„Das Schönste am ganzen Tag, das sind die Pausen“ sangen einst Roy Black und Anita. Und es wird wohl auch 40 Jahre später kaum jemanden geben, der dem nicht zustimmt. Bei uns in der Klasse ist es Ismael, der jeden Morgen schon beim Betreten des Klassenzimmers die Frage ausspricht, die uns alle innerlich beschäftigt: „Wann ist endlich Pause?“.
Und wenn die Zeit gekommen ist, dann ist es bei uns natürlich auch nicht anders als bei VW am Fließband, auf der Baustelle an der Autobahn oder im Deutschen Bundestag: Alle haben es ganz furchtbar eilig. Na ja, fast alle. Zurück blieben meistens die Anwärterin, die in der Regel noch 7000 Sachen aufzuräumen und einzupacken hat und Luca, der sozusagen unsere „Stewardess“ ist, denn er verlässt IMMER als letztes das „Flugzeug“. Mal kriegt er seinen Reißverschluss nicht zu, mal fehlt sein Käppi, mal reißt vom Schuh der Schnürsenkel. Auf Luca ist da Verlass.
Viermal in der Woche habe ich das große Glück, mich nicht mit den Kollegen im Lehrerzimmer langweilen zu müssen, sondern ich darf meine Kinderlein auf den Schulhof begleiten. Da stehe ich dann wie der Fels in der Brandung und beobachte das bunte Treiben um mich herum:
Im Sandkasten sind vor allem die ersten Minuten jeder Pause spannend, denn dann werden hier die Claims abgesteckt. Schon vor Pausenbeginn stehen die Buddelwilligen an der Spielzeugausgabe, um sich Eimerchen und Schäufelchen abzuholen. Und dann geht es jedes Mal los wie beim „Oklahoma Land Run“ anno 1889, als im Wilden Westen die letzten Indianerterritorien zur Besiedlung freigegeben wurden. Jeder will der erste sein und jeder will natürlich GENAU IN DER MITTE buddeln. Und da hat dann auch Jeremy, der sonst keine zehn Sekunden stillsitzen kann, plötzlich bemerkenswertes Sitzfleisch. Die bunten Kunststoffspielzeuge werden natürlich gerne als Argumentverstärker eingesetzt, aber irgendwann hat sich die Lage dann doch beruhigt, zumindest so lange, bis ein Polizist, ein Klonkrieger oder ein Pokémon durch die Sandlandschaft trampelt, weil er auf der Flucht vor einem Gangster, einem Jediritter oder einem anderen Pokémon ist.
Damit sind wir auch schon bei der zweitliebsten – und zugleich konfilktträchtigsten – Pausenbeschäftigung angelangt: Den sogenannten „Spaß-Kämpfen“. Irgendwie kämpft hier immer Gut gegen Böse, wobei die Grenzen natürlich fließend sind. Verbieten kann man solche Beschäftigungen ja nun mal nicht ganz, schließlich haben schon unsere Großväter so gespielt. Der Unterschied zu heute war allerdings der: Kam Opa Schulze mit zerrissener Hose nach Hause, weil die Indianer mal wieder gegen die Cowboys verloren hatten, konnte er sich dort auf drakonische Strafen gefasst machen. Kehrt Leon-Pascal im Jahr 2011 auf diese Weise zu seiner Mama zurück, kriegt er erst mal zum Trost ein neues Playstationspiel und dann wird die Mutter von Marvin-René angerufen, also von dem Jungen, der der vermeintliche Verursacher war. Oder, wenn das Ganze in der Schule passiert ist, beschwert man sich gleich beim Lehrer über vernachlässigte Aufsichtspflicht.
Also wiederhole ich gebetsmühlenartig die Warnung, dass doch wenigstens das Treten und Schlagen eingestellt werden solle, höre mir die immer gleichen Beschwerden an und schicke ab und zu mal einen Kämpfer zur Auszeit auf die Bank oder in schlimmen Fällen nach drinnen, wo er dann den Rest der Pause vor dem Büro der Schulleiterin sitzen muss.
Friedlicher leben da die Schüler, die so komplett in Phantasiewelten abtauchen, dass sie noch nicht mal Spielpartner bzw. Gegner brauchen. Sie zu beobachten ist stets sehr unterhaltsam und ein schönes Beispiel für die konstruktivistische Lehre, dass jedes Verhalten eine sinnvolle Funktion in einem bestimmten Kontext (aber halt auch nur da) besitzt.
Hat man die Spaßkampf-Front nun endlich für eine Weile befriedet, kann man sicher sein, dass es schon bald von anderer Seite schallt: „Herrn Bromseklöten, ich hab’ ne Beschwerde!“. Dieses Mal ereilt mich der Ruf aus Richtung Schaukelgerüst. An dieser wichtigen Einrichtung können kleine Kapitalisten schon früh lernen, dass Verknappung den Marktwert erhöht. Ich gehe jede Wette ein, dass, wenn wir 30 Schaukeln auf dem Schulhof hätten, diese niemand auch nur mit dem Hintern angucken würde. Nun haben wir aber nur zwei davon und da ist es natürlich klar, dass jeder schaukeln will. Also üben wir täglich das Schlange stehen, das Abwarten und das Abwechseln. Auch der sachgerechte Umgang mit dem Spielgerät will immer wieder aufs Neue erprobt werden und es vergeht kaum eine Pause, ohne dass mindestens ein Kind das Brett an den Kopf bekommt.
Nun denn, irgendwann ist die schönste Pause zu Ende und jeder strömt zurück zu seiner Sammelstelle. Und diejenigen, denen es in den 15 Minuten auf dem Schulhof nicht eingefallen ist, sich mit irgendwem anzulegen, der holt das noch schnell auf den letzten Metern nach indem er spuckt, tritt, Stöckchen wirft oder auf irgendeine andere Weise einen Streit vom Zaun bricht, den er dann – zurück in der Klasse – natürlich (wichtig, wichtig) geklärt haben will. Glück auf!
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