Freitag, 3. Juni 2011

Justin, das Gebüsch

Meine Tochter ist dieses Wochenende zu zwei Kindergeburtstagen eingeladen. Die Kinder, die sie auf den Parties treffen wird, heißen unter anderem: Alexander, Finn, Hannes, Marlene, Johanna, Leonie.Ganz normale Namen halt. Zumindest in ihrem Kindergarten. An unserer Schule wären diese Kinder damit krasse Außenseiter.
Das Phänomen der milieuspezifischenden Vornamengebung ist unter dem Begriff "Kevinismus" bekannt geworden. Dabei sind die Kevins längst nicht mehr bei uns. Ein Bekannter, der im Strafvollzug arbeitet, erklärte mir kürzlich, die Kevins seien inzwischen bei ihm angekommen. Bei uns liegen im Moment die Renés und Pascals in Führung - kurz dahinter kommen die Marvins, Justins, Leons und Stevens. Von denen habe ich zur Zeit drei in meiner Klasse (bei insgesamt 11 Schülern). Ist ganz praktisch: Wenn man den Namen ruft, horchen gleich drei Kinder auf. Inzwischen sind die jungen Herren auch untereinander dazu übergangen, sich mit Nachnamen anzureden, so das wir uns nun alle fühlen können wie bei der Bundeswehr.
Neulich stand ich auf dem Schulhof zusammen mit zwei Kollegen, als ein mir unbekannter Junge auftauchte. Ganz artig stellte er sich vor: "Hallo, ich bin der neue Schüler aus der Klasse von Herrn Winkler."
Aus einer Laune heraus fragte ich ihn: "Und, wie heißt du? René oder Pascal?"
Der Junge schaute mich mit großen Augen an und antwortete: "Pascal! Woher weißt du das?"
Da mussten die Kollegen und ich uns ganz doll anstrengen, nur nach innen zu schmunzeln.
Wir als Förderschulehrer wissen es natürlich längst: Diese Namen sind keine Namen, sondern Diagnosen. Wenn die Eltern wüssten, was sie ihren Kinder mit der Namengebung antun! Mittlerweile gibt es ja schon ernstzunehmende Untersuchungen, die belegen, dass Lehrer und Erzieher einem "Dschastin" von vornherein weniger zutrauen als einem Maximilian.
Dabei braucht es dafür gar keine Namen. Ein Blick auf den Sprössling reicht völlig aus. Schon allein die Frisur spricht Bände. Wer glaubt, unsere Schüler haben alle die 12-mm-Einheitsrasur, der irrt! Der körperbetone Randschichtler verwendet Unmengen Zeit, Farbe und Kokosfett dafür auf, aus der Haarpracht des Sohnes
ein Kunstwerk zu erschaffen.Wenn mal jemand nur halb so viel Engagement beim Ordnunghalten im Schulranzen oder bei der Schulfrühstückzubereitung an den Tag legen würde, wäre dem Kind natürlich damit viel mehr geholfen.
Auf der anderen Seite ist eine auffällige Frisur natürlich überlebenswichtig, wenn man ansonsten so gut getarnt durch die Welt läuft, wie unsere Schüler. Manchmal wähne ich mich im Bürgerkrieg, angesichts des Camouflage-Einheitslooks an unserer Bildungseinrichtung. Manche Kinder könnte man glatt für ein Gebüsch halten - oder sie versehentlich umrennen, da sie, vor einer Hecke stehend, kaum zu sehen sind. Mittlerweile kann ich - je nach Farbgebung - schon ganz gut unterscheiden zwischen Waldtarn (oliv-braun-grün), Wüstentarn (ocker-beige-braun) und Polartarn (grau-schwarz-weiß). Nur bei den Mädels frage ich mich manchmal, wofür sie sich tarnen wollen, mit ihren pink-rosa-türkis-Tarnmustern. Vielleicht planen sie eine Invasion in Crystalia (Heimat der Fillypferde) oder einen Anschlag auf Prinzessin Lillifee.
Da wären Leonie, Johanna und Marlene aber sehr traurig. Glück auf.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.