Mit der Wahrnehmung ist das so eine Sache.
Wer irrt sich nun- ich? Oder der andere? Tragen wir nicht eh meist eine konstruktivistisch gefärbte Brille? Sehe ich die Dinge völlig verkehrt? Schätze ich meine Schüler womöglich doch falsch ein und sie sich richtig??
Diese Fragen treiben einen ja immer mal wieder um, doch heute hatte ich gleich mehrere Erlebnisse, die mich gelinde gesagt…verblüffen.
Los ging es heute Morgen mit einem Praktikantenbesuch. Der 15 jährige Markus musste in seinem Praktikumsbetrieb besucht werden, in dem er nun schon zum zweiten Mal ein Betriebspraktikum absolviert. Der Betrieb ist eine Tierarztpraxis und Markus möchte gerne Tierarzthelfer werden. Laut Markus` Mutter ist diese Praxis bereit ihn auszubilden, wenn er denn seinen Hauptschulabschluss nächstes Jahr in der Tasche hat. Und nur aus diesem Grund darf er zwei Mal im selben Betrieb ein Praktikum machen. Große Ausnahme!! Aber wir sind ja keine Unmenschen und verbauen einem jungen Hoffnungsträger die Zukunft!
(Im Gegenteil- wir waren wirklich erstaunt und froh, dass ein Betrieb Markus ein zweites Mal bei sich arbeiten lässt und dann gleich noch einen Ausbildungsplatz oben drauf legt! Er ist jetzt kein Gewalttäter oder so… seine Umgangsformen und allem voran seine Art von Humor, bei dem es meist um Körperausscheidungen und/oder Gewalt geht, erfordern eine gewisse Toleranz…)
Die Tierarzthelferin Kati sang ein wahres Loblied auf Markus. Er würde sich vor keinen Arbeiten scheuen, alles machen, was man ihm sagt und überhaupt sei alles in bester Ordnung. Sie lachte mit Markus um die Wette, der mir allerdings wie erwartet weder die Hand geben noch mich ansehen wollte. Auf meine Frage, was er denn dort für Aufgaben habe, kam die Antwort: „Die Katzen streicheln. Und den Tisch streicheln!“ (damit war wohl gemeint, dass er den Behandlungstisch abwischen muss?!)
Die Ärztin stand Kati im Loben in nichts nach. Alles war sehr lustig und jaja, Markus sei ja quasi ein alter Bekannter und wirklich sehr gut zu gebrauchen, er würde richtig gut mitarbeiten. Daraufhin folgerte ich: „Dann würden Sie also Markus nächstes Jahr als Auszubildenden einstellen?“ Die Antwort: „ Najaaaaa- also da wäre wohl eine größere Praxis besser geeignet. Hier arbeitet ja nur Kati und macht alles- aber eine größere Praxis, in der er nur bestimmte Aufgaben hat, das wäre besser. Also hier wäre er doch überfordert. Und er müsste besser zuhören. Und schneller arbeiten. Aber sonst ist alles super. Er fragt ja auch so viel! Das ist ja auch gut wenn man viel fragt!“
Ich: “Markus- was fragst du denn??“
Er: „Warum brennen Hunde?“ …
Zurück in der Schule hatte ich Besuch von Ali, der viele, viele Jahre unser Schüler war.
Seine Geschichten sind nicht so eklig wie die von Markus, dafür sollte man die Wertsachen im Blick behalten und ihn möglichst nicht provozieren…Nicht immer ganz einfach waren die Zeiten mit ihm- aber man freut sich ja doch, die alten Gesellen nach ein paar Jahren mal wieder zu sehen!
Ich: „Was machst du denn jetzt?“
Er: „Ich werde Krankenpfleger!“
Ich: „Echt??? Braucht man dafür nicht einen Realschulabschluss?“ (Ali ging seinerzeit ab ohne Abschluss nach der 8. Klasse.)
Er: „Doch. Schon. Den mache ich auch nebenbei.“
Ich: „Und du wirst Krankenpfleger? Wo denn?“
Er: „Im Krankenhaus! Station W!"
Ich: „Was ist denn das für eine Station?“
Er: „ Für Pflege!“
Ich: „Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, warst du doch Autoaufbereiter?!“
Er: „Ja schon. Aber da hatte ich keine Lust mehr zu. Und ich soll sie grüßen. Von Viktor.“
Ich: „Viktor? Was macht der eigentlich jetzt?“
Er: „Keine Ahnung. Mit dem war ich zusammen im Gefängnis!“
Ich: „Huch!!Warum wart ihr denn im Gefängnis???“
Er: „Och- bei mir waren es so n paar Kleinigkeiten. Und Viktor wegen schwerer Körperverletzung. Und Einbruch. Und Raubüberfall.“
Als ich die Geschichte im Lehrerzimmer zum Besten gab, bemerkte Frau Patente gleich, dass Station W wahrscheinlich für Wäsche stünde. Ich werde das überprüfen….
Zum Abschluss des Tages fand noch die Arbeit mit der Neigungsgruppe „Theater“ statt.
Frau Samstag und ich planen mal wieder ein Stück aufführen zu lassen, obwohl wir uns nach der letzten Aufführung geschworen hatten: NIE WIEDER!!! O.K.- jetzt noch dieses eine Mal und dann wird uns eh jemand ablösen, weil die Aufführung einfach unzumutbar sein wird. (Wahrscheinlich wird es eine Anordnung von ganz oben geben: Lassen sie Frau Samstag und Frau Seltsam nie wieder mit einem Theaterstück in Kontakt kommen!)
Gespielt werden soll ein Märchen mit einer liebreizenden Königstochter in der Hauptrolle. Cheyenne ist schon seit vielen Jahren in der Theater AG und musste sich immer mit Nebenrollen abspeisen lassen. Nun darf sie die Königstochter spielen.
Cheyenne ist 14 und ein echtes Ghetto-Mädchen. Sie kaut mit Vorliebe Kaugummi und kann hervorragend eine Nasenseite rümpfend hochziehen… Heute trug sie pinkfarbene Jogginghosen und einen lilanen Kapuzenpullover.
Wir: „Cheyenne, stell dir vor, du bist alleine im Wald. Es ist dunkel. Du hörst komische Geräusche. Du fürchtest dich!“
Sie: „Ey.. `sch happ keine Angsst!“ Und stampft breitbeinig über die Bühne. die Hände in den Hosentaschen…
Aber: sie liebt diese Rolle und wir werden sie spielen lassen und sehen, was dabei rauskommt. Ist ja eh das letzte Mal!
Nun bin ich zuhause und mein Mann sagt zu mir: „Na du bist ja griffig!“Aber ich bin doch eigentlich gut gelaunt und ausgeglichen. Die Tochter soll helfen: „Hey sag mal, findest du auch, dass ich schlecht gelaunt bin?“ Da sagt das Kind: „ Glaubst du, ich bin wahnsinnig und hänge mich in eure Streitereien??“
Was ist da los???
Ich habe gute Laune! Markus wird Tierarzthelfer und Ali Krankenpfleger auf Station W.
Und Cheyenne ist eine ganz und gar liebreizende Prinzessin!!!
Sie werden noch sehen…
Frau Seltsam, du hast leider recht: Chayenne ist (zumindest was Theaterspielen angeht) weitestgehend talentfrei. Dafür gehen Markus` "Talente" in eine Richtung, die zum Fürchten ist. Ich sags hier vor Zeugen: Marcus wird der zukünfte "Norman Bates". Er Wird eine TierarzthelferAusbildung machen, dabei vornehmlich die Kurse zum "Tiere töten und Präparieren" besuchen, anschließend seine Mutter erstechen und sie dann ausgestopft in einen Schaukelstuhl setzen! Ihr werdet sehen. Soll keiner sagen, ich hätte euch nicht gewarnt. Schaut euch Hitchcocks "Psycho" an!
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