Freitag, 22. Juni 2012

Typologie im Freizeitpark


Um Herrn Bromseklötens Beispiel von der „Typologie am Badesee“ zu folgen, hier nun nach unserer Klassenfahrt die „Typologie im Freizeitpark“:
Da gibt es zum einen den Adrenalinjunkie, der sich bei uns in Gestalt von Jason zeigte. Der Adrenalinjunkie traut sich in jedes Fahrgeschäft, will immer in der ersten Reihe sitzen, ist der Pionier, der die neue Attraktion nach der Reparatur testen will, gibt sich dem Nervenkitzel ganz hin, macht keine Pausen, verschlingt seine mitgebrachte Stulle beim Warten in der Schlange, fährt die schlimmste Achterbahn am Schluss 10mal hintereinander und ist nach jeder Fahrt emotional am Überschäumen. „Geil, krass, hammer!“ sind die typischen Lautäußerungen.
Nicht verwechselt werden darf der Adrenalinjunkie mit dem Blutleeren. Dieser verhält sich zwar, was sein Engagement im Freizeitpark angeht, genauso, zeigt jedoch nicht die gleichen Gefühlsregungen wie sein Artverwandter. Den Blutleeren kann garnichts beeindrucken. Er fährt zwar mit jedem Fahrgeschäft, unterscheidet nicht zwischen Karussells und Free-Fall-Towern und ist ebenfalls stets der erste in der ersten Reihe    ---jedoch verzieht er beim Fahren keine Miene. Achterbahnen werden von ihm mit dem Qualitätssiegel „normal“ etikettiert, der Technik wird soweit vertraut, dass die Fahrten im besten Falle „ganz nett“ sind und seine Hingabe und Leidenschaft erinnert an die einer Moorleiche. Der Blutleere fällt durch die immergleiche Mimik auf und entspannt sich in der Hurricane-Drehscheibe, indem er gelassen die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Ein besonders schönes Exemplar dieser Kategorie ist unser Asperger-Autist Roger. Er verzieht nicht die kleinste Falte im Gesicht und wundert sich am Ende des Tages selbst: „Komisch – ich sehe auf allen Fotos gleich aus.“ Stimmt! – immer alles Roger eben!
Eine häufig in Freizeitparks anzutreffenden Spezies ist „das gewöhnliche Großmaul“. Das Großmaul prahlt im Vorfeld mit seinen Kenntnissen über jede Achterbahn, so dass man meinen könnte, er sei nicht nur schon 10 mal dort gewesen, sondern habe sie auch mitkonstruiert. Natürlich ist er sich sicher, dass er jedes Fahrgeschäft als erster besteigen wird. Hochmut kommt jedoch vor dem Fall und so ist zu beobachten, dass das Großmaul –vor Ort angekommen- erstmal um keine Ausrede verlegen ist, um sich vor jedem noch so winzigen Karussell zu drücken: „Ne, Free-Fall-Tower wie dieser hier liegen mir nicht so, ich spar meine Energie lieber für das Riesenrad auf!“ oder „Nachher fahre ich dann auf jeden Fall mit der Katapult-Achterbahn, aber jetzt muss ich erstmal was essen!“ oder „Nein, das runterfallen aus 80m Höhe ist für mich gar kein Problem, nur das Hochfahren mag ich nicht so gerne!“ Und so kommt es, dass das gewöhnliche Großmaul am Ende lange als Zuschauer dabeisteht und kleinlauter und kleinlauter wird. Erst auf den letzten Metern gelingt es dem Adrenalinjunkie Jason dann noch, den großmäulig-kleinlauten Niklas zumindest in die Kinder-Wildwasserbahn hinein zu bugsieren.
Ein weiteres Exemplar auf der bunten Wiese der Freizeitpark-Kreaturen ist der gemeine Fiesling. Der gemeine Fiesling fährt genauso gerne Achterbahn wie der Adrenalinjunkie, jedoch nicht zum Zwecke des Adrenalin-Pegel-Anstiegs. Er fährt Achterbahn nur mit dem Ziel seinen sadistischen Neigungen Ausdruck verleihen zu können. Der gemeine Fiesling tut sich gerne in der Warteschlange oder kurz vor Abfahrt der Achterbahn mit Sätzen wie „Haben Sie gelesen- das Herz von über 20Jährigen macht diese Fahrt in der Regel nicht mit!“ oder „Scheiße – mein Haltegurt ist kaputt!“ oder „Wir werden alle sterben!“ hervor und macht damit den mühsam aufgebauten Wagemut mit einem Schlag zunichte. Frohlockende Laute gibt der gemeine Fiesling besonders dann von sich, wenn sein Opfer die Warteschlange durch die Notausgangstür fluchtartig verlassen hat. So ist auch in unserm Fall Mirko seinen Mitfahrern ein Dorn im Auge und jeder meidet es, in der Achterbahn in seiner Nähe zu sitzen.
Und zu guter Letzt gibt es da noch den Beseelten. Dieser erlebt im Freizeitpark seine ganz persönliche Gefühlsachterbahn und ist immer aufs Neue damit beschäftigt sich zu überwinden und die Herausforderungen anzugehen. Dem Leitsatz folgend „Mut meint nicht das Gegenteil von Angst, sondern das Überwinden der Angst“ sieht er dem Schrecken immer wieder ins Gesicht. Er verstellt sich nicht und gibt authentisch und in Echtzeit Auskunft über sein Befinden. „Scheiße, ich zitter voll! Boah – ich hab echt Angst. Ich glaube ich kotze gleich! Kacke, ist das hoch!“ Aber hinterher ist er stolz wie Oskar – und selbst dann noch gefühlsecht: „Ich wollte nicht schreien, aber ich habe geschrien und –oh Mann – ich habs geschafft! Geil!“ Prinzipien hat er trotzdem und steigt nicht in jedes Gefährt. Er kennt seine Grenzen und freut sich, wenn er einige davon überschreiten konnte. Nebenbei hat unser Exemplar Nic noch Zeit, Mitfahrer zu beruhigen, Feiglinge zu ermuntern und Magengeschädigte zu bemuttern. „Frau Samstag, Sie schaffen das – ich habe auch Angst – das ist normal!“ Und so geht ein schöner Tag voll bemerkenswerter Paradiesvögel im Freizeitpark zu Ende.

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