Mittwoch, 11. Dezember 2013

Überraschungen




Meine Freundin S. arbeitet in einer Postbank im Nachbarort. Vor einigen Monaten  hörte ich über Dritte, dass genau diese Filiale überfallen worden war und ausgerechnet S. Dienst gehabt hatte. Besorgt meldete ich mich bei ihr und erfuhr, dass das Ganze für sie eine eher erheiternde Situation gewesen war- zwar sei eine Waffe auf sie gerichtet gewesen, der junge Mann sei aber derart planlos aufgetreten, dass S. eine Plastikpistole vermutete und sich das Kichern nur mühsam unterdrücken konnte. Zudem galt es, eine ältere, resolute Dame im Zaum zu halten, die die beiden jungen Männer wüst beschimpfte und ihnen um Haar ihren Regenschirm über deren Birnen sausen ließ…Die unfähigen, erbarmungswürdig dürren, jungen Räuber entkamen schließlich zu Fuß mit einer Beute von 250 Euro, die sie in einem kleinen Drogeriemarkttütchen verwahrten. S. berichtete, dass das Nervenaufreibendste die stundenlange Anhörung durch die Polizei gewesen sei. Man habe sie schließlich nach Hause geschickt und ihr psychologische Betreuung angeboten. Wir stellten erheitert fest, dass unsere ach so unterschiedlichen Arbeitsplätze wohl doch etwas gemeinsam hätten- nämlich das unberechenbare Verhalten junger Männer mit kriminellen Ambitionen, die nicht unbedingt wie George Clooney oder Brad Pitt in den Oceans –Filmen daherkommen!

Falsch gedacht!

Wir, meine Kollegen und ich,  sind nämlich tagtäglich Gewaltattacken ausgesetzt- die sind mal mehr, mal weniger schlimm, mal mehr, mal weniger bedrohlich. Frau Großstädter und ich befanden uns  samt einer ganzen Klasse kürzlich in einer Situation, die man als sehr bedrohlich und ganz schön schlimm einstufen könnte, denn der große, kräftige, wütende Norman schleuderte nicht nur einen kilo schweren Stein knapp an unseren Köpfen vorbei, sondern hinderte uns im Anschluss daran, die Klasse zu verlassen. Wie er da aufgeplustert mit grimmiger Miene in der Türe stand, erinnerte er doch stark an einen unberechenbaren Frankenstein. Wir befanden uns mitten in einem Horrorfilm.
Dass ich hier nun fröhlich auf der Tastatur herumhämmere, beweist, dass wir letztendlich alles körperlich unversehrt überstanden haben. Zum Glück gelang es mir, die Türe doch zuzumachen. Ich bekam den Schlüssel ins Schlüsselloch und wie durch ein Wunder ließ sich die altersschwache Türe abschließen. Zum ersten Mal hatte Frau Großstädter ein Handy mit im Klassenraum. Es war jemand im Sekretariat, als wir dort anriefen. Unser 2 Meter -Hausmeister, der lässig  4 Kisten Wasser mit zwei Händen tragen kann, war innerhalb von einer Minute vor Ort. Er befreite uns von Norman und aus dem Klassenraum. Glück gehabt.
Es war nun 9.30 Uhr- also noch 4 Stunden, bis die Schüler Schulschluss hatten. Unser neues Schulleiterduo tat alles, was getan werden musste: Norman wurde nach Hause geschickt, Seine Mutter, Frau Bates, zur Schule zitiert, die Polizei informiert.
Für uns hieß das: weiter im Alltag, also den Kids einen lehrreichen, unterhaltsamen, behüteten, freundlichen, individuell erzieherischen Vormittag zu bieten- ach ja! Angstfrei sollte er auch sein!
Hm.
Da könnte man glatt ins Grübeln kommen…und sich zum Beispiel fragen, warum das an unterschiedlichen Arbeitsplätzen so ganz schön anders behandelt wird…Vielleicht gelten Postmitarbeiter als besonders wertvoll- oder wir als sehr robust? Traut man uns so viel mehr zu? Sieht man in uns womöglich so eine Art GSG9 Truppe??  Wirken wir so dermaßen unerschrocken und kaltblütig, dass wir, im Gegensatz zu anderen Berufsgruppen, keinerlei Unterstützung bedürfen???
Vermutlich ist es aber den zuständigen Leuten einfach völlig Wurscht- schließlich kümmern wir uns in unserem Berufsalltag nicht um wichtige Briefe, wertvolle Fracht oder gar  bares Geld!
Also, wie gesagt, man KÖNNTE ins Grübeln kommen, wenn noch genügend Grips zum Grübeln vorhanden wäre…

Der 14 jährige Marcello äußert vorhin die Vermutung, dass der Begriff „Du Asi!“ einen Asiaten meinen würde. Ich erkläre ihm, dass „Asi“ von asozial kommt und erläutere ihm das kurz („Du wolltest vorhin keinem aus deiner Arbeitsgruppe einen Bonbon aus deiner vollen Bonbontüte abgeben und allen einen voressen! In dem Fall warst du ein Asi." Mir fallen aber auch immer schöne Beispiele aus der aktuellen Lebenssituation ein!!), woraufhin Marcello fragt: „Und warum heißen die Asiaten dann Asiaten???“  „Marcello…weil sie aus Asien kommen …“  Aber nach einem turbulenten Vormittag und einem wenige Tage zurückliegenden Mordanschlag  da ist man sich einfach nicht mehr so sicher…hat Asi doch was mit Asien zu tun??? Ich befrage schnell Frau Großstädter aber deren Grips hat auch schon mal bessere Zeiten gehabt! Immerhin hat sie eine großartige Idee: sie meint, wir sollten uns beizeiten eine nette psychiatrische Klinik aussuchen. Ihr Wunschvorstellung: soll im Grünen liegen. Mein Traum: nur Erwachsene!
Während wir auf dem Weg zum Lehrerzimmer über unser neues Ziel frohlocken, fällt uns eine neue Schülerschmiererei ins Auge: Hakenkreuze. Daneben der Name “Adolf Hitler“ und zwischen diesen beiden Sachen das aus meiner Jugend altbekannte große A mit Kreis drumrum- das gute, alte Anarcho-A- da hat wohl jemand gedacht, das A stünde für Adolf!
Ist das lustig!! Wir können nicht mehr vor lachen! So ein guter Witz!! Und das Beste: Es gibt noch Rest-Grips und in der Psychiatrie wird der gehegt und gepflegt!!!

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