchte ich betonen, dass wir allesamt - trotz aller Verschiedenheiten - prima miteinander auskommen. Aber komisch ist es schon, wenn folgende Situation eintritt: Du kommst ins Lehrerzimmer - und an deinem Tisch sitzt niemand. Was tun? Setzt man sich nun alleine dorthin? Oder gesellt man sich zu einer anderen Gruppe? Diese Frage will gut überlegt sein. Was würden die Tischgenossinnen denken, wenn sie doch noch - aus welchen Gründen auch immer verspätet - eintrudeln und einen an einem Fremdplatz sehen? Wird es zu Eifersuchtsszenen kommen? ("Es ist nicht so, wie es aussieht, Hasi!") Wird man womöglich zum nächsten Karaokeabend nicht mehr eingeladen?
Gut, dass man meist gar keine Zeit hat, sich über so etwas Gedanken zu machen. Denn selten verläuft die "Pause" - schon der Begriff ist ein Euphemismus - ohne Störungen. Das Telefon klingelt, ein Schüler will ein Pflaster, auf dem Schulhof fehlt eine Aufsicht oder der Praktikant will mit einem seine Unterrichtsstunde durchgehen. Dazwischen muss stets noch was kopiert oder laminiert (!) werden, wobei garantiert das Gerät kaputt geht, wenn es besonders eilig ist und natürlich will auch der größte Lehrkörper irgendwann mal entleert werden. Neulich war mal ein Experte für Betriebsschutz bei uns an der Schule, um das Gefährdungspotential an unserem Arbeitsplatz zu beurteilen. Bevor er auch nur einen Schüler zu Gesicht bekommen hatte, war er schon total schockiert: Die Lautstärke im Lehrerzimmer übertraf bei weitem den vorgeschriebenen Dezibel-Grenzwerten. In diesem Sinne: Glück auf!
Montag, 30. Mai 2011
In der Regel hilft nur 'ne neue Regel
Dies hat zur Folge, dass es bei uns für ALLES Regeln gibt. Neben der Schulordnung gibt es Verhaltensmaßgaben für den Schulhof, die Turnhalle, die Bücherei, die Toiletten und den Klassenraum - und hier wiederum spezifische Regeln für die Spieleecke, die Frühstückspause, den Stuhlkreis und alle Unterrichtsphasen. Und wenn man meint, dass das nun genug sei, dann kommt mit Sicherheit von irgendwo ein Anwärterlein, das Stationenarbeit einführt und - na klar - hierfür Regeln formuliert.
All diese Regeln existieren natürlich nicht nur in unseren Köpfen, sondern sie sind auf liebevoll gestaltetetn Plakaten am entsprechenden Ort festgehalten. So sind eigentlich die meisten Wände bei uns mit ihnen zugekleistert. Dies gilt insbesondere, wenn der Klassenlehrer in der Ausbildung nicht aufgepasst hat und nicht weiß, dass Regeln stets POSITIV zu formulieren sind, z.B. "Ich löse Konflikte friedlich." Wenn dieser Hinweis nicht beherzigt wird, können Regellisten schnell ins Unendliche ausarten und beinhalten Sätze wie "Ich haue nicht", "Ich trete nicht", "Ich kneife nicht", "Ich beiße nicht" etc. Kann man natürlich nach Belieben fortsetzen. Selbst die Regel "Ich pupse nicht in der Klasse" habe ich schonmal gelesen - ich schwöre!
Alle Plakate sind natürlich schön laminiert, versteht sich. Denn alles, was mehr als eine Unterrichtsstunde überstehen soll, schickt der Pädagoge durch den Laminator und lässt es in Plastik einschweißen. Damit gibt er dem Dokument nochmal eine besondere Gewichtung (denkt er). Archäologen werden uns in späteren Epochen dafür dankbar sein! Man stelle sich vor, Luther hätte seine Thesen laminiert, bevor er sie an die Kirchentür nagelte. Oder Mose die zehn Gebote...
Neben dem Laminieren ist der zweite Standard für Regelplakate das Illustrieren mit Symbolen. Da versucht der zeichenbegabte Regulator, sein Pamphlet grafisch umzusetzen, um es auch absoluten Alphabetisierungsspätzündern zugänglich zu machen. Oder aber er gibt ein Schweinegeld für Mappen der einschlägigen Materialverlage aus und erhält so ein Potpourri völlig durchgeknallter Piktogramme, die wahrscheinlich in der beschützten Werkstatt einer Klapse entstanden sind und nur von Ikea-Bauanleitungen überboten werden.
Was aber, wenn dem gemeinen Bratzekind dies alles völlig Schnuppe ist und es trotzdem macht, was es will? Dann müssen natürlich drakonische Strafen her, und hier ist die unangefochtene Nummer 1: REGELN ABSCHREIBEN! Und zwar am besten gleich zwei, drei, vier Mal, damit es so richtig wehtut!
Origineller ist es natürich, die Schüler selbst etwas über richtiges Verhalten verfassen zu lassen oder schriftliche Entschuldigungen für Fehlverhalten einzufordern. Hier sollte allerdings dringend auf die Einhaltung gewisser Qualitätsstandards zu achten und die kindlichen Machwerke ggf. zurückzuweisen. Weil es so schön zum Thema passt, formuliere ich hier mal ein paar Regeln für derartige Extraarbeiten, die man dringend einhalten sollte, wenn man von mir nicht hochkant rausgeworfen werden möchte:
1. Beantworte die Frage: "Wie verhalte ich mich angemessen gegenüber Lehrern?" NIEMALS mit Allgemeinplätzen wie "nett" oder "gut".
2. Erkläre dein Fehlverhalten NIEMALS mit dem Fehlverhalten anderer: "Es tut mir leid, dass ich sie Hurensohn genannt habe, aber sie haben mich vorher angeschrieen."
3. Vermeide AUF JEDEN FALL die Schlussfloskel "Es kommt nie wieder vor"! Das schaffst du sowieso nicht.
4. Gib deine Entschuldigung auf einem sauberen A4-Blatt ab. Werke auf Löschblättern, Zeichenblockrückseiten oder Einkaufszetteln werden NICHT angenommen.
Ich bin natürlich der festen Überzeugung, dass ich eine Arbeit, bei deren Anfertigung all diese Regeln beherzigt wurden, NIE zu Gesicht bekommen werde.
Überhaupt frage ich mich, was ich machen würde, wenn alle immer alles richtig machen würden. Dann müsste ich womöglich doppelt so viel Unterricht vorbereiten, weil ich z.B. gar keine Konflikte mehr zu klären hätte. Und längerfristig würde ich wohl meinen Job verlieren. Also bin ich ja eigentlich froh über jeden der eine halbwegs originelle "Beschwerde macht". Glück auf!
Samstag, 28. Mai 2011
Eine Klassenfahrt ist lustig, eine Klassenfahrt ist ...
Also, zurück zu meiner letzten Klassenfahrt: An einem Dienstag so gegen acht, wurden die lieben Kleinen von ihren Eltern und Erziehern zur Schule gebracht.
Alle waren nervös und aufgeregt und mein erster Gedanke: Ob sich das in den nächsten Tagen wohl legt?
Die nächsten Tage, wo denke ich hin, käme der Bus doch endlich, das mache Sinn.
Doch wer wartet der bleibt - oder so ähnlich, denn der Busfahrer samt Bus kam wirklich nur sehr gemächlich.
Endlich ist alles im Bus verstaut, die Fahrt geht los und es wird laut:
"Du Wixer, ich will vorne sitzen", hör ich den kleinen Dennis rufen und beginne leicht zu schwitzen.
"Nein, isch hab zuerst gesagt und isch hab Frau Klein gefragt!"
Da hat der kleine Ömer recht, ich setz mich hin und schau zu dem Gefecht:
Eine Ohrfeige folgt einem Tritt. Bravo, klein Ömer der hält echt gut mit.
Ein blauer Fleck, ein Tropfen Blut und schon ist alles wieder gut.
Klein Ömer und Dennis sitzen vereint, in der ersten Reihe - wer hätts je verneint.
So kommen wir entspannt in der Herberge an; Mittagessen - na dann mal ran.
Rotkohl, Gulasch und Kartoffeln, ein Festschmaus, doch nicht für alle Stoffeln.
"Was ist das Rot da in der Schale?" "Das ist Rotkohl, keine Frage."
"Find isch eklisch, es isch nisch, Milchschnitte wär was für misch."
So schmeckt es dem einen, dem anderen nicht, naja, morgen gibt es ein anderes Gericht.
Frisch gestärkt gehts hinaus in eine Natur, das ist wirklich Luxus pur:
Hinter dem Haus fließt direkt ein Bach, da denkt sich der Lehrer: "Ach,
wie idyllisch und wie schön, ich werde bald viele nasse Kinder sehn."
Und so kommts wies kommen muss, alle werden nass, ganz ohne Verdruss.
Das herbergliche Treppengeländer wird zur Wäscheleine und die erste Hose bleibt nicht lange alleine.
Nein, bald sind sie alle nass, und Michael in der Satin Pyjama Hose gibt nun Gas.
Doch leider ist er nicht ganz so schnelle und schafft es nicht bis an die Schwelle.
Da ruft Herr Tiger plötzlich: "HALT!" Dass es im Hause nur so schallt.
"In Pyjama gehts nicht raus, dein Platz ist dann wohl jetzt im Haus."
Da guckt der Michael ganz traurig drein. "Ich wollt doch nur ins Wasser rein."
Am Abend folgt ein Lagerfeuer, doch nicht für alle kleinen Ungeheuer.
Der Tom hat sich es schon verspielt, er hat den kleinen Ben gequält.
So heißt es duschen und dann ab ins Bett, wenn es doch einemal klappen würde - es wär so nett!
Unter die Dusche geht Tom mit Müh und Not und dann folgt der Idylle Tod:
Frau Klein guckt ins Zimmer, nur so zur Kontrolle und ist gleich völlig von der Rolle.
Das Zimmer gleicht einer Seenplatte, inklusive Badematte.
Denn Tom macht für den Duscherspaß, gleich mal das ganze Zimmer nass.
Die Türen von Dusche und Badezimmer, die schließt er nicht wirklich immer.
So steh ich da also in der Pfütze und denke mir, ob es was nütze,
wenn ich jetzt ne Predigt halte. Ach was, denn er bleibt doch der Alte.
So nehme ich den Rückwärtsgang, schließe jede Tür - nicht bang-
und setze mich zu meinem Kaffee, mit dem nassen rechten Zeh.
Gegen elf dann endlich Stille, die Kinder schlafen, dank der ein oder anderen Pille.
Jetzt geht der Spaß erst richtig los, Karten kloppen, wie famos.
Da werden Lehrer zu Spilekindern wieder, allen voran der Herr Tiger.
Auch Herr Tulpe der lässt sich nicht lumpen, und erhebt gleich seinen Humpen:
"Auf die Klassenfahrt und die nächsten Tag, das wird ein Spässchen, keine Frage."
So sitzen wir Pädagogen zusammen, bis tief in die Nacht, ohne zu erstarren.
Die Starre folgt am nächsten Morgen, der Hahn kräht ab vier und macht uns Sorgen.
Die Kinder stimmen im Chor mit ein, muss denn das wirklich alles sein?
Da wünscht man sich in sein heimisches Bett; Scherz, da wär es doch nur halb so nett?!
Das Frühstück folgt, man freut sich drauf, das Kind neben mir trinkt leider Milch zu Hauf.
Das war zu viel für den kleinen Wicht, er kotzt sie zurück auf den Frühstückstisch.
So nimmt die Mahlzeit ein jähes Ende, dann nehmen wir doch mal die Freizeitgestaltung in unsere Hände.
Ein Ausflug zu einem Irrgarten steht an. "Bringen wir wohl alle Kinder wieder mit ran?",
geht es mir so durch die Sinne, da dreh ich mich um und denk ich spinne.
Klein Ömer prügelt auf wen anders ein, ich denk an die Hinfahrt: Das muss wohl so sein.
Und wie ich da so steh und schau, wird der Arm des andern blau.
Naja, dann störe ich wohl doch mal die Idylle und greife Ömer mir in Fülle.
"Ihre Mutter ist ein Hurensohn", ist sogleich dafür der Lohn.
Ich versuchs mit biologischen Fakten, doch Ömer scheint darauf nicht zu achten.
Erst durch die Fixierung von Armen und Beinen, kann er mich dann wieder leiden.
Wieder ist Abend, das Duschen steht an, doch wer hat einen ganz anderen Plan?
Der Tom der kommt schnell angelaufen, und ich seh in Gedanken das Wasser schon laufen.
Doch Entwarnung folgt sogleich. Er sagt: "Aus versehen..." Und ich werde ganz bleich.
"hab ich die Glühbirne aus der Fassung gedreht und sie darauf in Scherben zerlegt."
Am nächsten Abend ein ähnliches Spiel, klein Luca kommt aus dem Zimmer und redet ganz viel.
Auch er beginnt mit "Aus versehen..." und ich seh in seinem Blick das Flehen,
"hat Tom in die Lampe von gestern gepackt und ich drückte auf den Schalter, zack."
Herr Tulpe springt auf und nähert sich dem Maleur, puh, klein Tom schielt nicht mehr als zuvor.
Der Strom hat also nichts bewegt, mmhhhhh, woran das wohl liegt?
Die Klassenfahrt neigt sich dem Ende und wir packen ganz behende,
unsere sieben Sachen ein und legen sie in den Bus hinein.
An der Schule angekommen, sind noch alle ganz benommen:
von frisch gekochtem Essen, sauberen Bädern und Freundlichkeit, denn das steht zu Haus für nicht jeden bereit.
So übergeben wir alle an die Eltern zurück und denken uns heimlich "Was für ein Glück,
es sind nicht unsre lieben Kleinen, denn zu Hause möchte ich davon wirklich keinen."
Wie man an diesem kurzen Bericht unschwer erkennen konnte, bin ich nicht nur Förderschullehrerin aus Überzeugung, sondern auch Deutschlehrerin. Ist das schlimm? Nein, eigentlich nicht.
Nur, das man dann wohl auch an einem Samstag gegen 17h Deutschlehrerin ist und irgendwelche Kommentare in Reimform verfasst. In diesem Sinne freue mich schon auf weitere Schilderungen von Biolehrerinnen - denn da scheint meine Argumentationsgabe ja nicht so gut zu sein (Meine Mutter soll ja irgendwie immer noch ein Hurensohn sein).
In diesem Sinne - Glück auf.
Freitag, 27. Mai 2011
Das Wandern ist des Lehrers Lust
SO sehen Schulausflüge bei uns NICHT aus. Aber trotzdem sind auch wir gerne unterwegs um uns außerhalb des Schulgeländes zu bilden oder einfach nur Spaß zu haben. Leider zeigt sich hierbei immer wieder eine gewisse Öffentlichkeits-Inkompatibilität unserer Schüler. Da wird beim Ausflug ins Schwimmbad schon mal eine Arschbombe ins Babybecken gemacht, genau in eine Gruppe junger Familien aus höheren Bildungsschichten mit ihren Säuglingen. Da kommt es im Freizeitpark schonmal zu stundenlangen Schreianfällen, weil der eigene Rucksack zum dritten Mal an irgendeiner Stelle liegengelassen wurde. Oder es schallt lautstark aus der Toilette eines Kaufhauses: "Frau Ogg, komm mal, die Kacke kommt nicht raus!".
Richtig spektakulär wird es für die unbeteiligten Augen- und Ohrenzeugen, wenn eines unserer Kids in aller Öffentlichkeit sein ganzes Können zeigt und einen Vollausraster erster Güte hinlegt.
So etwa einmal im Umkleidebereich eines Spaßbades: Kevin, 11 Jahre, hat auf dem Weg vom Garderobenschrank zur Kabine irgendwo einen Schuh verloren. Nun rennt er wie wildgeworden auf Socken (die inzwischen klitschnass sind) durch das Gängelabyrinth, tritt und bollert gegen die Resopalwände, stößt übelste Flüche aus und beschimpft auch die zufällig anwesende und völlig sprachlose Putzfrau: "Du Fotze, du hast meinen Schuh versteckt, du Schlampe" usw.... Selbst als der Schuh wieder auftaucht, ist er nicht zu beruhigen und so stapft er barfuß hinaus auf den Parkplatz, wo - wir haben Januar - 10 cm Schnee liegen. Hier springt, von der Randale ausgelöst, noch die Alarmanlage irgendeines PKW an, ehe wir es mit drei Kollegen schaffen, Kevin ins Auto zu stopfen.
Während man sich als Privatperson in Grund und Boden schäme würde, wenn sich das eigene Kind in der Öffentlichkeit so aufführen würde, bleibt man als professioneller Betreuer eigentlich ganz entspannt und denkt sich: "Lass ihn mal machen, sollen die Leute mal sehen, wie schwer wir es haben." Schlecht nur, wenn man von Außenstehenden nicht als Berufspädagoge erkannt wird. So kann es schonmal vorkommen, dass man zusammen mit einer Kollegin und einer Schulklasse unterwegs ist und von faszinierenden Passanten gefragt wird: "Oh, sind das alles Ihre?" Einmal saß ich mitten in der Fußgängerzone einer Kleinstadt auf einem umsichschlagenden Marvin drauf und wartete, dass der sich wieder einkriegte. Da kam ein älterer Herr vorbei, schaute sich das Elend an und meinte dann, es sei produktiv, wenn er mit barschem Feldwebeltonfall den Jungen anblaffe: "Du hörst jetzt auf deinen Vater!" Natürlich wird man in derartigen Situationen sein Bestes tun, die Irrenden schnellstmöglich aufzuklären.
Manchmal ist es aber natürlich auch richtig schön auf solchen Ausflügen und alle sind ganz motiviert, sich gut zu benehmen. Nach einer ausreichenden Vergatterung unter Androhung von Höchststrafen ("Wer im Bus aus Spaß den HALT Knopf drückt, steigt aus - und wartet an der Haltestelle, bis wir heute mittag zurückkommen" ) schaffen es unsere Schützlinge tatsächlich oft, sich vorbildlicher zu verhalten als manche verzogenen Grundschulgören. In diesen Momenten kann man selber im Whirlpool eines Schwimmbades oder im Kaffeegarten eines Freizeitparks mal eine Viertelstunde den lieben Gott einen guten Mann sein lassen und sich fast wie auf einer Ausflugszene aus einem Heimatfilm fühlen. Bis dann der nächste Quälgeist ankommt und seinen Rucksack sucht, sich darüber beschwert, dass Pascal ihn immer "tretet" und "Schadenfreude macht" oder uns stolz zeigt, dass sich da ein kleines schwarzes Tier zwischen seinen Zehen festgebissen hat.
Donnerstag, 26. Mai 2011
Wieder was dazu gelernt!
Was wollt`ich sagen? Ach ja, es ging ja ursprünglich um die Schutzempfohlenen, die schon alles wissen und wegen des besten Schulhofs oder der lustigen Mitschüler täglich den (mitunter langen) Weg zu uns finden. Wenn sie wegen der lustigen Mitstreiter da sind, ist die Chance relativ hoch, sie im Klassenraum anzutreffen. Hier wollen sie eine richtig tolle Zeit haben, sich gut amüsieren, viel Körperkontakt durch Buffen und Antatschen erfahren und vor allem wollen sie hier bei uns, bei MIR, ihre Lebensweisheiten zum Besten geben. Stefan, 14, ist plötzlich ganz aufgeregt, weil er Daran, 14, etwas Lebenswichtiges mitteilen muss.
"Ey, Daran, kennst du Zugspitze?"
Daran, irritiert:" Was??"
Stefan, ungebremst: "Kennst du Zugspitze? Weißt du, wo das ist?"
Daran, genervt: "Waaas? Was willst Du?"
Stefan lässt sich nicht von seinem Vorhaben abbringen, seinem türkischstämmigen Mitschüler etwas über deutsche Geographie beizubringen. "Daran! Zugspitze! Is ein Berg!"
Daran: "Hä? Was willst Du?"
Nun ist Stefan nicht mehr zu halten. Begeistert ruft er: "Zugspitze! Is in Türkei!"
Ich werfe mich verbal dazwischen : "HALT! FALSCH! Die Zugspitze ist der höchste Berg Deutschlands!!" Stefan, entrüstet:" Nein Frau Seltsam! Der is in Türkei: Der is voll berühmt: Daran- den musst du kennen!"
Daran: "Hä? Was willst du Junge?"
Ich:" Die Zugspitze ist in Deutschland!"
Stefan, im Brustton der Überzeugung: "Die Zugspitze ist der höchste Berg von Türkei!!! Und ist der zweithöchste Berg der Welt!!!"
Davon wusste Daran nun noch nichts. Ich auch nicht. Ich geh mal im Lehrerzimmer fragen- Stefan wirkt doch sehr sicher mit seiner Behauptung...
Aber wahrscheinlich glaubt mir einfach keiner, weil ich so unmodern bin. Das weiß ich von Can!
Der sagte mir nämlich neulich: "Warum soll ich Ihnen glauben, dass die Nordsee nicht im zweiten Weltkrieg entstanden ist? Ein`auf den!! Gucken sie sich doch mal an- wie sie aussehen! Voll altmodisch! Kaufen sie sich mal vernünftige Klamotten von Armani oder Gucci! Kann ich auch billiger besorgen!"
Vielleicht ist alles ganz einfach! Wenn der Pädagoge die richtigen Klamotten anhat, unterrichtet es sich wie von selbst....Ich werde das mal mit den Kollegen besprechen. Sammelbestellung bei Can?
Nun aber schnell ins Lehrerzimmer- vielleicht ist noch Essen da!
In diesem Sinne grüßt Frau Seltsam.
Mittwoch, 25. Mai 2011
Wir machen auch Hausbesuche
"Wir machen auch Hausbesuche" - das war einmal ein Slogan der Gebühreneinzugzentrale. Der Satz könnte auch unser Motto sein, denn wir besuchen ebenfalls unsere Schüler bzw. ihre Eltern mindestens einmal im Schuljahr zu Hause. Im Gegensatz zur GEZ melden wir unsere Besuche aber vorher an und geben somit unseren Gastgebern Gelegenheit, ihr trautes Heim schön für den hohen Besuch herauszuputzen. Dennoch ist so ein Blick in die Wohnumgebung eines Kindes um vieles aufschlussreicher als tausend Elterngespräche am Telefon oder in der Schule. Und auch, wenn einem in der Regel eine Art Kinderparadies ala Neverland vorgegaukelt wird: Meist muss man gar nicht fragen, ob man mal einen Blick in den Keller werfen darf - die Leichen, die dort lagern, stinken bis rauf in die Wohnung.
Dennoch sind die Unterschiede zwischen dem, was einem bei den einzelnen Bedarfsgemeinschaften erwartet, sehr groß. Da gibt es z.B. Familie Schrader, die - beide Eltern in Lohn und Brot bei einem der größten Arbeitgeber der Region - in einem gepflegten Reihenhaus lebt. Hier riecht es zwar auch irgendwie nach Leiche, aber so diffus, dass man sich eigentlich nicht erklären kann, woher das Töchterchen ihre Macken hat. Serviert werden hier je nach Tageszeit üppig belegte Brote oder Torte. Man wird sogar gleich nochmal eingeladen, in der Adventszeit wiederzukommen. Dann müsse man unbedingt die große Weihnachtspyramide bestaunen, die der Stolz der Familie ist.
Auf der anderen Seite gibt es Familien wie die berüchtigte Walter-Sippe. Nach einem ihrer zahlreichen Umzüge werden wir eingeladen, uns die neue Wohnung anzusehen. Die sei so schön groß und hell. Die zuständige Mitarbeiterin im Jugendamt warnt uns hinter vorgehaltener Hand vor und beschreibt, wie ein Umzug bei Familie Walter aussieht: Alle Klamotten werden in Müllsäcke gestopft, diese werden in der neuen Wohnung erstmal einfach ausgekippt. So sieht es dann auch aus, das angekündigte Wohnparadies: Durch einen langen Flur bahnen wir uns den Weg ins Wohnzimmer - links und rechts hohe Berge von Plünnen. Wir kommen uns vor wie Indiana Jones im Dschungel. Es riecht nach Feuchtigkeit und Katzenpisse. Woher letzterer Geruch rührt, wird schlagartig klar, als wir Platz genommen haben (schön vorne auf der Sofakante - man möchte ja nicht festkleben): Unvermittelt springt mich aus irgendeiner Ecke eine wildgewordene Katze an, schön mit ausgefahrenen Krallen. Der sie verfolgende Hund landet Sekunden später auf meinem Schoß, da ist die Katze aber schon weiter und zerkratzt gerade die Glatze des Herrn Kollegen. Den angebotenen Kaffee lehnt man dankend ab, das einzige was ich hier theoretisch trinken würde, wäre eine Dose Cola - aber bitte vorher nicht öffnen!
Die Mehrheit "unserer" Familien bewegt sich allerdings irgendwo zwischen diesen beiden Extremen. Es sind die klassischen Hartz-IV-Existenzen, die jedes noch so platte Vorurteil bestätigen. So etwa Familie Meier. Deren Wohnzimmer wird dominiert von einem riesigen Plasma-Bildschirm, wahrscheinlich schön einfach mit 0% beim Blödia Markt finanziert. Davor fein säuberlich aufgereiht drei verschiedene Spielkonsolen und der PayTV-Decoder. An der gegenüberliegenden Wand: Ein riesiges Terrarium mit einer Königspython und daneben ein noch größeres mit Mäusen - denn die Schlange braucht ja was zu essen. In der letzten Ecke des Zimmers sitzt dann der ältere Sohnemann der Familie mit Kopfhörern (immerhin!) vor einem Einundzwanzigzoller und spielt WOW, während der jüngere Meier-Sprössling mit dem Familienhund durch's Zimmer tollt. Dazwischen dann wir und Muddern, mit der wir versuchen ein halbwegs strukturiertes Gespräch zu führen.
Inhaltlich bringen diese Termine, wie gesagt, nicht viel. Man hört sich an, wie bescheuert das Jugendamt ist und wie bekloppt die Lehrer an der alten Schule waren. Man kann sich so ungefähr denken, wie über uns in unserer Abwesenheit geredet wird. Man hört sich auch an, was alles für die Förderung des Nachwuchses getan wird: "Wir gucken immer so Sendungen mit Tieren. Neulich kam was mit Dinosauriern. Da habe ich dem Bengel aber erklärt,er muss keine Angst haben. Das ist alles nur nachgestellt oder es sind alte Aufnahmen."
Manchmal sitzen auch noch ketterauchende Familienhelfer mit am Tisch, die ihren Senf dazugeben und ganz neue Definitionen für bekannte Krankheitsbilder raushauen: "Ist doch klar, dass Kevin immer meint, er bekäme zu wenig Aufmerksamkeit. Er hat schließlich ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom" oder türkische Omas, die kein Wort verstehen aber mantraartig den einen Satz wiederholen, der sie am Leben erhält: "Erkan gut Junge!".
So fährt man eigentlich immer ganz beschwingt nach Hause und rechnet sich vor: Ein Jahr hat 8760 Stunden. Davon verbringt ein Kind maximal 1000 Stunden in der Schule, den Rest zu Hause. So begrenzt ist unser Einfluss. Für das Kind entsetzlich, für uns aber ehrlich gesagt auch irgendwie beruhigend. Glück auf!
Dienstag, 24. Mai 2011
In der Lernhöhle
Jedenfalls werden alle Kollegen stets sehr kreativ, wenn es darum geht, Argumente für bzw. gegen einen Raumwechsel zu finden und entsprechend hitzig sind die Dienstbesprechungen.
Ich bin da fein raus. Meinen Raum will eh keiner. Es ist einer der kleinsten und dunkelsten Räume der Schule und liegt in einem Seitengebäude jenseits des Schulhofes, den man jedes Mal überqueren muss, wenn man etwas im Lehrerzimmer vergessen hat. Aber das macht mir alles nichts. Umziehen möchte ich auf keinen Fall. Natürlich stört manchmal die Enge in dem Raum, der nicht nur klassischer Lernort sondern zugleich Frühstücksraum, Kunst- und Werkatelier, Spielzimmer und nicht zuletzt Materiallager für mich, die Fachlehrer und die Anwärterin ist. Manchmal weiß man einfach nicht mehr, wohin mit sich selbst, den Schülern, den angefangenen Kunstwerken und den ganzen Camembertschachteln.
Aber mit dem ganzen Kladeradatsch den Raum wechseln? Das ist für mich eine wahre Horrorvorstellung. Dafür müsste man ja aufräumen, sortieren, verpacken, auspacken und einräumen. Das kommt nicht Frage. Zumal ein größerer Raum mit größeren Schränken sicherlich innerhalb weniger Monate auch voll wäre.
Da bleibe ich lieber in meiner Lernhöhle, in der ich mich in den vergangenen sieben Jahren häuslich eingerichtet habe. Hier wird man mich am Tag meiner Pensionierung heraustragen müssen, wie einen Messie bei der Zwangsräumung.
Was die Möblierung und den Gebäudezustand angeht, sind wir eh nicht weit von (den Schülern vertrauten) Hartz-IV-Standards entfernt. So sucht man bei uns vergebens tolle Wehrfritzmöbel, moderne Whiteboards, ergonomische Sitzmöbel oder anderen didacta-Schnickschnack. Viele Möbel sind so alt wie die Schule selbst, der Rest wurde privat zu Hause aussortiert oder von Firmen gespendet, die sich neu eingerichtet haben. Immerhin: Wir haben einen eigenen Fernseher mit DVD-Player und eine Kaffeemaschine - das sind sowieso die wichtigsten Einrichtungsgegenstände.
Alle ehemals freien Flächen in meinem Klassenraum sind schon längst vollgestellt mit dem Pädagogen-Kleinmöbel Nr. 1: Den unvermeidlichen Kopierkartondeckeln. Diese dienen wahlweise als Schülerfächer, Materialkisten für Stationenarbeit oder Kleber-/Scheren-/Stiftebox.
Trotz allem: Weil Reibung bekanntlich Wärme erzeugt, fühlen wir uns hier alle pudelwohl und rücken auch gerne noch ein bisschen zusammen, wenn z.B. Besuch aus dem Studienseminar kommt. Ein bisschen Luft haben wir gewonnen, seit unserem Marvin vom Jugendamt der Schulbegleiter gestrichen wurde - der nahm aber auch ganz schön viel Platz ein! Glück auf.
Montag, 23. Mai 2011
Ich bastle was!
Und je nach Unterrichtsplanung fällt seine Wahl dann auf den völlig überteuerten Camembert in der Pappschachtel (Laternen basteln!), auf total ungesunde Joghurt-Drinks in kleinen Plastik-Fläschchen (Styroporkugel oben drauf - fertig ist der Rohling für eine Krippenfigur o.ä.) oder auf maximal halbreife Physalisfrüchte aus Südafrika (In die Kunststoffkörbchen könnenStoffstreifen eingewebt werden - sieht sehr schön aus).
Von all diesen Dingen hat er natürlich schon längst einen riesigen Vorrat in seinem überquillenden Klassenschrank, aber wer weiß - es könnten ja schlechte Zeiten kommen. Sieht man ja am Beispiel der Filmdosen. Diese kleinen runden Behälter sind unerlässlich z.B. für ein anständiges "Geräuschmemory" oder zum Anrühren von Farben. Inzwischen - wir sind im digitalen Zeitalter angekommen - sind sie jedoch nahezu ausgestorben, bald wird man sie nur noch im manufaktum-Katalog finden. Wer noch eine Kiste von den Dosen hat, ist ein reicher Mensch. Auch heute zehren vor allem ältere Kollegen noch von den praktischen Kunststoffboxen, in denen in den 80er und 90er Jahren Ferrero seine Rochers und Raffaelos verpackt hat. Gibt es eine bessere Aufbewahrung für Lernkarteien?
Natürlich kann auch der konsumfreudigste Pädagoge nicht immer soviel Verpackung kaufen, wie er zum Basteln benötigt. So ist er im Einzelhandel schon als Jäger und Sammler bekannt, der etwa im Schuhladen regelmäßig mit der Frage nervt: "Ich bräuchte bis morgen 30 möglichst gleichgroße Schuhkartons. Können Sie mir helfen?", beim Schlachter um Rindertalg bettelt (braucht man für Vogelfutterglocken - stinkt fürchtbar!) oder beim Geflügelbauern Eierpaletten schnorrt (Grundmaterial zum Papierschöpfen).
Manchmal fliegen ihm natürlich Dinge auch einfach so ganz unverhofft zu. die Tochter von Frau Seltsam machte z.B. einmal Praktikum bei einem Immobilienmogul, der kettenweise teure Havana-Zigarren rauchte. Der Frevel: Die schönen Holzschachteln benutzte er stets, um damit seinen Kamin anzufeuern. Da zeigte Seltsam junior, dass Pädagogenblut in ihren Adern fließt, griff beherzt ein - und organisierte uns massenweise von diesen Schachteln. Später durften unsere Schüler die edlen Stücke dann mit "Serviettentechnik" verunstalten (kommt in der Beliebtheit gleich nach Bügelperlen...).
Eigentlich ja verdammt umweltfreundlich und nachhaltig dieses "Materialrecycling"! Den grünen Umweltengel schießt freilich der Kollege Brandt ab, der noch nicht mal kaputte Waschmaschinen zur Kippe fährt sondern sie stattdessen in der Schule anschleppt. Hier werden die Elektromonster von ihm und den Schülern artgerecht zerlegt und die Filetstücke werden entnommen: Aus der Trommel wird eine schicke Feuertonne und aus dem Bullaugenfenster eine feuerfeste Auflaufform.
Der Kreativität sind also keine Grenzen gesetzt. Ich finde, die Hymne unserer Schule sollte - frei nach Herbert Grönemeyer - so gehen: "Oh, ich bastle was! Basteln macht soviel Spaß! Ich könnte ständig basteln gehn, basteln ist wunderschön..." Glück auf!
Freitag, 20. Mai 2011
Schulhof-Tourismus
Diese Kids nehmen täglich stundenlange Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf sich oder strapaziöse Touren in engen Kleinbussen, nur um mich morgens mit der verbalen oder nonverbalen Botschaft zu begrüßen: "Ich bleib' heute eh' draußen, da könnse nix machen!" Ohne taktile Hilfestellungen sind sie nicht dazu zu bewegen, einen Fuß ins heimelige Klassenzimmer zu setzen. Oder aber sie kommen erstmal mit rein, provozieren jedoch schon beim Morgenkreis oder Hausaufgabenkontrollieren einen Rausschmiss.
Von da an drehen sie dann den ganzen Vormittag über ihre Runden um die Schule wie der Sputnik um die Erde und warten auf 13 Uhr. Es ist nicht so, dass ihnen besonders spannende Tätigkeiten für diesen Zeitraum einfallen würden. Sie schaukeln, hängen auf dem Klettergerüst ab, gehen mal eine Rauchen, mal zur Tanke einkaufen. Mehr auch nicht. Warum also kommen sie extra hierher?
Regelmäßig erkläre ich ihnen, dass sie so oder so eine sechs bekommen, wenn sie nicht im Unterricht zugegen sind - egal, ob sie vor der Tpr stehen oder zu Hause im Bett liegen. Und dass sie sich deshalb den Schulweg sparen können. Herrgott, warum fahren die nicht einfach ins nächste Einkaufszentrum und spielen dort Playstation oder hängen am wohnortnächsten Spielplatz ab? Da können sie sich doch auch treffen. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass unser Schulhof einen besonderen Reiz hat.
Nun könnte es einem ja eigentlich egal sein, aber leider merken die meisten Schulhof-Touristen spätestens in der dritten Stunde, dass es dort ja doch irgendwie nicht so spannend ist. Deshalb versuchen sie mit missionarischem Eifer andere Schüler auf ihre Seite (also nach draußen) zu ziehen oder doch noch irgendwie die Aufmerksamheit des Lehrkörpers auf sich zu ziehen. Hier sind der Phantasie dann widerum keine Grenzen gesetzt: Türen bollern, auf's Dach klettern, Treppenhaus und Toiletten verwüsten, Feuerlöscher leeren, untereinander Kloppereien anfangen, vor Klassenfenstern Faxen machen - die Liste der Aktivitäten könnte noch lange fortgesetzt werden. Manch einer lässt sich vielleicht noch damit ruhigstellen, dass man ihm einen Besen in die Hand drückt und ihn den Schulhof fegen lässt. Aber in den meisten Fällen hilft nur ein Mittel, um sie zur Mitarbeit zu bewegen: Minusgrade, Eisregen, Hagelschauer! Dann sind sie alle plötzlich zum Popowärmen zuverlässig um 8 Uhr an ihrem Platz und tun alles, um nicht rauszufliegen. Glück auf!
13 Uhr
Denn nichts ist verfressener als ein Lehrerkollegium um 13 Uhr und man will ja nicht jeden Tag den Pizza- oder Chinamann in die Lehrerlounge bemühen. Bei denen sind wir eh schon die besten Kunden und die Kartons verstopfen schon jetzt immer die Altpapiertonne.
Manchmal hat auch jemand Geburtstag, aber der mitgebrachte Kuchen ist meistens schon in der ersten Pause abgefrühstückt.
Wenn es sonst nichts gibt, wird schonmal über die Kekse hergefallen, die die arme Anwärterin für den Unterrichtsbesuch bereitgestellt hat oder über die Brotdose des Kollegen, der sie fahrlässigerweise an seinem Platz liegengelassen hat.
Nein, da weiß man das mittwöchliche Menu ala Frau Seltsam sehr zu schätzen und selbst die überzeugteste Veganerin liebäugelt mit den weltbesten Senfeiern.
Gut, ab und zu verschwindet beim Kochen mal ein Schüler auf unerklärliche Weise, aber dann heißt es von Frau Seltsam nur mirakulös: "Das Geheimnis liegt in der Sauce!"
In diesem Sinne: Glück auf und TOWANDA!
Donnerstag, 19. Mai 2011
Can
So sitzen wir schließlich im Klassenzimmer und berichten einzeln und ausführlich, wie es uns während der vergangenen 6 Wochen ergangen ist. Genervte Gesichter ignorieren wir- schließlich sind wir die Guten und haben alles im Griff! Unser Original Can erinnert sich laut, dass die Kollegin ja inzwischen auch schon über 30 sei. Freundlich wird bejaht. Dann Can:"Haben sie schon gefickt?" "Was hast Du gesagt?" Can: "Haben Sie gefickt? Das ist wichtig in ihrem Alter! Los Junge! Sagen Sie mal! Haben Sie gefickt?" Ich: "Can! Jetzt reicht`s! Zu morgen schreibst Du eine Entschuldigung für deine Lehrerin!" Can, empört:"Warum? Das macht man doch so in Deutschland! Wenn man 30 wird, muss man doch ficken!" Die Kollegin und ich sehen uns an, der Rest der Klasse schweigt gespannt und ein ohrenbetäubender Lärm setzt ein, als unsere Groschen kiloweise fallen. "Can, willst du wissen, ob ich gefegt habe?" Can, genervt:"Ja, Mann, Junge! Das macht man doch in Deutschland!"
So süß sind die eigentlich gar nicht, Junge! Und wie die schon wieder reden! Das Auge zuckt auch schon wieder! 6 Wochen Ferien sind nicht genug. Man hat ja nicht mal Zeit, sich die Ohren ausspülen zu lassen!!
Ahoi von Frau Seltsam, Junge!
Mittwochs
So ähnlich läuft das jedes Jahr auf`s Neue. Ich bin mir sicher. Die Kollegen leugnen hartnäckig. Egal. Ich schaffe das! Ich schmeiße mich in meinen imaginären Zirkus-Dompteur-Anzug und halte in der einen Hand die imaginäre Peitsche und in der anderen die realen Leckerli in Form einer Packung Eis für gutes Arbeiten: Essen kochen für 40 Personen, das pünktlich auf dem Tisch stehen soll, gemeinsames zivilisiertes Speisen und anschließend das leidige Säubern von Geschirr und Küche. Fehlt noch was? Ach jaaaa- die sollen ja sauber sein, meine Köche und hygienisch einwandfrei arbeiten....Man kann ja nicht an alles denken, liebe Kollegen......
Einen guten Appetit wünscht Frau Seltsam!
Mittwoch, 18. Mai 2011
Die Bügelperlen-Didaktik - Ein Lehrwerk aus der Praxis für die Praxis
Kennen Sie Bügelperlen??? Nein??? Dann sollten Sie sie schleunigst kennenlernen, denn ohne sie sind Sie im pädagogischen Alltag völlig aufgeschmissen.
Oder haben Sie etwa gedacht, man könne in einer achten Klasse im Religionsunterricht ein Modell eines israelitischen Dorfes bauen? Ha, weit gefehlt! Zwar sind die Papierbastelbögen aufgrund der Quaderform der Häuser unterster Schwierigkeitsgrad - was aber nicht bedeutet, dass die Hälfte es dennoch nicht schafft, auf der Linie zu schneiden und die Klebelaschen dranzulassen.
Oder denken Sie etwa, Papierschöpfen ist ein empfehlenswertes Projekt für den Kunstunterricht? Na, wenn Sie wollen, dass der Klassenraum aussieht wie die masurische Seenplatte und überall an den Decken und Wänden graue Papiermatschknödel kleben - dann bitteschön!
Neinneinnein, von solch waghalsigen Experimenten sei dringend abgeraten - sie sind mit dem Modell des Curriculum-Kreises auf keinen Fall vereinbar.
Zurück deshalb zu den Bügelperlen: Diese kleinen bunten "Wunderpillen" aus Kunststoff gibt es für wenig Geld in großen Mengen - beim schwedischen Möbelhaus für 6,99 die Kumme. Sie sind universell einsetzbar. Auf Platten gesteckt und drübergebügelt ergeben Sie wunderschöne psychodelische Bilder, Weihnachtsbaumanhänger in hübschhässlichen Plastikfarben und anderen Zierrat, der auf jedem Schulbasar reißenden Absatz findet. Laut Katalogbeschreibung unterstützen sie außerdem "die Entwicklung von Feinmotorik und die Koordination von Hand und Auge". Das beste aber ist: Sie stellen die größten Zappler ruhig, machen keinen Dreck und sind bei der Schülerschaft so beliebt wie Picaldi-Hosen, Bushido-Songs und 5-Gums zusammen. Pädagogenherz, was willst du mehr? Also, lasst uns bügeln, was das Zeug hält - egal ob Kunst, Religion oder Sachunterricht. Oder haben Sie Besseres vor? Glück auf!
Dienstag, 17. Mai 2011
Der Curriculum-Kreis
In der Praxis, zumindest an unserer "Bildungsanstalt", sieht das etwas anders aus. Wer glaubt, in seinem Unterricht auf zuvor durchgenommene Inhalte zurückgreifen und aufbauen zu können, dem wird damit bei unseren Schülern ein ähnlicher Erfolg beschieden sein wie bei einer Gruppe Eintagsfliegen. Dies hat zur Folge, dass man sich mitunter vorkommt wie Bill Murray in "Täglich grüßt das Murmeltier" und sich in seinem Unterricht im Laufe der Jahre in einer Art Kreis bewegt - von einer spiralartigen Aufwärtsbewegung keine Spur!
Deswegen wird es Zeit, die Geschichte der Didaktik neu zu schreiben. Ich habe mir vorgenommen, spätestens zur nächsten didacta ein Fachbuch zu veröffentlichen, das alle Bestsellerlisten stürmen wird: "Der Curriculum-Kreis".
Danach, soviel sei schon verraten, trifft der euphorische Junglehrer in den ersten Jahren seiner Laufbahn eine Auswahl elementarer Themen aus den wichtigsten Unterrichtsfächern, sammelt dazu Materialien, mit denen er in seinem steuerlich abgesetzten Arbeitszimmer einmalig den Aktenschrank "Erik" bestückt - und damit hat er dann für den Rest seiner Laufbahn ausgesorgt. (Die Regale im Arbeitszimmer füllen sich auch so mit Reiseführern, GEW-Zeitschriften und Selbstgebasteltem von Eigen- und Fremdbälgern.) Und dann geht sie los, die lustige Karusselfahrt des Schulalltags.
Jedes Jahr wird dabei auf's Neue geklärt, dass...
- Kaugummis im Restmüll und nicht im Altpapier entsorgt werden,
- dass Jesus in Israel und nicht auf Island gelebt hat,
- dass die Region XY keine Glaubensgemeinschaft sondern eine Verwaltungseinheit ist,
- dass Dinosaurier lange vor den Menschen auf der Erde gelebt haben,
- dass man beim schriftlichen Subtrahieren hinten anfängt und
- dass Namenwörter groß geschrieben werden.
Die Unterrichtsvorbereitung hält sich dabei so übertriebenst in Grenzen, dass der geneigte Gröpaz sich dringend Nebentätigkeiten suchen muss um ausgelastet zu sein - wie z.B. Blog schreiben. Glück auf!
Ohmacht
Ohnmacht
Ohnmacht-wer kennt sie nicht? Die gemeine Ohnmacht während der eigenen Konfirmation oder Hochzeit, die Ohnmachtsattacke nach dem man ein Reh angefahren hat, Ohnmacht bei 40 Grad im Schatten im Malleurlaub, Ohnmacht weil man sich zu tief in den Finger geschnitten hat oder das Wochenende durchgefeiert hat. Jaja, grausam, grausam so ne Ohnmacht. Aber wer jetzt geglaubt hat, das ist DIE Ohnmacht schlechthin, der hat sich geirrt. Die wirkliche, die wahrhaftige, die einzige, die schlimmste, die furchteinflößendste, the one and only Ohnmacht - das ist eine Doppelstunde Unterricht in der schlimmsten Klasse der Schule.
Wer´s nicht glaubt, der möge es ausprobieren:
Oder wie würdet ihr das Gefühl nennen, kurz nach Unterrichtsbeginn, wenn gefühlte 30 Vandalen versuchen möglichst gesittet, die hochgestellten Stühle auf die Erde zu stellen, während die schnelleren von ihnen schon auf dem Weg Richtung Lehrerpult sind um ihre Mitteilungshefte abzugeben, dabei ungewollt mehrere dieser besagten Stühle gegen den Hinterkopf bekommen, daraus ein Handgemenge entsteht, dessen Ausgang auf jeden Fall mehrere Kühlkissen und einen Anruf beim –man möchte meinen- schuleigenen Rettungswagen erfordert. Kaum hat man es geschafft die tobende Masse zu besänftigen und alle Verletzten außerhalb des Klassenraums versorgt zu wissen, scheint einem kontrollierten und geregelten Unterricht ja nun nichts mehr im Weg zu stehen. Jedoch-weit gefehlt. Da hat man die Rechnung ohne die ach so niedrig hängende Frustrationstoleranz gemacht, die dazu führt, das einem bereits das erste gerade eben ausgeteilte Arbeitsblatt von mehreren Seiten wahlweise als Papierkugel oder in konfettiähnlichen Schnipseln wieder entgegengeflogen kommt. Natürlich hat man auch gegen das nun erneut aufsteigende Ohnmachtsgefühl die passenden „Pillen“ parat: Eine nette Ersatzaufgabe, ohne jeglichen Anspruch, um die Frustrationstoleranz wieder aus ihren Kellerversteckt zu locken. Doch wie sollte man ahnen, dass auch diese Aufgabe nicht zur gewünschten „Rückgewinnung der Zügel“ führt. Da fängt der eine Sprössling mit der Entfaltung seines Stimmrepertoires an und gibt Geräusche von sich, die 12 Punkte beim „schlechtester-Grand-Prix-aller Zeiten“ sehr wahrscheinlich machen, während ein anderer es sich zur Aufgabe gemacht hat, Sitzmöbel ab sofort zu unterwandern oder zu überspringen, jedoch auf keinen Fall die Sitzfläche mit dem Allerwertesten zu berühren, wobei zur gleichen Zeit ein anderer Schüler seine Energien in einem präpubertären Kicheranfall über die Anwesenden ergießt und sich gar nicht mehr beruhigen lässt. Während also alle regulierenden Arme und besänftigenden Worte, die mir zur Verfügung stehen, in unterschiedliche Richtungen ausgeteilt werden, um so wieder Herr der Lage zu werden, fällt es einem Adoleszenten aus der letzten Reihe ein, den vor ihm sitzenden Schüler mal wieder so ausgiebig zu provozieren, dass dieser schneller als ich schauen kann, aufspringt und seinen Quäler aus der hinteren Reihe mit einem Schlag in die Magengrube zurück in dessen Umlaufbahn katapultiert. Hilft also alles nichts---ich muss den schuleigenen Krankenwagen wieder zurückordern, auch wenn dieser schon fast beim Krankenhaus angekommen war.
Jaja, das ist sie also, die gemeine Ohnmacht.
Und sollte man zu den gelasseneren und erfahreneren Kollegen gehören, die das noch nicht schockt sondern sie höchstens kurzzeitig aus ihrem tiefen Beamtenschlaf weckt, dann mag eine Ohnmacht aber spätestens durch das zu Unterrichtsende einsetzende Schwindelgefühl ausgelöst werden, welches durch das fortwährende innere Kopfschütteln angesichts so vieler hirnrissiger Aussagen von Schülern während des laufenden Unterrichtsblockes entstanden ist: Die Nordsee wurde von den Nazis ausgegraben, wenn man einem Mann einen bläst dann macht man das mit dem Po, egal was eine Muschel tut-man darf es auf keinen Fall glauben, ein Mongo ist eine beliebte lateinamerikanische Trommel, Glühbirnen schrauben sich gerne ausversehen von selbst aus Lampen, vom Wattenmeer gibt es in der Nordsee gleich mehrere, ein Spast ist ein kleiner einheimischer Vogel, wer in seiner Freizeit reitet, sollte sich dringend mal ein Hobby suchen, für eine Echtlederjacke muss keine Kuh sondern nur ein Rinds sterben und der Kitzler ist bekanntlich unter den Armen.
Jaja, inneres Kopfschütteln bis hin zur Ohnmacht.
In diesem Sinne – ich muss mich hinlegen!
Montag, 16. Mai 2011
Und am Abend...
In dem Sinne: Glück auf!
Es liegt am Wetter
Oder: Mag es doch am Wochentag liegen? Na klar, Montag! Da haben die zweieinhalb Tage vor der Glotze verbracht, wen wundert's, dass da keiner zu gebrauchen ist. Aber auch die anderen Tage haben ihre Tücken. Dienstag? Erste StundeSportunterricht! Na, das kann ja was werden! Mittwoch: Projekttag! Das ist für manche einfach eine zu "offene" Situation. Donnerstags sind alle natürlich schon völlig platt von der Woche, was will man da erwarten. Und Freitag, naja, ist doch klar, da freuen sich doch alle schon auf das TV-Programm am Wochenende.
Also, sucht euch eine Begründung aus, irgendwer spinnt ja immer! Glück auf!