Donnerstag, 5. Juli 2012

Warm- up auf Shutter Island


Liebes Tagebuch,

Nun habe ich ja schon länger nichts von mir hören lassen (das letzte Mal, als ich schwer traumatisiert von einer Autogrammstunde mit André Rieu bei meinem ehemaligen Arbeitgeber berichtete, bei der jener von alten Damen mit fleischfarbenen Miederhosen beworfen wurde und sich die vermutlich höchstbetagte Anhängerin einen ganzen Schwung Mini- Tampons zwischen Zähne und Lippen geklemmt hatte, um den Maasdamer Fiedelfritzen trotz in die Toilette gefallenem und somit verschollenem Gebiß mit einem strahlendes Lächeln becircen zu können), aber seit ich nach Umwegen aller Art, die letztlich hoffentlich der Erhöhung der Ortskenntnis dienlich waren, den Königsweg des Referendariats in einer Förderschule mit Schwerpunkt ESE beschritten habe, ist soviel Denkwürdiges passiert in meinem kleinen Leben, dass ich nicht umhin komme, Dich wieder vermehrt daran teilhaben zu lassen.

Seit Februar bin ich da und seit kurzem hält mich nun auch niemand mehr im Kollegium für einen neuen Schüler („Oh, ach, Sie sind die neue Anwärterin, sorry, aber Sie sehen aus wie ein neuer Schüler, höhö, nix für ungut und herzlich willkommen!“), wobei ich mir da bei der Reinigungskraft mit der Peggy- Guggenheim- Brille nicht ganz sicher bin, ob sie mir nicht doch irgendwann mit dem Industriestaubsaugerrohr eins überbrät, um dann triumphierend im Lehrerzimmer zu verkünden: „Ich hab wieder einen, der hier rumgekrochen ist und hier nix zu suchen hat!“ Mittlerweile wurde ich auch zweifelsfrei als Frau identifiziert, was dem Ganzen auch eher förderlich ist. Ich durfte mitfahren auf meiner allerersten Klassenfahrt mit Herrn Bromseklöten und Herrn Brandt, bei der ich quasi zum ersten Mal an der anderen Seite des Tisches gesessen habe und mich unter Anderem dabei ertappt habe, wie ich abends ganz mütterlich von Bett zu Bett gegangen bin und den kleinen Hasen eine gute Nacht gewünscht habe (inklusive über- die- Wange- streicheln!), mit dem Fuß gewippt habe bei „Strobopop“ von den Atzen feat. Nena (stark erhöhtes Ohrenkrebsrisiko, das darf die Debeka gar nicht wissen, sonst stufen die mich risikogruppentechnisch bei Minenräumkommandos ein) und leider nicht eingelöste Wetten eingegangen bin, wer zuerst in die Schlickhölle fällt beim Floßschippern.

Eine der beiden Klassen (alte Bezeichnung für Lerngruppe) ist leider schon wieder weg und wird dabei schmerzlich vermisst, mit der anderen habe ich mich jetzt auch ins Benehmen gesetzt. Die BezugskollegInnen sind ganz famos und überhaupt könnte auf Shutter Island alles ganz wunderbar sein, wenn nicht 2x pro Woche das Bundesbrechreizministerium riefe, um die anderen AnwärterInnen und mich weichzukochen und einzuschüchtern, ganz nach der guten, alten pädagogischen Faustregel, man müsse den Willen eines Kindes zunächst brechen. Nun, daran arbeitet man dort ganz emsig und in regelmäßigen Abständen werden auch mehr oder minder liebenswerte Vasallen zu uns in die Schulen geschickt, um sich erst unseren Unterricht anzusehen und uns dann mal ordentlich zu zeigen, wo der Barthel den Most holt. Aber: in diesem Zusammenhang empfiehlt sich, auch für zwanghafte Krawallschachteln und natural born Großfressen wie mich der kluge Rat von Don Bosco, dem alten Kirchentroll: „Fröhlich sein und die Spatzen pfeifen lassen!“ In diesem Sinne: ich lasse bald wieder von mir hören! Auf dass sich bis dahin nicht das Papier wellt vor Empörung und : Berg heil!

Deine Gregoria

1 Kommentar:

  1. Liebe Gregoria! Ich freu mich auf weitere Tagebucheinträge in nächster Zeit! Hab mich schlappgelacht!

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