Es war eine ganz normale Klasse- zumindest für unsere Verhältnisse. 10 pubertierende Jungen, einige sehr gewaltbereit, ungefähr die Hälfte in psychologischer Behandlung, die meisten aus zerrütteten Elternhäusern. Fast alle mit einem Wortschatz, der einem Zuhälter die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. Wie gesagt- eine normale Klasse; Frau Samstag und ich hatten dennoch jeden Einzelnen ins Herz geschlossen und wir hatten gut zu tun! Uns war jedenfalls nicht langweilig. Eigentlich war die Klasse mehr als voll- für mehr Auffälligkeiten und Eigenheiten war kein Platz mehr. Dachten wir. Bis die Nachricht vom Schulleiter kam. Neuer Schüler. Migrationshintergrund. Große Familie. ADHS. Reichlich kriminelle Energie. Dritter Schulwechsel innerhalb eines Jahres.
Am darauffolgenden Montag brach er über uns herein- Taifun! Er bekam nicht nur einen Sitzplatz in der Klasse- er nahm sich den gesamten Raum und uns und seinen Mitschülern zeitweise die Luft zum Atmen. Er raubte uns alle Energie- doch dann lächelte er sein unwiderstehliches Lächeln und alle Mühsal war vergeben und vergessen! Die ersten zwei Monate brauchte er IMMER jemanden, der dicht neben ihm saß und idealerweise irgendwie Körperkontakt herstellte- am liebsten waren Taifun dabei Massagen. Man- also Frau Samstag oder ich- erfüllten Taifun diesen Wunsch bereitwillig, denn wenn er keinen Körperkontakt bekam, rannte er durch die Klasse, bewegte er sich laut grölend durchs Schulgebäude und vergaß dabei nicht die anderen Klassenräume (in denen auch gerade Unterricht stattfand). Danach vereinnahmte er in der Regel den Schulhof. Schüler, die es wagten, ihn auf seinem Streifzug zu kritisieren, bekamen schon mal die Faust des großen Taifun zu spüren....
Also massierten wir. Wir wollten diesen großen, starken Jugendlichen irgendwie einigermaßen ruhig halten. Wir massierten seinen Rücken und seine Schultern und seine Arme und beobachteten, wie kleine Rauchwölkchen aus dem dichten schwarzen Haar aufstiegen! (Fingerabdrücke kann man Frau Samstag und mir nun nicht mehr abnehmen- die sind sozusagen wegmassiert!)
Nach zwei Monaten stellte ein Psychologe bei Taifun "das schlimmste ADHS, das er je erlebt hatte" fest. Es dauerte einige weitere Wochen, bis die Familie es zuließ, dass er Medikamente einnahm. EIGENTLICH bin ich ja keine Medikamentenfreundin. Aber in diesem Fall war es reiner Selbstschutz. Ich wollte einfach den Rest meiner Finger behalten!!
Nachdem Taifun wegen Pillenunverträglichkeit mehrmals auf offener Straße ohnmächtig geworden war, pendelte sich doch die körperliche Unruhe irgendwann auf ein erträgliches Maß ein. Die anderen Schüler hatten Taifun aber längst Platz gemacht. Ihre Sprüche wurden weniger, die Auffälligkeiten unauffälliger. Jeder von Ihnen war stolz, mit Taifun in einer Klasse zu sein. Wurden sie frech Frau Samstag oder mir gegenüber, schritt Taifun umgehend ein. "Ey Junge! Wie redest Du mit Frau Samstag? Hab mal mehr Respekt!" Beim Theaterstück übernahm er sofort die weibliche (schwangere) Hauptrolle und schmückte den dunklen Teint mit einer blonden Perücke. Unter dem Wallekleid steckte ein Kopfkissen und Taifun watschelte mit Hohlkreuz stöhnend über die Bühne, so dass man kurz davor war, die Hebamme zu rufen... Daraufhin hatte kein Mitglied der Theatergruppe mehr Scheu, sich zum Affen zu machen.
Zwar wurde er im Unterricht ruhiger, die Gewaltbereitschaft blieb. Alle paar Wochen kam ein Aufgebot seiner Familie von mindetsten drei Personen in die Schule zum Gespräch. Da wurde geschimpft (auf Taifun) und geweint (wegen Taifun) und gedroht (wir schicken dich weg, Taifun) und Besserung gelobt (von Taifun). Er durfte bleiben auf unserer Schule - wo sollte er sonst hin. Ein Schulleben ohne ihn war nach einem Jahr mit ihm ohnehin undenkbar. Oder gibt es noch irgendwo einen 15 jährigen Schüler, der im Klassenraum sitzt, weint und ruft: " BABA! Warum kannst du mich nicht so akzepzieren, wie ich bin? So hat Allah mich geschaffen. Warum muss ich mich ändern, Baba? Bin ich so nicht dein Sohn?" Das führte zu Grabesstille im Klassenraum- betretenes Schweigen, beschämte Blicke aus dem Fenster, die eine oder andere heimliche Träne. Dieses Gefühl ist keinem von ihnen fremd. Einer spricht es stellvertretend aus.
Aber nun ist er weg. Zu viele Versuchungen, denen der temperamentvolle, fröhliche und letztendlich doch unglückliche junge Mann nicht widerstehen konnte. Nun ist eine andere Kostenstelle zuständig.
Wir leiden. Frau Samstag, ich und 10 junge Männer müssen uns wieder neu zusammenraufen. Boah- was die für Auffälligkeiten haben! Wie die reden! Letzte Woche kam ein neuer Schüler in die Klasse, der machte eine blöde Bemerkung. Daraufhin bekam er zu hören:"Oh Mann, wenn Taifun noch hier wäre... dann könnteste jetzt was erleben!!"
Nun planen Frau Samstag und ich eine Klassenfahrt. Ganz bald. Ganz tolle Sachen machen! Irgendwie müssen wir uns von dem Leben im Sturm erholen- eine Reha. Vielleicht hilft`s.
P.S. Frau Samstag rief mich eben an. Sie hat mit der Familie von Taifun telefoniert- wegen der Schulbücher und so... wir wissen jetzt, wo er untergebracht ist... ob die Klasse es wohl toll finden würde, die Klassenfahrt in die Nähe von diesem Ort zu machen... Mal ne Nacht drüber schlafen. Und schön träumen....
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