Montag, 30. Mai 2011

In der Regel hilft nur 'ne neue Regel

Da wir eine Förderschule sind, haben wir neben dem Bildungsauftrag auch in besonderem Maße einen Erziehungsauftrag. Und da weiß natürlich jeder, der ab und zu mal "Super Nanny" guckt, was Kinder am meisten brauchen: feste Strukturen und Regeln!
Dies hat zur Folge, dass es bei uns für ALLES Regeln gibt. Neben der Schulordnung gibt es Verhaltensmaßgaben für den Schulhof, die Turnhalle, die Bücherei, die Toiletten und den Klassenraum - und hier wiederum spezifische Regeln für die Spieleecke, die Frühstückspause, den Stuhlkreis und alle Unterrichtsphasen. Und wenn man meint, dass das nun genug sei, dann kommt mit Sicherheit von irgendwo ein Anwärterlein, das Stationenarbeit einführt und - na klar - hierfür Regeln formuliert.
All diese Regeln existieren natürlich nicht nur in unseren Köpfen, sondern sie sind auf liebevoll gestaltetetn Plakaten am entsprechenden Ort festgehalten. So sind eigentlich die meisten Wände bei uns mit ihnen zugekleistert. Dies gilt insbesondere, wenn der Klassenlehrer in der Ausbildung nicht aufgepasst hat und nicht weiß, dass Regeln stets POSITIV zu formulieren sind, z.B. "Ich löse Konflikte friedlich." Wenn dieser Hinweis nicht beherzigt wird, können Regellisten schnell ins Unendliche ausarten und beinhalten Sätze wie "Ich haue nicht", "Ich trete nicht", "Ich kneife nicht", "Ich beiße nicht" etc. Kann man natürlich nach Belieben fortsetzen. Selbst die Regel "Ich pupse nicht in der Klasse" habe ich schonmal gelesen - ich schwöre!
Alle Plakate sind natürlich schön laminiert, versteht sich. Denn alles, was mehr als eine Unterrichtsstunde überstehen soll, schickt der Pädagoge durch den Laminator und lässt es in Plastik einschweißen. Damit gibt er dem Dokument nochmal eine besondere Gewichtung (denkt er). Archäologen werden uns in späteren Epochen dafür dankbar sein! Man stelle sich vor, Luther hätte seine Thesen laminiert, bevor er sie an die Kirchentür nagelte. Oder Mose die zehn Gebote...
Neben dem Laminieren ist der zweite Standard für Regelplakate das Illustrieren mit Symbolen. Da versucht der zeichenbegabte Regulator, sein Pamphlet grafisch umzusetzen, um es auch absoluten Alphabetisierungsspätzündern zugänglich zu machen. Oder aber er gibt ein Schweinegeld für Mappen der einschlägigen Materialverlage aus und erhält so ein Potpourri völlig durchgeknallter Piktogramme, die wahrscheinlich in der beschützten Werkstatt einer Klapse entstanden sind und nur von Ikea-Bauanleitungen überboten werden.

Was aber, wenn dem gemeinen Bratzekind dies alles völlig Schnuppe ist und es trotzdem macht, was es will? Dann müssen natürlich drakonische Strafen her, und hier ist die unangefochtene Nummer 1: REGELN ABSCHREIBEN! Und zwar am besten gleich zwei, drei, vier Mal, damit es so richtig wehtut!
Origineller ist es natürich, die Schüler selbst etwas über richtiges Verhalten verfassen zu lassen oder schriftliche Entschuldigungen für Fehlverhalten einzufordern. Hier sollte allerdings dringend auf die Einhaltung gewisser Qualitätsstandards zu achten und die kindlichen Machwerke ggf. zurückzuweisen. Weil es so schön zum Thema passt, formuliere ich hier mal ein paar Regeln für derartige Extraarbeiten, die man dringend einhalten sollte, wenn man von mir nicht hochkant rausgeworfen werden möchte:
1. Beantworte die Frage: "Wie verhalte ich mich angemessen gegenüber Lehrern?" NIEMALS mit Allgemeinplätzen wie  "nett" oder "gut".
2. Erkläre dein Fehlverhalten NIEMALS mit dem Fehlverhalten anderer: "Es tut mir leid, dass ich sie Hurensohn genannt habe, aber sie haben mich vorher angeschrieen."
3. Vermeide AUF JEDEN FALL die Schlussfloskel "Es kommt nie wieder vor"! Das schaffst du sowieso nicht.
4. Gib deine Entschuldigung auf einem sauberen A4-Blatt ab. Werke auf Löschblättern, Zeichenblockrückseiten oder Einkaufszetteln werden NICHT angenommen.
Ich bin natürlich der festen Überzeugung, dass ich eine Arbeit, bei deren Anfertigung all diese Regeln beherzigt wurden, NIE zu Gesicht bekommen werde.
Überhaupt frage ich mich, was ich machen würde, wenn alle immer alles richtig machen würden. Dann müsste ich womöglich doppelt so viel Unterricht vorbereiten, weil ich z.B. gar keine Konflikte mehr zu klären hätte. Und längerfristig würde ich wohl meinen Job verlieren. Also bin ich ja eigentlich froh über jeden der eine halbwegs originelle "Beschwerde macht". Glück auf!

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