Um
Herrn Bromseklötens Beispiel von der „Typologie am Badesee“ zu folgen, hier nun
nach unserer Klassenfahrt die „Typologie im Freizeitpark“:
Da gibt
es zum einen den Adrenalinjunkie, der sich bei uns in Gestalt von Jason zeigte.
Der Adrenalinjunkie traut sich in jedes Fahrgeschäft, will immer in der ersten
Reihe sitzen, ist der Pionier, der die neue Attraktion nach der Reparatur testen
will, gibt sich dem Nervenkitzel ganz hin, macht keine Pausen, verschlingt seine
mitgebrachte Stulle beim Warten in der Schlange, fährt die schlimmste
Achterbahn am Schluss 10mal hintereinander und ist nach jeder Fahrt emotional
am Überschäumen. „Geil, krass, hammer!“ sind die typischen Lautäußerungen.
Nicht
verwechselt werden darf der Adrenalinjunkie mit dem Blutleeren. Dieser verhält
sich zwar, was sein Engagement im Freizeitpark angeht, genauso, zeigt jedoch
nicht die gleichen Gefühlsregungen wie sein Artverwandter. Den Blutleeren kann
garnichts beeindrucken. Er fährt zwar mit jedem Fahrgeschäft, unterscheidet
nicht zwischen Karussells und Free-Fall-Towern und ist ebenfalls stets der
erste in der ersten Reihe ---jedoch
verzieht er beim Fahren keine Miene. Achterbahnen werden von ihm mit dem
Qualitätssiegel „normal“ etikettiert, der Technik wird soweit vertraut, dass
die Fahrten im besten Falle „ganz nett“ sind und seine Hingabe und Leidenschaft
erinnert an die einer Moorleiche. Der Blutleere fällt durch die immergleiche Mimik
auf und entspannt sich in der Hurricane-Drehscheibe, indem er gelassen die
Hände hinter dem Kopf verschränkt. Ein besonders schönes Exemplar dieser
Kategorie ist unser Asperger-Autist Roger. Er verzieht nicht die kleinste Falte
im Gesicht und wundert sich am Ende des Tages selbst: „Komisch – ich sehe auf
allen Fotos gleich aus.“ Stimmt! – immer alles Roger eben!
Eine
häufig in Freizeitparks anzutreffenden Spezies ist „das gewöhnliche Großmaul“.
Das Großmaul prahlt im Vorfeld mit seinen Kenntnissen über jede Achterbahn, so
dass man meinen könnte, er sei nicht nur schon 10 mal dort gewesen, sondern
habe sie auch mitkonstruiert. Natürlich ist er sich sicher, dass er jedes
Fahrgeschäft als erster besteigen wird. Hochmut kommt jedoch vor dem Fall und
so ist zu beobachten, dass das Großmaul –vor Ort angekommen- erstmal um keine
Ausrede verlegen ist, um sich vor jedem noch so winzigen Karussell zu drücken: „Ne,
Free-Fall-Tower wie dieser hier liegen mir nicht so, ich spar meine Energie
lieber für das Riesenrad auf!“ oder „Nachher fahre ich dann auf jeden Fall mit
der Katapult-Achterbahn, aber jetzt muss ich erstmal was essen!“ oder „Nein,
das runterfallen aus 80m Höhe ist für mich gar kein Problem, nur das Hochfahren
mag ich nicht so gerne!“ Und so kommt es, dass das gewöhnliche Großmaul am Ende
lange als Zuschauer dabeisteht und kleinlauter und kleinlauter wird. Erst auf
den letzten Metern gelingt es dem Adrenalinjunkie Jason dann noch, den
großmäulig-kleinlauten Niklas zumindest in die Kinder-Wildwasserbahn hinein zu
bugsieren.
Ein
weiteres Exemplar auf der bunten Wiese der Freizeitpark-Kreaturen ist der
gemeine Fiesling. Der gemeine Fiesling fährt genauso gerne Achterbahn wie der
Adrenalinjunkie, jedoch nicht zum Zwecke des Adrenalin-Pegel-Anstiegs. Er fährt
Achterbahn nur mit dem Ziel seinen sadistischen Neigungen Ausdruck verleihen zu
können. Der gemeine Fiesling tut sich gerne in der Warteschlange oder kurz vor
Abfahrt der Achterbahn mit Sätzen wie „Haben Sie gelesen- das Herz von über 20Jährigen
macht diese Fahrt in der Regel nicht mit!“ oder „Scheiße – mein Haltegurt ist
kaputt!“ oder „Wir werden alle sterben!“ hervor und macht damit den mühsam
aufgebauten Wagemut mit einem Schlag zunichte. Frohlockende Laute gibt der
gemeine Fiesling besonders dann von sich, wenn sein Opfer die Warteschlange
durch die Notausgangstür fluchtartig verlassen hat. So ist auch in unserm Fall
Mirko seinen Mitfahrern ein Dorn im Auge und jeder meidet es, in der Achterbahn
in seiner Nähe zu sitzen.
Und zu
guter Letzt gibt es da noch den Beseelten. Dieser erlebt im Freizeitpark seine
ganz persönliche Gefühlsachterbahn und ist immer aufs Neue damit beschäftigt
sich zu überwinden und die Herausforderungen anzugehen. Dem Leitsatz folgend „Mut
meint nicht das Gegenteil von Angst, sondern das Überwinden der Angst“ sieht er
dem Schrecken immer wieder ins Gesicht. Er verstellt sich nicht und gibt
authentisch und in Echtzeit Auskunft über sein Befinden. „Scheiße, ich zitter
voll! Boah – ich hab echt Angst. Ich glaube ich kotze gleich! Kacke, ist das
hoch!“ Aber hinterher ist er stolz wie Oskar – und selbst dann noch
gefühlsecht: „Ich wollte nicht schreien, aber ich habe geschrien und –oh Mann
– ich habs geschafft! Geil!“ Prinzipien hat er trotzdem und steigt nicht in
jedes Gefährt. Er kennt seine Grenzen und freut sich, wenn er einige davon
überschreiten konnte. Nebenbei hat unser Exemplar Nic noch Zeit, Mitfahrer zu
beruhigen, Feiglinge zu ermuntern und Magengeschädigte zu bemuttern. „Frau Samstag,
Sie schaffen das – ich habe auch Angst – das ist normal!“ Und so geht ein
schöner Tag voll bemerkenswerter Paradiesvögel im Freizeitpark zu Ende.
wunderbar getroffen! Es lebe der HP!
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