Bisher ist zum Glück noch nichts passiert.
Das grenzt an ein Wunder.
Das Klima ist rau, die Luft zum schneiden, die Nerven blank, die Stimmen schrill.
In dieser Woche gibt es Zeugnisse.
An der Tür zum Lehrerzimmer sollte ein Schild hängen mit folgender Aufschrift:
Zutritt nur für Mitarbeiter dieses Hauses.
Unbefugten ist der Zutritt untersagt!
Lebensgefahr!
Es gibt nun mal einfach Zeiten, da sollte man sich als Fremder hüten, unser Lehrerzimmer zu betreten. In diesen Zeiten besteht nämlich ganz massiv die Gefahr als Sündenbock oder was auch immer erheblich leiden zu müssen; es könnte sein, dass diese artfremde Person getreten, geschlagen, zermalmt und zerstückelt irgendwo in der Ecke hinter dem Computertisch ihren letzten Platz auf Erden finden könnte.
Warum?
Es sind nicht nur einfach Zeugnisse- sie sind seeeehr viel mehr als das!
Für unsere Schüler bedeuten sie: einige Tage schulfrei haben, nach Hause zu den Eltern fahren, raus aus den geregelten Strukturen müssen, daran erinnert werden, dass eine Schule auch Leistungsanforderungen bedeutet, zu erahnen, dass man den Eltern mit den Giftblättern nicht unbedingt eine Freude machen wird.
Das wiederum führt dazu, dass unsere ohnehin sehr labilen Kinderlein völlig am Rad drehen. Der sonst so ruhige und zuverlässige Thomas mobbt plötzlich was das Zeug hält. Daran pendelt zwischen acht und vierzehn Uhr zwischen Schulhof und Klassenzimmereingang. Rene, sonst ein wirklich freundlicher und sympathischer Kerl, kann sich irgendwie nur noch brüllend und beleidigend verständigen. Björn zeichnet sich in diesen Wochen durch Fauch-Geräusche aus. Dafür spricht Iwan gar nicht mehr uns starrt ständig finster vor sich auf die Tischplatte. Cheyenne ritzt sich Jungennamen in die Arme.
Undsoweiterundsofort
Für uns an der Schule Arbeitenden bedeuten die Zeugnisse (neben dem Versuch, mit den Kids den Vormittag möglichst friedlich über die Bühne zu bringen) eine riesengroße Zahl an Konflikten zu klären. Projekte zu Ende zu bringen. Zeugnisse zu schreiben. Berufsschulen zu kontaktieren. Festzustellen, dass uns ab der nächsten Woche 20 Lehrerstunden fehlen. Einzusehen, dass sich keine Feuerwehrkraft finden wird. Zeugnisanhänge wahrheitsgemäß auszufüllen. Schulberichte über JEDEN EINZELNEN Schüler formulieren zu müssen. Mit dem Zeugnisprogramm auf dem Schulrechner klar zu kommen. Nachmittags in Jugendämtern bei Hilfeplangesprächen mitzuwirken.
Da kann es schon mal zu Ausfallerscheinungen kommen.
Frau Samstag rennt wie von der Tarantel gestochen zwischen PC und Flur hin und her. Plötzlich reißt sie den ahnungslosen Herrn Brandt von seinem Stuhl hoch und zerrt ihn hinter sich her in den Flur. Dort vor der Pinwand bekommt er knappe Instruktionen: „Stehen bleiben! Lies mir diese emailadresse vor. Erst wenn ich wieder am Rechner bin. Laut! Langsam!“ Herr Brandt pariert und diktiert. Frau Samstag konnte geholfen werden.
Frau Marvinski hingegen verzweifelt am Zeugnisprogramm. Es funktioniert nicht auf ihrem Rechner. Herr Tulpe, ein ausgemachter Fuchs am Computer, gibt Tips und verschwindet, gibt Tips und verschwindet, gibt Tips und verschwindet. Irgendwann platzt der guten Frau der Kragen und sie beleidigt den bösen Pc auf`s Übelste. Ihre Beschimpfungen wollen gar kein Ende mehr nehmen. Frau Großstädter schreitet schließlich zur Tat und… tätschelt Frau Marvinski beruhigend den Rücken. Das hilft.. Zeugnisse bekommt ihre Klasse wohl in diesem Jahr trotzdem nicht.
Es ist übrigens bemerkenswert, dass Frau Großstädter diesen lebensrettenden Einsatz zeigte- man sieht sie sonst derzeit nur mit aufgestützten Ellenbogen im Lehrerzimmer sitzen, das Gesicht in den Händen schützend verborgen.
Währenddessen klagt Herr Schwarz lauthals:“ Bald kommt der große Arsch und scheißt uns alle zu!“
Herr Wald-Orff hüpft übermütig durchs Lehrerzimmer und rempelt kichernd an, was ihm im Weg ist.
Herr Mei telefoniert verzweifelt hinter seinen Schülern her, die inzwischen alle seit Tagen abgängig sind.
Herr Fan hält Herrn Gläubig den Telefonhörer ans Ohr, während dieser zitternd seinen Beruhigungstee umklammert.
Frau Gehrdinger ruft bei den Eltern ihrer Schüler an und fleht diese an, bloß nicht ihre (Frau Gehrdingers) Einträge im Merkheft zu lesen- sie habe sich nur abreagieren wollen!
Von Frau Zellphonitzkis Handy ertönt laut ein Commedian, den keiner außer ihr lustig findet.
Was ich so mache? Keine Ahnung. Kriege ich nicht mit. Meine Tochter scheint aber irgendwie genervt zu sein. „Mama. Es wird jeden Tag schlimmer mit Dir!“
Wir können damit leben. Aber wehe es kommt ein Fremdling der womöglich befremdet guckt… Wir registrieren ALLES!
Ich garantiere für nichts………………..
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.