Wir haben den schönsten Schulhof Deutschlands! Naja, das ist nicht unbedingt meine Meinung, obwohl ich unseren Schulhof schon soweit okidoki finde. Es ist auch nicht so, dass wir irgendeinen Wettbewerb gewonnen hätten. Aber das Verhalten einiger Schüler lässt sich nicht anders deuten, als dass der Schulhof zumindest für sie als Aufenthaltsort und Treffpunkt nicht zu überbieten ist.
Diese Kids nehmen täglich stundenlange Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf sich oder strapaziöse Touren in engen Kleinbussen, nur um mich morgens mit der verbalen oder nonverbalen Botschaft zu begrüßen: "Ich bleib' heute eh' draußen, da könnse nix machen!" Ohne taktile Hilfestellungen sind sie nicht dazu zu bewegen, einen Fuß ins heimelige Klassenzimmer zu setzen. Oder aber sie kommen erstmal mit rein, provozieren jedoch schon beim Morgenkreis oder Hausaufgabenkontrollieren einen Rausschmiss.
Von da an drehen sie dann den ganzen Vormittag über ihre Runden um die Schule wie der Sputnik um die Erde und warten auf 13 Uhr. Es ist nicht so, dass ihnen besonders spannende Tätigkeiten für diesen Zeitraum einfallen würden. Sie schaukeln, hängen auf dem Klettergerüst ab, gehen mal eine Rauchen, mal zur Tanke einkaufen. Mehr auch nicht. Warum also kommen sie extra hierher?
Regelmäßig erkläre ich ihnen, dass sie so oder so eine sechs bekommen, wenn sie nicht im Unterricht zugegen sind - egal, ob sie vor der Tpr stehen oder zu Hause im Bett liegen. Und dass sie sich deshalb den Schulweg sparen können. Herrgott, warum fahren die nicht einfach ins nächste Einkaufszentrum und spielen dort Playstation oder hängen am wohnortnächsten Spielplatz ab? Da können sie sich doch auch treffen. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass unser Schulhof einen besonderen Reiz hat.
Nun könnte es einem ja eigentlich egal sein, aber leider merken die meisten Schulhof-Touristen spätestens in der dritten Stunde, dass es dort ja doch irgendwie nicht so spannend ist. Deshalb versuchen sie mit missionarischem Eifer andere Schüler auf ihre Seite (also nach draußen) zu ziehen oder doch noch irgendwie die Aufmerksamheit des Lehrkörpers auf sich zu ziehen. Hier sind der Phantasie dann widerum keine Grenzen gesetzt: Türen bollern, auf's Dach klettern, Treppenhaus und Toiletten verwüsten, Feuerlöscher leeren, untereinander Kloppereien anfangen, vor Klassenfenstern Faxen machen - die Liste der Aktivitäten könnte noch lange fortgesetzt werden. Manch einer lässt sich vielleicht noch damit ruhigstellen, dass man ihm einen Besen in die Hand drückt und ihn den Schulhof fegen lässt. Aber in den meisten Fällen hilft nur ein Mittel, um sie zur Mitarbeit zu bewegen: Minusgrade, Eisregen, Hagelschauer! Dann sind sie alle plötzlich zum Popowärmen zuverlässig um 8 Uhr an ihrem Platz und tun alles, um nicht rauszufliegen. Glück auf!
...bis auf diejenigen, die man in der Tat als schmerzfrei bezeichnen kann (eigentlich ein beneidenswerter Zustand!), da sie trotz 20 Grad unter Null bei Schnee gebeugt auf einem Baumstamm sitzen, das Gesicht verborgen von der Kapuze der Sweatshirtjacke, regungslos von 8 bis 13 Uhr, Tag für Tag...Ab und zu geht man zu diesem Wesen, das den Schulhof so sehr zu lieben scheint, klopft es ab, horcht auf Atem, prüft die Pupillen, bietet ein warmes Klassenzimmer an und geht doch alleine wieder in die warme, verbrauchte Luft des Raumes, wo die anderen 15-Jährigen schwitzend ihr Hirn martern... Wie schön, wieder drin zu sein. Frische Luft wird einfach überbewertet!!
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