Liebes
Tagebuch,
Nun habe
ich ja schon länger nichts von mir hören lassen (das letzte Mal, als ich schwer
traumatisiert von einer Autogrammstunde mit André Rieu bei meinem ehemaligen
Arbeitgeber berichtete, bei der jener von alten Damen mit fleischfarbenen
Miederhosen beworfen wurde und sich die vermutlich höchstbetagte Anhängerin einen
ganzen Schwung Mini- Tampons zwischen Zähne und Lippen geklemmt hatte, um den
Maasdamer Fiedelfritzen trotz in die Toilette gefallenem und somit
verschollenem Gebiß mit einem strahlendes Lächeln becircen zu können), aber
seit ich nach Umwegen aller Art, die letztlich hoffentlich der Erhöhung der
Ortskenntnis dienlich waren, den Königsweg des Referendariats in einer
Förderschule mit Schwerpunkt ESE beschritten habe, ist soviel Denkwürdiges
passiert in meinem kleinen Leben, dass ich nicht umhin komme, Dich wieder
vermehrt daran teilhaben zu lassen.
Seit
Februar bin ich da und seit kurzem hält mich nun auch niemand mehr im Kollegium
für einen neuen Schüler („Oh, ach, Sie sind die neue Anwärterin, sorry, aber
Sie sehen aus wie ein neuer Schüler, höhö, nix für ungut und herzlich
willkommen!“), wobei ich mir da bei der Reinigungskraft mit der Peggy-
Guggenheim- Brille nicht ganz sicher bin, ob sie mir nicht doch irgendwann mit
dem Industriestaubsaugerrohr eins überbrät, um dann triumphierend im
Lehrerzimmer zu verkünden: „Ich hab wieder einen, der hier rumgekrochen ist und
hier nix zu suchen hat!“ Mittlerweile wurde ich auch zweifelsfrei als Frau
identifiziert, was dem Ganzen auch eher förderlich ist. Ich durfte mitfahren
auf meiner allerersten Klassenfahrt mit Herrn Bromseklöten und Herrn Brandt,
bei der ich quasi zum ersten Mal an der anderen Seite des Tisches gesessen habe
und mich unter Anderem dabei ertappt habe, wie ich abends ganz mütterlich von
Bett zu Bett gegangen bin und den kleinen Hasen eine gute Nacht gewünscht habe
(inklusive über- die- Wange- streicheln!), mit dem Fuß gewippt habe bei „Strobopop“
von den Atzen feat. Nena (stark erhöhtes Ohrenkrebsrisiko, das darf die Debeka
gar nicht wissen, sonst stufen die mich risikogruppentechnisch bei
Minenräumkommandos ein) und leider nicht eingelöste Wetten eingegangen bin, wer
zuerst in die Schlickhölle fällt beim Floßschippern.
Eine
der beiden Klassen (alte Bezeichnung für Lerngruppe) ist leider schon wieder
weg und wird dabei schmerzlich vermisst, mit der anderen habe ich mich jetzt
auch ins Benehmen gesetzt. Die BezugskollegInnen sind ganz famos und überhaupt
könnte auf Shutter Island alles ganz wunderbar sein, wenn nicht 2x pro Woche
das Bundesbrechreizministerium riefe, um die anderen AnwärterInnen und mich
weichzukochen und einzuschüchtern, ganz nach der guten, alten pädagogischen
Faustregel, man müsse den Willen eines Kindes zunächst brechen. Nun, daran
arbeitet man dort ganz emsig und in regelmäßigen Abständen werden auch mehr
oder minder liebenswerte Vasallen zu uns in die Schulen geschickt, um sich erst
unseren Unterricht anzusehen und uns dann mal ordentlich zu zeigen, wo der
Barthel den Most holt. Aber: in diesem Zusammenhang empfiehlt sich, auch für
zwanghafte Krawallschachteln und natural born Großfressen wie mich der kluge
Rat von Don Bosco, dem alten Kirchentroll: „Fröhlich sein und die Spatzen
pfeifen lassen!“ In diesem Sinne: ich lasse bald wieder von mir hören! Auf dass
sich bis dahin nicht das Papier wellt vor Empörung und : Berg heil!
Deine
Gregoria
Liebe Gregoria! Ich freu mich auf weitere Tagebucheinträge in nächster Zeit! Hab mich schlappgelacht!
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