Mittwoch, 22. Februar 2012

Geschwächt

Es gibt nichts mehr zu beschönigen.
Selbst die wortgewandte Schulleiterin findet keine passenden Worte mehr, um ihre tapfere und fleißige Mitarbeiterschar auch nach außen hin als solche darzustellen.
Wir schwächeln.
Der Krankenstand hat einen nie dagewesenen Höchststand erreicht.
Wer nicht im Bett liegengeblieben, auf dem Sofa dahingestreckt oder in einem bazillenverseuchten Wartezimmer auf Rettung hoffend erbärmlich rumstöhnt, der schafft es dann wohl, sich morgens pflichtbewusst und Schlimmes ahnend zum sonst so einladenden Lehrerzimmer zu schleppen.
Wo einen sonst erregtes Geplapper und wahlweise fröhliches oder hämisches Gelächter empfängt, das lustig klingelnde Telefon vergnügt von Ohr zu Ohr gereicht wird, engagierte Menschen den Kopierer mit nicht enden wollender Arbeit versorgen, der Drucker gewissenhaft Auftrag für Auftrag abarbeitet und die guten Pädagogen sich mit dem Gongschlag um Punkt acht Uhr erheben, sich abklatschen und euphorisch in die Klassen eilen... da herrscht nun eine bedrückende Ruhe. Der erste (zur Zeit wackelige) Gang führt zu der Pinwand, die mit dem großen Button „Heute krank“ versehen ist. Die Liste mit den dort angeschriebenen Namen wächst von Tag zu Tag. Bei mir passiert dann folgendes: wenn ich morgens anfange, die Liste mit den Krankmeldungen zu lesen, lege ich anfangs den Kopf in den Nacken, um die oben stehenden Namen lesen zu können. Nach wenigen –ich würde sagen: Minuten- bin ich einige Schritte zurückgetreten und beuge mich vor, um die unten stehenden Namen noch entziffern zu können.
Kein Lachen, keine Unterhaltung, nicht mal ein heimliches Tuscheln im Lehrerzimmer.
Der Kopierer schweigt beleidigt, der Drucker feiert krank. Nur das verlässliche Telefon stimmt motiviert sein morgendliches Liedchen an- allein, es fehlen die emsigen Mitarbeiter, die dem Hörer die richtigen Worte einzugeben im Stande sind. Nur noch Schatten bewegen sich hier, die kaum im Stande sind, den Hörer zu halten und mit letzter Kraft ein paar Bazillen hinein atmen. Wir bleiben standhaft so lange wir können!
Und wir halten uns nicht nur mit schnöden Erkältungen auf- das kann ja jeder!
Herr Brandt bewegte sich wie der Hauptdarsteller des Films „soul kitchen“, nachdem dieser den griechischen Kühlschrank geschleppt hatte. Von Brandtens Anblick bekam man direkt auch Rückenplagen, bis er sich erbarmte und seiner Hinterseite zuhause ein paar Tage Ruhe gönnte.
Frau Patente kann aus unerfindlichen Gründen ihren rechten Arm nicht mehr richtig benutzen und nicht mal mehr Auto fahren. Da sie immer mal wieder für kleine kulinarische Genüsse in der Lehrerlounge sorgt, schmerzt ihr Fehlen um so mehr!
Selbst Frau Schön-Lange, die eigentlich schon immer hier arbeitet und so gut wie nie fehlt, stand dieser Tage auf der schlimmen Liste und hatte zuhause eine Gelenkentzündung auszukurieren. Ihre Teamkollegin Frau Gehrdinger musste Freitag vom Kollegen Bromseklöten ins Lehrerzimmer gestützt werden, damit sie ihren Dienst versehen konnte. (Nun, da Frau Schön-Lange sich wieder zur Arbeit quält, wird Herr Gehrdinger ordentlich damit zu tun haben, seine Holde wieder auf die Beine zu bringen! Heute steht ihr Name drauf…) Das war natürlich sehr unvernünftig von Frau Gehrdinger, so krank arbeiten zu gehen, andererseits aber auch wirklich nett von ihr. Denn dadurch stand ihre Klasse nicht auf dem… V E R T R E T U N G S P L A N.
Das ist das böse Wort. Nach dieser Krankheitswelle (so sie denn jemals endet…) werden wir es vermutlich nicht mehr aussprechen. Es wird dann nur noch heißen „Du weißt schon, was…“.
Wenn man nämlich auf diesem Dingsda seinen Namen entdeckt und nicht krank gemeldet ist, bedeutet das: Einsatz in unbekanntem Territorium mit womöglich feindlichen Truppen. Es bedeutet auch, alles für den Tag geplante über den Haufen werfen zu können. Das ist nicht immer ein Zuckerschlecken kann ich ihnen sagen- aber dazu ein andern Mal mehr!
Auch mich hat es jüngst kurz mal aus der Bahn geworfen; der Grund war eine üble Zahngeschichte im linken Unterkiefer. Nach einem schmerzhaften Wochenende nahm sich der Dentist meines Vertrauens Meiner an und entfernte eine (sauteure) Überbrückung!! Nun bin ich heilfroh, dass ich nicht spreche wie Herr Gauck, sondern doch mehr von meinem Oberkiefer preisgebe!!!
Und jetzt ist es auch schon wieder Zeit für die entzündungshemmenden Medikamente und außerdem ahne ich, dass mein Name wieder auf dem Dingsbumsplan stehen wird. Frau Großstädter hat mir vorhin nämlich gar nicht gefallen! Ihre Stirn würde von innen verbrennen, stöhnte sie hinter dem vors Gesicht gehaltenen Kühlakku hervor…Das hört sich nicht gut an!
Aber keine Sorge: Unkraut vergeht nicht! Wir kommen wieder!

1 Kommentar:

  1. Wie sieht's aus? Hat jemand Nachricht von Frau Großstädter? Sie lief heute den ganzen Tag mit einem Kühlkissen auf dem Kopf rum. Sah nicht gut aus.

    Ab einem gewissen Prozentsatz an kranken Kollegen ist es übrigens widerum ganz gut, wenn der Teampartner krank ist - denn wer ohne Doppelbesetzung da steht, kann nicht in irgendeiner Terrorklasse als Vertretung eingeteilt werden. Vielleicht sollte ich Herrn Brandts Frau mal bescheid sagen, dass sie die Bettseite ihres Gatten so manipuliert, dass er morgen wieder Rücken hat...

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