Mittwoch, 15. Juni 2011

Gastbeitrag aus einer anderen Welt

Heute mal ein Gastbeitrag von einem Freund, der an einer Grundschule unterrichtet! Mit ihm möchte ich nicht tauschen...

Hallo Herr Bromseklöten,

nun musste ich gleich den gesamten Blog querlesen und habe mich köstlich amüsiert. Ich sehe da echtes Potential für eine Buchveröffentlichung.

Gerne würde ich euren Blog auch einmal bereichern mit Geschichten aus meiner kleinen Grundschule aus dem Zentrum des rheinländischen Bildungsbürgertums. Da wären dann so heiße Themen wie z.B.:

- Jan-Hendrik hat zum wiederholten Male nicht an seinen Anspitzer gedacht!
- Leonie ist gestolpert und weint!
- Lasse hat zu Paul gesagt: "Ich bin besser als du in Mathe!"
- Sara weint einfach so!
- Nach 30 Minuten Stillarbeit in einer 1.Klasse pupst Constantin - alle lachen!

Ja, das sind die dramatischen Ereignisse der vergangenen Woche. Mit Mühe würde ich vielleicht auch noch die aufregende Geschichte "von der Rutsche" zu einem echten Drama ausstaffieren (es floss sogar echtes Blut!).

Ich hätte dagegen ein paar Elterngeschichten anzubieten. Da gibt es bei uns eher Potential ...

- z.B. Anrufe um 22 Uhr, ob denn die Mathehausaufgabe auch einen Tag später abgegeben werden kann
- Lauschangriffe an Klassenzimmertüren einer ungeliebten Kollegin (so mit Ohr anlegen und Tür gegen Kopf)
- 3-seitige Beschwerdebriefe an die Schulleitung, dass man das Töchterchen nicht ausreichend fördert (die selben Eltern haben übrigens eine Woche vorher den Förderunterricht niedergemacht, weil Töchterchen ja dadurch in eine "Schublade" gerät - Schätzchen liegt übrigens im guten 3er-Bereich)
- überhaupt Eltern, die meinen, dass eine gymnasiale Empfehlung die einzige "normale" Laufbahn eines Kindes im Allgemeinen sein kann, demzufolge alle Abweichungen als "krankhaft" wegzutherapieren oder mit Nachhilfe beizukommen sind bzw. die Schule sowieso an allem Schuld ist
- Eltern, die ihre Kinder (6 Jahre alt) dazu bringen, die Klassenlehrkraft anzulügen, weil sie vor den Ferien lieber den billigeren Flieger am Vortag nehmen wollen ("Sag der Lehrerin, du warst krank." ... das blonde Mäuschen kann aber gar nicht lügen und weint ganz schrecklich)

und ...

- Ja, Herr XYZ, ihr mittlerweile 10-jährige Sohn kann seinen Schulranzen ruhig einmal selber vom Auto zu seinem Tisch tragen
- Ja, Frau XYZ, es ist 9-jährigen Kindern durchaus zuzumuten, auf einer Klassenfahrt in 6er-Zimmern zu übernachten
- Nein, Frau XYZ, ein Friseurtermin ist eigentlich kein Grund, ihre Kleine 10 Minuten eher vom Unterricht abholen zu müssen
- Nein, gute Frau XY, man kann auch als Mann von dem Gehalt eines Grundschullehrers leben ;-) (laut Wikipedia gehöre ich sogar zur deutschen Oberschicht)
- Nein, Frau XYZ, es ist nicht sinnvoll, wenn Sie als Begleitperson bei einem Klassenausflug Ihr eigenes Kind ca. die Hälfte der Strecke auf dem Arm tragen, weil es "ja nicht mehr kann"
- Nein, Herr XYZ, nur weil Sie mit Immobilien und Schmugglerein (sagt man jedenfalls im Ort) so viel Kohle erwirtschaftet haben, dass Sie jede x-beliebig hohe Stromrechnung locker bezahlen können, ist es trotzdem unser Wunsch, dass ihr Sohnemann für eine Hausaufgabe im Sachunterricht überlegt, wie man im Haushalt Strom sparen kann
- Nein, Herr XYZ, nur weil Sie ihr ordentliches Einkommen in der Süßigkeitenbranche verdienen, darf das Thema gesunde Ernährung dennoch im Sachunterricht durchgenommen werden
- Ja, Frau XYZ, im RELIGIONSunterricht wird auch schon mal ein Gebet gesprochen
- Nein, Frau XYZ, nur weil ein Junge aus der Klasse ihres Sohnes nicht der üblichen "Schulnorm" entspricht und auch mal schubst, haut und ungezogen ist, muss man ihn trotzdem nicht gleich auf eine besondere Schule verbannen
- Nein, Frau XYZ, zwei Pausenaufsichten für eine kleine Schule mit ca. 100 braven Bullerbüschülern ist nicht zu wenig
- Ja, Herr XYZ, es ist für unsere Schüler durchaus gefährlich, wenn Sie tagtäglich mit einem FETTEN Geländewagen auf unsere Schulauffahrt fahren (kein Parkplatz, sondern Pausenhof!), damit ihr Sohnemann nur 10, statt 20 Schritte zwischen Auto und Schule zurücklegen muss
- Ja, Frau "200qm-Stadtvilla mit Swimmingpool", es wäre schon toll, wenn Sie die 2 Euro für's Theater erübrigen könnten, auch wenn Sie es langsam Leid sind, "dass ständig Geld eingesammelt wird" (zum zweiten Mal in diesem Schuljahr)
- ... und: Nein, Familie XYZ, vermeintlich besseres Wetter im Segelurlaub gilt leider noch nicht als Härtefall bei der Beantragung einer Schulbefreiung außerhalb der Ferien

Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten an unseren Schulen: Schleppen doch auch wir Speckgürtellehrer uns ähnlich zermürbt aus den Klassenzimmern und plumpsen erschöpft auf unsere Lehrerzimmerstühle (wobei wir ja eigentlich auch keine festen Plätze haben). Woran liegt's?! Vielleicht ist unser Leid, dass wir ständig das Schwert der Elternschaft über uns wähnen und unsere Jan-Cedrics, Clara-Sophies und Justins (aber gesprochen mit einem echten Jott wie bei _J_esus!!!) doch mit aller Gewalt "gymnasialreif" schmieden müssen. Das kann auch ganz schön anstrengend sein! Glück auf, Herr Brömseklöten!

Mit besten Grüßen,
Euer Herr von Bödefeld

2 Kommentare:

  1. Hallo Herr von Bödefeld!
    Mein ernstgemeintes und herzliches Beileid! Mit Ihnen möchte ich nicht tauschen. Solche eine Elternschaft würde mich völlig mürbe machen. Und ich würde an den Werten in unserer Gesellschaft noch mehr zweifeln, als ich es angesichts unserer Elternschaft ohnehin schon tue. Wir befinden uns augenscheinlich irgendwo zwischen völliger Verwahrlosung und völlig elitärer Überbehütung der Nachkommenschaft. Gibts eigentlich irgendwo auch noch n Mittelweg? Auf welche Schule tun eigentlich die "ganz normalen" Eltern ihre Kinder? Die sind ja anscheinend weder bei euch noch bei uns.
    Vielleicht sollte man sowas wie n "Elterntausch" zur Pflicht machen. Eure Elternschaft geht bei unserer Elternschaft ne Woche in die Lehre und umgekehrt. VIelleicht pendeln sich Vorstellungen und Werte dann auf ein Normalmaß ein....... Jedenfalls: weiterhin frohes Schaffen Ihnen und danke für den erquickenden und gleichsam erschreckenden Beitrag aus "Ihrer Welt".
    Gruß, Frau EasySamstag

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  2. Es gibt Hoffnung! Am Wochenende war ich auf einer echt völker- und schichtenverbindenden Veranstaltung. Damit meine ich nicht das multikulturelle Stadtfest auf dem Rathausmarkt. Da war es auch schön, aber es wimmelte vor allem von Leuten, die Bestätigung für ihre eh schon liberale und tolerante Weltanschauung suchten.
    Nein, es geht um die Sammelbildchen-Tauschbörse in unserem REWE-Markt. Bei der Suche nach dem dunkelroten Ara, dem Rasiermesserfisch oder dem 6.Teil des Clownfisch-Puzzles kommen ganz unvermittelt die Chefarztgattin mit der Roma-Frau im bunten Langrock oder der Jurist im edlen Zwirn mit dem abgerissenen Schiffschaukelbremser ins Gespräch, während ihre Kinder gemeinsam (mitten im Eingangsbereich) über ihren Alben knien und über das Liebesleben der Geierschildkröte fachsimpeln.
    Übrigens gab es dieses Phänomen auch schon zu meiner Kindheit, denn wenn einem im Panini-Album nun partout noch Andi Brehme fehlte, dann nahm man gerne auch mal mit den ansonsten gemiedenen "Schmuddelkindern" Kontakt auf, die in der Regel die meisten Doppelten hatten und damit recht spendabel umgingen. Also Leute, sammelt Bildchen!
    Warum gibt es eigentlich in duplo und hanuta im Moment keine Fotos der Frauen-Nationalelf? Das würde dann noch den Gender-Gedanken miteinbeziehen...

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