Montag, 10. September 2012

Bleibt alles anders

"Wann schreibst du denn malwieder was, Herrn Bromseklöten? Es ist doch nun seit über einer Woche schon wieder Schule und wir wissen gar nicht, wie es dir ergangen ist!"
Ja, liebe Leser ich weiß, ich habe euch sträflich vernachlässigt aber was soll ich sagen: Die letzte Woche war der echte Hammer! Jeden Abend bin ich nur noch aufs Sofa gefallen und war nicht mehr in der Lage, irgendwas sinnvolles zu tun.
Natürlich ist es jedes Mal so: Nach sechs Wochen Abstinenz muss man sich erst einmal wieder an den Trubel und die Lautstärke gewöhnen. Gut, die eigene Brut - in den Ferien chronisch unterfordert und unterbeschäftigt - hat schon irgendwie dafür gesorgt, dass man nicht ein allzu tiefes Loch fällt. Aber trotzdem: Was hat mir nach den ersten Schultagen der Kopf gebrummt!
Die Zusammensetzung meiner Klasse hat sich dieses Mal gar nicht so sehr geändert, aber man nicht gerade behaupten, dass auch nur einer der Schüler über den Ferien irgendwelche positiven Entwicklungsschübe hingelegt hätte. Im Gegenteil: Alles, was an Arbeits- und Sozialverhalten im vergangenen Schuljahr mühsam eingetrichtert wurde, ist über den Sommer verloren gegangen. Das geht schon morgens los: Gab es nicht einmal die Reihenfolge: Hausschuhe anziehen, Mitteilungsheft abgeben, hinsetzen, ruhige Beschäftigung suchen? Nö, da bimmelt bei meinen Schülern gar nichts! Stattdessen wird wild drauflos gebrabbelt, alle durcheinander, jeder versucht den anderen zu übertönen. Am ersten Schultag kann man das ja vielleicht noch verstehen, da tun sich ja existentielle Fragen auf. Es könnte ja sein, dass sich die vormittäglichen Abläufe völlig verändert hätten. Aber spätestens wenn man merkt, dass immer noch der alte Bromseklöten da vorne sitzt, der Klassenraum genau so eng und versifft ist wie vor den Ferien und auch der Stundenplan sich nur marginal verändert hat, müsste man doch eigentlich beruhigt sein und zu altem Verhalten zurückfinden. Bis heute warte ich jedoch vergeblich darauf und ich denke, es wird auch noch eine Weile dauern. Bis der Laden wieder richtig läuft, werde ich wohl noch mehrere Male Chantalle von Justin trennen müssen, damit die beiden ihren nach Ferienbeginn sofort wieder aufgenommenen Privatkrieg wenigstens nicht während des Unterrichts austragen. Ich werde Pascal noch oft aus seinen Tagträumen rütteln, damit er wenigstens einen Satz pro Unterrichtsstunde aufs Papier bringt. Und ich werde Erik, unser wandelndes Klassenradio, noch das ein oder andere Mal nach bester Troubadix-Art fesseln und knebeln müssen um wenigstens mal für kurze Momente Ruhe im Karton zu haben.
Nicht gerade förderlich für das Besinnen auf schon einmal Gelerntes ist die Tatsache, dass meine Schüler allmählich in ein Alter kommen, in denen die Hormone anfangen durchzudrehen. Diese Entwicklung, kombiniert mit der Tatsache, dass auf dem Schulhof nach den Ferien massenhaft "Frischfleisch" eingetroffen ist, führt zu zahlreichen Turbulenzen und bringt mich an den Rande meiner Leistungsfähigkeit. Was mache ich bloß, wenn Samantha in einer Pause mit vier verschiedenen Jungs knutscht? Wird Zeit, dass die Mädchen-AG von Frau Seltsam wieder startet, die kann dann die ganzen Emotionen auffangen, denen man als Mann doch etwas hilflos gegenüber steht.
Ein Trost bleibt: Nicht nur in meiner Klasse geht es schon wieder munter drunter und drüber. Heute hatte ich das Vergnügen, am eigenen Leib zu erfahren, dass die Schüler von Frau Großstädter genau so schräg drauf sind und in punkto Abspacken nicht verlernt haben. Da hielt es Andreas und Emre gerade mal 15 Minuten im Unterricht, ehe es sie nach draußen zog, wo sie  "like a sattelite" in die Umlaufbahn der Schule eintraten. Und wie vor den Ferien war es natürlich war es nur eine Frage der Zeit, bis Cheyenne dem Lockruf der beiden Wanderburschen folgte. Selbst das Einfühlungsvermögen der Referendarin und viele Zugeständnisse halfen nichts, sie war nicht in der Klasse zu halten. Dabei hätten wir sie sogar an ihrem Platz schlafen lassen, zumal sie schon zu Beginn darüber klagte, von den am Wochenende abgeleisteten Sozialstunden völlig von der Rolle zu sein. So saß ich also da und konnte nur zusehen, wie sich der Klassenraum immer mehr leerte und draußen auf der Idiotenrennbahn vor meinem Fenster immer regerer Verkehr herrschte.
Immerhin wartete in der Lehrerlounge eine frische, dampfende Pizza auf mich sowie mehrere Kollegen, denen es am Vormittag genau so ergangen war wie mir. Und nachdem Frau Mahlzahn mich zu Schuljahresbeginn erfolgreich von meinem angestammten Platz vertrieben hat, habe ich zumindest dieses Trauma überwunden und mich auf der anderen Seite von Tisch 1 häuslich niedergelassen. In zwei Wochen kommt sowieso Frau Klein von ihrer Weltumseglung zurück und da werden sitzplatztechnisch die Karten eh wieder ganz neu gemischt. Ist ja auch egal, neben wem ich sitze - hauptsache er/sie ist nicht so laut. Sonst platzt mir wirklich irgendwann der Schädel. Manchmal glaube ich, ich werde langsam zu alt für den Job! Glück auf.

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