Samstag, 15. September 2012

Die Schule - das Bermudadreieck

Eines der wichtigsten und zugleich schwierigsten Dinge, die unsere Schüler lernen müssen, ist es,  ihre Arbeitsmaterialien vollständig und in Ordnung zu halten. Bei einigen Kandidaten wird dieses Ziel nie erreicht. Auch in der neunten Klasse gucken sie einen mit großen Augen an, wenn man sie auffordert, das Arbeitsblatt der letzten Stunde herauszuholen oder sie darauf hinweist, dass ein neongrüner Textmarker kein geeignetes Schreibgerät für die Deutsch-Hausaufgabe ist. Einen angespitzten, unzerkauten und ausreichend langen Bleistift hatten die meisten zuletzt bei ihrer Einschulung in der Federmappe - wenn überhaupt. Ständig fehlt irgendwas oder ist auf unerklärliche Art verschwunden. Auf der anderen Seite sammelt sich im Laufe eines Schuljahres eine große Menge "Strandgut" im Klassenraum an, das scheinbar niemandem gehört und bei dem sich auch auf gezielte Nachfrage kein Besitzer ausmachen lässt. Lineale, Scheren, Buntstifte: Von all dem haben wir mittlerweile eine vollständige Ausstattung zusammen, mit der man ein ganzes afrikanisches Schulprojekt ausstatten könnte.
Allerdings stellt sich die Frage, wie man von den Schülern erwarten kann, ihre Sachen zusammen zu halten, wenn das noch nicht einmal uns Erwachsenen gelingt. Manchmal hat man das Gefühl, unsere Schule ist ein wahres Bermudadreieck, in dem ständig auf mysteriöse Weise Dinge verschwinden. Es ist, als ob nachts kleine Wichtelmänner unterwegs sind und sich aus dem Materialfundus der Schule die Dinge heraussuchen, die sie zum Einrichten ihres eigenen Haushaltes benötigen.
Damit meine ich nicht die kleinen alltäglichen Suchereien nach der Laptop-Mouse, dem Autoschlüssel oder der Telefonliste. Diese sind vor allem dem Chaos auf den Lehrerzimmertischen und in den Lehrerköpfen zuzuschreiben. Und nach kurzer Zeit tauchen die gesuchten Gegenstände eigentlich auch immer wieder auf. Nein, hier soll es um die wahren Rätsel des Schulalltags gehen, die selbst von Scully und Mulder, Sherlock Holmes oder Eduard Zimmermann nicht aufgeklärt werden könnten. Manche Dinge bleiben nämlich einfach verschwunden - ein für alle mal - und das, obwohl sie eigentlich zu groß sind, um versehentlich im Altpapier oder "unbeabsichtigt" in einer Lehrer- oder Schülertasche zu landen.
Als wir neulich unseren Einschulungsgottesdienst feiern wollten, stellte sich eine halbe Stunde vor Beginn heraus, dass das weiße Altartuch nicht mehr am angestammten Platz lag und auch sonst nirgends aufzufinden war. Zum Glück half uns Frau Tulipan mit einem alten Sofaüberwurf aus - das sah etwas rustikal aus, aber eigentlich gar nicht so schlecht. Dazu passte auch gut die Saftkaraffe aus der Schulküche, in die wir den Blumenschmuck stellten - denn auch die eigens für feierliche Zwecke angeschaffte Blumenvase war verschollen.
Als Herr Brandt kürzlich den Bandauftritt auf dem Schulfest vorbereiten und die Bühne aufbauen wollte, kramte er routinemäßig auch den Teppich für das Schlagzeugpodest hervor. Er traute seinen Augen nicht, als er feststellen musste, dass jemand ein Stück herausgeschnitten hatte. Der Verdacht fiel zuerst auf den Kollegen Haddock, denn das herausgeschnittene Teil hatte genau die Form der Bugspitze von dessen Segelyacht. Aber er war es nicht gewesen - sagt er. Ganz ausräumen konnte er den Verdacht bisher nicht.
Früher, als wir noch eine funktionierende Gegensprechanlage hatten, kam es regelmäßig zu wutentbrannten Durchsagen der Hauswirtschaftslehrerin: "Wer hat die Backbleche aus der Schulküche? Bitte sofort melden!" oder: "Wo ist mein neues Handrührgerät?". Auch der Werkkollege war häufiger zu vernehmen: "Ich suche dringend den achter Holzbohrer. Ich erwarte, dass er mir unverzüglich zurück gebracht wird!" Bei beiden Kollegen konnte man die mühsam unterdrückten Agressionen förmlich durch die Lautsprecherleitung hindurch spüren und wartete nur auf den Tag, an dem sie Geiseln nehmen oder  zum Amoklauf durch die Schule ansetzen würden. Man hätte es verstehen können.
Erstaunlicherweise gab es nie entgegengesetzte Durchsagen wie z.B.: "Ich habe einen Akkuschrauber gefunden - wem gehört er?". Der Verdacht liegt nahe, dass sich in solchen Fällen bei den meisten Kollegen das Jäger-und-Sammler-Gen durchsetzt und das Fundstück einfach in das eigene Klasseninventar integriert wird.
Eines schönen Tages war es dann vorbei mit den verzweifelten Suchmeldungen - die Lautsprecheranlage gab nach Jahrzehnten treuen Dienstes ihren Geist auf. Doch in diesen Sommerferien, oh Schreck, waren fleißige Handwerker in der ganzen Schule unterwegs gewesen und haben überall neue Strippen verlegt. Und so werden uns sicher bald wieder diverse Hilferufe - sei es mitten in der Prüfungsstunde der Referendarin oder in der Hauptschulabschlussarbeit. Vielleicht wird es dann Herr Wald-Orff sein, der fragt: "Wer hat meine Schnitzeisen geklaut? Bitte nicht lang rummachen - sofort zurückbringen!" Glück auf.

P.S: Da fällt mir ein: Ob Frau Mavinski wohl die Saftkaraffe nach dem Gottesdienst wieder zurück in die Schulküche gebracht hat? Ich fürchte, Unheil (bzw. die nächste Durchsage) naht!

2 Kommentare:

  1. die Saftkaraffe steht im Lehrerzimmer und stinkt mit den alten Blumen samt Blumenwasser vor sich hin...

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  2. Eine Gegensprechanlange wäre super. Heute wäre es mir ein Bedrüfnis gewesen, mal vom Klassenraum aus in´s große Schulweltall hinauszuschallmeien, ob vielleicht jemand das Gehirn meines Schülers Marvin gesehen hat. Bei uns war´s jedenfalls nicht!

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