Helau und Alaaf, alaaf und helau! Jawoll, wir haben's getan. Wir haben Fasching gefeiert. Und das als eine von nur zwei Klassen unserer Schule. Das nenne ich mal Einsatz. Jedes Jahr wird nämlich extra die Projektwoche über den Rosenmontag gelegt, damit meine karnevalsunlustigen Kollegen um eine Klassenparty herumkommen. Natürlich haben aber auch alle dieses Jahr geflissentlich ignoriert, dass die Projektwoche nun wegen hohem Krankenstand ausfällt und natürlich hat NIEMAND am Freitag vor der Klasse verkündet: "So Leute, super Nachricht: Wir können doch Fasching feiern!" Stattdessen Dienst nach Vorschrift am Rosenmontag.
Ich selbst bin eigentlich auch überhaupt nicht dieser Karnevalstyp. Prunksitzungen im Fernsehen empfinde ich als rheinischen Kulturimperialismus. Auch Verkleidungspartys mit Erwachsenen sind nicht so mein Fall. Aber auf der anderen Seite weiß ich, dass meine Schüler es lieben - und da fällt mir kein Zacken aus der Krone, wenn ich ihnen mal einen Vormittag lang den Gefallen tue und mitspiele. Der Aufwand ist ja im Grunde auch gleich null. In der ersten Doppelstunde wird gemeinsam gefrühstückt, in der zweiten Doppelstunde werden lustige Spielchen gemacht. Für den absoluten Notfall habe ich auch noch eine DVD in petto. Und so wird es auch dieses Jahr wieder gemacht.
Einige wenige Fragen müssen am Abend vorher jedoch trotz aller Routine bedacht werden:
1. Die CD mit der Ballermannmusik muss gesucht werden. Ohne die geht nämlich gar nichts. Natürlich habe ich sie letztes Jahr ganz schlau irgendwo hingelegt, wo ich dachte, dass ich sie schnell wiederfinde. Was natürlich nicht der Fall ist.
2. Der Wecker muss auf einige Minuten früher gestellt werden, weil ich vor der Schule noch beim Bäcker Brötchen für's Frühstück besorgen muss.
3.Ich muss mir überlegen, als was ich mich selbst verkleide. Diese Frage muss gut durchdacht werden. Das Kostüm muss praktisch sein, größtmöglichen Bewegungsspielraum erlauben und die eigene Autorität nicht übermäßig aushöhlen. Teletubbie wäre also z.B. schlecht. Außerdem muss es möglich sein, schnell ins normale Outfit zurückzuwechseln, so dass man nicht noch im Kostüm in die Dienstbesprechung am Nachmittag muss. Ich kenne Kollegen, die haben 1-2 Kostüme, die sie immer wieder benutzen, das ist sehr praktisch aber die Schüler merken das. Deswegen ist es ab und zu auch nicht schlecht mal etwas neues zu wagen. Deshalb meine Wahl dieses Jahr: Ich bin ein Cowboy! Aber natürlich ohne Pistole, denn ich will ja nicht den Waffenerlass abschreiben, während der Rest der Klasse feiert. Ich denke noch, das Kostüm ist trotzdem ausreichend cool und maskulin - bin beim Anblick meiner selbst im Spiegel dann aber doch enttäuscht. Ich sehe mehr aus wie ein tumber Holzfäller als ein cooler Cowboy. Ist egal, für Alternativen ist es jetzt zu spät, muss ich halt durch. Ich bezweile auch, dass meine Schüler den Unterschied merken.
Am nächsten Morgen im Lehrerzimmer stoße ich direkt auf Darth Vader. Meine Kollegin Frau Mahlzahn, die die erste Klasse hat, feiert heute auch und hat sich bei ihrem Sohn dieses tolle Kostüm geliehen. Mit Laserschwert! Na toll! Und keiner sagt was von wegen Waffenerlass, nicht mal die Schulleitung. Hätte ich ja doch die Pistole mitnehmen können. Jetzt schleimt sich die Mahlzahn bei den Kids ein und ich stehe doof da.
In der Klasse habe ich dann auch einen Darth Vader und außerdem einen Vampir, einen Clown, einen Spiderman, einen Bushido, eine Cheerleaderin und eine Biene Maja. Pacal und Quentin haben sich nicht verkleidet, dafür machen sie umso mehr blöde Sprüche über die Kostüme der anderen. Nach einer deutlichen Cowboy-Ansage über mieses Sozialverhalten geben sie aber den Rest des Vormittags Ruhe.
Wir beginnen den Tisch zu decken, was im Grunde bedeutet: Die Referendarin und ich decken den Tisch und versorgen die Kids mit Alibi-Arbeiten, damit sie beschäftigt sind. Das ist ein schon tausendfach erprobtes Verfahren. Probleme treten erst auf, als es an die Sitzorndung geht. Denn Bushido will partout nicht neben dem Clown sitzen. Findet er wohl uncool. Weil es nun aber der einzige freie Platz ist, muss er - und sitzt folgerichtig das gesamte Frühstück über schmollend an seinem Platz. Dabei hat gerade er sich so gefreut und war so stolz auf sein Kostüm. Da hat er wohl das Buch "Anleitung zum Ünglücklichsein" von Paul Watzlawick gelesen. Aber genau das ist ein häufiges Problem unserer Schüler: Völlig übersteigerte Erwartungen an irgendwas - und dann kommt bei der ersten Kleinigkeit der große Absturz.
Genau das gleiche haben wir in der zweiten Doppelstunde dann mit unserer Cheerleaderin Chantalle. Wir beginnen nach der Pause (die meisten Kostüme sind trotz Schlammpfützen auf dem Schulhof erstaunlich sauber geblieben) mit einer Runde "Reise nach Jerusalem". Ein absoluter Klassiker und immer wieder gern genommen. Alle rennen um eine Reihe von Stühlen, dazu wird Ballermann-Musik gespielt. Wenn die Musik stoppt, suchen sich alle einen Platz, aber leider gibt es einen Stuhl weniger als Mitspieler. Wer stehen bleibt, fliegt raus, ein Stuhl wird entnommen und weiter geht's. Vor allem Chantalle ist mit Feuereifer dabei. Doof nur, dass sie schon in der dritten Runde raus muss. Sofort beginnt sie, mit ihren Pompons auf den völlig überrumpelten Pascal einzudreschen, der ihr den letzten freien Platz vor der Nase weggeschnappt hat. Ich schicke sie nach draußen auf den Flur, um sich zu beruhigen, wo sie eine halbe Stunde lang das Schuhregal ankeift. Ich überlege noch: Fallen Cheerleader-Pompons auch unter den Waffenerlass?
Zur Beruhigung der erhitzten Gemüter ist nun erstmal was beschauliches dran. Spielen wir doch mal eine Runde "Bello, Bello, dein Knochen ist weg." Kaum zu glauben, aber dieses Kindergartenspiel kommt auch bei meinen Zwölfjährigen noch gut an. Der Hund Bello "schläft" mit seinem Knochen in der Mitte des Stuhlkreises und ein ausgewähltes Kind aus dem Kreis klaut ihm den Knochen. Bello muss nun raten (oder anhand von Geräuschen herausfinden, aber das ist sehr schwer!), wer den Knochen genommen hat. Allerdings liegen die Tücken im Detail und noch nicht jeder hat eine gewinnbringende Strategie entwickelt. So gilt es wieder einmal zu lernen: ALLE nehmen die Hände hinter den Rücken - nicht nur derjenige, der den Knochen geklaut hat. Und man nennt denjenigen, der als nächsten drankommen soll NICHT beim Namen, sondern zeigt nur auf ihn. Gut, dass Chantalle schon draußen ist und Bushido sein Pulver für heute offenbar verschossen hat - so gehen die Schüler doch recht nachsichtig miteinander um, denn Fehler passieren viele.
Zum Schluss gibt es dann noch ein bisschen Hüpfen und Zappeln zu Top-Hits wie "Ein Stern, der deinen Namen trägt", "Finger im Po, Mexiko" und "Ich hab ne Zwiebel auf dem Kopf, ich bin ein Döner." Da können sich alle nochmal so richtig verausgaben. Quentin, der einer Schaustellerfamilie enstammt, wähnt sich im siebten Himmel und schreit vor Begeisterung: "Hier voll die Paddie abgeht! Heut mein Glückstag sein!" Meiner im Übrigen auch, denn die fleißige Referendarin hat während der Spielestunde doch tatsächlich schon den ganzen Abwasch vom Frühstück gemacht. Also kann ich quasi mit dem Schlussgong das Pferd satteln und in den Sonnenuntergang reiten. Glück auf - Luck Off!
Sehr idyllische Schilderung - icb bereue es schon fast, dass ich nicht auch Fasching gefeiert habe. Aber nur fast....
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