Sonntag, 11. März 2012

Testwochen

Jedes Jahr, wenn der Frühling beginnt, kommen auf deutsche Förderschulen auch die sogenannten „Überprüfungswochen“ zu. Dann werden alle Schüler, die bis zu einem bestimmten Stichtag gemeldet wurden, auf einen möglichen (veränderten) Förderbedarf überprüft. Das bedeutet, es wird mit Hilfe verschiedener Tests ermittelt, ob sie ein Fall für eine Förderschule sind und wenn ja, für welche. Ganze Schwärme von extra dafür freigestellten Förderschullehrern ziehen aus, um diese Überprüfungen durchzuführen. Sie bevölkern fremde Lehrerzimmer, belegen dort die knappen Sitzplätze und fragen einem Löcher in den Bauch. Dabei sehen sie aus, als seien sie Vertreter für Nagelbürsten, Gesichtscreme oder Alleskleber. In Wirklichkeit tragen sie in ihren geheimnisvollen mitgebrachten Köfferchen aber diverse Hefte, Karteikarten, Holzklötze, Spiele und anderen Gedöns mit sich herum, mit dessen Hilfe sie die Stärken und Schwächen der gemeldeten Kinder ermitteln sollen. Besonders wichtig dabei: Die sagenumwobenen Intelligenztests, mit denen alles sozusagen niet- und nagelfest gemacht werden soll. Diese haben meist so sinnfreie Namen wie HAWIK-IV, SON-R, CFT-20 und sind an den meisten Schulen, weil schweineteuer in der Anschaffung, in uralten Versionen vorhanden, bei denen die Testbögen noch mit Schreibmaschine getippt und total vergilbt sind. Zwar kriegt jeder Sonderpädagoge im Studium eingebläut, dass dieses Tests Teufelszeug sind, aber ohne sie geht es dann im Alltag doch nicht, zumindest wenn das Überprüfungsergebnis notfalls auch vor Gericht Bestand haben muss. Da braucht man dann schon Zahlen und Vergleichswerte und nicht nur individuelle Einschätzungen von irgendwelchen Pädagogen. Schließlich sehen Eltern die Fähigkeiten ihres Sprösslings oft anders, als die Überprüfer.
Auch an unserer Förderschule wird in jedem Frühjahr eifrig getestet. Zwar haben alle unserer Schüler bereits einen sozusagen amtlich anerkannten Förderbedarf, sonst wären sie nicht bei uns. Aber manchmal reicht dieser eben nicht aus oder es stellt sich im Laufe der Zeit heraus, dass er in einem ganz anderen Bereich liegt, als ursprünglich angenommen. Dann holen auch wir uns die Leute mit den Koffern ins Lehrerzimmer bzw. in die Klassenräume.

Dieses Jahr hatte ich sage und schreibe drei Kandidaten zur Überprüfung gemeldet und das führte dazu, dass ich in den zurückliegenden Wochen jede Menge zu tun und organisieren hatte. Denn für jeden der drei Schüler war ein anderer Kollege von einer anderen Schule zuständig und sie alle wollten mit den jeweiligen Eltern und mir sprechen, im Unterricht hospitieren sowie in einem möglichst ruhigen Raum über zwei bis drei Vormittag hinweg ihre Probanden durchtesten. Ich führte also gefühlte tausend Telefonate, räumte ständig meinen Klassenraum auf (Aufräumen ist das, was man macht, bevor Besuch kommt!) und kloppte mich mit meinen Kollegen um den Belegungsplan für das Besprechungszimmer.
Angefangen hatte der Stress eigentlich aber schon im Januar, denn um die Überprüfungen zu beantragen war erst einmal das Herunterladen und Ausfüllen von ca. 30 Formularen notwendig. Am Ende konnte ich die persönlichen Daten des jeweiligen Kindes dann wirklich singen. Außerdem mussten natürlich die Eltern von dem Vorhaben überzeugt und Klassenkonferenzen abgehalten werden. Vor allem aber musste für jeden Schüler ein ausführlicher Bericht angefertigt werden, in dem möglichst drastisch die jeweiligen Problemlagen geschildert werden mussten. Schließlich möchte man die überprüfenden Kollegen schon vor deren Erstkontakt zum Kind dahingehend lenken, dass sich ihre Einschätzung am Ende mit der eigenen deckt.
Trotzdem kann natürlich immer noch irgendwas schief gehen, wie zum Beispiel bei der Überprüfung von Erkan. Dessen Eltern waren mit dem eingeleiteten Verfahren ja überhaupt nicht einverstanden und waren in den Tagen vor der Testwoche plötzlich unter keiner der zahlreichen angegeben Handynummern mehr zu erreichen. Auch den Termin für ein persönliches Gespräch ließen sie unentschuldigt verstreichen. Zum Glück fiel einer Kollegin ein, dass sie sich neulich mit einer Freundin über den Fall unterhalten hatte. Diese Freundin arbeitet an einer wieder anderen Förderschule und hat da den Bruder von Erkan im Unterricht. Wir riefen also bei dieser Schule an und erfuhren, dass man dort neben den zahlreichen uns vorliegenden Nummern noch zwei weitere Rufnummern von der Familie hat. Tatsächlich war dann unter der einen Mutter Erkan zu erreichen und diese war nicht besonders amüsiert darüber, sich nun doch mit uns auseinandersetzen zu müssen.
Ebenfalls einen Strich durch unsere Zeitplanung machte uns Chantalle. Ausgerechnet am Tag der Unterrichtshospitation stürzte sie in der Pause und wurde vor den Augen der gerade eingetroffenen Testerin mit dem Krankenwagen weggefahren. Ich versorgte die Kollegin, die sich 30km über die überfüllte Autobahn zu uns gequält hatte, zum Trost mit Kaffee und Arbeitsproben aus Chantalles Ablage. Aber trotzdem musste der Termin eine Woche später nachgeholt werden.
Auch bei Pascal lief nicht alles rund. Eigentlich hatte der überprüfende Kollege ihn für einige Tage zu sich an die Schule holen wollen um ihn dort zu testen. Er sei schon einmal an unserer Schule gewesen, hatte er am Telefon erklärt, das würde ihm für den Rest seines Lebens reichen. Leider spielte das Taxiunternehmen nicht mit, dass sich nicht in der Lage sah, die Beförderung für die drei Tage umzustellen, da es für den Bezirk der überprüfenden Schule nicht zuständig sei. Nun musste der werte Herr Überprüfer sich also doch zu uns hin bequemen, was in unserem Kollegium zugegebenermaßen mit einem gewissen Maß an Schadenfreude aufgenommen wurde.

Letztendlich konnte dann doch bei allen drei Schülern das Überprüfungsverfahren durchgezogen werden. Die Abschlussberichte stehen noch aus, und es ist fraglich, wie die Eltern jeweils darauf reagieren werden. Kann gut sein, dass da noch einige Gespräche, Klassenkonferenzen und Schriftwechsel notwendig sein werden. Es bleibt also spannend, aber ich habe ja sonst nichts zu tun. Unterricht? Ach ja, der hat in den letzten Wochen auch irgendwie stattgefunden, so ganz nebenbei. Manchmal wünsche ich mir ja doch meine eigene Sekretärin. Glück auf!

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