Liebe
Gemeinde, liebe Gemeindinnen,
gleich
zu Beginn der Lektüre werfe ich Euch einen pädagogischen Knochen hin, denn in
dieser kleinen Feldpost ist ein gutes und richtiges und wichtiges Lernziel- und
kompetenzorientiertes Aufgaben- Bonbon eingebaut:
Bitte
alle Produkte aus dem Handwerkskoffer der Phrasendrescherei finden, rot
unterstreichen, abschreiben und, sofern nicht längst geschehen, in den aktiven
Wortschatz einbauen. In Partnerarbeit vertiefen, in Gruppenarbeit erproben,
diskutieren und reflektieren. Und bitte ein Plakat zur Präsentation erstellen.
Oder einzelne Phrasen pantomimisch darstellen. Oder tanzen. Oder sich direkt
ins Bad begeben und übergeben. Wer alle Phrasen findet, darf sich 5,- € aus dem
imaginären Phrasenschweinderl nehmen und sich ein Pilsli davon gönnen. Die
laminierte Urkunde wird nachgereicht. Spätestens am 35. Mai. Wer den
Arbeitsauftrag selbstständig bearbeitet und die Ergebnissicherung nachhaltig
betrieben hat, wird auch weiterhin keine Probleme haben, den Anforderungen des
Schulalltags konstruktiv und gelassen und kompetent die Stirn zu bieten. Wer
glaubt, sich damit auch in den Veranstaltungen des Bundesbrechreizministeriums,
kurz BBM, ganz wacker durchschlagen zu können, irrt sich gewaltig.
Denn
eben dort ist es wie bei Akte X: die Wahrheit ist irgendwo da draußen und
selbst die Verschleierungstaktiken und weitreichenden Verschwörungen des FBI,
des Pentagon und des CIA sind transparenter und in der Konsequenz schlüssiger als
die Leistungsanforderungen und erwünschten persönlichen Voraussetzungen und
Fähigkeiten, die das BBM verlangt. Seit Beginn der Anwärterzeit werden den LiVs
gebetsmühlenartig die immer selben Handlungsanweisungen eingeprügelt:
Lernausgangsvoraussetzungen beachten. Lernziele genau definieren. Transparenz
im Ablauf und bei den Lernzielen. Alles gut und richtig und wichtig, allein:
mir fehlen die BBM- Vorbilder. Die Monologe, pardon, Arbeitsaufträge, der PM-
Leitung ähneln einer ausgedehnten Kneipentour durch Linden. In irgendeiner
Bumsbude, völlig schnuppe, wo, ist der Anfang. Da wird dann geschwurbelt und
sich warmgemacht, bis man dann im Laberfahrwasser ordentlich Schmackes hat,
etwa 100 Knoten, und eine Sülzschleife nach der anderen zieht und irgendwann
irgendwo in einem dunklen, schmuddeligen, schummrigen und miesen Pestloch von
Hafenkneipe landet, wo man leider, berauscht von der eigenen Eloquenz, natternbreit
vom Barhocker fällt, sobald man dann die Steinkeule über den Kopf bekommt:
„Ähm,…..es ist mir auch angemessen peinlich, aber,…ich hab die Frage nicht
verstanden…“ Eine solche Nachfrage muss denen, die täglich ein Kerzlein auf dem
Altar der Merkmale guten Unterrichts entzünden, wie die Mutter der
Provokationen vorkommen. Ich bin doch PM- Leitung, warum verstehen studierte,
angehende Lehrer und Lehrerinnen meine Arbeitsaufträge nicht? Und wieso ist
nicht klargeworden, worauf die wunderbare Gruppenarbeit hinauslaufen soll?
Rätselhafte Rüttelung am Thron der pädagogischen Unfehlbarkeit. Entsprechung
schmallippig fallen dann auch „weiterführende“ Hinweise aus, der Ruf der
Fragenden ist ruiniert, was soll’s, das ist mir schon öfter passiert. Und klar
ist indes auch: Das PS ist ein Wasserkopf, der offenbar nur installiert worden
ist, um den Kontrast zwischen Schule und Seminar noch zu verstärken. In der Uni
hatte ich öfter Erscheinungen von einer riesigen ätherischen Sanduhr, die in
Vorlesungen und Seminaren ganz oft über meinem Kopf hing und ich ganz deutlich
sehen konnte, wie meine kostbare Lebenszeit blibblibblibb davonrieselte. Seit
Februar habe ich diese Erscheinungen wieder ganz regelmäßig, und zwar stets
Dienstag und Mittwoch. Ich habe jedoch auch noch eine andere Vision, nämlich
die, in der ich herausbekomme, wo die PS- Leitung ihren Lachyoga- Kurs
absolviert hat und ich auch einen mache. Dann werde ich einfach ganz gelassen zurücklachen.
In
einer ganz anderen Kampfklasse spielt man in einem anderen Seminar. Dort gibt
man sich redlich Mühe, nicht nur professionell, sondern auch möglichst kühl und
distanziert aufzutreten. An der Professionalität gibt es (immerhin!) nichts zu
meckern, aber der Ton macht ja stets die Musik und der Habitus kann auch die
Freude über gute Seminarinhalte zerstampfen, so dass man sich über jede Minute
freut, die man nicht gemeinsam verbringen muss. Und wenn dann für bestimmte
Seminarthemen mal „ganz nette Kollegen“ eingeladen werden, die ganz toll über
ein bestimmtes Sozialtraining referieren können, ist man doppelt froh. Dass die
gebotene Einführung ins Thema wenig mehr bot als die recht ausführliche
Einführung der Handreichung: geschenkt. Dass die sich anschließende
Gruppenarbeit eine Gruppe hirnamputierter Nacktmulle in ihrer Intelligenz
beleidigt hätte: geschenkt. Aber das Schlimmste sind eigentlich die jungen,
gaaanz tollen, referierenden Kollegen selbst: junge männliche Lehrer, die irgendwo im
luftleeren Raum zwischen sub-cooler Lässigkeit und Professionalität hängen
geblieben sind und hin und her switchen. Wenn da so ein junger Mann in
Outdooruniform, rotgesichtig vom schnellen Radeln, in den Seminarraum donnert, böse
guckt und gaaanz lässig, durchwirkt von der gezwungenen Jungmännerlässigkeit, „Moooooin!“
in den Raum röhrt, weil er denkt, dass junge Männer, die in jeder Gegend
Deutschlands zu jeder Tages- und Nachtzeit andere Menschen, vorzugsweise andere
junge Männer, gern mit Wacken- T- Shirts, mit „Moin!“ begrüßen, arschcool sind,
habe zumindest ich das akute Bedürfnis,
mein Täschlein zu nehmen und Wehen vorzutäuschen, damit ich rasch gehen kann. Das
angestrengte Bemühen, in einem so unmännlichen Sektor wie der Pädagogik seine
Männlichkeit zu beweisen, bringt diese Typen ja leider dazu, mit dickeren Eiern
durch die Gegend zu marschieren als die Hellsbengelstürsteher am Steintor. Aber
das kann natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie ja eigentlich gaaanz
liebe Kerle sind, echt dufte Kumpel mit ner echt coolen Quatsche, die aber voll
die krassen Profis sind. Die echte Beziehungsarbeit an den Jungs leisten und
das gut und richtig und wichtig finden. Weil, es ist ja echt total wichtig,
dass die ein positives männliches Rollenvorbild haben, die Dschunnngs, und es
müssen „Verdammp noch ma“ mehr Männa inn den Dschob!“ Ja. Genau. Unbedingt. Das
sehe ich wirklich auch so, aber dann bitte nicht nur solche Pfeifen wie ihr. Am
Ende der Sitzung bin ich so erleichtert wie jeden Mittwoch um diese Zeit. Und
murmele wie jeden Mittwoch um diese Zeit innerlich vor mich hin: „Sei dankbar,
Du könntest jetzt auch im Laden XY stehen bis 20.00! Oder bei VW am Band
stehen. Oder bei Edeka an der Schlachte. Oder bei Salon Haargenau hinter einer
mäkeligen Oma mit fettigen Haaren, die ne saure Welle will. Oder….
Nun,
alles hat ein Ende, nur die Wurst hat bekanntlich zwei. Und wenn das Ende des
Referendariats erreicht ist, werde ich mir ordentlich einen löten. Mit ganz
männlichen Schnaps. Darauf ein Likörchen!
Fräulein Heffley - wie immer sind Sie an wortgewaltigen Metaphern nicht zu überbieten! Grandios! Und ja --- genau so absurd war es im Bundesbrechreizministerium meinerzeit auch schon. :-)
AntwortenLöschen