Montag, 17. September 2012

Akkulaufzeit


Irgendwo geht ja das Gerücht um, Lehrer hätten entsetzlich viel „frei“. Mehr als jeder andere Normalsterbliche auf diesem Planeten. Und keinem dieser Normalsterblichen mag es so recht einleuchten, warum diese Zeit zum Auftanken so bitter, bitter notwendig ist. Dabei liegt es auf der Hand: Es ist im Prinzip wie bei diesen neumodischen Handys, den Smartphones. Die sind ja angeblich auch ganz prima. Die können „alles“. Die verfügen über Funktionen, wovon die alten Kommunikationskästchen nur träumen können. E-Mails abrufen, „in Facebook“ gehen, Fotos bearbeiten, Navigationssystem ersetzen, Sternbilder deuten, ---alles möglich mit diesen neuen Teilen. Das einzig Ärgerliche ist ein eklatanter Konstruktionsfehler: Je mehr Funktionen, desto kürzer die Akkulaufzeit. Und so will es der Teufel, dass man zwar mit all diesen Apps auf alles und jeden zu jeder Tages- und Nachtzeit zugreifen kann, nur leider muss man nun ständig ein Elektrizitätswerk hinter sich her ziehen, um das Scheißteil länger als 2 Stunden am Leben zu erhalten. Und etwa genauso verhält es sich auch mit den Lehrern und den Ferien. Je mehr komplexe Funktionen ein Lehrer erfüllen muss, desto schneller „geht der Akku alle“. Da ist es dann an unserem Etablissement nicht weiter verwunderlich, dass man zwei Wochen nach den Sommerferien bereits kurz vor dem „elektronischen Exitus“ steht, was den Energiepegel angeht.
Einfach zu viele Anwendungen gleichzeitig offen gehabt, zu viele Funktionen parallel voneinander bedient und eine zu große Anzahl Apps benötigt, um den Alltag zu bewältigen:

Schon am ersten Schultag ist man bemüht, allen kuriosen Gestalten in der neuen Klasse gleichzeitig gerecht zu werden. Da gibt es die Fraktion derer, die schon zu lange auf der Schule sind, ohne dass noch etwas nennenswert Produktives aus ihren Gehirnen/Mündern/Schreibgriffeln kommt. Und dennoch soll man auf diese „alten Pappenheimer“ wieder mit frischem Wind zugehen und ihnen die gefühlt zweimillionste Chance in unserer Bildungseinrichtung geben, obwohl dies etwa so überflüssig ist, wie ein Sandkasten in der Sahara. Gleichzeitig will jedoch auch der künftige Hauptschulabschlussabsolvent Maikel mit neuem Input gefüttert und bespaßt werden. Dieser Input muss jedoch in appetitliche Häppchen geschnitten und mit einem netten Petersilienblatt garniert sein, --sonst dann doch nicht. Neben dem Neuntklässler sitzt der desinteressierte Goran. Er hält es schon für eine Zumutung, wenn man ihm abverlangt im Unterricht den Kopf von der Tischplatte zu heben. Was mir nicht einleuchtet: In dem Kopf ist nichts, aber auch gar nichts drin – warum ist der dann so schwer, dass er ihn nicht selbst halten kann? Naja, die Lösung dieses Rätsels vertage ich erst mal auf morgen. Soll er von mir aus so liegen bleiben. Das Problem ist nur: er bleibt nicht ruhig liegen, sondern gibt ununterbrochen unqualifizierte Kommentare von sich. Außer – ja, außer ich kraule ihn. Das ist eigentlich auch das einzige Interesse an meinem Unterricht und mir, das ich ihm entlocken kann: „Können Sie mich kraulen? So richtig mit den Nägeln? An meinen Armen?“ Und während ich mir überlege, welche Fragen es in Hauptkommissar Schnüffelnase vom örtlichen Polizeipräsidium aufwerfen würde, wenn ich abends tot aufgefunden werde und unter meinen Fingernägeln lauter Hautschüppchen von Goran L. aus H. herauspräpariert würden, fällt mir auf, dass ich jetzt eigentlich zeitgleich 3 Sitzplätze weiter links stehen müsste, wo Don sich gerade in derwisch-artigen Muskelzuckungen verliert. Der gute Don ist nämlich gleich mit mehreren Gottesgaben gesegnet: Nicht nur, dass er so stottert, dass man ihn kaum versteht. Nein, er hat auch noch ADHS im Endstadium und als wäre das noch nicht genug, hat sich auf den gleichen Synapsen ein fieses Tourette-Syndrom angesiedelt, das sich jetzt mit dem ADHS und dem Sprachfehler um die Vormachtstellung im Gehirn streitet. Schade auch. Meistens will dann alles gleichzeitig raus und da hilft nur: Don mit der rechten Hand richtig kräftig durchkneten, dazwischen ab und zu nen leichten Schlag auf Rücken oder Nacken, mit der linken App, äh Hand, das Bukoma-Massage-Gerät für den Kopf betätigen und mit einem Fuß nach dem Nagelbrett angeln, das ihm an den nackten Sohlen immer so gut tut. Zeitgleich verlangt Jean-Luc nach mir. Der ist zwar schon im 8.Schulbesuchsjahr, kann aber leider noch nichtmal zwei Zahlen schriftlich addieren und braucht Hilfe. Unterwegs komme ich an Sven vorbei und höre gerade noch, wie er in Ryans Richtung „Gaskopf“ zischt. Was ein Gaskopf ist, erschließt sich mir nicht, aber offensichtlich ist es etwas, das Ryan nicht gerne hört. Denn der flippt sofort aus und wirft einen Tisch um. Und so versuche ich alle Apps gleichzeitig zu starten, um der Lage wieder Herr zu werden.
Eine zusätzliche Aufgabe besteht in den ersten Schultagen auch darin, sich mit den 2 neuen Teamkollegen anzufreunden. Obwohl die wirklich beide sehr nett zu mir sind (der eine hat mir sogar seine Referendarin geschenkt und beim andern darf ich mit dem Kopf nicken oder ihn schütteln soviel ich will) stelle ich fest, dass mir Frau Seltsam mit ihrem erfrischenden Humor doch sehr fehlt. Irgendwie war die „Ära der zwei vermeintlich lesbischen Muttis mit Söhnen und Einbauküche“ eben doch einmalig schön! Da weht nun schon ein anderer Wind…..! In der Pause ziehe ich Herrn Wald-Orff, den Frau Seltsam an meiner Statt als neuen Teamkollegen zugeteilt bekommen hat,  in eine dunkle Ecke und zische ihm mit funkelnden Augen zu: „Das eins klar ist: Frau Seltsam ist nur eine Leihgabe für ein Schuljahr! Ich kenne all ihre Macken, Dellen und Verschleißerscheinungen. Behandle sie mit Samthandschuhen! In einem Jahr schaue ich mir an, wie sie dann aussieht. Und wehe, es sind neue Macken und Dellen dazugekommen! Dann gnade dir Gott!!!!!! GGGGRRRRR!“ Herr Wald-Orff ist sichtlich beeindruckt und zieht zitternd von Dannen. Naja, zumindest würde ich das gerne mal erleben…..
Neben den alltäglichen Anwendungen auf der Startseite, laufen im Hintergrund meines inneren Smartphones noch zahlreiche andere Apps ab: Zum Beispiel die App, die das Schlafbedürfnis herunterreguliert und eine andere, die in den FrühAufstehModus schaltet (Beide bei mir mit Programmierfehler behaftet und beide brauchen extrem viel "Saft".) Und dann: Die Unterrichtsvorbereitungen für die Klasse von Kollege Mei, für die ich kostbare Sommerferienstunden geopfert habe, kann ich getrost in die Tonne hauen. In der ersten Schulwoche war bei denen garkein bißchen Unterricht möglich und ich muss mir was komplett Anderes einfallen lassen. Nicht mal Blickkontakt ließ sich am Anfang mit den kleinen Monstern herstellen. Am vierten Tag bestand dann mein persönlicher Erfolg bei Fridolin darin, dass ich ihn zumindest soweit erreichen konnte, dass er am Ende der Unterrichtsstunde mit mir gemeinsam Papierkugeln in die Federmäppchen seiner Mitschüler geworfen hat, während das nette Fräulein Leandros vorne (ebenso schweißgebadet wie ich hinten) versucht hat, das Klassenzimmer vom Auseinanderfallen abzuhalten.
Während gegen Ende des letzten Schuljahres mein persönlicher Lernpunkt darin bestand, so gelassen und routiniert zu wirken, dass ich nur einmal pro Woche schwitze, geht es im Moment eher darum, den Schweißverbrauch auf unter 10 Liter pro Stunde zu beschränken. Gelingt nicht immer.
Bereits nach 1,5 Schulwochen ist mein Akku so leer, dass ich mich frage, wohin das Sommerferienerholungsgefühl diffundiert ist. Ich kann es jedenfalls nirgends entdecken. Stattdessen schwinge ich mich kurz nach 13Uhr ins Auto, um zur Physikfortbildung ins 200km entfernte Einsteinhausen zu düsen. Nach 5 Kilometern auf der Autobahn verabschiedet sich mein Radiosender und ich drücke auf „Sendersuchlauf“. Nach 3 Stunden im Auto und etlichen Kilometern Stau in Einsteinhausen angekommen, stelle ich mit Erschrecken fest, dass ich mich an die komplette Fahrt nicht mehr erinnern kann und mich frage, wer mich hierher gebeamt hat. Ich kann unmöglich selbst gefahren sein, denn in diesem Moment registriere ich, dass ein Schlagersender Roland Kaisers Stimme aus meinem Radio herauswürgt. ----Davon hatte ich 3 Stunden lang nichts mitbekommen….
Naja. Wie auch immer. Ich bin wirklich ein modernes, voll funktionsfähiges, hochentwickeltes Gerät mit tollem Design und fantastischen Fähigkeiten. Und das gilt ebenso für all meine Kollegen! Das Problem ist nur: Die Hersteller sind noch nicht so weit, dass sie unserem nobelpreisverdächtigen Auftreten die Akkulaufzeit anpassen konnten. Und so sind wir bereits nach 2 Wochen völlig ausgepumpt und es hilft nur der Griff zu den guten alten unterrichtsfreien Tagen. Herbstferien, wo seid ihr? Wann dürfen wir endlich wieder den Akku laden????

2 Kommentare:

  1. Irgendwann sind wir wieder vereint! Wehe, das dauert länger als bis zum Sommer- dann rufe ich sebo an und bitte ihn, den Totschläger mal vorbeizubringen!!! Und das Herr Wald-Orff die Schuld an künftigen Dellen trägt, ist ja herrlich geradezu! Endlich ein Verantwortlicher für Orangenhaut!!!

    AntwortenLöschen
  2. Man könnte also zu dem Schluss kommen, Herr Wald-Orff ist für die Übel dieser Welt zuständig: Für das Baumsterben (in deinem Garten), für die Zellulite, und für die ein oder andere Hungersnot (so viel wie der vertilgt!!)......!! Ich möchte wirklich nicht in seiner Haut stecken!!!! :-)

    AntwortenLöschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.