Irgendwo geht ja das
Gerücht um, Lehrer hätten entsetzlich viel „frei“. Mehr als jeder andere
Normalsterbliche auf diesem Planeten. Und keinem dieser Normalsterblichen mag
es so recht einleuchten, warum diese Zeit zum Auftanken so bitter, bitter
notwendig ist. Dabei liegt es auf der Hand: Es ist im Prinzip wie bei diesen
neumodischen Handys, den Smartphones. Die sind ja angeblich auch ganz prima.
Die können „alles“. Die verfügen über Funktionen, wovon die alten
Kommunikationskästchen nur träumen können. E-Mails abrufen, „in Facebook“
gehen, Fotos bearbeiten, Navigationssystem ersetzen, Sternbilder deuten,
---alles möglich mit diesen neuen Teilen. Das einzig Ärgerliche ist ein
eklatanter Konstruktionsfehler: Je mehr Funktionen, desto kürzer die
Akkulaufzeit. Und so will es der Teufel, dass man zwar mit all diesen Apps auf
alles und jeden zu jeder Tages- und Nachtzeit zugreifen kann, nur leider muss
man nun ständig ein Elektrizitätswerk hinter sich her ziehen, um das Scheißteil
länger als 2 Stunden am Leben zu erhalten. Und etwa genauso verhält es sich
auch mit den Lehrern und den Ferien. Je mehr komplexe Funktionen ein Lehrer
erfüllen muss, desto schneller „geht der Akku alle“. Da ist es dann an unserem
Etablissement nicht weiter verwunderlich, dass man zwei Wochen nach den
Sommerferien bereits kurz vor dem „elektronischen Exitus“ steht, was den Energiepegel
angeht.
Einfach zu viele
Anwendungen gleichzeitig offen gehabt, zu viele Funktionen parallel voneinander
bedient und eine zu große Anzahl Apps benötigt, um den Alltag zu bewältigen:
Schon am ersten Schultag
ist man bemüht, allen kuriosen Gestalten in der neuen Klasse gleichzeitig
gerecht zu werden. Da gibt es die Fraktion derer, die schon zu lange auf der
Schule sind, ohne dass noch etwas nennenswert Produktives aus ihren
Gehirnen/Mündern/Schreibgriffeln kommt. Und dennoch soll man auf diese „alten
Pappenheimer“ wieder mit frischem Wind zugehen und ihnen die gefühlt
zweimillionste Chance in unserer Bildungseinrichtung geben, obwohl dies etwa so
überflüssig ist, wie ein Sandkasten in der Sahara. Gleichzeitig will jedoch
auch der künftige Hauptschulabschlussabsolvent Maikel mit neuem Input gefüttert
und bespaßt werden. Dieser Input muss jedoch in appetitliche Häppchen
geschnitten und mit einem netten Petersilienblatt garniert sein, --sonst dann
doch nicht. Neben dem Neuntklässler sitzt der desinteressierte Goran. Er hält
es schon für eine Zumutung, wenn man ihm abverlangt im Unterricht den Kopf von
der Tischplatte zu heben. Was mir nicht einleuchtet: In dem Kopf ist nichts,
aber auch gar nichts drin – warum ist der dann so schwer, dass er ihn nicht
selbst halten kann? Naja, die Lösung dieses Rätsels vertage ich erst mal auf
morgen. Soll er von mir aus so liegen bleiben. Das Problem ist nur: er bleibt
nicht ruhig liegen, sondern gibt ununterbrochen unqualifizierte Kommentare von
sich. Außer – ja, außer ich kraule ihn. Das ist eigentlich auch das einzige
Interesse an meinem Unterricht und mir, das ich ihm entlocken kann: „Können
Sie mich kraulen? So richtig mit den Nägeln? An meinen Armen?“ Und während ich
mir überlege, welche Fragen es in Hauptkommissar Schnüffelnase vom örtlichen
Polizeipräsidium aufwerfen würde, wenn ich abends tot aufgefunden werde und
unter meinen Fingernägeln lauter Hautschüppchen von Goran L. aus H. herauspräpariert
würden, fällt mir auf, dass ich jetzt eigentlich zeitgleich 3 Sitzplätze weiter
links stehen müsste, wo Don sich gerade in derwisch-artigen Muskelzuckungen
verliert. Der gute Don ist nämlich gleich mit mehreren Gottesgaben gesegnet:
Nicht nur, dass er so stottert, dass man ihn kaum versteht. Nein, er hat auch
noch ADHS im Endstadium und als wäre das noch nicht genug, hat sich auf den
gleichen Synapsen ein fieses Tourette-Syndrom angesiedelt, das sich jetzt mit
dem ADHS und dem Sprachfehler um die Vormachtstellung im Gehirn streitet.
Schade auch. Meistens will dann alles gleichzeitig raus und da hilft nur: Don mit
der rechten Hand richtig kräftig durchkneten, dazwischen ab und zu nen leichten
Schlag auf Rücken oder Nacken, mit der linken App, äh Hand, das
Bukoma-Massage-Gerät für den Kopf betätigen und mit einem Fuß nach dem
Nagelbrett angeln, das ihm an den nackten Sohlen immer so gut tut. Zeitgleich
verlangt Jean-Luc nach mir. Der ist zwar schon im 8.Schulbesuchsjahr, kann aber
leider noch nichtmal zwei Zahlen schriftlich addieren und braucht Hilfe.
Unterwegs komme ich an Sven vorbei und höre gerade noch, wie er in Ryans
Richtung „Gaskopf“ zischt. Was ein Gaskopf ist, erschließt sich mir nicht, aber
offensichtlich ist es etwas, das Ryan nicht gerne hört. Denn der flippt sofort
aus und wirft einen Tisch um. Und so versuche ich alle Apps gleichzeitig zu starten,
um der Lage wieder Herr zu werden.
Eine zusätzliche Aufgabe
besteht in den ersten Schultagen auch darin, sich mit den 2 neuen Teamkollegen
anzufreunden. Obwohl die wirklich beide sehr nett zu mir sind (der eine hat mir
sogar seine Referendarin geschenkt und beim andern darf ich mit dem Kopf nicken
oder ihn schütteln soviel ich will) stelle ich fest, dass mir Frau Seltsam mit
ihrem erfrischenden Humor doch sehr fehlt. Irgendwie war die „Ära der zwei
vermeintlich lesbischen Muttis mit Söhnen und Einbauküche“ eben doch einmalig
schön! Da weht nun schon ein anderer Wind…..! In der Pause ziehe ich Herrn
Wald-Orff, den Frau Seltsam an meiner Statt als neuen Teamkollegen zugeteilt
bekommen hat, in eine dunkle Ecke und
zische ihm mit funkelnden Augen zu: „Das eins klar ist: Frau Seltsam ist nur
eine Leihgabe für ein Schuljahr! Ich kenne all ihre Macken, Dellen und
Verschleißerscheinungen. Behandle sie mit Samthandschuhen! In einem Jahr schaue
ich mir an, wie sie dann aussieht. Und wehe, es sind neue Macken und Dellen
dazugekommen! Dann gnade dir Gott!!!!!! GGGGRRRRR!“ Herr Wald-Orff ist
sichtlich beeindruckt und zieht zitternd von Dannen. Naja, zumindest würde ich
das gerne mal erleben…..
Neben den alltäglichen
Anwendungen auf der Startseite, laufen im Hintergrund meines inneren
Smartphones noch zahlreiche andere Apps ab: Zum Beispiel die App, die das Schlafbedürfnis herunterreguliert und eine andere, die in den FrühAufstehModus schaltet (Beide bei mir mit Programmierfehler behaftet und beide brauchen extrem viel "Saft".) Und dann: Die Unterrichtsvorbereitungen für
die Klasse von Kollege Mei, für die ich kostbare Sommerferienstunden geopfert
habe, kann ich getrost in die Tonne hauen. In der ersten Schulwoche war bei
denen garkein bißchen Unterricht möglich und ich muss mir was komplett Anderes
einfallen lassen. Nicht mal Blickkontakt ließ sich am Anfang mit den kleinen
Monstern herstellen. Am vierten Tag bestand dann mein persönlicher Erfolg bei
Fridolin darin, dass ich ihn zumindest soweit erreichen konnte, dass er am Ende
der Unterrichtsstunde mit mir gemeinsam Papierkugeln in die Federmäppchen
seiner Mitschüler geworfen hat, während das nette Fräulein Leandros vorne
(ebenso schweißgebadet wie ich hinten) versucht hat, das Klassenzimmer vom Auseinanderfallen
abzuhalten.
Während gegen Ende des
letzten Schuljahres mein persönlicher Lernpunkt darin bestand, so gelassen und
routiniert zu wirken, dass ich nur einmal pro Woche schwitze, geht es im Moment
eher darum, den Schweißverbrauch auf unter 10 Liter pro Stunde zu beschränken.
Gelingt nicht immer.
Bereits nach 1,5
Schulwochen ist mein Akku so leer, dass ich mich frage, wohin das Sommerferienerholungsgefühl
diffundiert ist. Ich kann es jedenfalls nirgends entdecken. Stattdessen
schwinge ich mich kurz nach 13Uhr ins Auto, um zur Physikfortbildung ins 200km
entfernte Einsteinhausen zu düsen. Nach 5 Kilometern auf der Autobahn
verabschiedet sich mein Radiosender und ich drücke auf „Sendersuchlauf“. Nach 3
Stunden im Auto und etlichen Kilometern Stau in Einsteinhausen angekommen,
stelle ich mit Erschrecken fest, dass ich mich an die komplette Fahrt nicht
mehr erinnern kann und mich frage, wer mich hierher gebeamt hat. Ich kann
unmöglich selbst gefahren sein, denn in diesem Moment registriere ich, dass ein
Schlagersender Roland Kaisers Stimme aus meinem Radio herauswürgt. ----Davon
hatte ich 3 Stunden lang nichts mitbekommen….
Naja. Wie auch immer. Ich
bin wirklich ein modernes, voll funktionsfähiges, hochentwickeltes Gerät mit
tollem Design und fantastischen Fähigkeiten. Und das gilt ebenso für all meine
Kollegen! Das Problem ist nur: Die Hersteller sind noch nicht so weit, dass sie
unserem nobelpreisverdächtigen Auftreten die Akkulaufzeit anpassen konnten. Und
so sind wir bereits nach 2 Wochen völlig ausgepumpt und es hilft nur der Griff
zu den guten alten unterrichtsfreien Tagen. Herbstferien, wo seid ihr? Wann
dürfen wir endlich wieder den Akku laden????
Irgendwann sind wir wieder vereint! Wehe, das dauert länger als bis zum Sommer- dann rufe ich sebo an und bitte ihn, den Totschläger mal vorbeizubringen!!! Und das Herr Wald-Orff die Schuld an künftigen Dellen trägt, ist ja herrlich geradezu! Endlich ein Verantwortlicher für Orangenhaut!!!
AntwortenLöschenMan könnte also zu dem Schluss kommen, Herr Wald-Orff ist für die Übel dieser Welt zuständig: Für das Baumsterben (in deinem Garten), für die Zellulite, und für die ein oder andere Hungersnot (so viel wie der vertilgt!!)......!! Ich möchte wirklich nicht in seiner Haut stecken!!!! :-)
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