Freitag, 13. Juli 2012

Von Eiern und Bällen


Man war das ´ne Woche! 
Unser Kollegium gleicht mittlerweile der Selbsthilfegruppe asthmatischer Dudelsackspieler, denn alle pfeifen irgendwie aus dem letzten Loch und selbst so engagierte Frontschweine wie Herr Bromseklöten schreien nach Brot und Spielen. Einsame Ausnahmen gibt es wie immer („elende Spalter oder heroische Kämpfer“), aber auf die gehe ich nachher noch ein. Wie immer war die Woche schon am Anfang gelaufen, denn es begann mit dem Montag – MONTAG mehr muss man nicht sagen, denn bis Mittwoch konnte dieses Niveau gehalten werden. Am Wochenzenit also, wurde  nach Unterrichtsschluss die Schülerverteilung im Grund- und Hauptschulzweig besprochen und mal ehrlich, ein türkischer Basar war nichts dagegen. Da wurde getauscht und gefeilscht obwohl man lediglich zwischen Pest und Cholera und Diarrhöe und Reizdarm wählen konnte. Heikel war dann doch noch das Thema Klassenverteilung. Und nach diversen rhetorischen Argumentationsschlachten und emotionaler Untermauerung der Arbeitsneigungen, stimmte letztendlich der masochistische Anteil meines Selbst, der Übernahme der Klassenleitung der neuen dritten Klasse zu. Ich gebe zu, dass ich mich mittlerweile auf diese Herausforderung freue, dennoch habe ich nicht bedacht, dass der Zeitpunkt der Entscheidung ziemlich bescheiden gewählt wurde, denn jetzt wo man sich eigentlich auf das Schuljahresende und die ersehnten Ferienfreuden einstellt, sehe ich mich vor meinem geistigen Auge schon wieder in den Vorbereitungen zum Schuljahresanfang – AAARGHHHH!
Doch zurück zum Schulalltag. In den letzten Tagen beobachte ich zunehmend, dass nun auch die letzten Schüler in den Ferienmodus fahren – d.h. Fernsehen bis weit nach Mitternacht und total übermüdet am Morgen. Dienstag in der Entspannung konnte ich mir diesen Umstand jedoch erstmalig zum Vorteil ausbauen, denn ich habe einfach die zwei Nervtöter der Klasse die Reflektionsrunde verschlafen lassen. Man war das angenehm! Und falls einer noch mal nachfragt, befanden die zwei sich im Fortgeschrittenenmodus der Tiefenentspannung – alles klar?!
Fällt den Kollegen eigentlich auf, dass trotz dieses idealen Wetters (welches nun wirklich das Potential für nette fette Infekten hat) in letzter Zeit kaum ein Schüler krank gemeldet wird? Meine Hypothese: Auch die Eltern bereiten sich auf die Ferien vor – und das heißt: Sie schieben das unvermeidliche Elend so weit wie möglich raus und schicken ihre Geburtsrückstände trotz Siechtum in die Schule. Eine Woche Erholung haben sie noch – gönnen wir sie ihnen. Man munkelt, dass vor allem die Eltern aus der Klasse Tisch heimlich die Hausaufgaben ihrer Kinder verschwinden lassen, damit diese nachsitzen und länger in der Schule verbleiben müssen. Doch der Herr Kollege ist ein echter Fuchs, der macht den Eltern nämlich einen Strich durch die Rechnung, indem er die Plagen jede Pause drinnen sitzen lässt (zur Freude der Kollegen) – apropos, wir kommen nun nämlich zum netten Teil der Woche. Was macht man, wenn am Ende der Klassenkasse und der Nerven noch zu viel Praxistag übrig ist? Genau, man geht mit der Klasse ins nahe gelegene EInkaufszentrum – erst Frühstücken dann Shoppen (wobei Letzteres dann fast nebensächlich ist). Beim Frühstück platziert man die Kinder dann so, dass sie bequem den Fernseher der Kinderecke sehen können – denn dann ist es ja auch fast wie zu Hause. Während Ole sein Ei mit Erdbeermarmelade aß und der Lachs gegen Nutella getauscht wurde, verkündete Jacques lautstark, dass er noch Geld hätte, um sich zwei Eier kaufen zu können. Der Mann vom Nebentisch schaltete schneller als ich, denn er konnte sich das Lachen nur knapp verkneifen. Tja, wann ist ein Mann ein Mann?
Nach dem Frühstück ging es dann gemächlich durch den Konsumtempel wobei Frau Bob und ich in kurzen Intervallen pädagogische Drohsätze ausriefen: „Wie bleiben zusammen, sonst geht´s zurück in die SCHULE!“ Eigentlich gab´s keinen Grund dazu, denn die Schüler waren aller sehr angepasst - man wollte lediglich den Verwandtschaftsgrad sicherstellen. Ein plötzlicher Wolkenguss ließ uns dann doch noch einwenig länger verweilen. Nun die Kleinen wussten sich an dem Spielterminal zu beschäftigen und wohlwollend sahen Frau Bob und ich zu, wie mit viel Phantasie und lautstarker akustischer Untermalung ein einfaches Lenkrad zum Truck wurde – ach wenn Dreizehnjährige spielen.
Kommen wir nun endlich zum Freitag und zu denn einsamen Helden der Arbeit. In diesem Fall meine Heldin Frau Bob. Denn sie rettete uns alle – Herr Bromseklöten, seine liebreizende Referendarin Gregoria und mich – ach ja und die Kinder. Ganz ohne uns organisierte und regelte sie das Krökeltunier unserer beiden Klassen, so mit allen Drum und Drann (Listen und all dem Kram) – SUPER! Herr Bromseklöten brachte uns in seiner Euphorie dann auch gleich noch ein Kännchen Beamtenbrause und der erste Block  flutschte wie Seife im der Herrendusche. Im letzten Block gab´s dann lediglich noch Galgenraten mit Sommerbegriffen – wie Regenschirm und Gummistiefel.
So, dass war´s. Und wie immer habe ich mehr gesagt (oder in diesem Fall geschrieben), als ich eigentlich wollte – aber so sind sie die Pädagogen.

Genießt das letzte Wochenende in diesem Schuljahr!

Mit kollegialen Grüßen

Frau Tierfreund

Donnerstag, 5. Juli 2012

Warm- up auf Shutter Island


Liebes Tagebuch,

Nun habe ich ja schon länger nichts von mir hören lassen (das letzte Mal, als ich schwer traumatisiert von einer Autogrammstunde mit André Rieu bei meinem ehemaligen Arbeitgeber berichtete, bei der jener von alten Damen mit fleischfarbenen Miederhosen beworfen wurde und sich die vermutlich höchstbetagte Anhängerin einen ganzen Schwung Mini- Tampons zwischen Zähne und Lippen geklemmt hatte, um den Maasdamer Fiedelfritzen trotz in die Toilette gefallenem und somit verschollenem Gebiß mit einem strahlendes Lächeln becircen zu können), aber seit ich nach Umwegen aller Art, die letztlich hoffentlich der Erhöhung der Ortskenntnis dienlich waren, den Königsweg des Referendariats in einer Förderschule mit Schwerpunkt ESE beschritten habe, ist soviel Denkwürdiges passiert in meinem kleinen Leben, dass ich nicht umhin komme, Dich wieder vermehrt daran teilhaben zu lassen.

Seit Februar bin ich da und seit kurzem hält mich nun auch niemand mehr im Kollegium für einen neuen Schüler („Oh, ach, Sie sind die neue Anwärterin, sorry, aber Sie sehen aus wie ein neuer Schüler, höhö, nix für ungut und herzlich willkommen!“), wobei ich mir da bei der Reinigungskraft mit der Peggy- Guggenheim- Brille nicht ganz sicher bin, ob sie mir nicht doch irgendwann mit dem Industriestaubsaugerrohr eins überbrät, um dann triumphierend im Lehrerzimmer zu verkünden: „Ich hab wieder einen, der hier rumgekrochen ist und hier nix zu suchen hat!“ Mittlerweile wurde ich auch zweifelsfrei als Frau identifiziert, was dem Ganzen auch eher förderlich ist. Ich durfte mitfahren auf meiner allerersten Klassenfahrt mit Herrn Bromseklöten und Herrn Brandt, bei der ich quasi zum ersten Mal an der anderen Seite des Tisches gesessen habe und mich unter Anderem dabei ertappt habe, wie ich abends ganz mütterlich von Bett zu Bett gegangen bin und den kleinen Hasen eine gute Nacht gewünscht habe (inklusive über- die- Wange- streicheln!), mit dem Fuß gewippt habe bei „Strobopop“ von den Atzen feat. Nena (stark erhöhtes Ohrenkrebsrisiko, das darf die Debeka gar nicht wissen, sonst stufen die mich risikogruppentechnisch bei Minenräumkommandos ein) und leider nicht eingelöste Wetten eingegangen bin, wer zuerst in die Schlickhölle fällt beim Floßschippern.

Eine der beiden Klassen (alte Bezeichnung für Lerngruppe) ist leider schon wieder weg und wird dabei schmerzlich vermisst, mit der anderen habe ich mich jetzt auch ins Benehmen gesetzt. Die BezugskollegInnen sind ganz famos und überhaupt könnte auf Shutter Island alles ganz wunderbar sein, wenn nicht 2x pro Woche das Bundesbrechreizministerium riefe, um die anderen AnwärterInnen und mich weichzukochen und einzuschüchtern, ganz nach der guten, alten pädagogischen Faustregel, man müsse den Willen eines Kindes zunächst brechen. Nun, daran arbeitet man dort ganz emsig und in regelmäßigen Abständen werden auch mehr oder minder liebenswerte Vasallen zu uns in die Schulen geschickt, um sich erst unseren Unterricht anzusehen und uns dann mal ordentlich zu zeigen, wo der Barthel den Most holt. Aber: in diesem Zusammenhang empfiehlt sich, auch für zwanghafte Krawallschachteln und natural born Großfressen wie mich der kluge Rat von Don Bosco, dem alten Kirchentroll: „Fröhlich sein und die Spatzen pfeifen lassen!“ In diesem Sinne: ich lasse bald wieder von mir hören! Auf dass sich bis dahin nicht das Papier wellt vor Empörung und : Berg heil!

Deine Gregoria