Dienstag, 19. Juni 2012

Eine klasse Fahrt! - Erster Teil

Ja, wir haben es getan. Wir waren Klassenfahrt. Der Höhepunkt des Schuljahres liegt jetzt also hinter uns - was kann noch kommen? Ab jetzt geht es munter auf die Sommerferien zu.
Auch dieses Mal hat alles wieder prima geklappt und alles war wie immer. Das ging schon bei der Kofferkontrolle los: Die Chantalle kam gleich mit zwei großen Gepäckstücken an. Die braucht man natürlich auch, wenn man die Winterjacke mit Fellkragen, mehrere dicke Fleecepullis und Moonboots mitnimmt. Kurzerhand wurde umgepackt und ein Koffer in der Schule gelassen. Chantalle war es egal, die Eltern haben und werden es nie erfahren. Dafür fehlten bei Chantalle einige wichtige Dinge im Handgepäck, beispielsweise eine Brotdose. Kurzerhand gab ich ihr eine aus meinen Beständen, ich habe solche Sachen immer in petto für so arme Hascherl wie Chantalle. Dass sie sich dann aber bei Herrn Brandt darüber beklagte, dass Herrn Bromseklöten ihr eine Brotdose gegeben hätte und da gar kein Brot dringewesen sei - das fand ich dann doch etwas übertrieben. Bei allen anderen Schülern war das Gepäck soweit in Ordnung, wenn man mal davon absieht, dass im ersten Anlauf bei mehreren Kindern einzelne Teil der dreiteiligen Bettwäsche fehlten. Aber das ist ja nun auch schon höhere Mathematik und nach dem ein oder anderen Eintrag im Mittelungsheft war dann am Abreisetag alles vorhanden.
Nun konnte es also losgehen. Wie immer fuhren wir mit einem VW-Bulli - mit Herrn Brandt am Steuer - und meiner privaten Familienkutsche. Mein Auto war dieses Mal das Disco-Mobil, denn wir hatten die CD von Pascal-Leon an Bord, die er von seiner fünfzehnjährigen Heimmitbewohnerin gebrannt bekommen hatte. So ging bei uns die Atzen-Party ab, wir veranstalteten Sitztanz zum Fliegerlied und grölten bei DJ Ötzi so laut mit, dass fast alle Sterne vom Himmelszelt fielen. Gut gelaunt und ohne jeden Streit (!!!) ging die Anreise über die Bühne.
Das Haus, das wir schon von vorherigen Klassenfahrten kannten, eroberten wir im Sturm, ebenso den benachbarten Spielplatz. Stressig wurde es erstmals, als Luca fünf Minuten nach Ankunft ankam und darauf beharrte, nun aber endlich schnitzen zu dürfen. Dies war schon im letzten Jahr für ihn der einzige Sinnzweck der ganzen Klassenfahrt gewesen und eigentlich ist das ja auch eine schöne Tätigkeit. Nun waren die Schnitzmesser jedoch irgendwo ganz unten in einer Materialkiste und ich war auch nicht willens, diese hervorzukramen noch bevor überhaupt die Autos ausgeladen, ich seelisch angekommen  und der erste Kaffee aufhesetzt war. Nach einigen Zetern und Jammern erbarmte sich dann Herrn Brandt und inspizierte mit Luca den Spieleschrank - nur so für den Übergang bis zum Schnitzen. Lucas Wahl fiel auf das Spiel "Traumtelefon", ein Flirtspiel für Mädchen im Teeniealter im flotten 80er-Jahre-Design. Wichtigster Bestandteil des Spieles: Ein "sprechender" Telefonhörer, der Hinweise darüber gibt, wer von den auf dem Spielplan abgeildeten Jungs der gesuchte Traumtyp ist. Dieses Spiel und vor allem der Telefonhörer taten es Luca gleich dermaßen an, dass er auf der gesamten restlichen Klassenfahrt auch nicht mehr nur einen Gedanken ans Schnitzen verschwendete. Als ich am nächsten Morgen (scheinbar) als erster aufstand und ins Erdgeschoss schlurfte, hörte ich schon aus dem Tagesraum das Piepen des Traumtelefons - Luca war schon längst wach und saß dort in Schlafanzug und stiller Harmonie allein mit dem Telefon und den ganzen Traumtypen auf den Fotos und ging den Hinweisen aus dem Hörer nach: Ist es Jochen? Oder Dirk? Oder Ralf? ....
Der erste Höhepunkt der Klassenfahrt war der Besuch im örtlichen Spaßbad - wie schon gesagt: Der Geschwindigkeitsrekord auf der Wasserrutsche wollte gebrochen werden. Wie die Jünger des Hackelschorsches feilten wir wieder bis zur Perfektion an unserer Technik und am Ende gelang es tatsächlich mir, Justin und Kevin die magische 13-Sekunden-Marke zu knacken. Dabei kam es zu einigen Beinaheunfällen im Auslaufbecken, wo einige verzogene Gymnasiasten meinten vor der Rutschenöffnung herumturnen zu müssen, während ihre Lehrerinnen mit hochgeklappten Polokragen in der Cafeteria einen Latte Machiato schlüften. Aufsichtspflicht kann man halt unterschiedlich auslegen, dachte ich mir - und schiss nach Herzenslust Fremdkinder zusammen bzw. drohte, sie beim Bademeister zu denunzieren.
Der einzige, der an diesem Tag nicht rutschte, war Herrn Brandt. Er hatte sich nämlich am Wochenende irgendiwe den Fuß verrenkt und war daher bewegungsmäßig etwas außer Gefecht gesetzt. Zwar wurde er von unserer treusorgendenden Referendarin mit Ibuprofen abgefüllt, aber so richtig half das auch nicht. So humpelte der ärmste die ganzen Tage über der Truppe hinterher und tat sein bestes, trotz Handicap den Laden mit am Laufen zu halten. Am Ende der Klassenfahrt war er dann aber doch so in seinen Bewegungen eingeschränkt, dass zur Abreise die Kavallerie in Form von zwei lieben Kollegen anreisen musste um a) den Bulli mit den Schülern zurück zur Schule und b) Herrn Brandt direkt zum Arzt zu fahren.
Bis dahin war es am ersten Abend aber noch lange hin und nachdem wir erfolgreich Fett verbrannt, also gegrillt, hatten, schauten wir gemeinsam im Fernsehen der deutschen Nationalelf zu, wie sie die Holländer platt machte. Der einzige der nicht so recht dabei sein wollte, war Marc. Der spielte abends nämlich wieder seine Lieblingsrolle, den "einsamen Wolf". Irgendetwas musste ihm wohl nicht gepasst haben - irgendeine dumme Bemerkung eines Mitschülers, ein falscher Blick eines Erwachsenen oder die Nackensteaks hatten die falsche Marinade. Man wusste es nicht, und wie immer bekam es aus Marc auch nicht raus. Stattdessen ließen wir ihn seine einsamen Runden ums Haus drehen, bis es auch ihn zu ungemütlich wurde und er von alleine reinkam.
So ging dann der erste Tag recht harmonisch zu Ende, zu Beginn der Schlafenszeit mussten zwar die ein oder anderen Herren aus dem Mädchenzimmer gefischt und zur Abschreckung auf die stille Treppe gesetzt werden. Aber irgendwann war damit dann auch Feierabend, alle blieben in ihren Zimmern und veranstalteten nur noch ganz leise den ein oder anderen Schwanzvergleich. Ansonsten kehrte nun endlich Ruhe ein.
Fortsetzung folgt

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