Fein herausgeputzte Mädels und Buben spazieren in Zweierreihen und händchenhaltend durch die Natur, die Vögel zwitschern, die Sonne scheint und die Kinder singen mehrstimmig "Hoch auf dem gelben Wagen". Irgendwann kommt man an eine Waldlichtung, Picknickdecken werden ausgebreitet, der Lehrer erklärt etwas über die Flora und Fauna und packt dann sein Akkordeon aus, vielleicht stopft er sich noch eine Pfeife. Die Mädchen, alle mit großen Schleifen im Haar, spielen Ringelreihen und die Jungs, alle mit Faconschnitt, frischgebügelten Hemden und Lederhosen, fangen Frösche am Bach.
SO sehen Schulausflüge bei uns NICHT aus. Aber trotzdem sind auch wir gerne unterwegs um uns außerhalb des Schulgeländes zu bilden oder einfach nur Spaß zu haben. Leider zeigt sich hierbei immer wieder eine gewisse Öffentlichkeits-Inkompatibilität unserer Schüler. Da wird beim Ausflug ins Schwimmbad schon mal eine Arschbombe ins Babybecken gemacht, genau in eine Gruppe junger Familien aus höheren Bildungsschichten mit ihren Säuglingen. Da kommt es im Freizeitpark schonmal zu stundenlangen Schreianfällen, weil der eigene Rucksack zum dritten Mal an irgendeiner Stelle liegengelassen wurde. Oder es schallt lautstark aus der Toilette eines Kaufhauses: "Frau Ogg, komm mal, die Kacke kommt nicht raus!".
Richtig spektakulär wird es für die unbeteiligten Augen- und Ohrenzeugen, wenn eines unserer Kids in aller Öffentlichkeit sein ganzes Können zeigt und einen Vollausraster erster Güte hinlegt.
So etwa einmal im Umkleidebereich eines Spaßbades: Kevin, 11 Jahre, hat auf dem Weg vom Garderobenschrank zur Kabine irgendwo einen Schuh verloren. Nun rennt er wie wildgeworden auf Socken (die inzwischen klitschnass sind) durch das Gängelabyrinth, tritt und bollert gegen die Resopalwände, stößt übelste Flüche aus und beschimpft auch die zufällig anwesende und völlig sprachlose Putzfrau: "Du Fotze, du hast meinen Schuh versteckt, du Schlampe" usw.... Selbst als der Schuh wieder auftaucht, ist er nicht zu beruhigen und so stapft er barfuß hinaus auf den Parkplatz, wo - wir haben Januar - 10 cm Schnee liegen. Hier springt, von der Randale ausgelöst, noch die Alarmanlage irgendeines PKW an, ehe wir es mit drei Kollegen schaffen, Kevin ins Auto zu stopfen.
Während man sich als Privatperson in Grund und Boden schäme würde, wenn sich das eigene Kind in der Öffentlichkeit so aufführen würde, bleibt man als professioneller Betreuer eigentlich ganz entspannt und denkt sich: "Lass ihn mal machen, sollen die Leute mal sehen, wie schwer wir es haben." Schlecht nur, wenn man von Außenstehenden nicht als Berufspädagoge erkannt wird. So kann es schonmal vorkommen, dass man zusammen mit einer Kollegin und einer Schulklasse unterwegs ist und von faszinierenden Passanten gefragt wird: "Oh, sind das alles Ihre?" Einmal saß ich mitten in der Fußgängerzone einer Kleinstadt auf einem umsichschlagenden Marvin drauf und wartete, dass der sich wieder einkriegte. Da kam ein älterer Herr vorbei, schaute sich das Elend an und meinte dann, es sei produktiv, wenn er mit barschem Feldwebeltonfall den Jungen anblaffe: "Du hörst jetzt auf deinen Vater!" Natürlich wird man in derartigen Situationen sein Bestes tun, die Irrenden schnellstmöglich aufzuklären.
Manchmal ist es aber natürlich auch richtig schön auf solchen Ausflügen und alle sind ganz motiviert, sich gut zu benehmen. Nach einer ausreichenden Vergatterung unter Androhung von Höchststrafen ("Wer im Bus aus Spaß den HALT Knopf drückt, steigt aus - und wartet an der Haltestelle, bis wir heute mittag zurückkommen" ) schaffen es unsere Schützlinge tatsächlich oft, sich vorbildlicher zu verhalten als manche verzogenen Grundschulgören. In diesen Momenten kann man selber im Whirlpool eines Schwimmbades oder im Kaffeegarten eines Freizeitparks mal eine Viertelstunde den lieben Gott einen guten Mann sein lassen und sich fast wie auf einer Ausflugszene aus einem Heimatfilm fühlen. Bis dann der nächste Quälgeist ankommt und seinen Rucksack sucht, sich darüber beschwert, dass Pascal ihn immer "tretet" und "Schadenfreude macht" oder uns stolz zeigt, dass sich da ein kleines schwarzes Tier zwischen seinen Zehen festgebissen hat.
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