Mittwoch, 18. Januar 2012

Wer kann, der kann!

Der gemeine Förderschullehrer zeichnet sich ja dadurch aus, dass er im Gegensatz zu den handelsüblichen Gymnasiallehrern „alles“ kann. Soll heißen: Ein Förderschullehrer unterrichtet alle Fächer – auch die die er gar nicht studiert hat. Was ihn dazu berechtigt: Ein IQ von über 70. Das reicht. Damit liegt man auf jeden Fall über den Fähigkeiten der meisten Schüler. Das ist Lehrberechtigung (Leerberechtigung???) genug!
Es gibt nur ein einziges Fach, da sind wir uns in unserem Kollegium nicht ganz sicher, ob unser IQ die 70-Punkte-Marke tatsächlich durchschlägt. Und das ist Physik!
Physik ist das Fach, um das sich seit der Pensionierung von Herrn Duden keiner mehr kümmert, keiner mehr reißt, keiner mehr schert. Dieses Fach liegt förmlich brach!
Nun ist es unserer engagierten Ex-Lehramtsanwärterin Fr. Niederländer zu verdanken, dass sie den Stein wieder ins Rollen brachte. Physik ist schließlich ein wichtiger Bestandteil des Hauptschulcurriculums. Und in den künftigen Ausbildungsberufen unserer Schüler sind zumindest Grundkenntnisse in Physik dringend erforderlich!
Also gut – ein fundierter Physikunterricht muss her. Bloß – wo kriegen? Ein Grüppchen von Kollegen sammelte sich (man könnte sie auch „die Gefährten“ nennen) – streifte durch die Wälder der Didaktik-Messen, beratschlagte sich mit unseren Partnerschulen, durchforstete rastlos die Kataloge von Schulbuchherstellern und blieb schließlich an den Materialkoffern eines einschlägigen deutschen Lehrmittelausstatters hängen.
Ein Vertreter wurde eingeladen, der in einer nachmittäglichen Nachhilfesession Herrn Stempel, Herrn Käpt´n, Frau Niederländer und Frau Samstag in die Geheimnisse seines mitgebrachten Materialkoffers einweihte und sie anschließend so zermürbt und willenlos zurückließ, dass ohne weiter nachzudenken, der besagte Materialkoffer sogleich in unterschiedlichen Ausführungen und großer Stückzahl bestellt wurde. Puh--- Herr Käpt´n wurde ganz blass, als er den Rechnungsbetrag sah, der den Schuletat um Weiten sprengte. Wie er die Sache schließlich geregelt hat – keine Ahnung. Sein Auto, mit dem er die letzten Jahre immer zur Schule gekommen ist, hat er jedenfalls seit dem nicht mehr!
Dafür haben wir nun einen ganzen Satz Physik-Materialkoffer zu den Themen „Elektrizitätslehre, Mechanik und Optik“.
Da der Physik-IQ von Fr. Niederländer und mir tatsächlich weit unter 70 liegt, hatten wir bei erneutem Ausprobieren der Materialien die größte Mühe, die Versuche nachzuvollziehen, die uns der Herr Vertreter in mühevoller Kleinarbeit hatte verständlich machen wollen. So fingen wir bei Null an. Handreichungen waren zwar vorhanden – jedoch eindeutig für Nobelpreisträger formuliert! Wir mit einem IQ von 70: Keine Chance!
Selbst als wir uns Herrn Fan ins Boot holten, änderte sich an unserer Hilflosigkeit nicht viel. 3x70 genügt eben auch nicht, um die folgenden Fragen zu lösen:
Was ist der Unterschied zwischen Ampere, Volt und Ohm? Wie viele Glühbirnchen müssen sterben, bis wir in der Lage sind ein Netzgerät korrekt zu bedienen? Was macht man mit dem ganzen Gestänge im Mechanikbaukasten und wo zum Teufel liegt der Unterschied zwischen additiver und subtraktiver Farbmischung? Keine Ahnung!
Nach wochenlangem Tüfteln fühlten wir uns dann zumindest halbwegs in der Lage dem Rest des Kollegiums den Umgang mit diesen Wunderkästen näher zu bringen. Herr Fan, der inzwischen der Pate der Optikkästen geworden war, erkrankte leider plötzlich (vermutlich verstrahlt) und so mussten Fr. Niederländer und ich uns mit unserem gefährlichen Halbwissen und den noch viel gefährlicheren Materialkoffern alleine dem Kollegium stellen.
Der Pädagoge himself, der sich ja eher durch Selbstverliebtheit, VonSichRestlosÜberzeugtSein und einer ausgewachsenen Profilneurose mit tiefsitzendem Narzissmus auszeichnet, zeigte an diesem Tag mal sein anderes Gesicht. Naja. Zumindest die meisten aus unserem Kollegium: Unsicherheit machte sich breit. Kaum einer traute sich so recht an die aufgebauten Versuche. Physik? Konnte ich noch nie und werde ich auch nicht mehr lernen. Ein Flächendeckender Physik-IQ von 70 breitete sich im ganzen Raum aus. Im ganzen Raum – nein ein kleines Grüppchen von Kollegen trotzte der aufkommenden Hilflosigkeit. Herr Brandt entpuppte sich als fundierter Konstrukteur von Stromkreisen mit Parallel- und Reihenschaltung, Herr Bromseklöten ließ sich nicht lumpen und förderte sein tief vergrabenes Physikwissen aus der eigenen Schulzeit zu Tage und nach kurzer Zeit ließen sich auch die anfangs schüchterneren Vertreter wie Fr. Seltsam, Fr.Tulipan, Fr. Kandinsky und Fr. Torf nicht mehr bremsen und probierten sich mutig aus. Fast hätte es funktioniert und alle hätten sich am Schluss befähigt gefühlt, Versuche mit Schülern in Eigenregie durchzuführen –wäre da nicht Herr Wald-Orff gewesen, der an diesem Tag (das hat er manchmal) sein großes Ego spazieren führen musste und alle zur Seite drängte. „So ihr Blondchen, jetzt komme ich!“ Und ehe sich Fr. Zellphonitzky, Fr. Seltsam und die anderen „Blondinen“ wehren konnten, hatte er sie schon zur Seite geschoben, die vorbereiteten Arbeitsanweisungen gleich mit, und mit einer stoischen Ignoranz gegenüber den entsetzen Schreien von Fr. Samstag fing er an, wahllos Kabel zu verbinden, Glühbirnchen in Stromkreise zu zwängen und Stecker in die falschen Stellen des Netzteils zu jagen. Im Prinzip kann man sagen: Herr Wald-Orff produzierte an diesem Tag den kunstvoll ausgeführtesten Kurzschluss, den die Physiklehrerwelt je gesehen hat. Und das im Brustton der Überzeugung! Ganz ehrlich: Wäre er ein Schüler gewesen, ich hätte ihn rausgeschmissen! Aber bei Herrn Wald-Orff kann man das ja nicht machen. Am Ende dreht er einem dann vielleicht noch den Arm auf den Rücken und man muss sich auf Knien robbend bei ihm entschuldigen. Also durfte er bleiben. Irgendwie wars ja fast ein bißchen niedlich, wie er sich über seinen Kurzschluss am Ende gefreut hat! Die Blondinen mögen ihm verzeihen! Wer kann, der kann eben!
Ich finde jedenfalls, wir schlagen uns trotz unseres Physik-IQs von 70 ganz wacker. Fr. Großstädter wird sogar schon richtig übermütig. Die will jetzt mindestens einmal pro Woche den Schlüssel für die Physikschränke von mir haben. Ich glaube ja, die nimmt die Materialkoffer heimlich mit nach Hause und baut sich mit Herrn Großstädter dann richtig heiße Versuchsreihen auf…….

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