Mittwoch, 21. September 2011

Der Mensch ist, was er isst


Gestern war wieder einmal Projekttag und wie immer hat Frau Seltsam es geschafft, uns etwas leckeres auf den Tisch zu zaubern. Dieses Mal gab es Nudel-Schinken-Gratin mit Ei-Sahne-Sauce. Als Justin wissen wollte, was die kleinen Flocken in der Sauce sind, antwortete Patrick fachmännisch: „Mensch, das ist Eierstock!“. Da musste ich mir große Mühe geben, das Essen im Magen zu halten. Jedenfalls hat es dann aber allen geschmeckt und für die Kollegen ist gar nicht mehr so viel übrig geblieben.
Anders sieht es aus, wenn die Mahlzeit zu gemüselastig ausfällt. Dann gibt es immer einige Kinderlein, die ein riesiges Theater machen. Dabei sollen sie doch nur einmal probieren. Und am nächsten Tag bekommt man dann Post von der Mutter eines Zwölfjährigen: „Bitte drängen Sie Marvin nicht, Gemüse zu essen. Er wird es schon machen, wenn er älter ist.“ Natürlich bekommt man keine vernünftige Antwort, wenn man mal nachfragt, wann es denn voraussichtlich so weit sein wird, dass er alt genug zum Gemüseessen ist. Nur, damit wir uns darauf einstellen können...
Und dann haben wir natürlich, immer wenn es ums Essen geht, das ewige Thema: „Ist das mit Schwein?“. Selbstverständlich nimmt Frau Seltsam stets Rücksicht auf unsere muslimischen Schüler und kocht ggf. eine Extraportion, aber die Skepsis, verarscht zu werden ist groß. So traut auch Erkan dem „Braten“ nicht, als es einmal zur Feier des Tages Räucherlachs zum Klassenfrühstück gibt. Da will er lieber auf Nummer sicher gehen und fragt vorsichtshalber noch mal nach: „Ist das Schwein?“ Antwort: „Nein, das ist Fisch!“ Erkan: „Ja, aber mit Schwein?“.
Beim letzten Klassenfahrteinkauf hatte ich den Fehler gemacht, Turan mit in den Laden zu nehmen. Er drehte alle Verpackungen um und las stundenlang die Zutatenliste – auch bei Brot, Gemüsekonserven und Corn-Flakes.
Natürlich sind die Geschmäcker verschieden und das ist ja auch gut so. Ich zum Beispiel kriege jedes Mal Würgereiz, wenn jemand in der Klasse ein Leberwurstbrot auspackt. Das darf er dann ausnahmsweise mit in die Pause nehmen (eigentlich sollen die Schüler im Klassenraum frühstücken). Auch Eiersalat MUSS nicht UNBEDINGT sein in meiner Gegenwart. Andererseits ist ein – mit was auch immer – belegtes Brot natürlich immer noch viel besser, als diese ganzen Produkte „aus der Weltraumforschung“ wie Bifi, Milchschnitte und Co., bei denen die Umverpackungen mehr Gewicht und Volumen haben als der Inhalt und die allesamt schmecken wie Montageschaum aus dem Baumarkt.
Und Süßigkeiten sind natürlich ein absolutes No-Go, außer man verteilt sie gerecht an alle Schüler der Klasse. Nie vergessen werde ich den Feldversuch zweier junger Damen auf meiner ersten Klassenfahrt, die offenbar herausfinden wollten, was passiert, wenn man zu zweit eine Travel-Value-Packung Weingummi alle macht. Zunächst ging das ganz gut, bis wir am nächsten Tag mit der ganzen Klasse Pizza essen waren. Da zog es die kleine Chantalle plötzlich auf die Damentoilette, wo es unter entsetzlichen Körpergeräuschen ein Wiedersehen mit der Tonno-Pizza gab. Frau Easy Samstag, damals noch Referendarin, hatte die ehrenvolle Aufgabe, das Maleur zu beseitigen.
Ganz so naturnah wie Justin sich heute vormittag ernähren wollte, muss es zweifellos aber auch nicht sein: Wenn ein Zehnjähriger beim Eichel- und Kastaniensammeln seine orale Phase entdeckt, fragt man sich schon, ob man von dessen Eltern für jeden Eimer von den Dingern vielleicht auch so eine schöne Urkunde bekäme wie von den Leuten vom Wildschweingehege, wenn man sein Gesammeltes dort abgibt.
Am besten schmeckt es ja immer noch bei Mama, das finden alle Kinder, auch wenn diese gerade mal in der Lage ist, ein Schlefi in den Ofen oder ein Pressspanschnitzel in den Toaster zu schieben. Bass erstaunt war ich, als Justin im Morgenkreis berichtete, es habe bei ihm gestern Muschelsuppe gegeben. Hoppla, dachte ich, das ist ja mal eine kulinarische Ausnahme. Da ist wohl plötzlich der Wohlstand ausgebrochen. Umso verblüffter wurde ich, weil immer mehr Schüler bestätigten, dass es das bei ihnen auch häufiger geben würde. Ich war schon kurz davor, unserer Schulleiterin die Kündigung auf den Tisch zu knallen und Hartz-IV zu beantragen. Da stellte sich heraus: Muschelsuppe, das ist diese Dosensuppe mit Hühnerfleisch und MUSCHELNUDELN. Da war mein Weltbild wieder gerade gerückt – obwohl ich den lieben Schülerlein durchaus mal so eine Gaumenfreude gegönnt hätte. Vielleicht machen wir unseren nächsten Klassenausflug ja mal zu Gosch. Glück auf!

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