Dienstag, 6. September 2011

Der Nebel lichtet sich (für kurze Zeit)

Zwei Wochen ist es nun her, dass ich im Religionsunterricht in der Abschlussklasse meinen pädagogischen Nine-Eleven erlebt habe. Inzwischen sind zwei weitere Doppelstunden überstanden und Frau Seltsam und ich haben zumindest Teilerfolge zu verzeichnen.
Größtenteils liegt dies an einer Entwicklung, die zwar vorhersehbar, jedoch nicht von uns gesteuert war, nämlich dem steten Verfall dieser Trümmertruppe. 
Da haben wir zum Einen Christoffer, der nach Jahren des Nervens im Unterricht nun endlich kapiert zu haben scheint, dass richtiges  Schwänzen bedeutet, GAR NICHT zur Schule zur erscheinen anstatt den ganzen Vormittag da rumzuhängen und allen auf die Ketten zu gehen. Sehr förderlich für diese Erkenntnis war die Berufsmesse, die letzte Woche in der Stadthalle stattfand und wo es täglich kostenlos Getränke, Popcorn und diverse Give-aways abzustauben gab.
Dann gibt es seinen Kompagnon René-Pascal, der es mit heftigem Randalieren in den Schulfluren und gezielten Attacken gegen Lehrer und Mitschüler nun endlich geschafft hat, für einige Tage vom Unterricht suspendiert zu werden, was genau sein Ziel war, um damit seine Eltern zu ärgern.
Hinzu kommt noch, dass das Chantalle jetzt immer ausgerechnet während des Religionsunterrichts (Bingo!) am Deutsch-Förderunterricht teilnehmen soll – so’n Pech aber auch!
Selbstredend ist es natürlich so, dass die entstandenen Lücken problemlos von den verbleibenden Pubertieren gefüllt werden. Etwa von Hannes, der zwar die meiste Zeit döst, aber alle fünf Minuten Geräusche ausstößt, die einen glauben lassen, man befinde sich im Urwaldhaus des städtischen Tierparks; oder von Erkan, der bei jeder noch so dämlichen Bemerkung eines Mitschülers in ein Verhalten verfällt, das er sich bei Hänschen Kichererbse aus der Sesamstraße  (siehe youtube)  abgeguckt zu haben scheint.
Aber Frau Seltsam und ich haben uns natürlich Mühe gegeben, den Unterricht so an die Rahmenbedingungen anzupassen, dass es uns phasenweise gelingt,  den „Nebel des Grauens“ zu lichten.  Mein alter Seminarleiter hätte von „Optimierung des Unterrichts“ gesprochen – das war seine vornehme Formulierung für aus beschissenem Unterricht  etwas weniger beschissenen Unterricht zu zaubern.
Wie haben wir das angestellt? Na gut, ich bin bereit, meinen Lesern einen Einblick in unsere pädagogische Zauberkiste zu erlauben!
Da sind vor allem drei Punkte zu nennen:
1.  Unterrichtsgespräche werden komplett vermieden, ebenso Aufgabenstellungen, die eine länger als 30 Sekunden dauernde Einleitung oder Erklärung nötig machen würden. Stattdessen gibt es stumpfe Schreibaufgaben sowie für die schnellen Arbeiter Anmalbilder, die jedem normalen Kindergartenkind zu billig wären. Da sitzen dann also die schweren Jungs und malen penibel jede Flosse des Regenbogenfisches in einer anderen Farbe an.
Eine Präsentation der Arbeitsergebnisse wird am Ende natürlich ebenso radikal gestrichen wie eine Reflexion der Arbeitsphase. Es wird sowieso viel zu viel geredet auf dieser Welt!
2. Wir greifen auf die bewährte Bonbonpädagogik zurück. Mit Hilfe einer „Ablaufuhr“ wird die Restdauer der Arbeitsphase auch für solche Schüler  visualisiert, die selbst nach acht Schulbesuchsjahren noch nicht die Uhr lesen können. Damit verbunden wird jedem ein Griff ins Bonbonglas versprochen, der es schafft, im Laufe dieser Zeitspanne  die Klappe zu halten. Wenn es schon an der intrinsischen Motivation hapert:  Auf  Süßes sind dann doch alle scharf. Sie wissen ja nicht, dass das Bonbonglas regelmäßig mit den abgelaufenen Süßigkeiten aus den Vorräten meiner eigenen Kinder befüllt wird.
3. Berieselung mit seichter Musik. Ja, ganz richtig gehört: Heute hat Herr Bromseklöten mal seine Bar-Lounge-Classics mitgebracht und in den Player eingeworfen. Dieser geniale Schachzug kam bei den Schülern super an.  Selbst beim besten Willen konnten sie in den dargebotenen Klängen nicht die befürchtete „Oma-Musik“ ausmachen, sondern waren tatsächlich angetan vom chilligen Sound. Ein etwas schnelleres Stück auf der Mitte der CD musste ich jedoch nach wenigen Sekunden wegdrücken, da der Lautstärkepegel sofort wieder anstieg.  Ansonsten war die Atmosphäre für etwa eine halbe Stunde tatsächlich relativ gelassen und entspannt!
Natürlich sind wir noch lange nicht am Ziel mit unseren Bemühungen.  Gerade beim letzten Punkt – der Schaffung einer smoothen Lernatmosphäre haben wir noch Pläne. So wollen wir beim nächsten Projekttag mit einer Gruppe Schülern in Blaumännern das benachbarte Starbucks stürmen, um in einer Überrumpelungsaktion („Tschuldigung, wir sollen hier was abholen...“ )  das Mobiliar aus Loungesesseln und -sofas rüber in die Schule zu schaffen. Dann werde ich Frau Seltsam und mir auch nicht mehr nur einen schnöden Filterkaffee kredenzen, sondern es gibt mindestens eine tall skinny vanilla latte oder so was.  Glück auf!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.