Freitag, 12. Oktober 2012

Hier stehe ich. Ich kann nicht anders: Neuigkeiten aus dem Bundesbrechreizministerium, der Kaderschmiede für den Schulnachwuchs





Liebe Gemeinde, liebe Gemeindinnen,

gleich zu Beginn der Lektüre werfe ich Euch einen pädagogischen Knochen hin, denn in dieser kleinen Feldpost ist ein gutes und richtiges und wichtiges Lernziel- und kompetenzorientiertes Aufgaben- Bonbon eingebaut:

Bitte alle Produkte aus dem Handwerkskoffer der Phrasendrescherei finden, rot unterstreichen, abschreiben und, sofern nicht längst geschehen, in den aktiven Wortschatz einbauen. In Partnerarbeit vertiefen, in Gruppenarbeit erproben, diskutieren und reflektieren. Und bitte ein Plakat zur Präsentation erstellen. Oder einzelne Phrasen pantomimisch darstellen. Oder tanzen. Oder sich direkt ins Bad begeben und übergeben. Wer alle Phrasen findet, darf sich 5,- € aus dem imaginären Phrasenschweinderl nehmen und sich ein Pilsli davon gönnen. Die laminierte Urkunde wird nachgereicht. Spätestens am 35. Mai. Wer den Arbeitsauftrag selbstständig bearbeitet und die Ergebnissicherung nachhaltig betrieben hat, wird auch weiterhin keine Probleme haben, den Anforderungen des Schulalltags konstruktiv und gelassen und kompetent die Stirn zu bieten. Wer glaubt, sich damit auch in den Veranstaltungen des Bundesbrechreizministeriums, kurz BBM, ganz wacker durchschlagen zu können, irrt sich gewaltig.

Denn eben dort ist es wie bei Akte X: die Wahrheit ist irgendwo da draußen und selbst die Verschleierungstaktiken und weitreichenden Verschwörungen des FBI, des Pentagon und des CIA sind transparenter und in der Konsequenz schlüssiger als die Leistungsanforderungen und erwünschten persönlichen Voraussetzungen und Fähigkeiten, die das BBM verlangt. Seit Beginn der Anwärterzeit werden den LiVs gebetsmühlenartig die immer selben Handlungsanweisungen eingeprügelt: Lernausgangsvoraussetzungen beachten. Lernziele genau definieren. Transparenz im Ablauf und bei den Lernzielen. Alles gut und richtig und wichtig, allein: mir fehlen die BBM- Vorbilder. Die Monologe, pardon, Arbeitsaufträge, der PM- Leitung ähneln einer ausgedehnten Kneipentour durch Linden. In irgendeiner Bumsbude, völlig schnuppe, wo, ist der Anfang. Da wird dann geschwurbelt und sich warmgemacht, bis man dann im Laberfahrwasser ordentlich Schmackes hat, etwa 100 Knoten, und eine Sülzschleife nach der anderen zieht und irgendwann irgendwo in einem dunklen, schmuddeligen, schummrigen und miesen Pestloch von Hafenkneipe landet, wo man leider, berauscht von der eigenen Eloquenz, natternbreit vom Barhocker fällt, sobald man dann die Steinkeule über den Kopf bekommt: „Ähm,…..es ist mir auch angemessen peinlich, aber,…ich hab die Frage nicht verstanden…“ Eine solche Nachfrage muss denen, die täglich ein Kerzlein auf dem Altar der Merkmale guten Unterrichts entzünden, wie die Mutter der Provokationen vorkommen. Ich bin doch PM- Leitung, warum verstehen studierte, angehende Lehrer und Lehrerinnen meine Arbeitsaufträge nicht? Und wieso ist nicht klargeworden, worauf die wunderbare Gruppenarbeit hinauslaufen soll? Rätselhafte Rüttelung am Thron der pädagogischen Unfehlbarkeit. Entsprechung schmallippig fallen dann auch „weiterführende“ Hinweise aus, der Ruf der Fragenden ist ruiniert, was soll’s, das ist mir schon öfter passiert. Und klar ist indes auch: Das PS ist ein Wasserkopf, der offenbar nur installiert worden ist, um den Kontrast zwischen Schule und Seminar noch zu verstärken. In der Uni hatte ich öfter Erscheinungen von einer riesigen ätherischen Sanduhr, die in Vorlesungen und Seminaren ganz oft über meinem Kopf hing und ich ganz deutlich sehen konnte, wie meine kostbare Lebenszeit blibblibblibb davonrieselte. Seit Februar habe ich diese Erscheinungen wieder ganz regelmäßig, und zwar stets Dienstag und Mittwoch. Ich habe jedoch auch noch eine andere Vision, nämlich die, in der ich herausbekomme, wo die PS- Leitung ihren Lachyoga- Kurs absolviert hat und ich auch einen mache. Dann werde ich einfach ganz gelassen zurücklachen.

In einer ganz anderen Kampfklasse spielt man in einem anderen Seminar. Dort gibt man sich redlich Mühe, nicht nur professionell, sondern auch möglichst kühl und distanziert aufzutreten. An der Professionalität gibt es (immerhin!) nichts zu meckern, aber der Ton macht ja stets die Musik und der Habitus kann auch die Freude über gute Seminarinhalte zerstampfen, so dass man sich über jede Minute freut, die man nicht gemeinsam verbringen muss. Und wenn dann für bestimmte Seminarthemen mal „ganz nette Kollegen“ eingeladen werden, die ganz toll über ein bestimmtes Sozialtraining referieren können, ist man doppelt froh. Dass die gebotene Einführung ins Thema wenig mehr bot als die recht ausführliche Einführung der Handreichung: geschenkt. Dass die sich anschließende Gruppenarbeit eine Gruppe hirnamputierter Nacktmulle in ihrer Intelligenz beleidigt hätte: geschenkt. Aber das Schlimmste sind eigentlich die jungen, gaaanz tollen, referierenden Kollegen selbst:  junge männliche Lehrer, die irgendwo im luftleeren Raum zwischen sub-cooler Lässigkeit und Professionalität hängen geblieben sind und hin und her switchen. Wenn da so ein junger Mann in Outdooruniform, rotgesichtig vom schnellen Radeln, in den Seminarraum donnert, böse guckt und gaaanz lässig, durchwirkt von der gezwungenen Jungmännerlässigkeit, „Moooooin!“ in den Raum röhrt, weil er denkt, dass junge Männer, die in jeder Gegend Deutschlands zu jeder Tages- und Nachtzeit andere Menschen, vorzugsweise andere junge Männer, gern mit Wacken- T- Shirts, mit „Moin!“ begrüßen, arschcool sind, habe  zumindest ich das akute Bedürfnis, mein Täschlein zu nehmen und Wehen vorzutäuschen, damit ich rasch gehen kann. Das angestrengte Bemühen, in einem so unmännlichen Sektor wie der Pädagogik seine Männlichkeit zu beweisen, bringt diese Typen ja leider dazu, mit dickeren Eiern durch die Gegend zu marschieren als die Hellsbengelstürsteher am Steintor. Aber das kann natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie ja eigentlich gaaanz liebe Kerle sind, echt dufte Kumpel mit ner echt coolen Quatsche, die aber voll die krassen Profis sind. Die echte Beziehungsarbeit an den Jungs leisten und das gut und richtig und wichtig finden. Weil, es ist ja echt total wichtig, dass die ein positives männliches Rollenvorbild haben, die Dschunnngs, und es müssen „Verdammp noch ma“ mehr Männa inn den Dschob!“ Ja. Genau. Unbedingt. Das sehe ich wirklich auch so, aber dann bitte nicht nur solche Pfeifen wie ihr. Am Ende der Sitzung bin ich so erleichtert wie jeden Mittwoch um diese Zeit. Und murmele wie jeden Mittwoch um diese Zeit innerlich vor mich hin: „Sei dankbar, Du könntest jetzt auch im Laden XY stehen bis 20.00! Oder bei VW am Band stehen. Oder bei Edeka an der Schlachte. Oder bei Salon Haargenau hinter einer mäkeligen Oma mit fettigen Haaren, die ne saure Welle will. Oder….

Nun, alles hat ein Ende, nur die Wurst hat bekanntlich zwei. Und wenn das Ende des Referendariats erreicht ist, werde ich mir ordentlich einen löten. Mit ganz männlichen Schnaps. Darauf ein Likörchen!

1 Kommentar:

  1. Fräulein Heffley - wie immer sind Sie an wortgewaltigen Metaphern nicht zu überbieten! Grandios! Und ja --- genau so absurd war es im Bundesbrechreizministerium meinerzeit auch schon. :-)

    AntwortenLöschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.