Normalerweise wird Frauen ja nachgesagt, sie würden ausgesprochen gerne und häufig telefonieren. Tatsächlich zählte ich selbst früher auch einmal zu „diesen Frauen“. Aber das muss lange her sein. Inzwischen ist mein Bedarf an Telefongesprächen gesättigt. Man könnte auch sagen, ich bin pappsatt. In meiner Freizeit finden keine Telefongespräche mehr statt!
Mein „Telefoniergen“ ist schlichtweg dadurch befriedigt, dass ich in einer Förderschule arbeite.
Da steht „gerne und häufig telefonieren“ ja quasi schon in der Stellenbeschreibung. Oder anders gesagt: Wer nicht in der Lage ist zum Telefon zu greifen, der kann auch nicht Förderschullehrer werden!
In unserer Bildungsanstalt gibt es 2 Telefonapparate, die den Pädagogen zur Verfügung stehen. Und das ist eindeutig zu wenig! Nicht selten kommt es zu dramatischen Szenen, wenn nach 13 Uhr alle zu den Telefonen hechten und jeder der erste sein will. Da wird schon mal ein kleines Wettrennen mit ausschlagenden Ellenbogen veranstaltet um der erste am Klingeldraht zu sein.
Im Grunde ist es wie in der freien Wildbahn: Nur die Harten kommen in den Garten.
Das hat Herr Wald-Orff auch verstanden, denn er hat die Technik entwickelt, einem das Telefon einfach während dem laufenden Gespräch vom Ohr zu reißen und sich mit den Worten „Darf ich mal?Danke!“ -ohne eine Antwort abzuwarten- schnellen Schrittes mit seiner Beute zu entfernen!
Eine sehr erfolgreiche Taktik! Beneidenswert!
Wenn man einen der heißbegehrten Apparate ergattert hat, dann muss man nur noch ein stilles Örtchen finden, wo man möglichst ungestört sprechen kann. Das ist gar nicht so leicht.
Einer der beliebtesten Orte ist ein unbeheiztes Materiallager, das sich hinter der Aula verbirgt. Dort steht dann gerne mal der eine oder andere Kollege schlotternd im Dunkel und tastet sich mit dem Telefon in der Hand an Bühnendekoration und Leitzordnern entlang.
Eine andere beliebte Ecke befindet sich im Bermudadreieck zwischen Heizungskeller, Toiletten und Wäschekorb. Gut – da mieft es manchmal modrig-feucht und das Telefongespräch wird von den unmissverständlichen Geräuschen, die aus den Toiletten dringen, untermalt, aber immerhin ist es warm und hell. Man kann ja nicht alles haben.
Der bequemste Platz zum Telefonieren ist natürlich das Sekretariat, aber das kann man sich erst unter den Nagel reißen, wenn unsere Sekretärin Frau Fee endlich ihr Reich verlassen hat.
Und man muss sich auf Neider gefasst machen, die einem den Platz streitig machen.
Nur an die Telefone der Schulleitung wagt sich keiner ran! Vor Herrn Stempel und Herrn Käpt´n hat man einfach Respekt!
Grundsätzlich ist es so: Die Einstellung dem Telefon gegenüber wandelt sich im Laufe des Vormittags drastisch. Morgens vor 8Uhr möchte man es sich soweit wie möglich vom Leib halten. Mittags soll es so schnell wie möglich an den Leib ran! Morgens ist es eher die Außenwelt, die etwas von uns möchte. Mittags schlagen wir dann zurück!
Leider ist mein Platz im Lehrerzimmer an einer Stelle, von der sich das Telefon leicht erreichen lässt. So kommt man häufig vor 8Uhr oder in den Pausen nur dazu, seinen Kram zu erledigen, wenn man das Mobilteil des Telefons aus der Aufladestation nimmt und es heimlich den Kollegen an Tisch 3 unterjubelt. Meist klingelt es aber schon, bevor man diesen Plan in die Tat umsetzen konnte. „Förderschule, Samstag am Apparat?“ „Ja, Tach, Frau Schmidt ist mein Name. Ich möchte meinen Sohn krank melden!“. Und obwohl ich Frau Schmidt bestens kenne, weil sie die Elternvertreterin meiner Klasse ist, meldet sie sich jedesmal mit den Worten „Tach –Frau Schmidt ist mein Name!“
Häufig verlaufen diese morgendlichen Telefonate aber auch ohne nennenswerten Informationsgewinn im Sande. „Guten Morgen, ich möchte meinen Sohne Justin krank melden.“ „In welche Klasse geht denn Ihr Justin?“(Justins haben wir nämlich in jeder Klasse mindestens einen) „Oh, das weiß ich jetzt auch nicht so genau!“ „Okay-wie heißt denn der Klassenlehrer?“ „Ach Gottchen – da fragen Sie mich was!“…………..
Nach einem langen und nervenaufreibenden Vormittag mit diversen Justins, Pascals und Cheyennes, wird es um 13 Uhr dann wie gesagt Zeit, die Erzeuger an den glorreichen Taten ihrer Zöglinge vom Vormittag teilhaben zu lassen. Nicht, dass die Eltern sich noch ausgegrenzt fühlen, bei dem was wir mit ihren Kinder erleben ----das wollen wir ja nicht.
Von diesen Telefonaten gibt es unterschiedliche Kategorien. Die häufigsten zwei Kategorien sind: A – Im höchsten Maße unangenehm und unerfreulich, B- zum Kopfschütteln und Schmunzeln,
Kategorie A: „Hallo Frau Pratzke! Es tut uns leid, aber wir hatten auf dem Rückweg vom Schulausflug Stau. Nun hat ihr Sohn den Schulbus verpasst und muss mit der Straßenbahn von der Schule nach Hause fahren!“ Reaktion von Frau Pratzke: „Das kann doch wohl nicht wahr sein. Das immer mir so etwas passieren muss. Immer sind es wir!“ „Äh, nein- die anderen Schüler müssen auch mit der Straßenbahn heimfahren!“. „Das ist doch wohl nicht zu fassen – wie kann man denn nur so dämlich planen. Sie sind ja wohl zu gar nichts zu gebrauchen! Ich reiche eine Beschwerde gegen Sie ein! Sehen Sie zu, wie Sie meinen armen kleinen Jungen nach Hause bringen! Aber mit der assozialen Straßenbahn fährt der sicher nicht!“ (Der arme, kleine Junge ist 14!) Frau Seltsam, die dieses Gespräch führen musste, verweigerte daraufhin ersteinmal sämtliche Telefongespräche und musste erst langsam wieder ans Telefonieren herangeführt werden!
Ebenfalls Kategorie A: „Guten Tag, Fr. Kork! Ihr Sohn war heute zum wiederholten Male in einen gewalttätigen Konflikt verwickelt und hat in der Pause einem Jungen die Nase blutig geschlagen, so dass dieser ins Krankenhaus musste! Ihr Sohn hat ein Aggressionsproblem!“ Frau Kork, hörbar lallend: „Iiiich sags mal ganz ehhhrlich!- Also, wenn miicch eeinner immer provo-provo-provoziert, dann sag ichs ihnen gaannz ehrlich!“ „Was sagen Sie mir dann ganz ehrlich?“ „Also, wenn mich einer provo-provo-provoziert, dann sag ichs Ihnen ganz ehrlich – dann schlag ich auch zu!“ ……
Kategorie B: Kemal fehlt seit Tagen in der Schule. Mutter ist unter ihrer Handynummer nicht zu erreichen. Auf der Festnetznummer meldet sich schließlich Kemal selbst: „Tach, Fr. Samstag!“ „Hallo Kemal – Sag mal, wo steckst du denn? Wir vermissen dich schon! Warum bist du denn heute nicht in der Schule?“ „Häh? Heute? Ich bin davon ausgegangen, heute wäre Sonntag!“ „Kemal – heute ist Montag! Schwing deine Hufe hier her!“ „Das wird nicht gehen, Fr. Samstag- ich spüle nämlich gerade Geschirr! Und ich kann ihnen sagen---das ist echt ne Menge! Meine Mutter kommt heute nämlich wieder, und da muss ich glaube ich doch mal langsam aufräumen – Hier siehts aus, als hätte ne Bombe eingeschlagen!“ Dafür habe ich natürlich Verständnis, frage aber doch interessiert nach: „Wie lange war denn deine Mutter weg?“ „Zwei Wochen! In Frankreich bei ihrem neuen Freund!“ „Letzte Woche hattest du Praktikum – warst du dort?“ „Äh, äh, ganz ehrlich? Nein! Aber Schwänzen kann man das nicht wirklich nennen! Ich war eher krank. Meine Mutter wollte auch eigentlich mit mir zum Arzt gehen!“ - Eigentlich? Ich ergänze seinen Satz …“Aber die war ja nicht da, richtig? Verstehe, verstehe!“ „Ja, aber heute kommt sie wirklich wieder! Sie hat schon die Grenze passiert!“ (–man kann Kemal zumindest nicht vorwerfen, dass er sich nicht ausdrücken kann!) „Okay, Kemal – dann sieh zu, dass du zumindest ab morgen wieder in die Schule kommst!“ „Oh, das wird wahrscheinlich nicht möglich sein – meine Mutter will heute Abend noch mit mir nach Frankreich umziehen!“.
Tja – was soll man dazu noch sagen! Au revoir, Cheri!
In die Kategorie B gehören natürlich auch die Gespräche, die meine Kollegin Fr. Seltsam täglich (!!!!) mit dem Hort führt, den Kimberly, Chayenne, Jaqueline und noch ein paar andere Mädchen unserer Schule besuchen. Bei den Gesprächen dreht es sich fast immer um „Frauenangelegenheiten“. „Hallo, Fr. Hirte – hier ist Seltsam aus der Schule. Ich wollte ihnen nur sagen, dass Kimberly schon seit Tagen über Unterleibsschmerzen klagt und heute heulend in der Schule zusammengebrochen ist. Sie wollte sich vor lauter Verzweiflung die Pulsadern mit einer Bastelschere aufschneiden und ließ sich gar nicht mehr beruhigen. Ihre Periode hat sie schon länger, jetzt befürchtet sie schwanger zu sein – vielleicht können Sie mal mit ihr reden!“ 10 Minuten später, Rückruf von Fr. Hirte: „Hallo Frau Seltsam – Entwarnung. Kimberley ist nicht schwanger – gerade hat sie ihre Tage bekommen!“ Und so oder so ähnlich geht das Tag täglich! Wenn man Frau Seltsams Telefonaten lauscht, könnte man meinen, sie arbeitet in einem Jungmütter-Betreuungsheim oder als Streetworkerin auf dem Straßenstrich…..
Natürlich gibt es neben Kategorie A und B noch viele andere Gesprächskategorien. Aber davon ein anderes Mal mehr. Jedenfalls ist es kein Wunder, dass man nach den zahlreichen nervenaufreibenden und häufig mit höchstem diplomatischem Fingerspitzengefühl zu führenden Telefongesprächen auf ebensolche am Abend keine Lust mehr hat. Da hilft alles nichts – Stecker ziehen oder sich verleugnen – selbst wenn die beste Freundin anruft!
wahre worte werte frau kollegin! der ehemals verhasste anrufbeantworter zuhause hat nun rund um die uhr dienst und die erfindung der sms ist etwas wunderbares- zumindest wenn man noch in der lage dazu ist, einige soziale kontakte aufrecht zu erhalten!!
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