Freitag, 9. November 2012

In der Abdeckerei



Bereits nach 3 Tagen Schule fühle ich mich reif für die nächsten Ferien, möglicherweise auch für die Klapse.
Mein Teamkollege spricht mir aus der Seele. Er schalmeit mittags mit hochrotem Kopf durchs Lehrerzimmer: „Ich habe die Schnauze total voll!“ Solche Worte habe ich von ihm noch nie gehört. Der ist sonst so routiniert und gelassen und hat immer ne Idee, was man tun kann. Und jetzt dieses emotionale Bekenntnis. Aber mir geht es nicht anders als ihm.
So – und nun kommt die peinliche Beichte: Unser Frust bezieht sich auf ganze 4 Schüler.
Huups. Ja, wirklich! Zweidrittel der Klasse- der sogenannte A-Kurs--- befindet sich derzeit im Praktikum und wir haben nur den B-Kurs hier in der Schule. Ach so ja, den B-Kurs plus Maikel aus dem A-Kurs.
Dazu muss man wissen: Der B-Kurs besteht aus lauter Schülern, die genauso alt sind, wie die A-Kurs-Genossen. Also 8. Schulbesuchsjahr, nur leider eben mental nicht annähernd so weit. Vom Leistungsstand sind sie irgendwo zwischen schriftlichem Addieren und großgeschriebenen Nomen hängengeblieben und von der Reife befinden sie sich zwischen Embryonen und grünen Tomaten. Jetzt könnte man meinen, wenigstens Maikel, der uns aus dem A-Kurs geblieben ist, hat dem etwas entgegenzusetzen. Er ist schließlich sogar schon 9.Klasse und ein echt pfiffiges Kerlchen. Aber ein unangenehmer Schlenker des Schicksals führt gerade dazu, dass Maikel derzeit noch weniger leistungsfähig ist, als der komplette B-Kurs zusammenaddiert. Soll heißen Maikel, der stolze 16 Lenze zählt, möchte vom Unterricht nichts mehr wissen, außer dass ich ihm bitte „die Hand halten soll“. Ja, ohne Witz – wenn man an ihm vorbeigeht, krallt er sich meine Finger und lässt sie nichtmehr los, so als wären wir im Kreissaal und er wäre das niederkommende Weib. Und das wars dann auch – mehr geht nicht. Heute ist er angesichts anhaltender Dickbräsigkeit aus dem Hauswirtschaftsunterricht bei Frau Maggi geflogen. Er konnte sich gerade noch bis zum Lehrerzimmer schleppen, wo ich mich befand, mir berichten, dass Frau Maggi „dumm in der Birne sei“ und ließ sich dann auf einen Stuhl fallen. Das wars dann auch. Weder ich noch meine Kollegen Frau Seltsam, Herrn Bromseklöten und Herr Black konnten ihn dazu bewegen, einer Alternativtätigkeit, wie „Praktikumsplatzsuchen“ oder „nach Hause fahren“ nachzukommen. Schade auch. Als fleischgewordenes Phlegma hockte er da und hörte seinem Atem beim Strömen zu.
Und das traurige ist: Maikel ist mein bestes Pferd im Stall. Frau Seltsam brachte mich auf den Boden der Tatsachen zurück und rückte das Bild vom Stall erstmal gerade: „Also Frau Samstag, deine Klasse ist kein Pferdestall, das ist höchstens ne Abdeckerei“. Hm. Dann ist Maikel also mein bester Gaul in der Abdeckerei. Traurig, aber wahr.
Ja – Abdeckerei trifft es ganz gut. Ein trostloser Ort ohne nennenswerte Perspektive für die anwesenden Ackergäule. Die besten Zeiten müssen ohne Zweifel hinter ihnen liegen. Brauchbare Leistungen? Hm – keine?!!
Bis man überhaupt mit den Unterricht annähernd beginnen kann, vergehen zu Beginn jeder Stunde mindestens 30 bis 60 Minuten, in denen es erstmal gilt, die Schüler zu folgendem zu bewegen: Nach vorne drehen, Richtung Lehrer schauen, Handschuhe und Mützen ausziehen, Kaugummis ausspucken, Klappe halten, alle unterrichtsfremden Gegenstände weg, Mitteilungsheft raus. Wie gesagt: 30 bis 60 Minuten dauert das.
In unserer Klasse hat selten jemand einen Stift dabei. Arbeitsmaterialien fehlen völlig. Nach Stundenplan ist der Ranzen nie gepackt. Hausaufgaben? Fehl am Platz. Stattdessen alle möglichen Gegenstände, die den Unterricht stören, wie etwa die „100 knackende Blechdöschen mit Pfefferminzbonbonbs“, die Warren gestern aus einem seiner 2 (!) Schulränzen gezaubert hat. Glauben Sie mal nicht, im anderen Ranzen sei Arbeitsmaterial gewesen – nein – da war ein ferngesteuertes Auto, Zigaretten und Schnupftabak drin. Die 100 Blechdöschen habe er geschenkt bekommen – ja ist klar. Mit „geschenkt“ meint Warren solche Momente, wo urplötzlich eine Palette von einem vorbeifahrenden Laster fällt –und ihm direkt in die Hände. Kaum hat man Warren die Blechdöschen, die sich nur mit lautem Deckelknacken öffnen lassen, weggenommen, tauchen urplötzlich irgendwo neue auf. Inzwischen schieben mein Teamkollege und ich einen regelrechten Hass auf die Metallindustrie und sind drauf und dran eine Bürgerinitiative gegen Blechdosen zu gründen.
Gelogen wird in unserer Klasse, was das Zeug hält und täglich sind wir bemüht mit den Eltern und Erziehern in mühsamen Telefongesprächen, der Wahrheit in diesen verworrenen Geschichten ein Stück näher zu kommen. CIA, FBI, MI6 und Secret Service könnten jedenfalls bei uns Nachhilfestunden nehmen und manchmal könnte ich am Abend Krimis schreiben, die Stieg Larsson und Hakan Nesser vor Neid erblassen ließen.
Und im Unterrichts werden permanent Nebenschauplätze eröffnet, die den Bayreuther Festspielen Konkurrenz machen würden. 3 Minuten fokussierte Wissensvermittlung grenzt schon an ein Wunder derzeit.
Von den 4 Jungs kommt keiner in die Schule, weil er irgendein Ziel für sich hätte, etwas für seinen künftigen Schulabschluss tun will oder es wenigstens den Eltern recht machen will. Warum die dann kommen? Tja, keine Ahnung – das wüssten wir auch gerne. Goran will höchstens massiert werden, ansonsten kommt nur geistige Jauche aus seinem Mund, Warren erscheint nur, um seine Sammlung geklauter Gegenstände zu vergrößern (vom Süßstoff bis zur Pinnnadel greift der alles ab, als wäre der Klassenraum ein einziger großer Wühltisch beim Sommerschlussverkauf), Maikel hält es mit sich alleine schlecht aus und sucht nur aus diesem Grund unsere Gesellschaft und René ist einfach so verpeilt und planlos, dass er eher aus Versehen hier landet.
Jeder Tag ist damit aufs Neue ein frustrierendes Unterfangen, jungen Menschen, die sich selbst längst aufgegeben haben, irgendetwas in die müden Hirne zu meißeln und so zu tun, als gäbe es eine Perspektive, ohne dass wir selbst erkennen könnten, wo diese ominöse Perspektive vergraben sein soll.

Und so gehen die Tage dahin und die Arbeit mit den jungen Wilden macht einen so mürbe, dass man –um beim Bild der Abdeckerei zu bleiben- abends tatsächlich des Öfteren über Notschlachtung nachdenkt. Ob sich selbst oder die Jungs ist in dem Fall völlig egal.
Mein Teamkollege verkündet mir gestern, dass er ab morgen als einzige Unterrichtsvorbereitung eine Zeitung mitbringen wird, sich vor die Klasse setzten will und den Jungs sagen möchte: „Euch kann man eh nicht unterrichten – da nutze ich die Zeit lieber fürs Zeitunglesen.“ und wir fangen an, es uns in unserer wohlig-warmen Desillusions-Blase richtig gut gehen zu lassen und beschreiben uns gegenseitig alle Facetten des tief im Bauch sitzenden Frustrationsgefühls, als wäre es ein neu erstandenes Picassogemälde.
Und so hätte es ewig weitergehen können, wäre nicht heute Vormittag ein betagter Herr erschienen, der den Unterricht meiner netten Lehramtsanwärterin begutachten wollte und der in der anschließenden Besprechung ein klares Statement zu dieser Klasse abgibt: „Ja, Unterricht mit denen ist sicher schwierig – aber das wussten Sie ja vorher – sind eben Förderschüler. Und Sie sind schließlich hier alle ausgebildet, den Unterricht dementsprechend kreativ umzugestalten und den Förderschwerpunkt in die Unterrichtsplanung mit einzubeziehen. Weg vom langweiligen, wenig motivierenden, negativbesetzten lehrerzentrierten Unterricht hin zu neuen, kreativen Methoden! Deswegen kriegen sie ja auch A13 und nicht A12!“
Bums, das hat gesessen.
Tja, Herr Kollege. Da müssen wir uns doch von unserem bequemen Jammer-Kissen nochmal erheben und tätig werden. Irgendwie bin ich jetzt wieder angespornt. Nicht dass ich mir bislang bei der Unterrichtsplanung keine Mühe gegeben hätte, aber offensichtlich reichtedas noch nicht. Auf 2 weitere Schuljahre Abdeckerei habe ich jedenfalls keine Lust. Dann bauen wir lieber alles um, errichten ne nette Pferdekoppel und ansprechende Ställe, hängen kurz über den Horizont eine versöhnlich-rotschimmernde Sonne, streuen ein bißchen vitalisierendes Kraftfutter in die Mitte und schenken unseren verkümmerten Ackergäulen ein tolles Restleben auf einem idyllischen Gnadenhof. Irgendwas muss doch noch machbar sein, oder? Tod den Abdeckereien!!! Es lebe der Pferdeflüsterer!

3 Kommentare:

  1. Liebe Frau Samstag,
    das haben Sie alles sehr treffend beschrieben. Neben dem Bild der "Abdeckerei" ist aber auch jees des "Kreißsaals" (irgendwo mitten in Ihrem Text) sehr passend. Denn diese Örtlichkeit schreibt man nicht (klugscheiß, klugscheiß...) mit einfachem "s" sondern mit "ß". Dies erklärt sich durch die Herkunft des Wortes vom Verb "kreißen" - mittelhochdeutsch krîzen, eigentlich „schreien“, „stöhnen“. Davon abgeleitet ist auch kreischen „gellend schreien“, „stöhnen“, „heulen“. Glück auf!

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  2. :-) elender Klugscheißer - bist wohl Lehrer von Beruf, was? :-) Ja, da ist mir wohl ein s beim Tippen abhanden gekommen. eigentlich weiß ich das doch - und das obwohl ich mit dererlei Etablissments keienerlei Erfahrungen habe :-)

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  3. Jetzt sein se mal nicht päpstlicher als der Papst, werter evangelischer Kolleche! Denken se ma kreativ- es passt nämlich Beides: der Kreißsaal, weil ja im Lehrerzimmer oft ähnliche Geräusche und Schmerzen zu vernehmen sind wie dort (Kreißsaal ohne Blut!) und der Kreissaal (als kreative Wortschöpfung) in Anlehnung an den Curriculumkreis!! (o.k.-auch kluggeschissen!!)

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