Alle Jahre wieder zum Schuljahresanfang ringen wir uns erst etwas zögerlich, schließlich aber doch voller Enthusiasmus und Vorfreude zum gemeinsamen Grillen durch. Dieses findet nicht etwa auf gutem Teakmobiliar eines Kollegen oder im urbanen, liebevoll gehegten Kleingarten der Kollegin statt- und womöglich trifft man sich abends oder am Wochenende....nein! Wir mögen keine Ortswechsel! Sind wir doch schon ständig damit beschäftigt, die Launenwechsel der Schüler auf die Reihe zu kriegen, verlassen wir unseren Arbeitsplatz nur ungerne. "Hier bin ich Mensch! Hier will ich sein!"
Pah! Grillen kann man ganz wunderbar auf dem Schulgelände. Also heißt es dann: erst 6 Stunden Unterricht, danach 2 Stunden Dienstbesprechung. Vernahm man hier noch leise Schnarchgeräusche, sah leere Blicke oder sich hospitalistisch vor-und zurückbewegende Erwachsene, so scheint es jetzt, als würden alle mit Ende der Besprechung aus einer Hypnose befreit. In Windeseile stellen diese Erwachsenen -nun zu fleißigen Heinzelmännchen mutiert- Tische und Stühle für 40 Leute auf und tragen alle noch verfügbaren Tische zu einer gefühlten 100 km - Tafel zusammen. Innerhalb von Sekunden biegt sich das Mobiliar von den mitgebrachten Köstichkeiten- und jedes Jahr hört man ihn wieder, den Satz: "Wer soll das alles essen? Das schaffen wir nie!!!" Da kennen wir uns aber schlecht! Das mitbegrachte Grillgut wird von jedem Einzelnen auf den Grill verfrachtet und mit leuchtenden Augen und schwer schluckend, schweigend gegrillt. (Hier an dieser Stelle, an der der Magen leer und der Essensgeruch übermächtig ist, macht der starke Speichelfluss Gespräche unmöglich.) Mit dem Fertiggegarten gehts nun im Dauerlauf ans Büffet. Von dort bewegt man sich überaus vorsichtig- den Teller beidhändig balancierend auf ein Plätzchen zu und macht sich ans Werk...Und ja- auch in diesem Jahr gab es keine Reste- obwohl doch Kollege Eichel gar nicht dabei war, der vertilgt nämlich sonst fast alles alleine, wenn man nicht aufpasst! Warum sind wir so? Warum haben wir in der Schule immer soooo einen Appetit??? Es ist hart, aber da müssen wir eben durch! Wahrscheinlich dient`s der Entspannung.
Außerhalb der Schule wird weniger gefressen, dafür aber andere Süchte ausgelebt. Irgendwie muss man sich ja loseisen von den fesselnden Erlebnissen des Schulvormittags... Frau Samstag zum Beispiel zertanzt regelmäßig ihre sauteuren Salsaschuhe, so sehr ist sie gefangen im täglichen Tanzwahn. Oder Frau Großstädter- schnappt sich jeden abend ihren Gatten und dann wird marschiert, stundenlang, bis Herr Großstädter tiefnachts daran erinnert, dass es bald einen nächsten Schultag gibt... Oder Herr Eichel. Der radelt nach Dienstschluss mal eben zum Gardasee- zum Abschalten. Am nächsten Morgen steht er pünklich wieder auf der Matte. Wobei sich Radeln in Zusammenhang mit Herrn Eichel zu harmlos anhört.. Er tritt jedenfalls ganz gehörig in die Pedalen.
Sie machens alle richtig, die Kollegen. 3 Stunden Schlaf reichen ihnen, dafür haben sie so richtig abgeschaltet.
Meine Abschaltung hingegen ist das Schwimmen. Ich mag keine Seen (zu viele Ungeheuer), sondern ich brauchs gekachelt und schön gechlort. Mein Schwimmbad ist 10 Minuten entfernt. Super, oder?? Mein Arbeitsplatz ist auch 10 Minuten entfernt. Das ist morgens und nachmittags auch super., ansonsten...najaaa...
Ich gehe also schwimmen, wenn ich keine Schüler dort vermute; das variiert je nach Wetterlage, Wochentag und Ferien oder Schulzeit. Alle meine Termine stricke ich gekonnt und gnadenlos um meine Schwimmtermine drumrum. Hauptsache ich komme täglich ins Becken. Und sind da doch Schüler, dann sehe ich sie nicht an (Vogel-Strauß-Taktik) und trage zudem eine dunkle Schwimmbrille. Ich bin quasi der Inspector Cluseau unter den Schwimmern. Allerdings gibt es unter den Schülern nicht nur Miss Marple, sondern auch Hercule Poiret und James Bond....So komme ich also an einem vermeintlich günstigen Zeitpunkt (keine Schüler dort) in der Badeanstalt an, lasse meinen Profiblick kurz erfreut (wirklich keine Schüler) über das Becken gleiten, taxiere noch kurz befriedigt das Gelände (keiner da!) und stehe schließlich im Badeanzug, also irgendwie nackt, am Beckenrand, als jemand direkt unter mir ruft: "Hallo Frau Seltsam!", sich dann umdreht und quer übers Becken schreit: "Frau Seltsam ist hier!". Während ich mich ins Wasser plumpsen lasse und brav zurück grüße, schallt es von allen möglichen Seiten: "Hallo Frau Seltsam!" "Hallo Frau Seltsam!" "Hallo Frau Seltsam!" "Hallo Frau Seltsam!""Hallo Frau Seltsam!""Hallo Frau Seltsam!" und dann :"Was machen sie jetzt?" Was denkt der sich? Was will ich hier wohl? Lesen? Kochen? Essen? Schlafen? Am liebsten jedenfalls jetzt gerade Kinder quälen... und ich antworte brav:"Ich schwimme jetzt meine Bahnen. Mindestens 1000 Meter!" und höre noch, bevor mein Kopf unter Wasser gleitet :"Super. Ich schwimme mit Ihnen!"
Tja. Da muss ich halt durch! Muss ich da durch? Ich könnt mir wie Frau Samstag Salsaschuhe kaufen und Herrn Eichel über die Alpen hinterhertanzen- vielleicht treffe ich unterwegs das Ehepaar Großstädter...
Genug der Gedankenspiele- ich muss dringend entspannen, der Zeitpunkt ist günstig, die Badesachen bereits gepackt, nun aber los...Ahoi!
Das logistische Problem, vor dem alle grillwilligen Kollegen am Tage des BBQs stehen ist: Wie schaffe ich es, mit Beginn des Gelages einen fertigen Salat auf's Buffet zu knallen? Wie soll das gehen, wenn man vorher den ganzen Tag nonstop im Einsatz ist? Aus diesem Dilemma gibt es mehrere mögliche Auswege:
AntwortenLöschen- Die vernünftigste Lösung: Ich mache am Sonntagabend irgendwas, was durchziehen muss (um es dann am nächsten Morgen zu Hause im Kühlschrank zu vergessen.
- Ich mache mit meinen Schülern einen Unterrichtsgang zum benachbarten REWE - Lebenspraxis und Verkehrserziehung sind ja Teil des Curriculums - und kaufe an der Feinkosttheke sündhaft teure Antipasti.
- Ich lasse in der dritten Stunde Mathe zugunsten eines Hauswirtschaftsprojektes sausen und die Kiddies dürfen das Gemüse schnippeln.
- Ich bringe wie etwa 20 andere Kollegen Fladenbrot mit, das wird ja immer gebraucht.
- Oder: Ich mache es wie Kollege Haddock und schreibe auf die "Wer-bringt-was-mit?"-Liste einfach: "10,- Euro". Sollen die anderen doch sehen, was sie damit machen.
Irgendwie kommt jedenfalls doch immer ein opulentes Buffet zustande und eigentlich braucht man gar kein Fleisch mehr.